Ich habe meine Ausführungen in diesem Sommer mit «Unser Zeitalter der Unvernunft» betitelt, und mir ist bewusst, dass dies etwas grossspurig klingen mag. Wenn Sie meinen Titel so empfinden, habe ich ihn gut gewählt, denn ich möchte damit genau zum Ausdruck bringen, dass wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind, das sich ebenso deutlich von früheren Zeitaltern unterscheidet, wie diese sich in ihrer Zeit unterschieden – dem Goldenen Zeitalter Athens, dem Zeitalter der Vernunft, dem Zeitalter des Materialismus, dem Atomzeitalter.
Es gibt Beispiele für diese Veränderung:
Im Alltag haben psychologische Operationen und das, was wir als kognitive Kriegsführung bezeichnen, unseren öffentlichen Diskurs so korrumpiert, dass wir nicht mehr sicher sind, was wahr ist und was nicht. Ein grosser Teil der Bevölkerung im gesamten Westen ist heute nicht mehr in der Lage, die Welt, in der er lebt, zu verstehen – und bleibt dennoch hartnäckig davon überzeugt, dass er es tut.
Wir haben uns selbst den Boden unter den Füssen weggezogen.
Das Zeitalter der Vernunft
Ich beziehe mich hier auf das Zeitalter der Vernunft, auch bekannt als «Aufklärung». Es lohnt sich, sich ein paar Minuten damit zu beschäftigen, damit wir wie in einem Hohlspiegel all das erkennen, was unsere Zeit nicht ist.
Mein Lektor bei Yale University Press erzählte mir vor Jahren von einem Buch, das er redigierte, aber nie veröffentlichen würde, weil der Autor vor Fertigstellung des Manuskripts verstorben war. Das Buch sollte den Titel «The Endarkenment» (die Verdunkelung) tragen. Seitdem finde ich es sehr schade, dass das Buch nie erscheinen wird. Und hier werde ich am hellichten Tag diesen prägnanten Begriff stehlen als nützliche Ergänzung zu meinem «Zeitalter der Unvernunft». Im Grunde genommen laufen beide Begriffe auf dasselbe hinaus.
Im Jahr 1784 stellte ein Geistlicher namens Johann Friedrich Zöllner öffentlich die Frage nach der Bedeutung des Begriffs «Aufklärung». Dies geschah in einer Monatszeitschrift namens Berlinische Monatsschrift. ImmanuelKant antwortete in der Dezemberausgabe 1784 der Zeitschrift mit «Eine Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?».
«Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit», schrieb Kant in seinem berühmten ersten Satz. «Unmündigkeit», erklärte er, «ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.»
An dieser Stelle schlage ich vor, dass wir den Begriff «Urteilsvermögen» gemäss der Definition der Jesuiten betrachten. In der jesuitischen Erziehung bedeutet «Urteilsvermögen» die Fähigkeit eines Menschen, als autonomes Individuum, frei von Einmischungen anderer, Zwängen oder anderen Arten äusserer Einflussnahme, Urteile zu fällen, Entscheidungen zu treffen, Handlungspläne zu entwerfen und so weiter. Mit einem Wort bedeutet es, auf sich selbst zu hören – was ein gewisses Mass an Selbstvertrauen voraussetzt.
Darüber hinaus urteilt und entscheidet der urteilsfähige Mensch nach seinen moralischen Werten und immer unter Berücksichtigung des Gemeinwohls, des höheren Wohls der Menschheit.
Um auf Kant zurückzukommen: Er argumentierte, dass die meisten Menschen ihren unaufgeklärten Zustand bevorzugen. Und er führte diese Tendenz der Mehrheit der Menschen auf «Faulheit und Feigheit» zurück – so Kants genaue Worte. Er meinte damit den lustlosen Zustand der Konformität, der uns heute nur allzu vertraut ist.
Freiheit …
Aber die neue Freiheit, die das Zeitalter der Aufklärung verkündete, werde die Menschheit über diesen Zustand hinausbringen, behauptete Kant. «Für diese Aufklärung ist nichts anderes erforderlich als Freiheit», schrieb er. Und Kant konnte glaubhaft davon ausgehen, dass die Menschen sich sehnlichst Freiheit wünschten.
Unsere Realität sieht ganz anders aus. Wir haben keine Grundlage, um wie Kant Annahmen über die Unvermeidbarkeit des Fortschritts zu treffen – weil wir gewöhnlich technologischen Fortschritt und materiellen Fortschritt mit echtem menschlichem Fortschritt verwechseln.
