Interview mit Rechtsanwalt Srđan Aleksić zu einem neuen Urteil
ef. Wir haben in Zeit-Fragen immer wieder über die Arbeit von Srđan Aleksić berichtet, dem mutigen Anwalt aus Serbien, der vor fünf Jahren angetreten ist, um den vielen Opfern des Nato-Krieges gegen das ehemalige Jugoslawien (1999) zu helfen, die in der Folge der Angriffe mit abgereichertem Uran (DU) an Krebs erkrankt sind. Auch 27 Jahre nach dieser Nato-Aggression steigt die Zahl der Krebserkrankungen immer noch weiter.
Dragan Andric ist ein weiteres von vielen betroffenen Opfern dieses Krieges. Er war an den Militäroperationen im Kosovo beteiligt und ist in der Folge an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Mit Hilfe seines Rechtsanwaltes, Srđjan Aleksić, hat er vor dem Gericht in Vršac (Vojvodina) den serbischen Staat auf Schadenersatz verklagt und recht bekommen. In dem Urteil heisst es: «Nach rechtlicher Würdigung der festgestellten Tatsachen ist das Gericht der Auffassung, dass der Anspruch des Klägers begründet ist, und hat ihn daher in vollem Umfang anerkannt.»
Eine Besonderheit: Das Gericht in Vršac hat in seinem Urteil ausdrücklich die italienische Rechtsprechung übernommen, was den Kausalzusammenhang zwischen dem Auftreten von Krebserkrankungen und der Exposition gegenüber DU angeht.
Zeit-Fragen: Am 9. April 2026 haben Sie vor dem Gericht in Vršac erneut ein positives Urteil erwirkt. Was macht dieses Urteil so bedeutsam?
Srđjan Aleksić: Dieses Urteil ist weit mehr als nur ein juristischer Erfolg. Es ist ein Sieg der Gerechtigkeit und ein Sieg der Menschen, die seit Jahren gegen eine schwere Krankheit und für ihre Würde kämpfen. Das Gericht hat erneut anerkannt, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber abgereichertem Uran in der Folge des Nato-Bombardements im Jahr 1999 und dem Auftreten schwerer Krebserkrankungen besteht.
Die Entscheidung aus Vršac bestätigt, dass die serbische Justiz zunehmend bereit ist, das anzuerkennen, was viele Betroffene und ihre Familien seit Jahrzehnten wissen: Ihre Erkrankung ist kein Zufall, sondern die Folge einer langfristigen Kontamination von Boden, Wasser und Luft. Dieses Urteil gibt Tausenden von Menschen in ganz Serbien Hoffnung, die ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität oder sogar Angehörige verloren haben.
Für mich als Anwalt und als Mensch hat dieses Urteil eine sehr persönliche Bedeutung. Es zeigt, dass kein Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit vergeblich ist und dass Beharrlichkeit, Fachwissen und Vertrauen in das Recht auch in scheinbar aussichtslosen Situationen zum Erfolg führen können.
Auf welchen wesentlichen Grundlagen beruht dieses Urteil?
Das Urteil stützt sich auf eine umfassende medizinische Dokumentation, auf Gutachten unabhängiger Sachverständiger sowie auf zahlreiche nationale und internationale wissenschaftliche Studien. Diese belegen die gesundheitsschädlichen Folgen der Exposition gegenüber abgereichertem Uran.
Das Gericht hat anerkannt, dass es sich nicht um einen zufälligen zeitlichen Zusammenhang handelt, sondern um eine ernstzunehmende Kausalität zwischen dem Aufenthalt in kontaminierten Gebieten und dem späteren Auftreten schwerer maligner Erkrankungen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass der Staat verpflichtet ist, seine Bürger zu schützen und ihnen im Schadensfall eine gerechte Entschädigung zu gewähren.
Von besonderer Bedeutung waren auch die Erfahrungen aus der italienischen Rechtsprechung, die in zahlreichen Fällen zu denselben Schlussfolgerungen gelangt ist.
Inwieweit kann dieses neue Urteil Ihr langfristiges Ziel unterstützen, die Nato auf Schadensersatz zu verklagen?
Jedes rechtskräftige Urteil in Serbien ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zur internationalen rechtlichen Verantwortung der Nato. Wenn nationale Gerichte den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Bombardement und schweren Erkrankungen feststellen, entsteht eine solide tatsächliche und rechtliche Grundlage für zukünftige Verfahren vor internationalen Instanzen.
