«So viele Brücken, so viele Leben, so viel Hoffnung»

von Eliane Perret

Man kann es nachfühlen, wenn angesichts der heutigen Weltsituation Zweifel daran geäussert werden, ob der Mensch tatsächlich gleichwertig und mit gegenseitiger Wertschätzung friedlich zusammenleben kann. Dabei wird  übersehen, dass es bewusst eingesetzte, propagandagesteuerte Stimmungsmache ist, die den Menschen gegen den anderen aufbringt. Unzählige Beispiele von Persönlichkeiten zeigen jedoch, dass es zutiefst im Menschen verankert ist, sich für seine Mitmenschen einzusetzen. Einer von ihnen ist der aus Pontresina im Engadin stammende Toni Rüttimann. Viele kennen ihn als «Brückenbauer», was er seit nahezu vierzig Jahren im wahren und übertragenen Sinne ist.1

«Das erste Mal im Leben sah ich so viel Leid»

«In Ecuador haben wir 365 Brücken gebaut und beenden damit unsere Arbeit im Land»2, schreibt Toni Rüttimann, auch Toni el Suizo, in seinem aktuellen Nachrichtenbrief. Er berichtet darin über seine Projekte als Brückenbauer, zuerst in Südamerika und jetzt in Südostasien.
    Vor fast vierzig Jahren, in der Nacht nach seinem Maturaabschluss am Lyceum Alpinum in Zuoz, hatte sich Toni Rüttimann ins erdbebenzerstörte Ecuador aufgemacht: «Es waren Ecuador und das Leid seiner Bewohner nach dem Erdbeben von 1987, die mir den Weg zeigten, und seine Menschen standen mir von Anfang an zur Seite», schreibt er heute. Er erkannte damals, was es bedeutet, keine Brücken mehr zu haben, die den Zugang zu Nahrungsmitteln, einem gesicherten Schulweg, ärztlicher Versorgung und Treibstoff für die Fahrzeuge sichern. «Ganze Dörfer waren noch immer hinter den tobenden Flüssen abgeschnitten. Endlos zogen Familien mit ihrem Hab und Gut in Bündeln zu Fuss durch das Land, auf der Suche nach einem neuen Leben. Weinende Kinder standen in den Ruinen entlang des Weges, verloren in ihrer Trostlosigkeit. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so viel Leiden sah.»3

«Habt ihr den Fluss gehört?»

Seither sind fast vier Jahrzehnte vergangen. Ein langer Atem und hartnäckiges Bemühen, getragen von einer grossen Mitmenschlichkeit, prägen seither Toni Rüttimanns Lebensweg. «Dies ist nicht der Moment, die ganze Geschichte zu erzählen. Dafür braucht es ein Buch. Und all meine Dankbarkeit wird niemals genug sein, besonders, wenn ich weiss, was aus dieser Geschichte für fast drei Millionen Menschen in fernen Ländern geworden ist. Es ist ein wenig traurig, jetzt aufzuhören [in Ecuador, A.d.V.], natürlich, aber es ist auch wunderbar zu sehen, dass man uns dort nicht mehr wirklich braucht.»
    Doch ohne seine mutige Pionierleistung wäre es heute nicht so weit, dass die zuständigen Regierungen selbst aktiv werden und Toni Rüttimann feststellen kann: «Sogar am Río Aguarico, unserer vierten und immer noch längsten Brücke mit 264 Metern. 35 Jahre lang hat diese Brücke den elf Gemeinden, die sie barfuss mit übriggebliebenen Rohren und Bohrseilen aus den nahegelegenen Ölfeldern errichteten, treu gedient. Vor einigen Monaten eröffnete die Provinz- und Distriktregierung daneben eine moderne Fahrzeugbrücke. Etwas, das 35 Jahre lang unmöglich erschienen war, so wie unsere Fussgängerbrücke zuvor unmöglich erschienen war. Ich habe die Behörden gebeten, die Fussgängerbrücke ausser Dienst zu stellen und den Seilen ihre wohlverdiente Ruhe zu gönnen, auch aus Sicherheitsgründen. Sie sagen, sie möchten die Fussgängerbrücke neben der neuen offenhalten. Ich würde die Arbeiter, die diese Brücke unter gleicher sengender Sonne und gleichen donnernden Regengüssen, mit Wind im Gesicht, dort oben auf den Seilen so hoch über dem Aguarico zusammengebaut haben, so gerne fragen: ‹Kollegen: Habt ihr den Fluss auch gehört?› Denn was ich damals an diesem Fluss gelernt habe, hat mir bei weiteren fast tausend Brücken geholfen.»

