von Eliane Perret
1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, schrieb die amerikanische Komponistin Katherine Kennicott Davis ein Weihnachtslied mit dem Titel «The Little Drummer Boy». Der Ursprung des Liedes gehört wohl zu den Geheimnissen der Weihnachtszeit, denn es werden Hajej, nynej aus Tschechien oder Patapan aus Frankreich als wenig bekannte Musen von Davis erwähnt. «Der kleine Trommler» (wie es auf Deutsch heisst) ist ein Lied des Friedens für alle Menschen auf der Welt. Es wird seit langer Zeit von vielen Kinderchören und Künstlern in unterschiedlichen Versionen interpretiert und aufgeführt.1
Mehr als sechzig Jahre später gestaltete die britische Kinderbuchautorin Bernadette (Watts) mit dieser Geschichte ein Bilderbuch und illustrierte es mit feinen Zeichnungen. Es schildert das Leben eines Waisenjungen, der in grosser Armut lebt. Nur dank der mildtätigen Gaben, die er erhält, wenn er auf seiner kleinen Trommel spielt, kann er seinen schwierigen Alltag bewältigen. Als er von der Geburt des Christkindes hört, würde er gerne mit vielen Menschen, den Königen und den Hirten, mitgehen, die es mit reichhaltigen Gaben ehren wollen. Doch er besitzt nichts, das er sich als Geschenk vorstellen kann. Er hat lediglich seine kleine Trommel. Doch gerade damit kann er, nachdem ihm ein Stern den Weg zur Krippe gezeigt hat, dem Neugeborenen seine Trommelwirbel als Geschenk darbieten.2
«Möge Gott Freude und Lachen
in unser Zuhause zurückbringen»
Dieser tiefe Wunsch der Menschen, in Frieden zusammenzuleben, der dem Lied des kleinen Trommlers zugrunde liegt, bleibt leider bis heute für viele Menschen ein unerfüllter Traum. Millionen von Kindern, Frauen und Männern auf der ganzen Welt leben nach wie vor in grosser Angst, Unsicherheit und Bedrohung. Gewalt und Tod gehören zu ihrem Alltag. Internationale Regelungen, die Ungerechtigkeit und Krieg verhindern sollen, scheinen für sie keine Gültigkeit zu haben, auch für die Menschen in Gaza und in der Westbank. Seit Jahrzehnten sind sie Opfer von willkürlicher Demütigung, Entrechtung und Gewalt.
Auch in den Jahren von 2008 bis 2014, als erneut drei Kriege die Zivilbevölkerung ins Visier nahmen: Ramzi-al-Far war sieben Jahre alt, als der erste dieser Kriege ausbrach. Als die israelische Armee von Juli bis August 2014 seine Heimat in einer Offensive ein drittes Mal angriff, besuchte er das Eduard-Said-Nationalkonservatorium für Musik (ESNCM) in Gaza-Stadt. Die Luft- und Bodenangriffe führten zu einer unvorstellbaren Zerstörung. Tausende Wohnhäuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen und die ganze zivile Infrastruktur schwer beschädigt. Dieser dritte Gaza-Krieg dauerte 51 Tage und kostete über 2100 Palästinensern das Leben, nahezu 80% der Getöteten waren Zivilisten, darunter über 500 Kinder. Über 100 000 Menschen verloren ihr Zuhause und wurden aus dem Gaza-Streifen vertrieben, ganze Stadtteile lagen nach den intensiven Bombardements in Trümmern.3
Auch für Ramzi-al-Far und seine Familie ging es einmal mehr ums Überleben. Ramzi hatte mittlerweile zusammen mit vier jungen Musikern zwischen 12 und 16 Jahren das Al-Takht-al-Sharqi-Orchesters (Das arabische Orchester) gegründet. Sie alle waren in Gaza geboren und stammten aus Familien mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund. Am ESNCM erhielten sie die Möglichkeit, unentgeltlich sowohl nahöstliche als auch westliche Musik zu studieren. Sie nahmen ihre Chance wahr, und harte Arbeit führte sie zu herausragenden Leistungen (trotz ihres Alltags inmitten israelischer Bombenangriffe). Das Konservatorium war für sie ein Zufluchtsort, ein Ort, an dem sie ihre Freude an der Musik leben konnten. Eine schwierige Zeit, wie Ramzi-al-Far, der 13jährige Tabla-Spieler berichtete: «Ich habe früher im Haus gespielt, um den Lärm der Bombardierungen zu übertönen. Aber es hat nichts genützt, die Bombardierungen sind lauter als die Musik.»