Unser Ziel besteht nicht nur darin, einzelnen Familien zu helfen. Wir wollen erreichen, dass die Verantwortung für die langfristigen Folgen dieser Waffen historisch und rechtlich anerkannt wird. Ich bin überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem diejenigen, die den Einsatz solcher Munition beschlossen haben, sich vor internationalen Institutionen und vor der Geschichte verantworten müssen.
Hat die italienische Rechtsprechung bei diesem Urteil eine Rolle gespielt?
Ganz eindeutig ja. Mein Freund und Kollege Angelo Fiore Tartaglia hat mit mehr als 500 erfolgreichen Urteilen zugunsten italienischer Soldaten und ihrer Familien gezeigt, dass es möglich ist, auch gegen mächtige Institutionen die Wahrheit vor Gericht durchzusetzen.
Diese Erfahrungen haben uns nicht nur juristisch, sondern auch menschlich gestärkt. Sie haben bewiesen, dass Gerechtigkeit keine Grenzen kennt und dass dieselbe Wahrheit, die in Italien anerkannt wurde, auch in Serbien Bestand haben kann.
Warum betrachten Sie den Einsatz von abgereichertem Uran als Kriegsverbrechen?
Weil die Auswirkungen dieser Munition nicht mit dem Ende eines Krieges verschwinden. Sie bleiben über Jahrzehnte bestehen, kontaminieren Boden, Wasser und Luft und treffen vor allem Zivilisten – Kinder, Schwangere, Landwirte und künftige Generationen.
Wenn Waffen eingesetzt werden, deren Folgen langfristig, unkontrollierbar und unterschiedslos die Zivilbevölkerung betreffen, stellt sich aus rechtlicher und moralischer Sicht die Frage nach einer schweren Verletzung humanitärer Grundsätze. Deshalb muss ihre Verwendung umfassend rechtlich bewertet werden.
Wie erklären Sie Ihren Landsleuten, warum Sie den serbischen Staat verklagen?
Ich verklage nicht Serbien als Nation und schon gar nicht mein eigenes Volk. Im Gegenteil: Ich nutze einen rechtlichen Weg, damit serbische Bürger von ihrem Staat den Schutz und die Entschädigung erhalten, die ihnen nach dem Gesetz zustehen.
Wenn der Staat seine Bürger entschädigt, erhält er das Recht, diese Beträge von den eigentlichen Verursachern des Schadens zurückzufordern. Damit wird Serbien nicht geschwächt, sondern rechtlich gestärkt.
Was sind Ihre nächsten Schritte?
Wir werden weiterhin neue Klagen für erkrankte Bürger aus allen Teilen Serbiens einreichen. Gleichzeitig sammeln wir zusätzliche medizinische, wissenschaftliche und juristische Beweise und vertiefen die Zusammenarbeit mit Experten aus Italien, Deutschland und anderen Ländern.
Darüber hinaus werden wir unsere öffentliche und internationale Aufklärungsarbeit fortsetzen. Mein Ziel ist es, dass keine Familie, die ihre Gesundheit oder einen geliebten Menschen verloren hat, ohne Gerechtigkeit bleibt.
Dies ist nicht nur ein juristischer Kampf. Es ist ein Kampf für Wahrheit, Würde und für die Zukunft unserer Kinder. Gerechtigkeit mag Zeit brauchen, aber wenn sie auf Wahrheit beruht, ist sie letztlich nicht aufzuhalten. •
«Die ersten Gerichtsverfahren über die Folgen des abgereicherten Urans begannen in Italien, dank der aussergewöhnlichen Arbeit von Rechtsanwalt Angelo Fiore Tartaglia. Er war der erste in Europa, dem es gelang, vor Gericht den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber Uran und den Krebserkrankungen italienischer Soldaten, die in Bosnien, im Kosovo und im Irak dienten, nachzuweisen. Auf Grundlage der Erkenntnisse italienischer Labore und nanotechnologischer Gewebeanalysen erkannten italienische Gerichte die Verantwortung des Staates an und sprachen den Betroffenen [inzwischen in über 500 Fällen] Entschädigungen zu. Diese Fälle wurden zu einem Präzedenzfall im Völkerrecht und bilden die Grundlage für weitere Verfahren in ganz Europa. Serbien hat darauf aufbauend eigene Verfahren eingeleitet. Diese stellen keine isolierte nationale Initiative dar, sondern sind Teil eines internationalen rechtlichen Kampfes um die Anerkennung von Verantwortung und das Recht auf Gesundheit. Die Rechtsprechung in diesen Fällen erfordert die Kombination von wissenschaftlichen, medizinischen und juristischen Beweisen – und Italien hat als erstes Land gezeigt, wie Wissenschaft zum Beweismittel im Dienst des Rechts werden kann.»