Auch in einem kriegsgebeutelten Land

Mit seinem menschlichen Engagement konnte Toni Rüttimann das Herz vieler Menschen erreichen. Zum Beispiel von Walter Yanez, einem 22jährigen Schweisser und Mechaniker aus Lago Agrio, der bis zu diesem Jahr sein langjähriger Kollege in Ecuador wurde. Gemeinsam mit ihm baute Toni Rüttimann auch 101 Brücken in Kolumbien, Mittelamerika und Mexiko, nachdem Erdbeben und Hurrikans schwere Schäden hinterlassen hatten. «In drei Länder wurden wir von der ecuadorianischen Luftwaffe in ihren C-130 Hercules-Transportflugzeugen gebracht, als Geschenk an bedürftige Brudernationen.»
    Während die Arbeit in Ecuador nun abgeschlossen ist, geht sie in Südostasien genau auf der anderen Seite des Planeten weiter. «Obwohl man sich fragen muss, wie es möglich ist, in einem kriegsgebeutelten Land wie Myanmar weiterzuarbeiten. Anhaltende bewaffnete Kämpfe toben in den Grenzstaaten – Shan, Kachin, Kayah, Kayin und anderen – und verursachen massive Vertreibungen und akuten humanitären Bedarf. Und doch haben wir in den letzten 17 Jahren 180 Brücken in ganz Myanmar gebaut, 13 davon allein im Jahr 2025.»

Brückenbau per Bus

Sein Kollege Aiklian ist ihm hier eine unentbehrliche Hilfe. «Leise, schnell, fast unsichtbar. Ein Mann, der mit Dorfbewohnern, buddhistischen Mönchen, lokalen Behörden arbeitet. Und wo nötig, mit beiden Seiten des militärischen Konflikts.» Zuerst gemeinsam mit Toni Rüttimann und nun alleine, durchquert Aiklian das Land mit den öffentlichen Bussen, es sind grosse Distanzen von Nord nach Süd und von Ost nach West. «Woche für Woche, Jahr für Jahr. Wie viele Nächte, zählt niemand. Vor allem er nicht. Wir nennen es seit langem Brückenbau per Bus. Aiklian und ich im Bus, unsere Werkzeuge unter dem Bus. Das Brückenset selbst wird von den Dorfbewohnern vorab an den Ort transportiert, auf Lastwagen und manchmal Booten, von ihnen organisiert.»
    Doch Toni Rüttimann selbst kann seit einiger Zeit die Arbeit nur aus der Ferne verfolgen, zuerst wegen Covid 19, dann dem Militärputsch, und aktuell ist er dabei, sich Schritt für Schritt aus seiner erneuten Lähmung durch das Guillaume-Barré-Syndrom heraus zu kämpfen. Zum Glück können er und die vielen Menschen, die einen Brückenbauer brauchen, auf Aiklian zählen: «Ein Mann in einem Bus, unterwegs, um das Leben von Gemeinschaften zu verändern, 6000 Menschen hier, 10000 Menschen dort, weiter und weiter. Und er wird es tun, bis wir unsere Rohre und Drahtseile in Myanmar aufgebraucht haben – das sind noch etwa 20 Brücken.»

