von Dr. med. Daniel Güntert
Während der Kriege im Irak, in Afghanistan und auf dem Balkan wurden insgesamt Hunderte von Tonnen Munition mit abgereichertem Uran eingesetzt. Nachdem damals dieser widerrechtliche Einsatz solch verbotener Munition (Banned Weapons) von der damaligen US-Regierung abgestritten wurde, bestätigte schliesslich Brigade-General Michael A. Brooks am 26. März 2001, dass im Irak-Krieg DU-Munition eingesetzt wurde: «DU bombs had been used.»1 (DU-Bomben wurden eingesetzt.) Michael Killpatrick, stellvertretender Direktor der Gesundheitsbehörde im US-Verteidigungsministerium (Deputy Director of Deployment Health Support in the Office of the Assistant Secretary of Defense for Health Affairs), hielt folgende Informationen fest: «Das Militär setzte mit Panzern und bewaffneten Fahrzeugen etwa 24 Tonnen DU-Bomben ein, und die Luftwaffe benutzte etwa 10 Tonnen DU-Munition. Dies entspricht insgesamt etwa 115 Tonnen ‹metallischem› Uran.»2 Im ersten Golf-Krieg 1991 kam erstmals in grossem Ausmass DU-Munition zum Einsatz. Damals wurden vom US-Militär 320 Tonnen abgereicherte Uran-Munition (depleted uranium weapons) eingesetzt. Im Balkan-Krieg etwa 11 Tonnen, im zweiten Golf-Krieg 75 Tonnen.3
DU verursacht vielfältige schwere
Schäden bei Menschen und in der Natur
DU wurde hauptsächlich wegen seiner enormen Durchschlagskraft, bedingt durch ein hohes spezifisches Gewicht (etwa doppelt so hoch wie Blei) eingesetzt und wegen einer enormen Hitzeentwicklung bei der Explosion. Bei der Explosion werden auch Mikropartikel von oxidiertem DU als Aerosole in die Luft und Atmosphäre versprengt, die sich schliesslich in einem Umkreis von Hunderten von Kilometern ausbreiten. Schwebende DU-Aerosole werden von Soldaten und Zivilisten eingeatmet und gelangen so bis in die kleinsten Atemwege. Uran 238 und Uran 234, die in DU-Waffen verwendet werden, sind sogenannte Alpha-Strahler mit einer Halbwertszeit von 4,5 x 109 und von 2,5 x 105 Jahren, also zwischen 4,5 Milliarden und 250 000 Jahren, bis noch 50% der Strahlenintensität des Urans erreicht werden! Alpha-Strahlen haben eine sehr geringe Reichweite (etwa 30 µm), bewirken aber im menschlichen Körper auf zellulärer Ebene Chromosomenschäden und zelluläre Transformationen. Diese können zu Zelldeformationen und bösartigen Entartungen führen. Folge davon sind schwere Missbildungen bei Föten, bösartige Tumore und diverse Entzündungsreaktionen in diversen Organen (Autoimmunreaktionen).
«Inhalierte Uran-Partikel erreichen zuerst die Luftröhre und dann die unteren Atemwege. Da die Partikel nicht wasserlöslich sind, bleiben sie für längere Zeit in den Blutbahnen. Somit können benachbarte Organe radioaktiv belastet werden. Dadurch können sich Zell-Transformationen und Entartungen wie Krebs, Leukämie, Lymphome, Geburtsschäden entwickeln. […] Diese sehr gefährlichen Waffen wurden in grossen Mengen von amerikanischen und britischen Militär-Truppen im Irak-Krieg eingesetzt. Die irakische Bevölkerung wird deshalb nicht nur während des Krieges, sondern während etwa 4,5 Milliarden Jahren danach noch darunter leiden und lernen müssen, wie man unter solch finsterer Realität überleben kann.»4
Lange wurde von US-Behörden ein direkter Zusammenhang von DU-Partikel-Expositionen und Krebserkrankungen beim Menschen oder Missbildungen bei Neugeborenen abgestritten und als nicht wissenschaftlich erwiesen deklariert. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist hingegen sehr wohl bekannt und auch wissenschaftlich untermauert, dass radioaktive Schwermetalle, worunter auch Uran zu zählen ist, beim Menschen Gesundheitsschäden verursachen. Radioaktive Uran-Isotope waren schon damals als krebsfördernd (karzinogen) bekannt. Dessen ungeachtet erachteten Taylor und Taylor 1997 das karzinogene Risiko als sehr gering.5