Quelle: Srđan Aleksi
«Uran 238 – Menschenrechte und staatliche Verantwortung»; Auszug aus seiner Rede im Deutschen Bundestag am 5. November 2025
Ansprache von Papst Leo XIV. vor Studenten, Lehrpersonen und geladenen Gästen beim Pastoralbesuch an der Universität «La Sapienza» in Rom am 14. Mai 2026 (Auszug)
[…] Es ist die allgegenwärtige Lüge eines verzerrten Systems, das Menschen auf Zahlen reduziert, den Wettbewerb verschärft und uns in Spiralen der Angst gefangenhält. Gerade dieses seelische Unbehagen, das viele junge Menschen empfinden, erinnert uns daran, dass wir nicht die Summe dessen sind, was wir besitzen, und auch keine zufällig zusammengesetzte Materie in einem stummen Kosmos. Wir sind ein Verlangen, kein Algorithmus! Gerade diese besondere Würde, die uns auszeichnet, veranlasst mich, zwei Fragen mit euch zu teilen.
An euch junge Menschen richtet diese Unruhe die Frage: «Wer seid ihr?» Wir selbst zu sein, ist in der Tat die entscheidende Aufgabe im Leben jedes Mannes und jeder Frau. «Wer seid ihr?» ist die Frage, die wir einander stellen; die Frage, die wir still an Gott richten; die Frage, die nur wir selbst, die wir aber niemals allein beantworten können. Wir sind unsere Beziehungen, unsere Sprache, unsere Kultur: Um so mehr ist es entscheidend, dass unsere Studienzeit eine Zeit grosser Begegnungen ist.
Deshalb fragt das Unbehagen der Jugend diejenigen, die reifer sind: «Welche Art von Welt hinterlassen wir?» Eine Welt, die leider durch Kriege und Kriegsrhetorik entstellt ist. Es handelt sich um eine Verfälschung der Vernunft, die von der geopolitischen Ebene aus in jede soziale Beziehung eindringt. Die Vereinfachung, die Feinde schafft, muss daher korrigiert werden, insbesondere an den Universitäten, durch die Achtung vor der Komplexität und die kluge Aneignung der Erinnerung. Insbesondere darf das Drama des zwanzigsten Jahrhunderts nicht vergessen werden. Der Ruf «Nie wieder Krieg!» meiner Vorgänger […] spornt uns zu einem geistigen Bündnis mit dem Gerechtigkeitssinn an, der in den Herzen der jungen Menschen wohnt, mit ihrer Berufung, sich nicht hinter Ideologien und nationalen Grenzen zu verschliessen.
So war beispielsweise im vergangenen Jahr der Anstieg der Militärausgaben weltweit und insbesondere in Europa enorm: Wir dürfen eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit schürt, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist, nicht als «Verteidigung» bezeichnen. Wir müssen auch die Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz sowohl im militärischen als auch im zivilen Kontext aufmerksam beobachten, um sicherzustellen, dass sie den Menschen nicht die Verantwortung für ihre Entscheidungen abnimmt und die Tragödie von Konflikten nicht verschärft. Was derzeit in der Ukraine, im Gaza-Streifen und in den palästinensischen Gebieten, in Libanon und im Iran geschieht, verdeutlicht die unmenschliche Entwicklung des Verhältnisses zwischen Krieg und neuen Technologien in einer Spirale der Vernichtung. Studium, Forschung und Investitionen müssen in die entgegengesetzte Richtung gehen: Sie sollen ein radikales «Ja» zum Leben sein! Ja zum unschuldigen Leben, ja zum jungen Leben, ja zum Leben der Völker, die sich nach Frieden und Gerechtigkeit sehnen! […]
Quelle: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/en/speeches/2026/may/documents/20260514-visita-pastorale-sapienza.html vom 14.5.2026; die gesamte Ansprache in deutscher Übersetzung sehen und hören kann man unter: https://www.youtube.com/watch?v=XqRdDXEadjU ab 1:23:50
(Übersetzung Zeit-Fragen)
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