… und Furcht vor der Freiheit
Wie Erich Fromm und andere überzeugend dargelegt haben, herrscht in unseren Gesellschaften heute eine Furcht vor der Freiheit. Die meisten Menschen haben Todesangst vor der Freiheit, und wenn ich «Todesangst» sage, meine ich das wörtlich: Sie sterben in ihrem Leben, in ihrer Lebenskraft.
Die Verbreitung von Ideologien in unseren Gesellschaften scheint mir ein Punkt zu sein, der keiner weiteren Erläuterung bedarf. Und die Anziehungskraft von Ideologien liegt natürlich darin, dass sie Glauben erfordern, aber kein Denken oder Urteilsvermögen – oder gar Vernunft. Und so finden wir diesen Zustand selbst auferlegter Unreife überall, wohin wir auch schauen.
Ideologie und Konformität
Ideologie, Konformität: Das sind die Zufluchtsorte, in denen viele Menschen ihrer grundlegenden Angst vor der Freiheit frönen. Beide entspringen dem, was Kant «Führung durch einen anderen» nannte, und dies impliziert eine gewisse Unterwerfung unter die eine oder andere Manifestation von Macht, wie Kant sicherlich andeuten wollte.
Mit anderen Worten: Wir sind von Autoritäten abhängig, die uns sagen, was wir denken sollen, und ebenso, was wir nicht denken sollen und wie wir insgesamt leben sollen.
In der heutigen Zeit sind wir von den Verantwortlichkeiten befreit, die mit Freiheit, mit der Fähigkeit zu unterscheiden und mit der Pflicht, autonom zu urteilen, einhergehen. All das wird von der einen oder anderen Form der Macht übernommen.
Das Zeitalter der Vernunft wurde durch die wissenschaftlichen Fortschritte des 16. und 17. Jahrhunderts inspiriert, was bei Aufklärern wie Kant Besorgnis auslöste. Wenn wissenschaftliche Gesetze unsere Welt regieren würden, wohin würde uns dann die Vernunft führen, die von einem Individuum ausgeübt wird, das sich im Namen der Freiheit von allen Fesseln der Aufklärung befreit hat? Zu unverfälschtem Materialismus, zu Gleichgültigkeit gegenüber anderen, zu Engstirnigkeit, zu Narzissmus, zu Hedonismus, zu Nihilismus?
Vernunft ohne Moral
Vernunft ohne Moral: Wie gut können wir heute erkennen, dass diese Sorge berechtigt war. Die Vernunft sollte das Mittel zur Befreiung des Menschen sein. In unserer Zeit unterwirft uns die Vernunft einer Tyrannei von Systemen, Technologien, entmenschlichten wissenschaftlichen Managementverfahren und Machteliten, die keine Ethik, keine Moral (im weitesten Sinne) und nichts anderes kennen als ihre eigene Aufoktroyerung, Durchsetzung und Vermehrung.
John Ralston Saul, ein kanadischer Schriftsteller, den ich sehr schätze, veröffentlichte 1992 ein Buch über dieses Phänomen. Er nannte es «Voltaire’s Bastards» und versah es mit dem Untertitel «The Dictatorship of Reason in the West» (Die Diktatur der Vernunft im Westen). Saul argumentierte, dass das gesamte Leben im Westen entstellt worden sei, indem man die Vernunft pervertiert hat. Die Vernunft hat nichts mehr mit der Emanzipation des Menschen zu tun: Sie ist zu einem Instrument geworden, mit dem die Eliten – politische, wirtschaftliche, technokratische, kulturelle – heimlich Kontrolle über die Struktur und Ausrichtung unserer Gesellschaften, unseren öffentlichen Diskurs und sogar unsere Fähigkeit, die Welt um uns herum zu sehen, und damit unsere Fähigkeit zu denken, ausüben.
«Die Irrationalität der Hyperrationalität»
Das meine ich mit unserem Zeitalter der Unvernunft. Im Kern davon finden wir das, was ich vor vielen Jahren als «die Irrationalität der Hyperrationalität» bezeichnet habe. Um meinen Standpunkt hoffentlich nicht zu vereinfacht darzustellen: Alles ergibt Sinn, wenn wir die Dinge streng nach ihrem internen Bezugsrahmen betrachten und in der ewigen Gegenwart verharren, in der uns die Verfälschung der Vernunft gefangenhält. Wenn es uns gelingt, aus diesem Konstrukt herauszutreten – wenn wir also unseren Weg hinaus finden, und zwar mittels authentischer Vernunft, dann ergibt nur sehr wenig dieser verfälschten Vernunft überhaupt noch Sinn. Das meine ich mit der Irrationalität der Hyperrationalität.
