Die ethischen Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz

von Nicole Duprat, Frankreich*

Vom 6. bis 11. Februar 2025 war Frankreich Gastgeber eines internationalen Gipfeltreffens zur KI-Governance in Paris. Die Gefahren der KI wurden auf dem Gipfel nicht thematisiert, ebensowenig wie die Frage, wie ChatGPT Ihr Gehirn zerstören könnte. Trotz der rasanten Entwicklung der KI scheinen die Staats- und Regierungschefs keine Eile zu haben, über die menschlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen dieser neuen Technologien nachzudenken.
  KI ist ein Mythos, den uns viele Unternehmen verkaufen, indem sie uns an die Autonomie der KI glauben lassen! KI ist weder intelligent noch künstlich! KI ist keine Person, die mit Bewusstsein ausgestattet ist, Verantwortung übernimmt und in der Lage ist, alle menschlichen Probleme zu lösen. Sie ist nur ein Werkzeug, das mit Vorsicht eingesetzt werden muss.
  Bereits in den 1950er Jahren haben der Schriftsteller Georges Bernanos in seinem Buch «La France contre les robots» und Alan Turing mit seinem berühmten Turing-Test Alarm geschlagen hinsichtlich der Robotisierung des Menschen.

Die Illusion der Auslöschung

Die KI gibt uns die Illusion der Leichtigkeit. Es ist verlockend, die Arbeit der KI zu überlassen. Warum lernen, strukturierte Texte zu schreiben, wenn ChatGPT dies in wenigen Sekunden erledigt? Warum sich mit komplizierten Berechnungen herumschlagen, wenn eine KI-optimierte Tabellenkalkulation sofort die beste Lösung findet? Diese Automatisierung spart uns Zeit, aber sie nimmt uns auch die intellektuelle Anstrengung, die unser tiefes Verständnis der Dinge prägt.

KI ist weder intelligent noch künstlich

KI ist eine Branche, die einen enormen Bedarf an natürlichen Ressourcen, Logistik und Humanressourcen hat. Sie hat nicht viel «Künstliches» an sich, und da sie alle möglichen ideologischen und diskriminierenden Vorurteile perpetuiert, kann man sich fragen, ob sie wirklich «intelligent» ist.

KI, Spiegelbild der Macht

Nagasaki und Hiroshima bleiben für immer in unserer Erinnerung. In einer Zeit, in der der Schatten eines Atomkrieges droht, können wir nur befürchten, dass KI in den Diensten der Mächtigen dieser Welt steht.
  In Gaza setzte die israelische Armee eine KI namens Lavender ein, die angeblich Terroristen ins Visier nehmen sollte, aber zum Tod von Tausenden von Zivilisten in Gaza führte.
  Im Land der direkten Demokratie und der Landsgemeinde wird an der Universität Genf eine Studie über den Einsatz elektronischer Stimmabgabe in Verbindung mit KI durchgeführt.
  KI, die ohne Kontrolle oder Bewertung, ohne Kriterien der Gerechtigkeit oder Ethik entwickelt und gestaltet wird, verstärkt die Allmacht der Tech-Giganten und der Institutionen, die sie einsetzen. Sie ist ein Spiegelbild der Macht. Mit der KI verschwindet eine bestimmte Vorstellung vom Menschen. 
  Wir stehen vor einem gesellschaftlichen Wandel, bei dem der denkende Mensch zu einem blossen Konsumenten wird, der nach Neuheiten ohne echtes Interesse giert. Bislang war es unser Gehirn, das uns von den Pflanzen unterschied, aber bei der Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln, mit dieser Übernahme unseres Lebens steuern wir auf eine Katastrophe zu, wenn wir nicht wachsam sind.
  Wenn wir das Denken an Maschinen delegieren, wenn wir uns angewöhnen, bei jeder Gelegenheit eine KI zu befragen, anstatt unsere eigene Intelligenz zu nutzen, wird es nicht lange dauern, bis unser Gehirn seine geistigen Fähigkeiten verliert. Bald werden wir, anstatt unseren Verstand einzusetzen, wie Automaten alle unsere Probleme lösen und alle unsere Fragen beantworten lassen.
  Das Aufkommen des Taschenrechners hat dazu geführt, dass einige Schüler nicht mehr in der Lage sind, auch nur die einfachsten Kopfrechnungen durchzuführen oder eine Division aufzustellen.

Die Gefahr der formatierten Sprache

KI wird dasselbe mit der geschriebenen Sprache tun: Durch den übermässigen Gebrauch wird sich unser Verhältnis zur Sprache so sehr verändern, dass das Verfassen selbst des klein-sten Absatzes ohne ihre Hilfe zu einer unüberwindbaren Herausforderung wird.

Die Herausforderung
des kritischen Denkens

Die wahre Gefahr der KI entsteht, wenn sie dazu führt, dass wir ihre Ergebnisse nicht mehr hinterfragen. Wenn wir ihre Antworten ohne Nachdenken akzeptieren, werden wir abhängig und faul! Die KI stellt uns vor die Wahl: passiv bleiben oder diese Werkzeuge vernünftig im Dienste des Gemeinwohls der Menschheit einsetzen.
  Die eigentliche Frage ist nicht, ob sie uns dümmer oder innovativer macht, sondern ob wir bereit sind, angesichts dieser Entwicklung intelligent zu bleiben.

Ein Träger der Freiheit,
der freien Interpretation sein

KI hat keine Kreativität im künstlerischen Bereich, weil ihr Spontaneität und Inspiration fehlen. Sie arbeitet mit mechanischer Modellierung im Dienste kommerzieller Interessen.
  Wir sind Träger der Freiheit, der freien Interpretation. Man kann die Musik von Bach mögen (weil man einen guten Geschmack hat), aber auch die Musik von Rachmaninow schätzen. Diese beiden Künstler gehören zwei ästhetischen, musikalischen, philosophischen und intellektuellen Universen an, die nichts miteinander zu tun haben: Der eine ist Deutscher, Protestant, Lutheraner aus dem 17. bis 18. Jahrhundert, der andere ist Russe, Orthodoxer aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es gibt jedoch jemanden, keine Maschine, sondern einen Menschen, der eine freie Interpretation vorgenommen hat, um eine Synthese aus Bach und Rachmaninow vorzuschlagen. Dieser Mensch ist Schostakowitsch, ein grosser sowjetrussischer Komponist, der von der russischen Tradition der Sankt Petersburger Schule geprägt war, aus der auch Rachmaninow stammte, und der 24 Fugenmodelle nach dem Vorbild Bachs schrieb.
  Durch freie Interpretation schaffen wir etwas Neues, wir schaffen Innovation.
  Das kann keine KI-Software leisten.
  Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. •

(Übersetzung Zeit-Fragen)



Nicole Duprat ist diplomierte Absolventin der Abteilung Recht und internationale Beziehungen des Institut d’Etudes Politiques et diplomatiques, Aix-en-Provence (F). Sie war als staatlich diplomierte Pädagogin mit Ausbildung am Pädagogischen Institut Saint Cassien (Marseille) und nach Forschungstätigkeit in Florenz als Lehrerin an französischen Schulen tätig. Nicole Duprat wirkt als Künstlerin und im Kunsthandwerk in einer entsprechenden Vereinigung (AVF) in Villeneuve-lès-Avignon. Sie ist Mitarbeiterin von Zeit-Fragen/Horizons et débats, wohnhaft in der Region Avignon (Provence).

«Träger der Freiheit»

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK