Chuzpe in einem Deutschland, das «kriegstüchtig» werden soll

von Karl-Jürgen Müller

Die Chuzpe, mit der im gegenwärtigen Deutschland Regierungspolitiker und deren Sprecher die Wahrheit so zurechtbiegen, wie es ihnen passt, ist schon verblüffend. Die Gefahr ist, dass die Bürger sich daran gewöhnen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Um den Titel eines berühmten Bildes des spanischen Malers Francisco de Goya zu zitieren: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Der Nachdenkseiten-Redakteur Florian Warweg fragte auf der Bundespressekonferenz vom 29. Oktober die Sprecherin des deutschen Aussenamtes, Kathrin Deschauer, nach einer Stellungnahme der deutschen Regierung zum jüngsten Verhandlungsangebot der russischen Regierung an die Nato und die EU.1 Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hatte nämlich auf der III. Internationalen Konferenz über eurasische Sicherheit im belarussischen Minsk vom 28. und 29. Oktober 20252 gesagt:

«Es wurde wiederholt gesagt, dass wir keine Absicht hatten und haben, irgendein Land der heutigen Nato- und EU-Mitgliedsstaaten anzugreifen. Wir sind bereit, diese Position auch in zukünftigen Sicherheitsgarantien für diesen Teil Eurasiens zu verankern […].»3

Frau Deschauer lehnte eine direkte Stellungnahme zum russischen Angebot ab. Statt dessen forderte sie Russland erneut zu einem sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand in der Ukraine auf – was Russland aus schon oft genannten Gründen so nicht akzeptiert. 
  Frau Deschauer fügte hinzu, dass Deutschland im Krieg gegen Russland weiterhin auf der Seite der ukrainischen Regierung stehen und diese Regierung auch weiterhin militärisch unterstützen werde; denn Russland führe diesen Krieg «seit geraumer Zeit ohne jeglichen Anlass und Grund gegen ein souveränes Nachbarland».

Das ist Chuzpe: «ohne jeglichen Anlass und Grund» und «gegen ein souveränes Nachbarland».

Frau Deschauer gibt mit ihren Aussagen das wieder, was in Deutschland gedacht werden soll und was fast die gesamte politische und gesellschaftliche «Elite» des Landes und die Mainstream-Medien Tag für Tag den Bürgern des Landes einzuhämmern versuchen. Deutschland soll «kriegstüchtig» werden.
  Die meisten Bürger wissen deshalb nicht, dass es hierzu auch gut begründeten Widerspruch gibt. Die Anzahl der deutschsprachigen Bücher und Artikel, die die Aussagen von Frau Deschauer ausführlich und gut belegt widerlegen, ist gross.4
  Schon im November 2022 schrieben die beiden deutschen Wissenschaftler Ulrike Guérot und Hauke Ritz in einem Artikel zur Frage «Wer hat den Krieg begonnen»5:
  «Zu den häufigsten semantischen Setzungen seit Kriegsbeginn zählt die Rede vom ‹russischen Überfall› oder dem ‹russischen Angriffskrieg› auf die Ukraine. Keine Nachrichtensendung kommt bis dato ohne diese Formulierung aus. Damit wird insinuiert, dass sowohl die Ukraine als auch der Westen vom Krieg überrascht worden seien und ihn nicht haben kommen sehen, geschweige denn vorbereitet haben. Eine genaue Analyse der Vielzahl an militärischen Aktivitäten, die Dutzende Nato-Staaten, aber insbesondere Grossbritannien, die USA und Kanada, seit 2014 in der Ukraine entfaltet haben, zeigt indes deutlich, dass dem nicht so war. […] Im Grunde genommen müsste die Frage, wer diesen Krieg wirklich begonnen hat, neu erforscht werden. Es geht eher um angelsächsische – nämlich amerikanische, britische und kanadische – Kriegsvorbereitungen gegen Russland, die zwar nicht in den Medien besprochen wurden, aber doch durch öffentliche Dokumente zugänglich waren und sind. […]
  Studiert man die westlichen Kriegsvorbereitungen im Detail, so wird deutlich, dass der Ukraine die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen, der dann militärisch und logistisch von Nato-Mitgliedsstaaten unterstützt werden sollte, ohne die Allianz insgesamt direkt in den Krieg zu involvieren. Dieser Prozess sollte begleitet werden durch einen Wirtschaftskrieg (Sanktionen), Informationskriegsführung (antirussische Propaganda) und eine nukleare Einkreisung Russlands, die vor allem durch den Raketenschild in Rumänien und Polen sowie seegestützte Kräfte, insbesondere Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, sichergestellt werden sollte. All diese Massnahmen entsprachen dem Streben der USA nach ‹Full Spectrum Dominance› und zielten darauf ab, die Russische Föderation auf mehreren Ebenen so weit zu schwächen, dass das Land sein Gleichgewicht verlieren und innere Konflikte zum Sturz der Regierung führen würden.»
  Guérot und Ritz fügten dieser Analyse eine lange Liste konkreter Ereignisse im Jahr vor dem 24.
 Februar 2022 hinzu, dem Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine. Die Ereignisse zeigen, wie die Ukraine von seiten der Nato und insbesondere der USA auf einen Krieg gegen Russland getrimmt wurde und dass es – entgegen allen Aussagen westlicher Politiker – die Regierung und das Militär der Ukraine waren, die den Krieg gegen die nach Autonomie strebenden Regionen Donezk und Lugansk in den entscheidenden Tagen vor dem 24. Februar enorm eskalierten. Nachdem sie ihn schon seit dem Frühjahr 2014, mit 14 000 Opfern auf beiden Seiten der Front, mehrheitlich auf der östlichen Seite (Uno-Angaben), mit unterschiedlicher Intensität geführt hatten. Für jeden, der hinschauen wollte, deutete alles darauf hin, dass die Regierung der Ukraine überhaupt nicht daran dachte, die Minsker Abkommen einzuhalten, sondern nun einen massiven Angriff gegen die russischsprachige Bevölkerung im Osten der Ukraine begann. Was zur Evakuierung von unmittelbar bedrohten Teilen der Bewohner der beiden Regionen nach Russland, zur russischen Anerkennung von Donezk und Lugansk als unabhängige Staaten und zu einem Beistandspakt führte. Und selbst noch nach diesem Beistandspakt, am 23. Februar 2022, intensivierte das ukrainische Militär seine Angriffe auf Donezk und Lugansk.
  Hinzurechnen muss man die zahlreichen gegen Russland gerichteten Operationen von Nato und EU seit Beginn der neunziger Jahre (Nato-Ost-Erweiterung usw.) sowie den zunehmenden Satelliten-Status der Ukraine, spätestens seit dem von der EU und den USA massiv beförderten Staatsstreich im Februar 2014. Schon 1997 hatte der US-amerikanische Politikberater und Geostratege Zbigniew Brzezinski in seinem Buch «The Grand Chessboard» (1999 in deutscher Sprache übersetzt mit dem Titel: «Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft») die Bedeutung des westlichen Zugriffs auf die Ukraine für eine entscheidende Schwächung Russlands betont (siehe Karte und Bildunterschrift).