In «Der eindimensionale Mensch» schrieb Herbert Marcuse über «technologische Rationalität». «Das totalitäre Universum der technologischen Rationalität», schrieb er, «ist die neueste Umwandlung der Idee der Vernunft.» Er schrieb dann über «den Prozess, durch den die Logik zur Logik der Herrschaft wurde». Das ist eine andere Art auszudrücken, was ich meine.
Ich möchte nun unser Zeitalter der Unvernunft historisieren und beziehe mich dabei auf ein anderes Buch, das mir über viele Jahre hinweg sehr viel bedeutet hat. Max Horkheimer veröffentlichte 1947 «Eclipse of Reason» (deutsch: «Zur Kritik der instrumentellen Vernunft»). Darin argumentierte er, dass die Vernunft zu dem Zeitpunkt, als er sein Buch herausbrachte, «instrumentalisiert» worden sei. Das bedeutet, dass die Vernunft nicht mehr ein Mittel zum Verständnis der Welt um uns herum ist, sondern dazu dient, die eigenen Ziele zu rechtfertigen und zu erreichen. Horkheimer nannte dies «subjektive Vernunft» im Gegensatz zur objektiven Vernunft.
Wenn man auf die Griechen zurückgeht, erfordert die objektive Vernunft, dass das Denken ohne Bezugnahme auf die Wünschbarkeit oder Nicht-Wünschbarkeit seiner Schlussfolgerungen erfolgt. Die Vernunft sollte den Glauben bestimmen, wie Sokrates uns alle gelehrt hat: Zuzulassen, dass der Glaube die Vernunft bestimmt, ist die Gefahr, die in der subjektiven Vernunft liegt. Und um bei Horkheimers Begriff zu bleiben: Die subjektive Vernunft liegt im Zentrum unseres Zeitalters der Unvernunft.
Wir sollten einen Moment innehalten und über das Erscheinungsdatum von Horkheimers Werk nachdenken.
«Big Science» …
Die sogenannte «Big Science» hatte in den 1930er Jahren begonnen, sich zu entwickeln, und mit ihr kam eine vor allem in Amerika deutlich spürbare Besessenheit von absoluter Gewissheit und absoluter Sicherheit – beides Dinge, die niemals auch nur annähernd möglich sind. Wenn es jemals einen Akteur gab, der sich mehr der Irrationalität der Hyperrationalität verschrieben hat als die «Big Science», fällt mir zumindest keiner ein.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmte diese Besessenheit von Gewissheit und Sicherheit mehr oder weniger die amerikanische Aussen- und Militärpolitik. Das Jahr 1947 markierte den Beginn des Kalten Krieges, und dies verwandelte das, was zuvor eine Besessenheit in wissenschaftlichen und politischen Kreisen gewesen war, in eine nationale Obsession.
Um mit Horkheimer zu schliessen: Er brachte die Korrumpierung der Vernunft mit der zunehmenden Abschottung der Macht und einer Tendenz zum Autoritarismus in den westlichen Demokratien in Verbindung. Als Antwort darauf argumentierte Horkheimer, dass die Vernunft wieder für grundlegend moralische und gerechte Gesellschaften und insgesamt für die Emanzipation des Menschen eingesetzt werden müsse.
In Marcuses Worten bedeutete dies eine «grosse Verweigerung», eine Ablehnung der Entmenschlichung der Menschheit durch das, was er als «Technologien der Befriedung» bezeichnete.
… und Kalter Krieg
Es mag unmöglich oder schlichtweg töricht sein, ein Datum als Beginn unseres Zeitalters der Unvernunft festzulegen, aber angesichts all dessen, was ich sehr skizzenhaft beschrieben habe, schlage ich die Mitte des 20. Jahrhunderts vor. Damals verschmolzen «Big Science» und der Kalte Krieg zu einer unglückseligen Kombination, die einerseits der Ideologie und andererseits der Technologie eine Vorrangstellung einräumte, die für uns heute offensichtlich ist.
Beides hat unsere gemeinsamen Fähigkeiten zu Unterscheidung, Urteilsvermögen und insgesamt zu Denken und Schlussfolgern zerstört, während es – um auf Kant zurückzukommen – unsere unreife, übermässige Abhängigkeit von verschiedenen Formen von Macht und Autorität gefördert hat, die sich immer diffuser und entfernter manifestieren.
