Deutschland 2026?

von Karl-Jürgen Müller

Zu Weihnachten schrieb mir ein lebenserfahrener, politisch wacher Deutscher die folgenden Zeilen:

«Traurig sind wir über die Zukunft, welche wir den Enkeln hinterlassen. Das nächste Jahrzehnt wird gesellschaftlich, wirtschaftlich und wegen der aus der grössten Verschuldung unserer Geschichte entstehenden Belastung der nächsten Generation im internationalen Vergleich einen Absturz Deutschlands und Europas bringen – mit wachsendem Staatseinfluss, Meinungsdiktatur, Ausplünderung des Mittelstandes, allgemeiner Verarmung und zunehmenden Unruhen. Uns Alte betrifft das nicht mehr. Wir haben aber diese Entwicklung protestierend vorausgesehen – viele sogar unterstützt – und sind deshalb vor der nächsten Generation schuldig geworden.
    Noch dürfen wir das Weihnachtsfest in Wohlstand, ohne Angst und in Frieden geniessen. Aber auch Frieden ist nicht mehr sicher. Merz will Deutschland ‹kriegsbereit› machen und versenkt nicht nur Deutschlands Geld in dem korruptesten europäischen Staat (Ukraine), sondern will den Ukraine-Krieg als Europa-Krieg (ohne die USA) gegen Russland fortsetzen und glaubt wie der Ukraine-Führer noch an einen ‹Endsieg›, obwohl Deutschland schon zweimal damit gescheitert ist.
    Jede Generation will offenbar die Fehler der früheren noch einmal selber machen. […] Mein Vater hat gegen Ende des letzten Weltkriegs die Folgen klar vorausgesehen und in Predigten sogar öffentlich dargestellt (mit der Folge wiederkehrender Verhaftungen), uns aber immer gesagt, dass ‹je mehr es draussen stürmt, wir innerhalb der Familie Harmonie und Zusammenhalt haben müssen› und uns auf die Zeit danach vorbereiten sollten.»