Juristischer Meilenstein
Im Afghanistan-Krieg ab 2001 wurde nachweislich tonnenweise DU-Munition verwendet. Im Juni 2008 haben wir zusammen mit Professor De Zayas und Professor Mohamed Daud Miraki, einem afghanischen Politik-Wissenschaftler und Nahostexperten, einen Vortrag an einem Uno-Symposium über die Folgen von DU gehalten. Den Vorsitz hatte die Präsidentin der NGO International Educational Development and the Association of Humanitarian Lawyers, Karen Parker. In diesem Vortrag wiesen wir auf die vielfältigen gesundheitlichen toxischen und radioaktiven Schäden beim Menschen hin, aber auch bei Flora und Fauna.6
Es hat 22 Jahre gebraucht, bis der wissenschaftliche Beweis nun auch in Serbien juristisch akzeptiert worden ist (siehe «Rechtsstreit um das Recht auf Gesundheit und Umwelt»), dass DU-Expositionen, in welcher Form auch immer, beim Menschen Krebserkrankungen zur Folge haben können. Der italienische Rechtsanwalt Angelo Fiore Tartaglia hat bereits in über 500 Gerichtsverfahren, die er vor italienischen Gerichten im Namen von Kriegsveteranen verfocht, grosse Erfolge erzielt (siehe Kasten «DU-Urteile in Italien»). Mit einem Gerichtsurteil eines serbischen Gerichts ist es dem Rechtsanwalt Dr. Srđjan Aleksić in äusserst verdienstvoller und mühseliger Arbeit gelungen nachzuweisen, dass bei einem ehemaligen Reservisten der serbischen Armee während des Jugoslawien-Krieges 1999, der an Lungenkrebs erkrankt ist, ein direkter ursächlicher Zusammenhang mit einer DU-Exposition besteht. Dieses Urteil ist tatsächlich «ein juristischer Meilensein», wie Dr. Srđjan Aleksić selbst meint, und hat weitreichende Folgen, was die Verantwortlichkeit betrifft und natürlich auch für die unzähligen DU-Opfer.7
Hier mag man sich wohl bestens daran erinnern, wie viele Jahrzehnte es benötigt hat, bis der Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Nikotinkonsum juristisch nicht mehr geleugnet werden konnte. Die Tabak-Lobby hatte wider besseren Wissens und unter Eid mit Hilfe politischer Unterstützung bis in die höchsten Etagen die karzinogene Wirkung des Zigarettenkonsums bestritten. Allerdings möchte ich hier anfügen, dass zwischen dem Nikotinkonsum und dem DU-Problem ein ganz wesentlicher Unterschied besteht. Beim Rauchen kann jede Person selbst entscheiden, ob sie dieses Risiko eingehen will oder nicht. Beim DU ist dies nicht möglich, weil sich die Zivilbevölkerung bei einer breitflächigen radioaktiven Verseuchung nicht ausreichend vor Kontaminationen schützen kann.
DU wird im Jahr 2025 auch
in der Ukraine eingesetzt
DU-Munition wird auch weiterhin eingesetzt! Im Ukraine-Krieg wird und wurde nachweislich ebenfalls tonnenweise DU-Munition eingesetzt. «Russland reagierte verärgert, als Grossbritannien im März [2023] bekanntgab, dass sie DU-Projektile für Challenger-2-Panzer an die Ukraine liefern. Als Präsident Wladimir Putin sie als Waffen mit nuklearer Komponente bezeichnete, antwortete das britische Verteidigungsministerium, dass ihre penetrierenden Projektile schon seit Jahrzehnten DU beinhalteten, und warf Moskau Desinformation vor.»8 Hier zeigt sich, dass vom US- und vom britischen Militär DU-Munition als eine absolut normal gebräuchliche Munition eingestuft wird, wie jede andere Munitionsgattung auch. «John Kirby, [Admiral und] Sprecher des nationalen US-Sicherheitsrats, hat diese [DU-Munition] als eine normal gebräuchliche Munition beschrieben.»9 Dass damit ganze Landstriche für Jahrtausende radioaktiv verseucht werden, kümmert die Militärexperten offensichtlich keineswegs – sofern die eigenen Ländereien nicht betroffen sind, muss wohl noch angefügt werden!
