Dann wird von Deutschland nicht mehr viel übrigbleiben

Brigadegeneral Erich Vad warnt eindringlich vor dem unverantwortlichen Kurs der deutschen Aussenpolitik 

von Peter Küpfer

In einem kürzlich aufgezeichneten Gespräch auf KLARTEXT Deutschland warnt Brigadegeneral a. D. Erich Vad, ehemals Berater in militärischen und sicherheitspolitischen Fragen des Bundestags sowie der deutschen Regierung, vor einer zunehmend gefährlichen Eskalation in der deutschen Sicherheitspolitik. Der von Bundeskanzler Merz vor aller Welt verkündete Anspruch, bis 2039 «die stärkste konventionelle Armee Europas zu stellen», steht im Rahmen einer strategischen Wende, die nicht mehr auf Vermeidung des Krieges ausgerichtet ist, sondern auf Sieg mittels Waffen in einem Krieg gegen Russland. Sie ist aus Vads Sicht unrealistisch und «brandgefährlich». Im folgenden werden zentrale Aussagen Vads auf Grundlage des Transskripts zusammenfassend und im Wortlaut wiedergegeben. Dem schliesst sich ein persönlicher Kommentar an.

Zweifel an den Einschätzungen der tatsächlichen Bedrohungslage

Erich Vad schätzt es als grosses Risiko ein, dass die Wende in der deutschen Sicherheitspolitik den Krieg nicht mehr von Deutschland, seiner Bevölkerung und seinem Territorium fernhalten will, sondern sich wie im Sog auf ihn zubewegt. Wie Vad in Erinnerung ruft, herrschte demgegenüber bei Gründung der deutschen Bundeswehr die übereinstimmende Sicht, dass sie als reine Miliz- und Verteidigungsarmee einen neuen drohenden Krieg von Deutschland fernhalten müsse. Die rein militärische Doktrin beinhaltete, dass die Bundeswehr eine mögliche Bedrohungsmacht so gründlich abschrecken sollte, dass es gar nicht zum Krieg auf deutschem Territorium kommen könne. 
    Heutzutage wird statt dessen die Bevölkerung mit Stellungnahmen aus Regierung, Parteien und Medien pausenlos mit der Botschaft beliefert, ein kommender russischer Angriff auf die osteuropäischen westlichen Nachbarländer der Ukraine sei unausweichlich und führe nach deren Niederlage zu einem russischen Angriff auf das westliche Europa und damit auch auf Deutschland. Für Vad ist diese Neuversion der amerikanischen Domino-Theorie durch keinerlei Fakten gestützt, auch nicht, was Russland betrifft. Vad stellt dem gegenüber, was nüchtern kommentierende Fachleute schon seit Beginn des Ukraine-Krieges unabhängig von einander immer betont haben: Nach der einseitigen Aufkündigung der Rüstungskontrolle (auch der nuklearen) durch die USA liegt Russlands Hauptziel in der Sicherheit seiner Bevölkerung. Eine Eroberung Euopas sei weder Russlands Absicht noch militärisch realisierbar. Das offizielle und für ihn, Vad, unrealistische Bedrohungsszenario der EU und Deutschlands steuere mit seinem Panikpotential in Richtung auf einen neuen grossen Krieg gegen Russland. Russland sei aber nicht irgendein Gegner, sondern die stärkste Atommacht der Welt, den USA und sogar China in ihrer Zerstörungskraft weit überlegen.

Aggressive Sprache überdeckt Mangel an Konzept

Erich Vad zeigt sich mehr als beunruhigt über die aggressive offizielle Sprache Deutschlands: «Wir sollten angesichts der wirklichen Lage mehr Mitte und Mass an den Tag legen. […] Mir gefällt das nicht, wenn unsere Politiker mit einer aufheizenden Sprache gegenüber Russland unterwegs sind. […] Wenn man dazu denkt, wie die mögliche [russische] bewaffnete Antwort auf die andauernd provokative deutsche Eskalation aussehen kann, dann passt dieser forsche Stil gar nicht mit den Realitäten zusammen.» Vad spricht in diesem Zusammenhang unmissverständlich, wenn er betont: «Wir haben es mit Russland nicht mit irgendeinem Land zu tun. Russland ist die stärkste Nuklearmacht der Welt. Sie haben mehr Sprengköpfe als die Amerikaner, weit mehr als die Chinesen. Russland würde natürlich im Falle einer absehbaren Niederlage, wenn sie gezwungen würden, aus dem Donbas rauszugehen – da würde Russland nuklear gehen. Ähnlich wie John F. Kennedy 1962. Kennedy hätte nuklear gehen müssen, wenn die Sowjets damals hart geblieben wären und dort [auf Kuba] russische, also damals sowjetische Raketen stationiert hätten. Das wollen die Russen eben verhindern, dass das der Westen heute in der Ukraine macht, und das ist auch der Grund, warum Russland nicht will, dass die Ukraine zur Nato kommt.» 

