von Susanne Wiesinger, Freiburg im Breisgau
Kürzlich stiess ich auf ein Buch des bekannten Sprachwissenschaftlers und politischen Publizisten Noam Chomsky (*1928) mit dem Titel «Requiem für den amerikanischen Traum».1 Mir war Chomsky als Kritiker des Vietnam-Krieges und als Vertreter der Neuen Linken bekannt, und so wurde meine Neugierde geweckt. Sein Vater stammte aus einem «ärmlichen Dorf in Osteuropa» und war 1913 in die USA ausgewandert. Zunächst arbeitete er in einem Betrieb in Baltimore, kam dann aber ans College und wurde schliesslich Hebräist (S. 10). Sein Sohn Noam wandelte auf den Spuren des Vaters, studierte Sprachwissenschaft und Philosophie, promovierte und wurde 1961 Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Noam Chomskys
wissenschaftliches Werk
Bekannt wurde Chomsky zunächst für seine linguistischen Arbeiten über den Spracherwerb, mit denen er sich den Auffassungen des Behaviorismus entgegenstellte. Spracherwerb, so Chomsky, beruhe nicht ausschliesslich auf Nachahmung und Verstärkung. Chomsky vertritt die Auffassung, dass das Neugeborene kein «unbeschriebenes Blatt Papier», also keine «tabula rasa» ist und nicht allein der Stimulus (z.B. ein Lob des Erziehers) beim Kind den Spracherwerb fördert. Vielmehr bringe jedes Neugeborene als genetische Ausstattung eine Art Universalgrammatik mit, d.h. eine Veranlagung für gewisse Sprachregeln. Im weiteren Sinne ist Chomsky damit ein Vorläufer von Forschern wie Marc Hauser, die im Neugeborenen sogar einen gewissen Moralinstinkt als vorhanden ansehen.2
Wichtiger in unserem Zusammenhang ist aber Chomskys Engagement als politischer Theoretiker und Kritiker US-amerikanischer Hegemonialpolitik.
Die Geschichtsauffassung von Chomsky –
Kampf zwischen zwei Bewegungen
in der Geschichte der USA
Chomsky ist der Meinung, dass in der US-Geschichte ein ständiger Kampf zwischen den demokratischeren, fortschrittlichen, von der Bevölkerung getragenen Bewegungen von unten und der reaktionären Gegenreaktion der «Herren der Welt» herrscht. Der Begriff «Herren der Gesellschaft» oder «Herren der Welt» meinte bei Adam Smith, der ihn als erster in seinem Werk «Der Wohlstand der Nationen» (1776) verwendete, die Fabrikanten und Kaufleute in England, heute wären damit die multinationalen Konzerne und die Finanzinstitute gemeint (S. 13).
Eine demokratische Bewegung war in den USA der 1960er Jahre die Bewegung, die für die Minderheitenrechte der Schwarzen und der Frauen demonstrierte und die viele Menschen aus der politischen Apathie und Lethargie herausholte (S. 25), so dass sie nicht mehr den Unternehmern aufs Wort gehorchten, sondern eigene Gedanken und Vorstellungen entwik-kelten (S. 22f., S. 35). Gegen diese egalitäre, nach Gleichheit innerhalb der US-Gesellschaft strebende Bewegung setzte eine «massive, breit angelegte und konzertierte Offensive der Wirtschaft» ein (S. 33). Die in den 1970er Jahren gegründete liberale, internationalistische Trilaterale Kommission mit Mitgliedern aus den USA, Westeuropa und Japan begann eine heftige Gegenreaktion: mittels Disziplinierungstechniken und unter Einsatz ökonomischer Kräfte ging sie gegen die Studenten vor, die sich auf Demonstrationen gegen die Besetzung Kambodschas äusserten (S. 33ff.).