DU-Munition von Israel im
Libanon- und im Gaza-Krieg eingesetzt
In einem UN-Bericht vom November 2006 wurde der Verdacht des Einsatzes von DU-Waffen durch das israelische Militär gegen die Hizbullah dementiert.10 Allerdings zeigten dann Untersuchungen von Busby et al., dass 2006 im Libanon-Krieg von israelischen Militärs nachweislich DU-Munition eingesetzt wurde: «[…] eine grosse Menge von abgereichertem Uran in einem einzelnen Bomben-Krater in Khiam.»11
Die Resultate von Chris Busby wurden von offizieller Seite und auch von der Internationalen Koalition für ein Uran-Waffen-Verbot (ICBUW) angezweifelt.12 Und dennoch ist bekannt, dass israelisches Militär über DU-Munition verfügt und auch entsprechende Waffen für dessen Einsatz benutzt. «Zweifellos muss dennoch festgehalten werden, dass das israelische Militär über DU-Munition verfügt, die auf automatische M230-Waffen eines Apache-Helikopters installiert werden können.»13
Israel hat seit dem 7. Oktober 2023 25 000 Tonnen hochexplosive Munition in Gaza eingesetzt. Zum Vergleich entsprach die Nuklearbombe, sarkastischerweise «Little Boy» genannt, die von den USA in Hiroshima abgeworfen wurde, 15 000 Tonnen hochexplosivem Material.14 In einem Bericht des Syndicats of Chemists in Libanon vom 6. Oktober 2024 heisst es, dass in Libanon massive Zerstörungen durch israelische DU-Bomben nachgewiesen werden konnten.15
Der Einsatz von DU-Munition und
DU-Waffen müssen endlich verbindlich
geächtet und verboten werden
Diese unvollständige Zusammenfassung ergibt ein düsteres Bild von einem finsteren Kapitel eines weitverbreiteten Militäreinsatzes von angereicherten Uran-Waffen. Hochrangige britische, amerikanische und israelische Militärkader setzen DU-Waffen in enormem Ausmass gegen militärische, aber auch zivile Ziele ein, wider besseren Wissens, dass damit über Jahrmillionen riesige Landstriche, Flora und Fauna und die darin lebenden Menschen radioaktiv verseucht werden und an schrecklichen Folgeschäden bis hin zum Erkranken und Sterben von Föten. Die Verantwortlichen bagatellisieren die radioaktiven Folgeschäden von DU-Feinpartikeln und erachten diese als minimal und nicht beachtenswert.
Die Tabak-Lobby hatte unsere Gesellschaft über Jahrzehnte belogen und mit denselben fadenscheinigen Argumenten verhindert, dass die tatsächlichen Schäden öffentlich wurden. Heute weiss eigentlich jeder, dass Rauchen der Gesundheit schadet. Die deletären Wirkungen noch so geringer radioaktiver Strahlung auf Mensch und Tier ist seit den Untersuchungen von Hiroshima und Nagasaki hinlänglich bekannt und x-fach wissenschaftlich erwiesen.16 Es gibt also keinerlei glaubhafte Argumente dagegen, dass DU-Munition generell aus dem internationalen Waffenarsenal verbannt wird.