Keine Gemeinwohlorientierung mehr
Was Horkheimer und andere in den 1940er Jahren erkannt haben, scheint mir so tief verwurzelt und so sehr in das Gefüge unserer Gesellschaften eingewoben zu sein, dass es unsere Zeit von der vorhergehenden unterscheidet. Wir im Westen haben in unserer heutigen Zeit einen radikalen Bedeutungsverlust erlitten. Wir haben, meiner Meinung nach endgültig, jene Verbindung zwischen Vernunft und Moral verloren, die im 18. Jahrhundert als wesentlich angesehen wurde. Wir haben entscheidend unsere Vorstellung vom Gemeinwohl als Anker verloren, von dem aus die Vernunft ihre Argumente vorbringt. Mit anderen Worten: Wir haben jede Art von umfassender Vorstellung von einem gemeinsamen Telos, einem ultimativen Ziel oder Zweck, verloren. Dies sind die Folgen unseres Abgleitens in Hedonismus und Nihilismus und – um einen Ausdruck von C.Wright Mills zu verwenden – einer Besessenheit der Macht um der Macht willen, der Macht als ultimativem Träger von Wert.
Während wir hier zusammenkommen – und es ist mir immer eine Freude, mit Ihnen zusammen zu sein, gerade wegen dem, was ich jetzt sagen werde –, sind wir der lebende, atmende Beweis dafür, dass es einen Weg aus unserem Zeitalter der Unvernunft gibt, ein Gedanke, den ich wohl nicht näher erklären muss.
Rückkehr zum Sokratischen
Zeitalter kommen und gehen, und so wird es auch mit diesem sein. Ich mag Marcuses Begriff etwas überstrapazieren, aber ich glaube nicht, dass ich damit weit daneben liege, wenn ich vorschlage, dass wir den Wert der gewohnheitsmässigen Verweigerung als Teil unseres Weges in unserem Zeitalter betrachten müssen.
Ich glaube nicht, dass wir mit unserer Argumentation fortfahren können, wenn wir davon ausgehen, dass es sich um ein Projekt der Wiederherstellung oder Wiederbelebung handelt. Es gibt kein Zurück. Neue Sensibilitäten und ein neues Bewusstsein sind in der Geschichte der Vorläufer grosser Veränderungen. Wir müssen also in Begriffen eines neuen Bewusstseins denken, damit wir mit unseren Fähigkeiten der Vernunft und des Urteilsvermögens die Probleme und Krisen unserer Zeit so sehen können, wie sie sind, und ohne «Führung durch einen anderen», um noch einmal auf Kant zurückzukommen, ohne Bezugnahme auf eine höhere, entfernte oder mächtige Autorität, nur weil diese Autorität über uns steht oder von uns entfernt oder mächtiger ist als wir, und ohne die Annahme, dass das, was ich als das «Sein» unserer Zivilisation bezeichne, rational oder vernünftig ist, weil es so ist.
Ebenso müssen wir für uns selbst eine neue Sprache finden und uns dabei daran erinnern, dass die primäre Funktion der Sprache nicht das Sprechen, sondern das Denken ist. Wir werden diese neue Sprache brauchen, wenn wir neu denken – wenn wir die Vernunft wieder mit der menschlichen Sache verbinden.
Der verstorbene Robert Parry war ein Journalist von untadeliger Integrität. Er gründete vor 30 Jahren Consortium News, wo ich regelmässig schreibe und dessen Herausgeber, Joe Lauria, dieses Jahr unter uns ist. Bob sagte einmal anlässlich der Entgegennahme einer seiner zahlreichen Auszeichnungen den denkwürdigen Satz: «Es ist mir egal, was die Wahrheit ist. Mich interessiert nur, was die Wahrheit ist.»
Dies ist ein Argument – prägnant und elegant zugleich – für eine Rückkehr zum Sokratischen. Es ist ein Argument für objektive Vernunft, ein Argument gegen die Plage der subjektiven Vernunft, wie wir diesen Begriff von Horkheimer übernehmen.
Es ist ein Protest, es ist eine Verweigerung, es ist ein Argument gegen unsere Verdunkelung. Das ist das Argument, das wir vorbringen müssen, so wie wir es hier tun, wo wir uns versammelt haben. •
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrespondent, vor allem für die «International Herald Tribune», ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein vorletztes Buch ist «Time No Longer: Americans After the American Century», Yale 2013. 2023 ist sein neues Buch «Journalists and Their Shadows» bei Clarity Press erschienen. Im März 2025 erschien dieses Buch in deutscher Übersetzung (s. Abb.). Seine Webseite lautet patricklawrence.us. Unterstützen Sie seine Arbeit über patreon.com/thefloutist.
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