Methoden der Kontrolle
und Indoktrinierung
Eine Massnahme zur Disziplinierung erfolgte quasi mittels der Architektur an den Universitäten: Es wurden keine Versammlungsräume mehr für die Studenten eingeplant (S. 36) – und als ökonomisches Mittel wurde die Erhöhung der Studiengebühren eingesetzt: Erstmals wurden hohe Studiengebühren im Jahr 1966 unter dem kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan an den Universitäten in Kalifornien verlangt, um die weisse Vorherrschaft aufrechtzuerhalten3 und die Studenten vom Demonstrieren abzuhalten. «[…] damit wurde weiten Teilen der Bevölkerung der Zugang zu höherer Bildung genommen» (S. 36). In den 1940er Jahren bis in die 1960er Jahre hinein hatten noch Kriegsveteranen, die Kriegsheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegen in Korea und Vietnam sehr unkompliziert Zugang zum Studium erhalten, damit sie später eine Berufstätigkeit starten konnten (S. 85). Die Studiengebühren betrugen damals nur 100Dollar im Jahr.
«Inzwischen finanzieren sich die staatlichen Hochschulen in über der Hälfte der Bundesstaaten durch Studiengebühren statt durch Gelder aus öffentlicher Hand.» (S. 86) Sehr wohlhabende Eltern konnten die schier unerschwinglichen Studiengebühren aufbringen, aber was wurde aus den Studenten, die Berge von Schulden aus der Uni-Zeit in ihre Berufstätigkeit mitschleppten? Sie mussten auf Jahre hinaus – teils bis zur Verrentung – bei einem etablierten Unternehmen arbeiten und konnten sich keineswegs als Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten für andere engagieren … (S. 36ff.)
Auf den Einfluss der «Herren der Gesellschaft», so schreibt Chomsky, ging auch zurück, dass nicht die Gesellschaft verändert wurde, wenn Missstände eintraten, statt dessen sollten Menschen angepasst werden. Bei den Kindern, die schlechte schulische Leistungen erbrachten, wurde nicht gefragt, woran es denn wirklich lag, ob zum Bespiel die Ausstattung der Schulen verbessert werden müsste, sondern die Kinder wurden mit Medikamenten behandelt, wobei die Ärzte genau wussten, dass den Kindern nichts fehlte (S. 37f.).
Die Beschränkung des schulischen und universitären Unterrichts auf die Prüfungsinhalte, die in den Examina abgefragt wurden, ging zulasten des eigenen Denkens der Studenten und der Schüler. Die Bildungsgesetze unter Präsident George W. Bush und Obama untergruben die Unabhängigkeit des Denkens bei den Schülern, und nicht nur bei den Schülern. Auch das unabhängige Denken der Lehrer kam unter die Räder! Im Kindergartenbereich wurden schlicht nur einfache Fertigkeiten weitergegeben und weder Kreativität noch Unabhängigkeit entwickelt (S. 36f.). «Aber der wirklich grosse Gegenschlag, der mit dem hier geschilderten parallel lief, war die Umgestaltung der Wirtschaft.» (S. 40)
Nutzung ökonomischer Kräfte:
Outsourcing der Produktion
Es kam zur Schrumpfung der Produktion in den USA durch «Outsourcing» ins billigere Ausland, da dort weniger Kosten für Gesundheits- und Umweltstandards anfallen und von den Konzerneigentümern somit höhere Gewinne eingefahren werden können. Dem Lohndumping, welches aus der Konkurrenz der US-amerikanischen Arbeiter mit denen der Billiglohnländer (vor allem China und Vietnam) folgte, konnten die Arbeiter nicht ausweichen, indem sie ins Ausland auswanderten; denn ihnen fehlten Bildung, Sprachkenntnisse und ein finanzielles Polster. Und wohin sollten sie sich wenden (S. 53ff., S. 6)? Die Arbeiter in den USA gerieten dadurch in Schwierigkeiten, die es vorher nicht gab: In den 1950er Jahren, dem Goldenen Zeitalter in den USA, nahmen die Arbeiter dagegen als Quelle des Wohlstands eine starke Rolle ein, sie konnten dem amerikanischen Traum näherkommen, sich ein Haus, ein Auto, eine gute Schulbildung für ihre Kinder leisten. Auch schwarzen Arbeitern stand dies offen (S. 11). Ihr Stolz war gross.
Aber nun, bereits seit den 1970er Jahren, galt es sich anzupassen, sich mit geringem Lohn zu begnügen. Die Arbeitsverträge in den USA sind in der Regel kurzfristig («hire and fire»), die Arbeitszeiten viel länger als in Europa üblich (S. 10, S. 57). Und einen Anspruch auf eine bestimmte Anzahl an Tagen Urlaub kennt das Gesetz in den USA nicht.
