Was lehrt uns die Geschichte? Zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs

von Jurij Starovatych, Russland*

Liebe Freunde! Ich grüsse euch aus Stalingrad!
  Ich möchte den Organisatoren dieses Forums für ihre Einladung danken, die seit vielen Jahren beweisen, dass Vernunft und Menschlichkeit die wichtigsten Grundsätze des menschlichen Lebens sind.
  In diesem Jahr begeht die ganze Welt den 80. Jahrestag des Endes dieses schrecklichen internationalen Gemetzels. In meiner Heimatstadt Stalingrad-Wolgograd wird die Erinnerung daran niemals verblassen, denn die Nazis haben die Stadt fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht und nur Ruinen hinterlassen. In der Woche vom 23. August 1942 flogen die Bomber der Luftwaffe bis zu zweitausend Einsätze pro Tag und warfen mehr als 50 000 Bomben auf Stalingrad ab. In den ersten drei Tagen der Bombardierungen starben in unserer Stadt mehr als 40 000 Menschen. Es handelte sich überwiegend um friedliche Zivilisten.
  Als die Botschafter der Anti-Hitler-Koalition ein Jahr später mit eigenen Augen sahen, was von Stalingrad übriggeblieben war, waren sie schockiert und schlugen vor, die Trümmer der Stadt mit Stacheldraht zu umzäunen und dort ein Museum für Kriegsverbrechen der Nazis zu errichten. Aber die Einwohner Stalingrads lehnten dies ab. Wir waren fest entschlossen, unsere Heimatstadt wieder zum Leben zu erwecken und neu aufzubauen. Dank dieses Optimismus und des Glaubens an eine friedliche Zukunft leben wir heute in einer modernen, schönen Metropole. Der Zweite Weltkrieg wird jedoch in Wolgograd niemals vergessen werden.
  Nach dem Sturz der Regime von Hitler und Mussolini im Jahr 1945 und der Kapitulation des japanischen Kaisers Hirohito war allen Menschen auf der Welt klar, dass Faschismus, Nationalsozialismus und Militarismus verbrecherische Phänomene sind, die sich nie wiederholen dürfen. Leider müssen wir 80 Jahre später feststellen, dass die Lehren aus der Geschichte nicht gelernt wurden!
  Heute existiert der Nationalsozialismus offen in der Ukraine. Dort werden Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs dem Hitler-Regime geholfen haben, Kriegsverbrechen an Millionen Polen, Juden und Russen zu begehen, zu Nationalhelden gemacht und auf staatlicher Ebene verherrlicht. Unter Berufung auf verbrecherische Gesetze treten die ukrainischen Behörden die Menschenrechte mit Füssen und vernichten die russische Sprache und die orthodoxe Religion, die seit Jahrhunderten Teil der Kultur des ukrainischen Volkes sind.
  Das Schlimmste daran ist, dass der Nationalsozialismus in der Ukraine von den Erben derer gefördert wird, die ihn vor 80 Jahren gemeinsam mit der Sowjetunion besiegt haben. Hätten sich Antifaschisten wie Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Charles de Gaulle vorstellen können, dass acht Jahrzehnte später der heutige US-Präsident, der britische Premierminister und der französische Präsident mit einem Lächeln Neonazis die Hand schütteln, die Ukraine mit Waffen und Söldnern aufrüsten und den Krieg gegen Russland unterstützen würden? Die Staatschefs der Länder, die Faschismus und Nationalsozialismus in der Vergangenheit besiegt haben, sind von der Idee einer «strategischen Niederlage» Russlands besessen, stützen sich auf moderne Hitler-Verehrer und schüren den russisch-ukrainischen Konflikt weiter.
  Heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, müssen wir ihnen sagen: Kommt zur Besinnung! Wohin führt ihr eure Länder und Völker, wenn ihr den Krieg schürt und Menschen mit Hakenkreuzen unterstützt? Erinnert euch daran, zu welchem Preis der Frieden 1945 erreicht wurde. Und bitte wiederholt nicht die Fehler der Vergangenheit.
  Erst kürzlich, am 30. Juli 2025, sprach die Vorsitzende des Föderationsrates der Föderation der Russischen Republik, Valentina Matwijenko, in Genf. Sie stellte zu Recht fest, dass «in den 80 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Zukunft der Welt noch nie so beunruhigend war. Enorme Ausgaben für Waffen statt für nachhaltige Entwicklung und die Umsetzung der Klimaschutzagenda, Sanktionen statt Handel, Ultimaten statt Diplomatie, Militärbündnisse statt Integration – das ist die Realität, in der wir heute leben.» Valentina Matvijenko erklärte, es sei an der Zeit, die diplomatischen Ressourcen voll auszuschöpfen, vor allem die Ressourcen internationaler Organisationen. Der Wolgograd-Friedensfonds stimmt dem voll und ganz zu.
  Schliesslich wurde bereits 1950 in Warschau der Weltfriedensrat gegründet. Im Laufe der Jahre hat diese Organisation viel für den Frieden auf der Erde getan, aber in den letzten Jahren ist die Rolle dieses wichtigen Gremiums kaum noch spürbar. Dabei ist der Wille der Völker zum Frieden ein mächtiger Faktor für den Abbau internationaler Spannungen.
  Lasst uns Mittel und Wege finden, um diese Organisation wieder zu beleben, damit die Weltfriedensbewegung und ihr kämpferisches Führungsgremium, der Weltfriedensrat, nach den unterschiedlichsten Formen der Tätigkeit suchen und alle vereinen, denen der Frieden am Herzen liegt. •



Juri Fjodorowitsch Starovatych, geboren 1937 in Stalingrad (heute Wolgograd), war von 1986 bis 1990 Oberbürgermeister von Wolgograd. Er ist Bauingenieur und hat u. a. das Panorama-Museum «Die Stalingrader Schlacht» in Wolgograd mitgebaut sowie die U-Bahn und mehrere Objekte im sozialen Bereich. Er war Vize-Präsident der internationalen Organisation «Mayors for Peace», Mitglied des Exekutivbüros zahlreicher internationaler Organisationen wie «The International Association of Peace Messenger Cities», der Föderation der Partnerstädte u.a. Bis heute engagiert er sich für Städtepartnerschaften von Wolgograd in der ganzen Welt. In seiner Amtszeit wurden 40 Städtepartnerschaften begründet. Juri Starovatych ist Vorsitzender der regionalen Zweigstelle der «Russischen Friedensstiftung» in Wolgograd, Ehrenbürger der Heldenstadt Wolgograd, Ehrenbürger von Hiroshima und Träger der Ehrenmedaille «Für die Festigung des Friedens und der Verständigung zwischen den Völkern».

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