Ein Beispiel zeigt deutlich, was die Stunde geschlagen hat 

Vad illustriert die wirkliche Bedrohungslage mit einem unter die Haut gehenden Beispiel: «Wir haben mit den Briten vor zwei Jahren ein Verteidigungsabkommen abgeschlossen. Es ging um Dinge im maritimen Bereich, aber auch um den Bau von Kampfdrohnen. Wir haben dazu eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Vergangene Woche nun haben die Briten uns darüber informiert, dass die Ukraine 120 000 von diesen Kampfdrohnen bekommt. Mit diesen sind Ziele bis tief nach Russland hinein zu erreichen. Die Russen haben nicht lange mit ihrer Reaktion auf sich warten lassen. Sie haben inhaltlich klar und deutlich gesagt: Wie ihr wollt, dann nehmen wir aber auch alle zuliefernden Rüstungsbetriebe mit auf unsere Ziel-listen. Das ist eben das, wohin die deutsche Eskalation führt, in die absolute Sackgasse. Ich bin sicher, sobald die Ukrainer diese Systeme haben, dann ist für sie Feuer frei.1 […] Das ist die bestellte Katastrophe.»
    Eine ähnliche Warnung richtet Vad an die Adresse jener für ihn unverantwortlich vorgehenden Kräfte, welche die Ukraine als Mitglied der EU sehen möchten, um ihr die europäische Solidarität zu beweisen: «Ich halte dieses Vorgehen für brandgefährlich. Wir haben im EU-Vertrag den Artikel 42, die Beistandsverpflichtung. Wenn wir ein Krieg führendes Land in die EU holen, dann holen wir damit den Krieg nach Europa.» 

Brandgefährliche Schieflage Deutschlands

Für Vad ist der schwere strategische Fehler Deutschlands die Tatsache, dass es sich auch nach dem Kalten Krieg immer noch ganz auf die Seite des vermeintlich Stärkeren stellte, statt sich aktiv in einer multipolar gewordenen Welt für Verständigung in der höchst brisant gewordenen Sicherheitsfrage einzusetzen. Zu einer soliden Sicherheits-politik gehöre eine ehrliche, konsequente Aussenpolitik mit Schwergewicht auf verantwortungsbewusster, auf Ausgleich bedachter Diplomatie. Heute brüsteten sich deutsche Spitzenpolitiker mit dem Umstand, dass sie mit Russland jeden Kontakt abgebrochen haben: «Das [einen funktionierenden Austausch mit Russland] macht Deutschland heute alles nicht mehr. Das ist eine gefährliche Schieflage für Deutschland, brandgefährlich […]. Wenn wir damit nun da landen, was der ‹Operationsplan Deutschland› der Bundesregierung vorsieht, dann haben wir alles falsch gemacht. Wenn Friedrich Merz Kriegskanzler werden sollte, der erste in der Nachkriegsgeschichte, dann haben wir sicherheitspolitisch alles falsch gemacht. Da können wir auch die stärkste konventionelle Armee Europas auf dem Hof stehen haben. Die nützt uns nichts. Und da muss man neu nachdenken. Wir brauchen einen neuen Ansatz. Mit dem wir uns eingestehen müssen: Wir müssen militärische Stärke verbinden mit politischer Klugheit, letztlich auch mit einem Interessenausgleich mit Russland.» 

«Strategien, die uns sehenden Auges in ein Kriegsinferno
führen, bringen uns alles andere als Sicherheit»

Ein weiterer Grund für das Risiko, dass in der multipolar gewordenen Welt eine rein militärisch ausgerichtete Sicherheitspolitik scheitert, liegt für Vad auch im Mangel an Überzeugungskraft gegenüber der eigenen Bevölkerung. Wie er sagt, ist die Doktrin für viele, gerade auch jüngere Mitbürger uneinsichtig, Deutschland werde am Hindukusch oder am Djnepr (Ukraine) verteidigt. Diese neue Doktrin der sogenannten «Vorausverteidigung» bedeutet für ihn eine schroffe Abwendung vom Wesen und Geist einer Bundesrepublik, die lange weltweit auf Respekt stiess. Wie soll nun aber aktive Friedensförderung in der Welt gehen, fragt Vad, wenn Deutschland unter dem Schutz einer agressiv gewordenen Nato aktiv ein kriegführendes Land mit Ausbildung, Geld, Waffen und Kriegsrhetorik unterstützt, und in Zukunft auch mit deutschen Soldaten? Für Vad ist das ein logischer und strategisch verhängnisvoller Bruch: «Eine durch die Grossmacht USA und deren Interessen garantierte Sicherheit ist, und war auch früher schon, keine wirkliche Sicherheitsstrategie mehr, sie ist vom wechselhaften Verhalten der USA abhängig. Die aktuelle nationale Sicherheitsstrategie muss aber die territoriale Unversehrtheit Deutschlands als Ziellinie haben. Das können doch keine ernstzunehmenden Strategien sein, die uns sehenden Auges in ein Kriegsinferno führen.» 

