Warum sollten wir glauben, dass es überhaupt etwas gibt, wonach es sich zu streben lohnt? Warum sollten wir dafür sorgen, dass die Welt sich verändert, dass wir in einer anderen Welt leben? In vielen Ländern Afrikas ist die Weltsicht der Dinge etwas, das man mit Ubuntu bezeichnet. Ubuntu, das ist im Grunde der Kern des Seins, der Kern der Persönlichkeit. Wir sagen: Du musst dich bemühen, alles zu sein, was du sein kannst, damit ich alles sein kann, was ich sein kann. Meine Menschlichkeit hängt mit deiner Menschlichkeit zusammen. Der einzelne losgelöste Mensch ist im Grunde genommen ein Widerspruch in sich. Wir sagen: Eine Person wird zur Person durch andere Personen, durch die Mitmenschen. Ich habe Gaben, die du nicht hast, und du hast Gaben, die ich nicht habe. Und dann sagt Gott: «Voilà, genau darum geht’s. Dadurch erkennt ihr, dass ihr euch gegenseitig braucht.» Wir sind dazu geschaffen, dass wir in einem sehr fragilen Netzwerk von gegenseitiger Abhängigkeit leben. Derjenige, der vollkommen eigenständig ist und autark ist, ist eigentlich kein Mensch, kein echter Mensch.
Ubuntu bedeutet auch Mitleid, Grosszügigkeit, Gastfreundschaft. Wenn wir jemanden mit offenen Armen empfangen, wenn jemand grosszügig ist, dann ist das grösste Lob, das man ihm in unserer Weltgegend geben kann: «Lu ubuntu, una levutu.» Das bedeutet: Dieser Mensch hat Ubuntu, er ist ein Mensch. Er strebt nach gesellschaftlicher Harmonie. Rache, Zorn, Hass – all dies sind Dinge, welche die gesellschaftliche Harmonie unterlaufen. Ubuntu ermutigt alle zu vergeben, sich zu versöhnen. Es heisst: Einander zu vergeben ist gut für die Gesundheit, denn der Blutdruck geht runter. Es ist die beste Art und Weise, sein Eigeninteresse zu vertreten. Es verschreibt nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, sondern die wiederherstellende Gerechtigkeit. Der Zweck liegt darin, eine Brücke zu bauen, anstatt irgendwelche Rachegelüste zu schüren. Und es überrascht daher nicht, dass Nelson Mandela, als er nach 27 Jahren aus dem Gefängnis kam, und eigentlich voller Bitterkeit und Zorn sein sollte, die Welt durch die enorme Grosszügigkeit im Geiste, die er an den Tag legte, erstaunte. Er kam aus dem Gefängnis und forderte sein Volk auf, nicht Rache zu üben, sondern zu vergeben und sich zu versöhnen. Nelson Mandela aus Afrika ist zu einer Ikone der Versöhnung und der Vergebung in der Welt geworden.
Ubuntu sagt uns, dass wir so miteinander verwoben sind, dass, wenn man einen anderen nicht menschlich behandelt, man selbst nicht mehr menschlich ist. Das sahen wir auch bei unserer Versöhnungs- und Wahrheitskommission. Da sagte jemand aus: «Wir haben jemand in den Kopf geschossen und seinen Körper verbrannt – es dauert acht oder neun Stunden, bis ein menschlicher Körper verbrannt ist – und während der Körper brannte, haben wir daneben ein Grillfeuer gemacht und Bier getrunken.» Da fragt man sich doch: Was mag wohl mit der Menschlichkeit von jemandem passiert sein, der in der Lage ist, so etwas zu tun? Zu töten, einen Leichnam zu verbrennen und daneben Fleisch zu grillen?
Ubuntu war nichts, das es nur in Südafrika gab. Nach Mau-Mau in Kenia dachte man, wenn Uhuru (Freiheit) zu uns kommt, würde Jomo Kenyatta sein Volk in eine Racheorgie führen. Das ist aber nicht passiert. Als die Freiheit in Simbabwe kam, gab es keine Rache, keine Vergeltung. Ian Smith blieb im Parlament auch nach der «Befreiung». Das war, bevor sich Herr Mugabe so verändert hatte. Und das Gleiche konnten wir in Namibia sehen. Nein, sich zu rächen heisst, dass man gegen seine eigenen Interessen handelt.
Bei Ubuntu geht es um den Wert der Individuen, um ihre Würde. Bei Ubuntu geht es um die Tatsache, dass wir alle zu einer Familie gehören. Wir alle sind Teil der menschlichen Familie, der Familie Gottes. Ich werde ja auch älter, und jeden Tag merke ich, dass mir Dinge ein bisschen schwerer fallen, und ich denke, ich habe etwas entdeckt, von dem ich glaube, dass es das Radikalste ist, was Jesus jemals gesagt hat. Und ich bin sicher, es wird Sie überraschen. Sie erinnern sich vielleicht: Am ersten Morgen der Auferstehung trifft unser Herr Maria Magdalena, und er sagt etwas ganz Merkwürdiges zu ihr. Maria Magdalena, eine Frau. Sie erinnern sich vielleicht, dass Paulus sagte: Um als Apostel zu gelten, muss man den auferstandenen Herren gesehen haben. Demnach war der erste Apostel anscheinend eine Frau. Also, das jetzt mal in Klammern.