«Ohne jeglichen Anlass und Grund» und «gegen ein souveränes Nachbarland». Das ist wirklich Chuzpe. Ganz wie der Duden die Wortbedeutung benennt: unverfroren, dreist, unverschämt.

PS Wer die Wahrheit nicht auf seiner Seite hat, der muss seine Kritiker fürchten. Wenn aber die Machtmittel reichen, wird gegen Kritiker massiv vorgegangen. Das kann im heutigen Deutschland sogar Schüler treffen, wie ein Bericht der «Berliner Zeitung» vom 31. Oktober 2025 schildert (https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/satire-oder-straftat-schueler-wegen-meme-ueber-bundeswehr-offizier-angeklagt-li.10003513) (siehe Bild). •



1 https://www.nachdenkseiten.de/?p=141340 vom 31.10.2025
2 Einen guten Einblick in die Konferenz in Minsk und deren Bedeutung bietet ein Interview des Internetsenders Kontrafunk mit dem Oberstleutnant a.D. der Schweizer Armee Ralph Bosshard, der selbst an der Konferenz teilgenommen hat: https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-04-nobember-2025
3 Die ganze Rede von Sergej Lawrow ist auf der Internetseite des russischen Aussenministeriums in deutscher Übersetzung zu finden: https://mid.ru/de/foreign_policy/news/2056079/
4 Hier seien für den Einstieg lediglich fünf deutschsprachige Buchtitel genannt: Krone-Schmalz, Gabriele. Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens. Westend Verlag 2023; Baab, Patrik. Auf beiden Seiten der Front. Meine Reisen in die Ukraine, fifty-fifty Verlag 2023; Baud, Jacques. Putin. Herr des Geschehens? Westend Verlag 2023; Ritz, Hauke. Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas, Promedia Verlag 2024; Verheugen, Günter/Erler, Petra. Der lange Weg zum Krieg. Russland, die Ukraine und der Westen: Eskalation statt Entspannung, Heyne-Verlag 2024
5 https://gdrf.info/wer-hat-den-krieg-begonnen/ vom 13.11.2022

Die Geschichte zeigt: Viele Bedrohungsbehauptungen sollten aggressive Absichten verschleiern

km. Dass Staaten oder Staatengruppen regelrechte Bedrohungshysterien erzeugen wie derzeit die Nato, die EU und ihre Mitgliedsstaaten, ist nichts Neues. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass mit solchen Hysterien aggressive Absichten verschleiert bzw. gerechtfertigt werden sollten. Wohl am besten ist dies für das nationalsozialistische Deutschland belegt. Schon die nationalsozialistische Rassen-Ideologie sprach von einer Bedrohung durch «minderwertige» Rassen, die mit allen Mitteln zu bekämpfen seien. Die Folgen sind bekannt. Das gleiche Prinzip galt für die Rechtfertigung des Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Eine der vielen Quellen dafür ist die in jedem guten Schulgeschichtsbuch zu findende geheime Denkschrift Adolf Hitlers vom August 1936 über seinen Vierjahresplan. Hitler unterstellte bolschewistische, russische Vernichtungspläne und wies Deutschland eine zentrale Rolle bei der Abwehr dieser Pläne zu: «Deutschland wird wie immer als Brennpunkt der abendländischen Welt gegenüber den bolschewistischen Angriffen anzusehen sein.» Das Land habe deshalb «die Pflicht […], seine eigene Existenz dieser Katastrophe gegenüber mit allen Mitteln zu sichern». Deshalb gelte es, «die deutsche Armee […] zur ersten Armee der Welt zu entwickeln». Ohne dies werde «Deutschland verloren sein». Hitlers Fazit und Forderung: «Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein.» 
  Hitler schrieb in seiner Denkschrift allerdings auch: «Wir sind übervölkert und können uns auf der eigenen Grundlage nicht ernähren. […] Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes.» 

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