Die Welt und die Menschen terrorisieren

Eine neue Doktrin etabliert sich: eine neue Ära der erzwungenen Dominanz

von Alastair Crooke*

zf. Der schon Anfang Oktober erschienene Artikel von Alastair Crooke nahm vorweg, was für immer mehr unvoreingenommene Beobachter offenbar wird: Für Grossmächte wie die USA, aber auch für regionale Mächte wie Israel, soll Macht vor Recht gehen. Das beweist die israelische Terrorisierung der Palästinenser im Gaza-Streifen und im Westjordanland, das beweisen die neue US-amerikanische Sicherheitsstrategie und der gewalttätige Griff nach Südamerika. Dass auch die EU ihre proklamierte Rechtsstaatlichkeit missachtet, wird ebenso unübersehbar. Alles Beispiele für die Zerstörung des internationalen Regelwerkes auf der Grundlage völkerrechtlicher Prinzipien, so wie sie 1945 in der Charta der Vereinten Nationen – nach den Greueln zweier Weltkriege – beschlossen worden waren.

Im Westen vollziehen sich schleichende, gewaltige Veränderungen. Eine neue politische Doktrin hat sich etabliert: Das westliche konservative (und jüngere) populistische Denken wird zu etwas Härterem, Gemeinerem und weit weniger Sentimentalem oder Tolerantem umgestaltet. Es strebt danach, sich bewusst und radikal als «dominant» zu präsentieren. Es wirft Teile der bestehenden Ordnung in die Luft, um zu sehen, ob sie auf eine für die USA vorteilhafte Weise (d.h. höhere Einnahmen durch Tributzahlungen)1 landen können.
  Der sogenannte Blueprint (die Vorlage) für eine regelbasierte Ordnung (falls es ihn jemals wirklich gegeben hat, abgesehen von der Erzählung darüber) wurde zerrissen. Heute herrscht Krieg ohne Grenzen – ohne Regeln, ohne Gesetze und in völliger Missachtung der UN-Charta. Ethische Grenzen werden in Teilen des Westens als «schwacher», «moralischer Relativismus» abgetan. Es geht darum, die Gegner fassungslos und wie erstarrt zurückzulassen.

Bewusstes Ignorieren von Regeln

Parallel dazu hat etwas Grundlegendes die Aussenpolitik Israels und der USA neu geprägt: das bewusste Ignorieren von Regeln, um zu schockieren. Schnelles Handeln und Dinge zerstören. In den letzten Monaten hat Israel neben Gaza auch in der Westbank, im Iran, in Syrien, in Libanon, im Jemen, in Katar und in Tunesien militärisch zugeschlagen. Im Juni bombardierten diese beiden Atommächte die Nuklearanlagen eines Unterzeichnerstaates des Atomwaffensperrvertrags unter IAEO-Schutz – den Iran.
  Dieses Phänomen des «schnellen Handelns und Zerstörens» zeigte sich deutlich, als Israel mit Unterstützung der USA am 12. Juni seinen Überraschungsangriff auf den Iran startete. Es zeigte sich auch in der bürokratischen Geschwindigkeit, die viele überraschte, als die «europäischen Drei» (Deutschland, Frankreich, Grossbritannien) als Mitglieder des JCPOA, des «Joint Comprehensive Plan of Action» aus dem Jahr 20152,die «Snapback» Massnahme aller vom JCPOA vorgeschriebenen Sanktionen gegen den Iran umsetzten. Die diplomatischen Bemühungen des Iran wurden gnadenlos beiseitegeschoben.
  Die Einleitung des Sanktions-Snapbacks erfolgte eindeutig überstürzt, um dem bevorstehenden «Auslaufen» des gesamten JCPOA-Rahmens am 18. Oktober 2025 zuvorzukommen – danach wird es das JCPOA, den «Joint Comprehensive Plan of Action», nicht mehr geben.
  Während Russland und China den von den USA orchestrierten Snapback-Trick als illegal, verfahrensrechtlich fehlerhaft und aus ihrer Sicht als einen «Akt» betrachten, der aus rechtlicher Sicht nie hätte stattfinden dürfen, ist die Realität erschreckend. Der Snapback treibt den Iran unaufhaltsam in Richtung eines Ultimatums von den USA und Israel mit dem Ziel, entweder vollständig vor den USA zu kapitulieren oder mit einem überwältigenden militärischen Angriff konfrontiert zu sein.