Drahtseile für Brücken statt Skipisten

Auch diese Arbeit wird unterstützt, denn Stahlrohre sind ein wichtiges Element des Brükkenbaus. Sie werden gespendet von Tenaris, einem weltweit tätigen Produzenten von nahtlosen Stahlrohren. Auch für Brücken in Indonesien sind Drahtseile unterwegs. Das Containerschiff NYK Oceanus bringt sie von Rotterdam nach Singapur. Drei ihrer Container sind mit 23000 Metern Drahtseil gefüllt. Sie wurden im letzten Jahr von Seilbahnunternehmen in den Schweizer Bergen gespendet und kommen aus Schweizer Touristenorten wie St. Moritz. «Hier hatte ich als Kind Hunderte von Nachmittagen mit Skifahren verbracht. Skifahren, Rennen, Springen – wie ich diese Freiheit in den Bergen genossen habe!», erinnert sich Toni Rüttimann.
    Mittlerweile sollte die Fracht (dank der Grosszügigkeit der Regierung zollfrei) vom indonesischen Kollegen Suntana im Hafen von Jakarta empfangen worden sein. Einen Teil davon wird er direkt nach Aceh in Nordsumatra bringen, das schon wieder von neuen Überschwemmungen getroffen wurde. «Wie oft bin ich in diesen Seilbahnen gefahren und habe zu den mächtigen Seilen über uns aufgeschaut, die uns sicher durch den eisigen Winterhimmel trugen. Ich hatte keine Ahnung, welche Rolle sie in meinem Leben spielen würden. Wie oft habe ich den Namen Garaventa auf dem Namensschild des Erbauers dieser und der meisten anderen Seilbahnen gelesen.» Und auch hier ein menschliches Engagement: Fredy von Moos, pensionierter Manager für Montage und Logistik des Unternehmens, kümmerte sich persönlich darum, die aus allen Teilen des Landes gesammelten Drahtseile zu lagern, Exportdokumente vorzubereiten, alles in Container zu laden und zu versenden. «Alles von Herzen», wie Toni Rüttimann schreibt.

Freiheit muss gebaut werden

Angesichts der heutigen Weltlage gibt Toni Rüttimanns unentwegter Einsatz für das Wohlergehen aller Menschen zu denken. Er hat recht, wenn er schreibt: «Mit 19 Jahren, nachdem ich Brückenbauer für die Armen geworden war, ging ich nie wieder Skifahren. Ich hatte gelernt, Freiheit und Bedürfnisse anders zu betrachten. Freiheit muss gebaut werden. Für und mit den Menschen. Die Frucht von alledem – so viele Brücken, so viele Leben, so viel Hoffnung. Allen, die geholfen haben, danke!»
    Auch für sich selber ist er daran, sich wieder mehr Freiheit zu erkämpfen, wie er im PS seines Nachrichtenbriefs festhält: «Es ist etwas mehr als sieben Monate her, seit das Guillaume-Barré-Syndrom mich wieder gelähmt hat. Ich übe geduldig, und inzwischen mache ich 3000 Schritte und schwimme 500 Meter täglich. Meine Arme und Hände verbessern sich langsam, und ich kann diese Notiz mit zwei Fingern tippen. Vor dreiundzwanzig Jahren dauerte meine Genesung zwei Jahre; diesmal müssen wir noch abwarten. Danke für alle guten Wünsche und Gedanken, meine Freunde.»

1 siehe auch: Perret, Eliane. «Brücken bauen zwischen Menschen und Orten. In: Zeit-Fragen Nr. 19 vom 19.9.2023; Perret, Eliane. «Brücken zu den Menschen und zur Welt». In: Zeit-Fragen Nr. 15 vom 8.7.2025
2 Rüttimann, Toni. «So viele Brücken – so viele Leben». Newsletter vom 19.12.2025. Die im folgenden nicht speziell aufgeführten Zitate sind diesem Newsletter entnommen.
3 Diese persönlichen Erinnerungen Toni Rüttimanns an die ersten Jahre seiner Brückenbauerzeit sind auf der Webseite der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger zu finden, deren Preisträger er 1999 war. Sie durften für diesen Artikel mit der freundlichen Genehmigung von Toni Rüttimann übernommen werden; https://www.stiftungbrandenberger.ch/index.php/de/archiv/69-1999-toni-ruettimann .

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