Saleh al-Najjar, Direktor und Gründer des ESNCM, wusste um die Bedeutung seiner Schule und der Musik für Ramzi und seine Freunde: «Wenn sie gut unterrichtet werden und gut spielen, gibt das ihnen Selbstvertrauen. Musik ist wichtig im Leben jedes Menschen, besonders in Gaza. Das Leben unserer Kinder ist sehr hart, es gibt keinen Ort, an dem sie sich frei entfalten können, keinen Ort, an dem sie ihren Neigungen nachgehen können.»
Ramzis Schule wurde immer wieder geschlossen, und er musste wie viele andere Kinder zu Hause mit der Angst und den traumatisierenden Bildern seiner zerstörten Stadt fertig werden. Doch gab er nicht auf, so auch bei einem Lichtblick in der schwierigen Zeit: Seine fünfköpfige Band nutzte eine kurze Waffenruhe im dritten Gaza-Krieg und drehte ein Vorspielvideo, um am 27. Februar 2015 an einem Gesangswettbewerb in Beirut teilnehmen zu können. Die jungen Musiker nahmen viel auf sich, bis sie nach mehreren vergeblichen Versuchen schliesslich über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten einreisen konnten. Sie mussten eine Nacht im Flughafen Kairo verbringen, dann flogen sie nach Beirut, wo der Wettbewerb stattfinden sollte. Sie wollten ein Lied des libanesischen Komponisten Wadih Al-Safi vortragen. «Möge Gott Freude und Lachen in unser Zuhause zurückbringen», hiess es. Sie gaben alles und ihre Botschaft berührte nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Juroren, die ihnen mit der Vergabe des «goldenen Buzzers» den direkten Zugang ins Halbfinale ermöglichten.4
Obwohl die Musikgruppe letztlich das Finale nicht erreichte, errangen sie die Aufmerksamkeit vieler Menschen, die das Video ihres Auftritts über neun Millionen Mal herunterluden. Eine in Dubai lebende palästinensisch-jordanische Mutter zweier Kinder schrieb betroffen: «Mitten im Krieg sangen sie. Inmitten all des Todes und des Leids gaben sie nicht auf und waren entschlossen, ihren Traum zu verwirklichen. So viele andere Kinder aus Gaza konnten noch nicht weggehen. So viele wunderbare, begabte Kinder wurden getötet, bevor sie die Chance dazu bekamen. Aber ich bin froh, dass es wenigstens diesen Kindern gelungen ist.»5 Ramzi-al-Far und seine Musikgruppe als Botschafter des Friedens – wurden sie gehört?
Ich bin geboren,
um zu leben,
nicht um zu sterben
Weihnachtszeit 2023: Das Lied des kleinen Trommlers wurde auch von den Kindern der in der Westbank ansässigen Ramallah Friends School6 gesungen und über YouTube verbreitet.7 Sie hatten es angesichts der sich in Gaza dramatisch zuspitzenden Situation umgeschrieben. «Die Kinder von Gaza sterben durch den Krieg. Und die Welt steht daneben und schaut zu. Sie kann sehen, will aber nicht hören. Sie hört, spricht aber nicht. […] Ich bin ein Kind, geboren, um zu leben, nicht um zu sterben», singen sie (siehe Kasten). Sie richteten ihren Appell an die Welt, verbunden mit der Zuversicht, dass ihr Aufruf für Frieden und Gerechtigkeit Wirkung zeigen und ein Netz der Hoffnung entstehen werde, das Grenzen überschreitet. Wurden sie gehört?
Warum gelten humanitäre Gesetze
für manche Kinder, aber nicht für uns?
Die humanitäre Situation der Menschen in Gaza und in der Westbank verschlechterte sich seit 2023 dramatisch. Sämtliche menschen- und völkerrechtlichen Grundlagen wurden von Israel und seinen Unterstützern übergangen. Deshalb richteten am 21. November 2023 die Schüler der Ramallah Friends School einen eindringlichen Brief an die Mitglieder des US-Kongresses, verbunden mit der Frage: Warum werden unsere Stimmen nicht gehört, und warum gelten humanitäre Gesetze für manche Kinder, aber nicht für uns?