Abkehr vom «Davoser Konsens»

Diese neue Machtdoktrin ist aus einer Finanzkrise im Westen hervorgegangen – aber da sie aus Verzweiflung entstanden ist, könnte sie durchaus scheitern. Die allgemeine Krise des Westens, die sich in der Opposition gegen das Establishment äussert, ist jedoch nicht, wie viele Progressive oder bürokratische Technokraten glauben, einfach das Ergebnis eines bedauerlichen Aufschwungs «weisser» Gegenwehr.
  Wie Giuliano da Empoli3 in der «Financial Times» geschrieben hat: «Bis vor kurzem verliessen sich Wirtschaftseliten, Finanziers, Unternehmer und Manager grosser Unternehmen auf eine politische Klasse von Technokraten – oder angehenden Technokraten – aus dem rechten und linken Spektrum, die moderat und vernünftig waren und sich mehr oder weniger nicht voneinander unterschieden … und die ihre Länder auf der Grundlage liberaler demokratischer Prinzipien regierten, in Übereinstimmung mit den Regeln des Marktes, manchmal gemildert durch soziale Überlegungen. Das war der Davoser Konsens.»
  Der Zusammenbruch des globalen Liberalismus und seiner Illusionen sowie seiner technokratischen Regierungsstruktur hat – in den Augen der neuen Eliten – lediglich bestätigt, dass die technokratische «Expertenwelt» weder kompetent noch realitätsnah war. Die «Umbrella Strategie»4 der regelbasierten internationalen Ordnung ist also vorbei. Die neue Ära ist eine Ära der erzwungenen Dominanz – sei es durch Israel oder die USA. Im Mittelpunkt dieser Doktrin steht die «Dominanz» Israels, der sich andere logischerweise «unterwerfen» müssen. Dies soll entweder durch finanziellen oder militärischen Druck erreicht werden. Symbolisch dafür steht die Umbenennung des US-Verteidigungsministeriums in «Kriegsministerium».

Die Rolle der US-Technologie-Eliten

«Die neuen amerikanischen Technologie-Eliten, die Musks, Zuckerbergs und Sam Altmans dieser Welt, haben nichts mit den Technokraten von Davos gemeinsam. Ihre Lebensphilosophie basiert nicht auf der kompetenten Verwaltung der bestehenden Ordnung, sondern im Gegenteil auf dem unbändigen Wunsch, alles über den Haufen zu werfen. Ordnung, Besonnenheit und Respekt vor den Regeln – das ist ein Greuel für diejenigen, die sich durch schnelles Handeln und das Zerstören von Strukturen einen Namen gemacht haben», erläutert Empoli.
  Auf Grund ihrer Natur und ihres Hintergrunds ähneln die Tech-Overlords eher nationalistisch-populistischen Führern (den Trumps, den Netanyahus, den Ben Gvirs und Smotrichs) und in anderer Weise der evangelikalen Fraktion (aus der Charlie Kirk hervorgegangen ist) als den gemässigten politischen Klassen von Davos, die sie (alle zusammen) verachten.
  Kirk glaubte, dass seine Berufung von Gott darin bestand, ein Kämpfer zu sein, ein Kämpfer in den Kulturkriegen. «Manche Menschen sind dazu berufen, Kranke zu heilen», sagte er einmal. «Manche Menschen sind dazu berufen, zerbrochene Ehen zu kitten.» Kirk erklärte, dass seine Berufung darin bestand, «das Böse zu bekämpfen und die Wahrheit zu verkünden. Das ist alles.» Ein Kommentator bezeichnete dies als Politisierung des Evangelikalismus, um die Vorherrschaft Jesu zu sichern.

  Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weissen Hauses, sagte: «An dem Tag, an dem Charlie starb, weinten die Engel, aber diese Tränen haben sich in Feuer in unseren Herzen verwandelt. Und dieses Feuer brennt mit einer gerechten Wut, die unsere Feinde nicht begreifen oder verstehen können.»
  Was ist die gemeinsame Vision dieser scheinbar unvereinbaren westlichen Fraktionen, die sich nun dieser rauheren, gemeineren und weit weniger sentimentalen oder konsensorientierten politischen Doktrin verschrieben haben?
  Was ist das Ziel dabei, alle Teile des Nahen Ostens mit solch brutalen Auswirkungen «in die Luft zu werfen», wie es für die Welt in Gaza deutlich zu sehen ist ist? Die regionale Vorherrschaft Israels und die Kontrolle der USA über die Energieressourcen der Region. Ist das das Ziel? Sicherlich – aber es ist mehr als das.
  Die neue Doktrin vom Team Trump, der israelischen Rechten und der jüdischen Milliardäre, die ihn unterstützen, hat ein übergeordnetes «Kriegsziel». Dabei geht es nicht nur um die «Dominanz» Israels und die «Unterwerfung» anderer, wie der US-Gesandte Tom Barrack behauptet. Es geht auch darum, «den Iran unter Kontrolle zu bringen» – daher ist der Snapback eine Vorbereitung auf den «grossen Krieg» zur Unterwerfung des Iran.