1968 wurde der internationale Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV) von den Atommächten USA, Sowjetunion und Grossbritannien initiiert. DU-Munition muss ebenso unter nukleare Waffen eingestuft werden. Diese nuklearen Waffen müssen angesichts der aktuellen, höchst labilen Weltlage definitiv und für alle Nationen verbindlich in einem gemeinsamen Konsens verboten und abgeschafft werden. •
1 Maeda, Akira et al. «The Excessive Use of Weapons and Banned Weapons», Information Clearing House vom 16.10.2015
2 ebenda
3 UNIDIR, Disarmament Forum, Vignard Kerstin et al., Uranium Weapons, October 2008
4 Maeda, Akira et al. «The Excessive Use of Weapons and Banned Weapons», Information Clearing House vom 16.10.2015
5 Taylor, D.M. and Taylor, S.K. 1997, «Environmental Uranium and Human Health», Reviews on Environmental Health, vol. 12, no. 3, pp. 147–157 sowie UNIDIR, Disarmament Forum, Vignard Kerstin et al., Uranium Weapons, October 2008
6 Kaiser, Thomas. «War in Afghanistan – a severe Violation of the UN Charter, Urgent Appeal to the UN Human Rights Council», Güntert, Daniel. «Depleted Uranium – Human Health Effects», 23.6.2008
7 Interview mit RA Dr. Srđjan Aleksić, In: Zeit-Fragen vom 8.7.2025 und in dieser Ausgabe
8 Wright, George. «Ukraine war: US to arm Kyiv with depleted uranium tank shells. The Human Component»
9 ebenda
10 «Israel did not use depleted uranium during conflict with Hizbollah», UN-News vom 8.11.2006
11 Busby, Chris et al.. Research Gate; Evidence of enriched Uranium in guided weapons employed by the Israeli Military in Lebanon in July 2006
12 ICBUW-International Coalition to Ban Uranium Weapons. www.icbuw.org, Allegations of Depleted Uranium Use in Gaza, 4.9.2024
13 «Israel attacks on Gaza: The weapons and scale of destruction»; https://www.aljazeera.com/news/longform/2023/11/9/israel-attacks-on-gaza-weapons-and-scale-of-destruction
14 Yakoota, Al Ahmad; Anadolu, Ajansi. Israel used internationally banned bombs in Lebanon-Syndicat of Chemists, 6.10.2024
15 ebenda
16 Health Effects of Depleted Uranium, The International Coalition Ban Uranium Weapons, October 2004
Obwohl hochgiftig und radioaktiv strahlend, ist Uran-Munition ein gängiger Bestandteil US-amerikanischer Kriegszüge. Seit dem Golf-Krieg 1991 setzt die US-Armee unter stillschweigender Duldung der Nato-Verbündeten urangehärtete Munition, Bomben und Granaten ein. Im Kosovo ebenso wie in Bosnien und Serbien, in Kuwait, Afghanistan, in Libanon, in Somalia, im Irak und in Syrien.
Hergestellt werden die Geschosse aus abgereichertem Uran 238, einem Abfallprodukt der Atomindustrie, das in der Produktion kaum Kosten verursacht. Im Englischen lautet die Bezeichnung Depleted Uranium (DU). Bei den Militärs ist DU dank seiner extrem hohen Dichte beliebt, auf Grund derer die Projektile durch Stahlbeton und die Wände von Panzern dringen können.
Wenn Uran-Geschosse ihr Ziel treffen, verbrennt das verwendete abgereicherte Uran zu winzigsten Partikeln. Dieser «Todesstaub» kann eingeatmet in alle Organe gelangen, weil er hundertmal kleiner ist als rote Blutkörperchen und so auch die Mutter-Kind-Schranke überwindet. Die Uran-Teilchen verseuchen im Irak und überall dort, wo diese Waffen bisher eingesetzt wurden, zudem den Boden, die Luft und das Wasser. Sie verursachen Krebs. Viele Generationen werden über Jahrhunderte geschädigt, weil sich ihr genetischer Code verändert.
Der Dokumentarfilmer und Autor Frieder Wagner hat in den Kinderkrankenhäusern des Irak Bilder des Schreckens gesehen und aufgenommen. In seinen Filmen «Deadly Dust – Todesstaub» (2007) und «Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra» (2003) berichtet er über die Vertuschungsstrategie der Militärs, der Industrie und von Regierungen, aber auch jener der Medien und der Politik. Seine jahrelange Beschäftigung mit dem Thema führte ihn zu den verseuchten Kriegsschauplätzen, wo er gemeinsam mit dem deutschen Arzt Siegwart-Horst Günther (1925–2015) wichtige Fakten zutage förderte.
Frieder Wagner, geboren 1942, ist deutscher Journalist und Filmemacher. Für seine Fernseharbeiten wurde er mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Seit 1982 stellt er in Personalunion als Autor, Kameramann und Regisseur eigene Fernsehdokumentationen für ARD und ZDF her. Seine für die WDR-Reihe «Die Story» gedrehte Dokumentation «Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra» über die Folgen des Einsatzes der Uran-Munition erhielt 2004 den Europäischen Fernsehpreis.
Promedia Verlag Wien 2019;
ISBN 978-3-85371-452-2
(aus der Verlagsankündigung)
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