«Alain Greenspan erklärte vor einem Kongressausschuss, der Erfolg seiner Wirtschaftspolitik als Chef der US-Notenbank habe auf erhöhter Unsicherheit der Arbeiterschaft beruht. Halte die Arbeiter in Ungewissheit, und sie lassen sich bestens an der Kandare halten. Sie verlangen dann keine höheren Löhne, keine besseren Arbeitsbedingungen und auch nicht die Freiheit, sich zusammenzuschliessen, also Gewerkschaften zu bilden. Wenn man dafür sorgt, dass die Erwerbstätigen in Unsicherheit leben, werden sie nicht allzu viel fordern. Sie werden einfach froh sein, Jobs zu finden, und seien diese auch noch so mies und ohne jede soziale Absicherung.» (S. 56f.)
Zweiter Faktor des Einsatzes
ökonomischer Kräfte: Steigerung
des Einflusses des Finanzsektors
Als die 1970er Jahre kamen, bemühten sich die «Herren der Gesellschaft», den Finanzinstituten (Banken, Investmentgesellschaften, Versicherungsunternehmen) mehr Einfluss zu verschaffen. Der Anteil der Produktion am Bruttoinlandprodukt der USA machte in den 1950er Jahren 28 % aus, in den 1970er Jahren nur noch 11 % – der Wohlstand in den USA beruhte von den 1970er Jahren an nicht mehr auf der Produktion, die USA waren nicht mehr das Fabrikationszentrum der Welt (S. 49ff.).
Hinzu kam folgendes: «Nach der Abschaffung der kontrollierten Wechselkurse [Abschaffung des Bretton-Woods-Abkommens 1971] kam es – wie nicht anders zu erwarten – sofort zu einem sprunghaften Anstieg von Spekulationen gegen Währungen» (S. 51).
Das Bretton-Woods-Abkommen mit dem Goldstandard für den Dollar, der den Wert des Dollars als Leitwährung auf der Welt absicherte, an den wiederum die anderen Währungen gebunden waren, bedeutete starke Stabilität, die auch dazu beitrug, dass von 1933 (New Deal) bis in die 1970er Jahre keine Finanzkrisen auftraten (S. 50). Die Aufhebung des Bretton-Woods-Abkommens im Jahr 1971 dagegen bedeutete das Ende der Regulierung der Geldmenge, der staatlichen Kontrolle über den Kapitalexport und das Ende einer Zeit, in der es weder Währungsspekulationen noch Finanzkrisen gegeben hatte (S. 50f.). «Zur selben Zeit ging die Profitrate der industriellen Produktion zurück, auch wenn die Gewinne immer noch sehr hoch waren. Deshalb nahm der Fluss von spekulativem Kapital massiv zu – er erreichte geradezu astronomische Höhen – und im Finanzsektor fanden enorme Veränderungen statt. Das traditionelle Bankgeschäft weitete sich auf riskante Investitionen, komplexe Finanzinstrumente, Wechselkursmanipulationen und dergleichen aus.» (S. 51)
Auf den höheren Etagen, auf Chefebene, sassen in den 1950er und 1960er Jahren Ingenieure, die ein solides Universitätsstudium abgeschlossen hatten und denen die Zukunft des Unternehmens und der Gesamtgesellschaft ein Anliegen war. Aber seit den 1970er Jahren kamen Absolventen der sogenannten Business Schools in diese Chefetagen, die nur auf kurzfristige Gewinne erpicht waren, diese erwirtschafteten und dafür Boni erhielten. Sobald die ihnen zustehenden Boni ausgezahlt werden, hauen sie ab. Um die langfristige Zukunft ihres Unternehmens scheren sie sich keinen Deut (S. 52).