Ein umfassendes Hegemonieprojekt

Ein US-amerikanischer jüdischer Milliardär sprach kürzlich auf einer Konferenz der Zionists of America (ZoA) und stellte sich einen grösseren Krieg vor, der sich bis ins Innere Amerikas ausweiten würde: Robert Shillman sagte, seine grosszügige Finanzierung der ZoA sei dazu bestimmt, «den Feinden Israels und des jüdischen Volkes [wo auch immer] entgegenzutreten – zur Verteidigung gegen Islamisten, die Israel zerstören wollen, und gegen radikale linke Judenhasser, die das jüdische Volk vernichten wollen».
  Hängt dieser Strudel im Nahen Osten zudem noch mit Trumps scheinbar separater und ausgeprägter Kriegslust gegenüber Venezuela (und dem zufälligen Vorzugsdeal mit Argentinien) zusammen? Ja – es geht darum, die Schieferfelder Argentiniens5 und die riesigen Ölreserven Venezuelas unter die Kontrolle der USA zu bringen, um den USA die globale Energiedominanz zu verschaffen. Die brauchen sie, um die Bedrohung durch die wachsenden US-Defizite abmildern zu können, die die US-Regierung überwältigen.
  Die Pattsituation in Venezuela steht mit dem Nahost-Projekt in Verbindung, da sie ein weiterer Aspekt eines umfassenderen Hegemonieprojekts ist – der Konsolidierung der westlichen Hemisphäre als Interessensgebiet der USA neben dem Nahen Osten.

Anarchischer Radikalismus 

Wie kam es dazu, dass der Westen diesen kriegerischen, nach Dominanz strebenden Punkt erreicht hat? Die grundlegende Metaphysik des Wandels hin zu (scheinbar) anarchischem Radikalismus ist auf eine Phase des amerikanischen Denkens über Gier, Fairness, Freiheit und Dominanz zurückzuführen. Wie Evan Osnos in «The Haves and Have Yachts»6 argumentiert, haben die Oligarchen und Tech-Overlords in den letzten fünf Jahrzehnten zunehmend Beschränkungen ihrer Fähigkeit abgelehnt, Reichtum anzuhäufen. Und sie haben auch jedes Ansinnen zurückgewiesen, dass ihre grossen Ressourcen eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Mitbürgern bedeuten.
  Sie haben sich eine libertäre Ethik zu eigen gemacht, wonach sie als einfache Privatpersonen für ihr eigenes Schicksal verantwortlich sind und das Recht haben, ihren Reichtum nach eigenem Ermessen zu geniessen. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie nicht auf das Vorrecht verzichtet haben, ihr Geld dafür zu nutzen, um Regierung und Gesellschaft nach ihrer techno-autarken Vision zu gestalten. Das daraus resultierende Muster, das Osnos in seinem Buch nachzeichnet, ist eine «einfache Arithmetik – Geld macht Geld».
  Die Lektion, die die Tech-Overlords gelernt haben, lautet: Wenn ein Staat oder eine andere Institution inkompetent wird, ist das einzige historische Heilmittel für eine solche politische Verknöcherung weder Dialog noch Kompromiss. Es ist das, was die Römer «proscriptio» nannten (Ächtung) – eine formalisierte Säuberung. Sulla wusste das. Caesar perfektionierte es. Augustus institutionalisierte es. Man nehme die Interessen der Elite, verweigere ihnen Ressourcen, entziehe ihnen ihr Eigentum und zwinge sie zum Gehorsam … oder sonst!

 und Grössenwahn

Die Trump-Anhänger und Tech-Eliten von heute sind fasziniert von der alten Vorstellung von «Grösse» – individueller Grösse – und dem Beitrag, den Grösse zur Zivilisation «leisten» kann. Typischerweise enthält dieses Konzept immer ein starkes Element des «Aussenseiters» als eine Art anarchischer Grenzüberschreiter, der eine neue Energie ins Spiel bringt, die «erfahrene» Insider einfach nicht bieten können.
  Wir alle denken an «Trump», wenn wir diese Worte lesen. Es gibt eindeutig eine offensichtliche Affinität zwischen dem populistischen Konservatismus von heute und dem anarchischen Radikalismus. Das führt zu der Frage, ob wilde politische Schwankungen, ständige Unsicherheit, unberechenbare Beiträge auf Truth Social, ob das wirklich Ausdruck von Verzweiflung angesichts der sichtbar schwindenden Grösse der USA ist? Oder werden wir auf etwas völlig anderes, Gegenteiliges, auf noch Radikaleres vorbereitet – den Versuch einer globalen finanziellen Umgestaltung?