Am 28. Dezember war in der «Berliner Zeitung» zu lesen1:
    «Der Jahreswechsel bietet […] wenig Anlass zur Hoffnung. Er markiert den Übergang in ein Jahr, in dem immer höhere laufende Kosten auf die [privaten] Haushalte zukommen, während ihnen immer weniger Netto bleibt. Für viele wird 2026 erneut teurer – keine gute Ausgangslage für mehr Sicherheit und sozialen Frieden.»
    Am 26. Dezember schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» über Deutschland2:
    «Die Wahrscheinlichkeit für Arbeitslose, einen neuen Job zu finden, sei so ‹niedrig wie nie zuvor›, sagt die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles. Eine schnelle Wende am Arbeitsmarkt ist nicht in Sicht. […] Für viele Arbeitnehmer in Deutschland war 2025 kein gutes Jahr. Und auch 2026 dürfte keines werden. Der Grund: Landauf, landab bauen die Unternehmen Personal ab und haben weitere Stellenstreichungen für die nächsten Monate angekündigt.»
    Und: «Nach drei Jahren Stagnation zeigen sich immer tiefere Bremsspuren am Arbeitsmarkt. Seit dem Tiefpunkt im Frühjahr 2022 hat die Anzahl der Arbeitslosen um mehr als 670000 zugenommen. […] Vom Mittelständler bis zum Weltkonzern trennen sich die Unternehmen von Mitarbeitern, kürzen Ausbildungsprogramme und verlagern Arbeitsplätze ins Ausland. Teure Energie, hohe Steuern, wuchernde Bürokratie und die Aussicht auf steigende Sozialabgaben haben Deutschland seiner Standortattraktivität beraubt.»
    Ein paar Zitate aus verschiedenen Umfrageergebnissen der deutschen Fernsehanstalt ARD der vergangenen Wochen und Monate3:
    «Seit Mai ist nun eine neue Bundesregierung im Amt […]. Aktuell ist gut jeder Fünfte (22 Prozent) mit ihrer Arbeit zufrieden, drei Viertel (76 Prozent) sind mit ihr unzufrieden […]. Nur noch 38 Prozent sehen die aussenpolitische Situation Deutschlands als sicher an – sechs von zehn Deutschen (58 Prozent) halten sie für unsicher. Nur noch 29 Prozent bewerten die wirtschaftliche Stellung Deutschlands in der Welt als sehr sicher oder eher sicher. Für sieben von zehn Deutschen (69 Prozent) ist sie eher oder sehr unsicher. Nur noch jeder Vierte (26 Prozent) hält die gesellschaftliche Stabilität in Deutschland für sicher – 72 Prozent halten sie für unsicher.»
    «Merz […] beanspruchte eine Führungsrolle Deutschlands innerhalb der Nato und hinterlegte das mit dem Bekenntnis, die Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Gleichzeitig sind nur 34 Prozent der Deutschen von seinem Kurs bezüglich des Krieges gegen die Ukraine überzeugt. […] Beim Gaza-Krieg […] fordern die Menschen mehr von den Verantwortlichen: Zwei Drittel (66 Prozent) erwarten von der Bundesregierung, dass sie grösseren Druck auf die israelische Regierung ausübt, um Israel dazu zu bewegen, sein Vorgehen im Gaza-Streifen zu ändern.»
    «Noch vor gut zehn Jahren zeigte sich nur eine Minderheit besorgt, dass es wieder zu einem grossen Krieg in Europa kommen könnte. Im aktuellen ARD-Deutschland Trend aber äussern 64 Prozent, also fast zwei Drittel, sehr grosse oder grosse Sorgen vor einem erneuten grossen Krieg in Europa.»
    Und am 15. Dezember hatte die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet4:
    «Auf dem Papier ist die Meinungsfreiheit in Deutschland garantiert. Aus Sicht vieler Bürger verliert das im Grundgesetz gegebene Versprechen jedoch zunehmend an Glaubwürdigkeit. Eine repräsentative Umfrage […] zeigt: Eine Mehrheit der Deutschen hat den Eindruck, politische Ansichten nicht mehr ohne Zurückhaltung äussern zu können; nur noch eine Minderheit glaubt an uneingeschränkte Rede, 57 Prozent halten Vorsicht für geboten.»
    Offensichtlich steht mein deutscher Kollege mit seinen Zeilen zu Weihnachten nicht alleine da. Deutschland geht es nicht gut. Die Menschen im Land, die in der Geschichte ihres Landes immer wieder grosse Krisen und Umbrüche bewältigt haben – als Mitmenschen und als Staatsbürger –, stehen auch jetzt wieder vor grossen Herausforderungen. Viele wissen, dass die bis heute tonangebenden Kräfte die Probleme des Landes nicht lösen werden. Und dass es auch nicht zu erwarten ist, dass irgendeine der Parteien, die in Deutschland zur Wahl stehen, eine Wende zum Besseren bringen wird. Es mangelt an fachlich und menschlich gereiften Persönlichkeiten. Die politische Kultur des Landes hat in den vergangenen Jahrzehnten stark gelitten. Der direktdemokratische Geist lebt noch zu wenig. Falsche Theorien und mächtige Interessen haben die Fundamente in Familie, Erziehung, Bildung und Wissenschaft, aber auch im sozialen und wirtschaftlichen Leben stark geschwächt.
    Über Deutschland und die Deutschen zu Gericht zu sitzen wird allerdings nichts besser machen. Wer sitzt nicht im Glashaus? Auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch, ein Crash, wird nichts besser machen. Eher drohen dann politisches Chaos und offen diktatorische Verhältnisse.
    Ein neues Fundament wird nur entstehen können, wenn es mehr Menschen gibt, die sich – trotz aller Probleme … oder vielleicht auch gerade deshalb – mit Deutschland und den dort lebenden Menschen verbunden fühlen und zeigen. Das ist auch eine Frage des Menschen- und Weltbildes, des Wissens um und des Gefühls für das Geworden-Sein des Einzelnen und allen sozialen Lebens in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. «Vernunft und Menschlichkeit» war das Thema unseres Kongresses «Mut zur Ethik» Ende August 2025. Das ist auch für Deutschland wichtig. Gerade auch für «die Zeit danach».

1https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/energie-steuern-jobs-warum-das-jahr-2026-fuer-viele-teurer-wird-li.10010314 
2https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-arbeitslosenzahl-in-deutschland-koennte-bald-wieder-ueber-die-marke-von-3-millionen-klettern-ld.1918063 
3https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend 
4https://www.nzz.ch/visuals/mehrheit-der-deutschen-aeussert-politische-meinungen-nur-noch-mit-vorsicht-ld.1916157 

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