Die Loyalität zum Unternehmen, ja, auch die Loyalität zum eigenen Land schwindet. Der Staat ist nur noch dazu da, die Forschung zu finanzieren, Banken und Investmentgesellschaften, die sich verspekuliert haben, mit den Geldern der Steuerzahler zu retten, die Steuern einzutreiben und das Militär stark zu halten, um überall auf der Welt eingreifen zu können (S. 70, S. 92, S. 103f.). Die Solidarität wird den Menschen mit Sprüchen ausgetrieben. Sie sollten sich nur noch um sich selbst kümmern, nicht um andere. Die Adam Smith zugeschriebene Devise «Care about yourself, do not care about others» («Alles für uns selbst, und nichts für andere») verbreitet sich zunehmend, nicht nur unter den Reichen, sondern auch unter den anderen Schichten (S. 70). Es besteht kein Interesse an den 40 Millionen Armen in den USA mit ihrer Gesamtbevölkerung von 340 Millionen, und es besteht auch kein Interesse an den zukünftigen Generationen … (S. 70) Auch die Finanzinstitute scheren sich nicht um die Bevölkerung, von der sie profitieren und gerettet werden, wenn sie insolvent werden.
Fazit und Ausblick
Chomskys Bewertung lautet: «Wenn es nicht zu einer Umkehr kommt, werden die hier beschriebenen Tendenzen zu einer sehr hässlichen Gesellschaft führen. Eine, die auf der von Adam Smith als ‹elend› bezeichneten Maxime ‹alles für uns selbst, nichts für die anderen› aufbaut, auf dem neuen Zeitgeist ‹werde reich, denke nur an dich selbst›, eine Gesellschaft, der die normalen menschlichen Instinkte und Gefühle von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung ausgetrieben worden sind.» (S. 165f.) Chomsky fügt an, dass ein einzelner Staat, der sich Werte wie Gier und den Wunsch zum Prinzip macht, den persönlichen Vorteil auf Kosten anderer zu maximieren, abstossend ist, aber überleben kann. «In einer globalen Gesellschaft aber wirkt sich ein solches Prinzip verheerend aus.» (S. 166)
Als Gegenmittel empfiehlt der Autor, sich in sozialen Bewegungen zu engagieren, und fügt hinzu: «Während des Arabischen Frühlings übte der Staat [gemeint ist Ägypten] ziemlich grossen Druck aus. Ein beträchtlicher Teil der Organisation erfolgte über Soziale Medien, weshalb Präsident Mubarak das Internet lahmlegte. Was war die Folge? Die Aktivitäten der Bürger verstärkten sich, weil die Menschen zu dem zurückkehrten, was wirklich zählt, und das ist der direkte persönliche Kontakt. Sie begannen, miteinander zu reden. Vieles spricht dafür, dass direkter persönlicher Austausch – sich direkt mit anderen zu organisieren, mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören, und so weiter – einen starken Effekt hat. […] Wir sind Menschen, keine Roboter, das darf man nicht vergessen.» (S. 173f.)
Schlussbemerkung
Im Carl-Schurz-Haus in Freiburg im Breisgau (ein 1952 gegründetes deutsch-amerikanisches Institut und Kulturzentrum) war der gleichnamige Film, der dem Buch vorausging, im November 2024 zu sehen. Auf meine Frage an die Vizedirektorin des Carl-Schurz-Hauses, wie es möglich sei, den USA-kritischen Film dort zu zeigen, erhielt ich zur Antwort, die Finanzierung des Carl-Schurz-Hauses obliege nicht mehr komplett den USA, sondern sei vielmehr durch das Aussenministerium Deutschlands gesichert. Deshalb hat das Carl-Schurz-Haus mehr Gestaltungsfreiheit als das frühere Amerikahaus. Jedoch war im November, einige Tage nach Vorführung des Films von Chomsky, in der hiesigen Regionalzeitung zu lesen, dass das Auswärtige Amt 50% der Finanzen für das Carl-Schurz-Haus streicht. Dies wird sich als nachteilig für den Stand der Informationen über die USA in Deutschland und für die interkulturellen Kompetenzen erweisen. •
1 Chomsky, Noam. Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht. München, Verlag Antje Kunstmann, 3. Auflage 2017
2 https://knowunity.de/knows/deutsch-nativismus-noam-chomsky-handout-69bbfbed-fbef-4578-947d-d299643fb628; https://de.wikipedia.org/wiki/Generative_Transformationsgrammatik
3 https://www.peoplesworld.org/article/free-college-was-once-the-norm-all-over-america/
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