«Nur noch eine einzige
Aufgabe: Krieg zu führen»

«Von diesem Moment an hat das neu eingerichtete Kriegsministerium nur noch eine einzige Aufgabe: Krieg zu führen, sich auf den Krieg vorzubereiten und sich darauf vorzubereiten, ihn zu gewinnen – unerbittlich und kompromisslos», erklärte der US-Kriegsminister am Dienstag [30. September] vor versammelten Generälen in Washington.7
  Die Welt steht in Flammen, und in Europa wird die Angst bis zum Äussersten geschürt. Überall ist «Russland, Russland», «unter jedem Bett». Werden wir wirklich «vorbereitet»? Oder handelt es sich hierbei lediglich um eine europäische Politik der Angst, die darauf abzielt, die USA für ein Projekt zu gewinnen, mit dem Russland geschwächt und in einzelne Teile zerlegt werden soll?
  Der Zusammenbruch der Sowjetunion verschaffte dem «alten» Europa – den grossen europäischen Nationen – die riesigen Märkte Osteuropas, des Balkans und der ehemaligen UdSSR und versorgte Europa zudem mit Ressourcen und billiger Energie. Das EU-Projekt an sich wurde praktisch mit dem Geruch des Geldes gekauft – der Verlockung des leichten Reichtums.
  Da dieser Wohlstand nun schwindet (und Trump den Niedergang deutlich beschleunigt hat) – und ohne die Zerstückelung des russischen Marktes –, welchen Preis müssen Frankreich, Deutschland oder Italien bezahlen, wenn sie ihren früheren politischen Einfluss oder ihre globale Bedeutung bewahren wollen? Genauer gesagt fragen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs: «Wie kann ich jetzt wiedergewählt werden?»
  Die «Brinkmanship»8, die russische «Bedrohung», wird von Europa (bis) in die «rote Zone» gedrängt. Aber weder Europa noch die USA scheinen den Mut zu einem richtigen Krieg zu haben. Und sicherlich auch nicht ihre Bevölkerungen. •



1 Oxford Languages; Bedeutung von Tribut: Geld- oder Sachleistung, Abgabe, die besonders ein besiegtes Volk dem Sieger zu erbringen hat.
2 Der Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) (auf Deutsch: Gemeinsamer umfassender Aktionsplan) ist ein Abkommen zum iranischen Atomprogramm, das am 14. Juli 2015 von China, Frankreich, Deutschland, Russland, dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und dem Iran unterzeichnet wurde.
3 Financial Times vom 26.9.2025; «How tech lords and populists changed the rules of power» (Bezahlschranke)
4 https://umbrellastrategie.de/: Die Umbrella-Strategie ist eine globale Aktienanlagestrategie, die auf der Auswahl von Unternehmen mit grossem Innovationspotential basiert, insbesondere in den Sektoren Pharma und New Technology.
5 Vaca Muerta: Öl- und Gashaltige Schieferfelder. In: https://taz.de/Fracking-in-Argentinien/!5927002
6 Osnos, Evan. The Haves and Have Yachts. Dispatches on the Ultrarich. (Die Reichen und ihre Yachten – Berichte über die Superreichen von Evan Osnos). Nur in Englisch.
7 https://www.war.gov/News/News-Stories/Article/Article/4318394/hegseth-announces-war-department-reforms-in-sweeping-speech-to-top-military-bra/
8 Brinkmanship: «die Fähigkeit, an den äussersten Rand zu gehen, ohne in den Krieg zu geraten»; gemäss dem ehem. US-Aussenminister John Foster Dulles 1956 im Interview mit dem Life-Magazin über Diplomatie in der Aussenpolitik für die Durchsetzung eigener Interessen. https://www.britannica.com/topic/brinkmanship

Erstveröffentlichung: globalbridge.ch vom 7.10.2025
Original in englischer Sprache:
https://conflictsforum.substack.com/p/moving-fast-breaking-things-a-new vom 2.10.2025

Alastair Crooke ist Direktor und Gründer des Conflicts Forum mit Sitz in Beirut. Zuvor war er als britischer Diplomat Berater für Nahost-Fragen von Javier Solana, dem Aussenbeauftragten der EU. Er ist Mitglied der Global Experts der Allianz der Zivilisationen der Vereinten Nationen.

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