Die Jugend will im Frieden leben

Schüler in Deutschland demonstrieren gegen Wehrpflicht und Krieg

von Karl-Jürgen Müller

Am 5. Dezember haben in rund 90 deutschen Städten Zehntausende Schüler gegen eine Wehrpflicht und gegen den Krieg demonstriert. Am selben Tag hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz zum Wehrdienst beschlossen, das in Richtung Wehrpflicht geht und die Anliegen der Schüler übergeht.

Viele deutsche Medien haben über die Demonstrationen berichtet. Oft wurden kurze Ausschnitte von Schüleräusserungen zitiert. Diese Zitate und die im Internet zu findenden Videos mit verschiedenen Schüler-Stellungnahmen, aber auch der Blick auf die vielen Plakate der Schüler zeigen: Die Demonstrationen wurden zwar koordiniert, und es waren auch Parteiparolen zu hören und zu sehen.Mehrheitlich nahmen aber selbst denkende, nicht organisierte junge Menschen teil und kamen auch zu Wort. Mikrofone wurden herumgereicht, und jeder, der etwas sagen wollte, konnte dies. Die Aussagen waren wohltuend wenig ausgefeilt und elaboriert.
  In Nordrhein-Westfalen hat sich auch die Schülervertretung des Bundeslandes zu Wort gemeldet – mit einer Stellungnahme, die ich mir von deutschen Politikern wünschen würde. Sie kritisiert die sicherheitspolitische Ausrichtung der Bundesregierung, warnt vor «zunehmenden Angriffen auf Demokratie und Gesellschaft» und sieht in einer «überhöhten Darstellung einer russischen Bedrohung eine Form medialer Manipulation, die gesellschaftliche Angst schürt und militärische Massnahmen rechtfertigen soll».1 [Hervorhebungen km]
  Kanzler Friedrich Merz gab mit seiner Rede auf dem CSU-Parteitag am 13. Dezember ein Beispiel dafür. Tatsachenwidrig malte er erneut eine russische Bedrohung an die Wand: Russland wolle die Sowjetunion in ihren alten Grenzen (gewaltsam) wiederherstellen. Ein Frieden in der Ukraine, der russische Interessen achte, sei wie ein neues «Münchner Abkommen» aus dem Jahr 1938. Deutschland gebe der Jugend «viele Möglichkeiten […], aber dann wollen wir von euch auch einen Beitrag haben, […] das machen wir jetzt auf der Basis der Freiwilligkeit, und wenn nötig, machen wir es noch in dieser Wahlperiode auf der Basis einer Verpflichtung». 
  Andere Politiker hatten versucht, sich bei den Schülern einzuschmeicheln. Den Vogel dabei schoss Boris Pistorius ab. Tagesschau.de schrieb am 5. Dezember: «Verteidigungsminister Boris Pistorius selber nahm in seiner Bundestagsrede keinen Anstoss an den Streiks. Er bezeichnete diese als ‹grossartig›. Sie zeigten das Interesse und Engagement der Schülerinnen und Schüler – und dass sie ‹wissen, worum es geht›.» Pistorius ist der Minister, der ganz vorne dabei ist, Deutschland «kriegstüchtig» zu machen und die Wehrpflicht wieder einzuführen.
  Die deutschen NachDenkSeiten veröffentlichten am 5. Dezember einen längeren Text eines etwa 30 Jahre jungen Mannes, der zur Wehrpflicht Stellung nahm (siehe Kasten). Ich finde diesen Text sehr lesenswert und habe mich auch über die Demonstrationen gefreut. Mag sein, dass die Schüler, die am Morgen des 5. Dezember dem Unterricht fernblieben, gegen Schulordnungen verstossen haben.
  Ich musste aber auch an Wolfgang Borchert denken.
  Seine Kurzgeschichte «An diesem Dienstag» leitete er mit der Schilderung einer Schulstunde während des Sterbens im Krieg ein: 