Sehr geehrte Mitglieder des Kongresses
Als Schüler der Ramallah Friends School wenden wir uns mit schwerem Herzen an Sie angesichts der verheerenden Ereignisse, insbesondere im Gaza-Streifen, wo Zivilisten und Kinder am stärksten unter dem katastrophalen Völkermord leiden. Die jüngste Eskalation der Gewalt im Westjordanland verschärft unsere Lage als Kinder zusätzlich.
Wir schreiben Ihnen als Stimme der nächsten Generation, als unschuldige Seelen, die in diesem Chaos gefangen sind, in der Hoffnung, dass Sie unseren Brief lesen und ihn ernst nehmen. Erst vor zwei Wochen wurde in der Nähe unserer Schule ein 14jähriger Junge erschossen, als die israelische Armee in die Stadt einmarschierte. Dies hat unsere Angst angesichts dieser unerwarteten und erschütternden Ereignisse noch verstärkt. Viele von uns haben zudem mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, auf Grund von Blockaden in unseren Gebieten zur Schule zu kommen, und leben in ständiger Angst vor Angriffen von Siedlern auf den Schulwegen.
Der Völkermord im Gaza-Streifen hat über 11000 Menschenleben gefordert, darunter fast 5000 Kinder. Darüber hinaus wurden rund 625000 Schülerinnen und Schüler, unsere Altersgenossen, des Zugangs zu Bildung, grundlegenden Bedürfnissen und lebensnotwendigen Gütern wie Wasser und Nahrung beraubt.
Die Kinder im Gaza-Streifen leiden nicht nur unter dem Mangel an Bildungschancen, sondern auch unter der harten Realität, ohne Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen auszukommen. Ihre Angst ist tiefgreifend: Sie fürchten um ihr Leben und den möglichen Verlust ihrer Eltern, der sie allein und in Gefahr zurücklassen würde.
Mit tiefster Dringlichkeit appellieren wir an Sie, einem Waffenstillstand höchste Priorität einzuräumen, um das Leben unschuldiger Kinder zu schützen und ihren Zugang zu Wasser, Nahrung und Bildung zu sichern. Wir fragen uns, warum unsere Stimmen ungehört bleiben und warum humanitäre Gesetze für manche Kinder gelten, nicht aber für uns. Ist Kindheit nicht ein Begriff für alle, oder sind wir keine Kinder? Ist es zu rechtfertigen, dass wir unter Besatzung leben, in ständiger Angst leben und von der beunruhigenden Präsenz der Siedler in unseren Träumen heimgesucht werden?
Im Einklang mit den Grundprinzipien unserer Quäkerschule, die auf den Werten Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit beruhen, bitten wir Sie eindringlich um Ihre Unterstützung bei der Bewältigung dieser wichtigen Fragen. Wir wenden uns an Sie, die Mitglieder des Kongresses, in der Hoffnung auf ein tieferes Verständnis und wirksame Massnahmen in diesen Angelegenheiten, die unsere jungen Menschen sehr bewegen.
In Frieden,
die Schüler der Ramallah Friends School8
Wer hat sie gehört und ernstgenommen?
Wir haben Ohren, um zu hören,
Augen um zu sehen
und Herzen um zu fühlen
Deshalb können wir wissen, dass in den letzten zwei Jahren durch die Militärschläge Israels in Gaza und in der Westbank mehr als 80 000 Menschen getötet wurden, die meisten von ihnen Zivilisten. Tausende liegen noch unter den Schuttmassen zerstörter Häuser. Überlebenswichtige Einrichtungen, Spitäler, Schulen sind zerstört. Das Land, in dem die palästinensische Bevölkerung seit Generationen lebt, ist heute ein Trümmerhaufen. Es fällt schwer, zuversichtlich zu sein angesichts der über 500 Verstösse der israelischen Armee gegen den Waffenstillstand. Dabei sind wieder mehrere hundert Palästinenser getötet worden, unschuldige Frauen, Kinder und Männer. Die noch Ausharrenden warten auf die dringend notwendige humanitäre Hilfe, die nur schleppend zugelassen wird. Ein Friedensplan wurde zwar initiiert, ob er glückt, ist offen, denn ein glaubwürdiger und dauerhafter Frieden kann dann gelingen, wenn er auf völker- und menschenrechtlichen Grundlagen basiert.