Und unser Herr hat etwas sehr Merkwürdiges zu ihr gesagt. Er hat gesagt: Geh hin und sage es meinen Brüdern. Das ist das erste Mal, dass er von «Brüdern» spricht. Vorher hat er sie immer nur Freunde genannt. Und jetzt sagt er: «meine Brüder». Zu jenen, von denen einer ihn verraten hat, einer ihn sogar dreimal verleugnet hat, und alle haben sie ihn verlassen. Diese Menschen nennt er «meine Brüder». «Sag meinen Brüdern, dass ich zu meinem Vater und zu ihrem Vater gehe.» Das war ein sehr bedeutender Moment. Und Jesus wollte mit diesen Worten etwas sagen. Er meinte, dass Sie, ich, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Brüder und Schwestern in dieser Familie, in der es keine Aussenseiter gibt, nur Insider. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass Jesus gesagt hat: Wenn ich auffahre in den Himmel, da hat er nicht gesagt, da nehme ich ein paar von euch mit, er hat gesagt: Ich nehme euch alle mit. Alle, alle, alle. Die Reichen, die Armen, die Weissen, die Schwarzen, die Gelben, die Roten, Palästinenser, Israeli. Alle, alle, alle. Homosexuelle, Heterosexuelle, alle – können Sie sich das vorstellen? George Bush, Osama bin Laden. Alle, alle, einfach alle! Das ist doch fantastisch! Wie kann man Würde besitzen, wenn man arm ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man krank ist? Wie kann man Würde besitzen, wenn man unwissend ist? Oder dazu gemacht wird. Wie kann man das? Es geht um alle, alle, einfach alle. Im Ethos der Familie fragt man nicht: Sag mal, wie viel trägst du denn zum Familieneinkommen bei? Du kriegst dann anteilsmässig nur so viel zurück, wie du auch beiträgst. Man sagt doch nicht zu einem Baby: Und, was trägst du zur Familie bei? Das Baby trägt ja noch nichts zum Einkommen bei, soweit wir das beurteilen können. Aber das Baby wird überschüttet mit Liebe. Nein, in einer guten Familie sagen wir: Jeder soll das tun, wozu er in der Lage ist. Und dann bekommt jeder das, was er braucht.
Eines jedenfalls kann ich Ihnen sagen: Wir werden niemals einen Krieg gegen den Terror gewinnen, so lange es Menschen gibt, die unter Bedingungen leben müssen, die sie verzweifeln lassen. Wir sind eine Familie! Wie können wir so unglaublich viel Geld in so vielen Ländern für Tod und Zerstörung ausgeben? Wir produzieren Bomben, die Menschen töten werden, und dabei wissen wir doch, dass nur ein kleiner Teil dieses Geldes dafür sorgen könnte, dass Kinder auf der ganzen Welt sauberes Trinkwasser, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, gute Bildung bekommen könnten. Wie können wir das zulassen? Wie? Und Gott sagt: Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt mehr Mitgefühl zeigt, dass wir in einer Welt leben, in der jeder Mensch mehr bedeutet als materielle Dinge? Kannst du mir helfen, dafür zu sorgen, dass diese Welt eine Welt wird, in der jeder Mensch seine unveräusserlichen Rechte geniessen kann? Und Gott sagt: Bitte, bitte hilf mir! Bitte hilf mir! Hilf mir, diese Welt in eine Welt des Mitgefühls zu verwandeln, in eine Welt der Grosszügigkeit, eine Welt, in der sich jeder um den anderen kümmert, eine Welt voller Lachen und Freude, eine Welt, in der die Armut Vergangenheit ist, eine Welt, in der es keinen Krieg mehr gibt.
Hilf mir. Hilf mir. Hilf mir. •
Quelle: 8. Weltethos-Rede von Desmond Tutu, Alterzbischof und Friedensnobelpreisträger zum Thema «Weltethos und Menschenwürde: Eine afrikanische Perspektive» vom 15. Juni 2009 an der Universität Tübingen (Auszug); https://www.weltethos.org/wp-content/uploads/2022/08/Weltethos-Rede-8-Tutu-2009.pdf
* Desmond Mpilo Tutu (*7. Oktober 1931 in Klerksdorp; †26. Dezember 2021 in Kapstadt) war ein südafrikanischer anglikanischer Geistlicher. Er war von 1986 bis 1996 Erzbischof von Kapstadt und Primas der Church of the Province of South Africa. Für seinen Einsatz für die Menschenrechte wurde er 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ab 1995 war er Vorsitzender der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission.
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