«An diesem Dienstag
  übten sie in der Schule die grossen Buchstaben. Die Lehrerin hatte eine Brille mit dicken Gläsern. Die hatten keinen Rand. Sie waren so dick, dass die Augen ganz leise aussahen.
  Zweiundvierzig Mädchen sassen vor der schwarzen Tafel und schrieben mit grossen Buchstaben:
  DER ALTE FRITZ HATTE EINEN TRINKBECHER AUS BLECH. DIE DICKE BERTA SCHOSS BIS PARIS. IM KRIEGE SIND ALLE VÄTER SOLDAT.
  Ulla kam mit der Zungenspitze bis an die Nase. Da stiess die Lehrerin sie an. Du hast Krieg mit ch geschrieben, Ulla. Krieg wird mit g geschrieben. G wie Grube. Wie oft habe ich das schon gesagt. Die Lehrerin nahm ein Buch und machte einen Haken hinter Ullas Namen. Zu morgen schreibst du den Satz zehnmal ab, schön sauber, verstehst du? Ja, sagte Ulla und dachte: Die mit ihrer Brille.»

Worauf also kommt es an?
  Oder sollen die heutigen jungen Menschen warten, bis nach einem erneuten grossen Krieg wieder die Stimmen der jungen Opfer des Krieges gelesen werden müssen – wie schon nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg: «Im Westen nichts Neues»2, «Kriegsbriefe gefallener Studenten»3 oder die Erinnerungen eines jungen deutschen Soldaten an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunionen in den Jahren 1941–1945: «Mir selber seltsam fremd»4.
  Eine Koordinierungsstelle der Schülerproteste hat im Internet5 angekündigt, dass die landesweiten Demonstrationen am 5. März 2026 fortgesetzt werden sollen. 
  Zu lesen ist hier auch: 

«Die Wehrpflicht soll wieder eingeführt werden. Zunächst als ‹freiwilliger Wehrdienst›, doch schon jetzt steht fest: Wenn sich nicht genug von uns melden, soll erst das Los entscheiden und dann kommt die Pflicht für alle. Es heisst, wir sollen für Deutschland Krieg führen können.
  Doch was ist mit unserem Recht, in Frieden zu leben und selbst zu entscheiden, wie wir unser Leben führen wollen? Was ist mit Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes, nach welchem niemand zum Dienst an der Waffe gezwungen werden darf? Wir wollen nicht ein halbes Jahr unseres Lebens in Kasernen eingesperrt sein, zu Drill und Gehorsam erzogen werden und töten lernen. Krieg ist keine Zukunftsperspektive und zerstört unsere Lebensgrundlage.
  Egal ob Nachrichten oder Talkshows – fast alle reden und diskutieren darüber. Politiker_innen, die Bundeswehr oder irgendwelche Moderator_innen argumentieren, wie wir die Wehrpflicht wieder einführen sollten. 
  Aber niemand redet mit uns.
  Niemand fragt uns, was wir wollen.
  Niemand will wissen, was wir dazu denken.
  Dabei sind wir die Betroffenen! Es sind unsere Leben, über die sie diskutieren und bestimmen wollen! Deswegen zwingen wir sie uns zuzuhören, warum wir gegen die Wehrpflicht sind!»

Immer wieder hat es junge Menschen gegeben, die eine besondere Sensibilität für Recht und Unrecht hatten. In einer Zeit des Krieges und der puren Machtpolitik – nur noch für die eigenen «Interessen» und nicht mehr für das Wohl aller Menschen –, in der die Mächtigen und die «Gescheiten» der Welt jedes Gespür für Recht und Unrecht verlieren, Macht vor Recht geht und dies auch noch propagandistisch verbrämt wird, zum Beispiel als «Realpolitik», ist diese Sensibilität ein wertvoller Schatz.
  Junge Menschen dabei zu unterstützen, ihrer Sensibilität für Recht und Unrecht zu folgen und sich dabei nicht beirren zu lassen, ist eine grosse Aufgabe. •



1 zitiert nach https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/wdr-schulstreik-gegen-wehrdienst-aenderungen-demos-am-freitag-in-nrw-100.html vom 5.12.2025
2 Remarques, Erich Maria. Im Westen nichts Neues, Erstauflage 1929
3 Witkop, Philipp (Hg.). Kriegsbriefe gefallener Studenten. Mit einem Vorwort von Wolfgang Helbich, Weltbild-Verlag 2013
4 Schmitz, Stefan (Hg.). Willy Peter Reese. Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941–44, Claasen-Verlag 2003
5 https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/