«Die Kriegsregeln sind eines der wirkungsvollsten Instrumente derer, die sich für das Leben, für Sicherheit und Menschenwürde und damit letztlich für den Frieden einsetzen. Die Missachtung dieser Regeln erschüttert die Grundfesten der Menschlichkeit», mahnt eindringlich die Präsidentin des IKRK Mirjana Spoljaric.9 Darüber müssen wir nachdenken. Zuversichtlicher stimmt deshalb, dass immer mehr Menschen auf der ganzen Welt ihre Ohren und Augen nicht mehr verschliessen und das Grauen mit ihrem Herzen nachfühlen, auch wenn sie Entbehrungen und das jahrzehntelange Unrecht seit der Nabka nicht ungeschehen machen können. Auf sie zählen Rezi und seine Freunde und die Kinder der Ramallah Friends School! •
1 https://de.wikipedia.org/wiki/Little_Drummer_Boy
2 Bernadette. Der kleine Trommler. NordSüdVerlag Zürich 2018/2023
3 vgl. Wyss, Kurt O. Die gewaltsame amerikanisch-israelische «Neuordnung» des Vorderen Orients. Lery-Verlag Bern 2022. S. 119–142.
4 «Cinq jeunes musiciens de Gaza embrassent le monde arabe». https://www.france-palestine.org/Cinq-jeunes-musiciens-de-Gaza-embrasent-le-monde-arabe
5 Al Takht Al Sharqi – Young Gaza Musicians. (https://arabhyphen.wordpress.com/2015/03/03/al-takht-al-sharqi-young-gaza-musicians/)
6 Die Ramallah Friends School ist eine seit 1889 in der Westbank ansässige Quäkerschule. Die Schule hatte im Laufe ihrer langen Geschichte auch als medizinische Einrichtung und Unterkunft für Flüchtlinge sowie als Zentrum für Vorträge, Gemeinschaftsveranstaltungen, Konzerte und vieles mehr gedient.
7 www.youtube.com/watch?v=ZsEbIVJy0Gg
8 https://www.fcnl.org/updates/2023-11/ramallah-friends-school-students-congress-prioritize-ceasefire-protect-childrens; Das Friends Committee on National Legislation, der FCNL Education Fund und Friends Place on Capitol Hill sind nationale, gemeinnützige und überparteiliche Quäkerorganisationen, die gemeinsam daran arbeiten, Frieden, Gerechtigkeit und Umweltschutz zu fördern.
9 Spoljaric, Mirjana. Die zunehmende Banalisierung des Unerträglichen. In: IKRK. In Aktion. Gemeinsam an ihrer Seite. Dezember 2025 (Auszug aus der Erklärung der Präsidentin des IKRK am 22. September 2025 im Vorfeld der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York)
Seht euch die weinenden Kinder von Gaza an.
Die Kinder von Gaza sterben durch den Krieg.
Und die Welt steht daneben und schaut zu.
Sie kann sehen, will aber nicht hören.
Sie hört, spricht aber nicht.
Die Gerechtigkeit in dieser Welt ist herzlos und schweigt.
Wann kann ich von einer Welt ohne Angst träumen, in der wir keine Waffen hören?
Oder keine Angst haben müssen, bombardiert zu werden?
Ich bin ein Kind, geboren, um zu leben, nicht um zu sterben.
NICHT UM ZU STERBEN, NICHT UM ZU STERBEN,
Gaza ruft, meine Kinder.
Wir wollen Liebe, Leben und Gerechtigkeit
Wir werden es mit unseren eigenen Händen schaffen, egal, was passiert.
Wir werden unser Land nach der Zerstörung wieder aufbauen
Haus für Haus, wir sind entschlossen
Gaza ist stark, egal was passiert.
WIR SIND ENTSCHLOSSEN!
Oh Himmel, lass es Sicherheit und Frieden schneien.
(The Little Drummer Boy, umgeschrieben und gesungen von den Kindern der Ramallah Friends School;
Quelle: https://swisscows.com/de/video?query=Ramallah+Friends+school+the+little+drummerboy&_=1766401184295; Übersetzung Zeit-Fragen)
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