* * *

pk. Erich Vad zeigt sich alarmiert, auch durch seine Kenntnis der jüngst veröffentlichten deutschen Strategie-Dokumente zur Vorbereitung des grossen Krieges mit Russland: Die erste bundesdeutsche «Militärstrategie» und der «Operationsplan Deutschland». Für Vad setzen sie ganz auf das von der Nato übernommene Bedrohungsbild durch ein dämonisiertes Russland und verpassen damit ihre eigentliche Aufgabe in dieser Welt: die Sicherheitsfrage umfassend zu behandeln, nicht nur militärisch. Die neuen Strategiekonzepte geben der deutschen Regierung offenbar die ganz in ihrer eigenen Macht stehende Kompetenz, das positive Recht «bei Steigerung der Bedrohung» durch Notrecht zu ersetzen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass dadurch gerade auch das eh schon arg beschnittene Recht zur freien Meinungsäusserung weiter stranguliert werden soll. Das vom Schweizer Bundesrat kürzlich veröffentlichte Dokument zur «Wahrung der inneren Sicherheit in Bedrohungslagen» geht in eine ganz ähnliche Richtung. Die offizielle Schweiz hat eben nicht nur freiwillig die EU-Sanktionen gegen Russland ungeprüft mitvollzogen, sie hat auch die Verteufelungskampagne gegen alles, was russisch ist, mit Eifer mitgemacht, und damit in der nicht westlich dominierten Welt Erstaunen, auch Empörung ausgelöst. Nun sollen dazu noch unbequeme Meinungs-äusserungen, die nicht auf Regierungskurs sind, als Desinformation behandelt werden und als Aktivitäten, die dem «Feind» dienen. Mit diesem obrigkeitsstaatlichen Maulkorb wird aber gerade das zerstört, was jede echte Demokratie ausmacht: der Dialog, das Ausdiskutieren verschiedener Meinungen. Vor diesem Hintergrund verdient die mutige öffentliche ernste Anmahnung eines deutschen Berufsoffiziers Beachtung und Anerkennung, in Deutschland wie auch in der Schweiz. In Kenntnis der Lage legt er ein ernstes Wort ein für Rückbesinnung auf die wirklichen Aufgaben einer Bürger- und Milizarmee in der Demokratie. Was er in der Sache zu sagen hat, gehört auch in der Schweiz diskutiert und schon gar nicht «von oben» weg-dekretiert.

1 Dies ist inzwischen eingetreten und hat in der russischen Bevölkerung, auch in massgeblichen russischen Entscheidungszentren, offenbar dazu geführt, dass der Druck auf die Kriegsführung gestiegen ist, gezielte Gegenschläge gegen die Herstellungseinrichtungen der Langstrecken-Kampfdrohnen zu führen. 

Quelle: KLARTEXT Deutschland: «Ex-General Erich Vad warnt vor Krieg: Dann bleibt von Deutschland nicht viel übrig» vom 30.4.2026, abgerufen 10.5.2026 

«Im Falle eines Krieges werden die bei uns installierten amerikanischen Waffensysteme der Nato in die Tiefe Russlands wirken – aber wir bekommen dann ‹den ganzen Segen› zurück, nicht sie.»

«Heute ist die Situation so: Wir stellen dieses Jahr im Grossraum Wiesbaden amerikanische Mittelstreckenraketen auf. Auch Abfangsysteme, jawohl. Sie sind gerichtet gegen russische Systeme aus Kaliningrad, Hyperschallwaffen, das ganze Programm. Dazu gibt es keine Diskussion, es gibt keine Debatte darüber. Und wir, wenn wir das isoliert machen, ohne Interessenausgleich mit der Gegenseite, wie jetzt gegenüber Russland, ohne überhaupt mit denen darüber zu sprechen – dann ist das brandgefährlich. Denn im Falle eines Krieges, da wirken die Amerikaner aus Deutschland heraus in die Tiefe Russlands – was manche Unionspolitiker bei uns so toll finden. Aber wir kriegen dann ‹den ganzen Segen› hier zurück – wir, nicht die USA. [Was jetzt geschieht,] ist einfach eine Entkoppelung der europäischen Sicherheit von der amerikanischen. 
    Dabei war es immer das Ziel, auch im Kalten Krieg, dass es dazu nicht kommt. Wir hatten damals hier in Deutschland die höchste Streitkräfte-Konzentration der Welt. Wir haben auf Abschreckung gesetzt und auf Stärke. Und dabei war das Risiko hoch, dass das schiefging. Dann wäre von Deutschland nichts mehr übriggeblieben.
    Und das ist heute in ähnlicher Weise so, und das verstehen viele nicht.»

(Brigadegeneral Erich Vad beim Gespräch mit KLARTEXT Deutschland vom 30.04.2026)

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