Was kommt danach?

von Nicolas Riedl

Und dann? Was kommt danach? Danach, nachdem alle ab 18jährigen bei der Musterung waren? Nachdem man die «Human Resources» nach Kampfkraft-Kriterien ausgemustert oder für tauglich befunden hat? Dann … sind wir wohl in zwei bis drei Jahren kriegstüchtig.
  Und dann? Was kommt danach? Eine aktuelle Plakat-Kampagne der Bundeswehr, die sich ausnimmt, als hätte Orwell sie persönlich verfasst, listet anlässlich des 70. Geburtstages der Bundeswehr [im Jahr 2025] 70 Gründe für selbige auf. Mehrere Male wird hier der wie auch immer geartete Frieden als Sales-Pitch [eine Verkaufsbotschaft, die überzeugen soll] für den Krieg verwendet. Man solle sich also schwer bewaffnet der grössten Friedensbewegung – so die neueste Selbstbeschreibung der Bundeswehr – anschliessen und … ja … und dann?
  Was käme bei einem sogenannten Spannungsfall? Der vielleicht dann ausgerufen wird, wenn sich wieder eine Media-Markt-Drohne in das Umfeld eines Flughafens verirrt. Und dann? Dürfte man dann in der Öffentlichkeit noch Kritik an der Armee äussern? Oder fiele das schon unter Paragraph 89 Strafgesetzbuch [«Verfassungsfeindliche Einwirkung auf Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane»]? Kämpft dann die Bundeswehr immer noch dafür, dass ich gegen sie sein darf? So, wie es eines der 70 Plakate verspricht. Ich frage natürlich für einen Freund.
  Nun angenommen, wir hätten dann diesen Spannungsfall und das ganze Land schaltet auf Krieg um … ja … und dann?
  Kommt dann der Frieden? Irgendwann? Ist das dann die dunkelste Stunde, bevor es heller wird? Aber wann genau soll dann dieser Frieden kommen? Und vor allen Dingen – wie? Indem junge Männer … und auch Frauen … die jungen Männer und jungen Frauen einer anderen Nation erschiessen, wegbomben und wegsnipen? Genauer gesagt, junge Russinnen und junge Russen. Mal angenommen, unsere uniformierten und bewaffneten Friedensbewegten täten dies. Mal angenommen, sie würden die Visionen Wirklichkeit werden lassen, Russland niederzuringen. Dann frage ich noch einmal: und dann?
  Was kommt danach? Was käme danach? Ich spreche mal lieber im Konjunktiv. Hätten wir dann Frieden? Liegt der Schlüssel zum Frieden in einem zerbombten Russland? In einem Russland, in welchem zum wiederholten Male jede Familie mindestens einen Toten zu beklagen hätte? Mal angenommen, dies wäre das vollbrachte Werk der Bundesfriedensbewegung, ein niedergerungenes Russland, in welchem Putin entmachtet oder gar direkt getötet wurde – dann stellt sich wieder die Frage: und dann?
  Leben wir dann in Frieden? Leben wir dann in guter Nachbarschaft mit diesem riesigen Land, welches um seinen teuflischen Anführer erleichtert wurde? Werden wir die Gewissheit haben, dass die Hinterbliebenen der getöteten Russen nicht nach Rache sinnen werden, dass sie keinen Hass auf Deutsche, auf den Westen allgemein haben werden? Werden wir die Gewissheit haben, dass sich in diesem Falle kein Machtvakuum in Russland bildet und das Land nicht in den chaotischen Zustand der neunziger Jahre zurückfällt?
  Und dann? … Dann stelle ich mir die Frage, wie es dann vor unserer eigenen Haustüre aussehen würde. Hätten wir dann die Freiheit wieder, die es laut der Bundeswehr nicht zum Nulltarif gäbe? Und welche Freiheit genau? Die Freiheit, die wir alle zwischen 2020 und 2022 geniessen durften? Als es einem nicht einmal gestattet war, allein auf einer Parkbank sitzend ein Buch zu lesen? Ist es diese Freiheit, die es zu verteidigen gilt? Dann bin ich ehrlich gesagt lieber ein echter Held – so ein echter Held, wie ihn die Bundesregierung 2020 skizziert hat: ein echter Held, der zu Hause bleibt. Auf dem Sofa. Von dort aus kann ich, nach dem erfolgten Krieg, aus dem Fenster sehen, wenn unsere Soldatinnen und Soldaten zurückkehren, unsere Friedensbewegten. Die Friedensbewegten, die nach ihrer Friedensbewegung, ihrer Friedensmarschbewegung nicht mehr ganz so beweglich sein dürften – ich meine … ohne Beine und so. Da ist das mit der Bewegung, der Beweglichkeit im allgemeinen eher schwierig. Die Älteren kennen das noch – den Anblick von versehrten und verkrüppelten Menschen aus dem Krieg, die sich in den Strassen mit abgetrennten Gliedmassen entlang bewegen. Wenn wir diesen Anblick wieder allgegenwärtig haben, dann können wir noch einmal darüber sprechen … über Hashtag Stadtbild. Vorausgesetzt natürlich, dass es dann noch so etwas wie eine Stadt gibt, denn – kurzer Reminder – Russland ist eine Atommacht. Und bräche ein Atomkrieg aus, dann … nun ja … dann gibt es kein «dann» mehr, nach dem ich hier fragen könnte.
  Aber selbst wenn keine einzige Atombombe ihren Hangar verlassen und der Krieg rein konventionell geführt werden würde … ja … und dann? Wie soll es dann einen Frieden geben, wenn die GenerationZ körperlich und seelisch in einen Zustand versetzt wird, der dem der Kriegsgeneration ähnlich ist? Wie soll dann Frieden entstehen, wenn dieser Teufelskreis von vorne beginnt? Der Teufelskreis, an dessen Anfang kriegstraumatisierte Mütter und Väter stehen, die abermals für ihre Kinder emotional abwesend sind und ihnen gegenüber sogar gewalttätig werden? Die Generation der Baby-Boomer kann davon ein trauriges Lied singen, das Klatschen der Ohrfeige ist dabei die Snare Drum.
  Welche Zukunftsvision schwebt also all jenen vor, die gerade so inbrünstig nach Kriegstüchtigkeit schreien?
  Die Antwort auf diese Frage ist ganz schlicht. Diese Menschen haben keine Visionen, keine Antwort auf die Frage, die da lautet: und dann? Sie haben keine Ideen, keine Entwürfe, nicht einmal Skizzen für eine lebenswerte Welt. Es ist diese Kriegsbesoffenheit, die keinen Gedanken an den Morgen danach zulässt. Der Fokus zielt darauf, einen Geist aus der Flasche zu lassen, der sich schwerstmöglich und erst nach vielen Jahren wieder einfangen lässt.
  All das, wofür Menschen ihr Leben riskieren sollen, ist eine einzige Farce. Vorgeblich ist es nämlich der Kampf für ein vermeintlich wohlhabendes und freies Land, in dem jedoch Brücken einstürzen, Rentner Pfandflaschen sammeln und Kritiker Bademäntel brauchen. 1999 sinnierte der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark in einem Interview mit der «Washington Post»: «Ich meine, was, wenn wir eines Tages feststellen, dass Amerika nur noch ein Land voller Imbissbuden ist? Was haben wir dann zu verteidigen?» Dieser Gedanke lässt sich mittelfristig oder sogar schon heute auf Deutschland übertragen.
  Die Verquickung zwischen Hochfinanz und politischen Ämtern ist so offenkundig wie noch nie und der Ausverkauf in vollem Gange. Wer sich vor diesem Hintergrund immer noch bemüssigt fühlt, das zu tun, was wirklich zählt – bitte schön! Man solle sich dabei nur über eine Sache im klaren sein: Man kämpft hier nicht für die BRD, für die Bundesrepublik Deutschland. Nein. Man kämpft allenfalls für das BRD – für das Black Rock Deutschland.
  Und dann?

Erstveröffentlichung als Podcast bei Radio München:
https://www.radiomuenchen.net/de/podcast-archiv/radiomuenchen-themen/2013-04-04-17-32-41/2994-und-dann-von-nicolas-riedl.html;
Übernahme als Schrifttext: https://www.nachdenkseiten.de/?p=143175

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