von Erika Vögeli
Jeder halbwegs normal empfindende Mensch, der das Interview von Karin Leukefeld mit Dr. Ghassan Abu Sitta über seine Arbeit im Bereich der Konfliktmedizin und sein Engagement für die Kinder in Palästina liest, ist menschlich zutiefst erschüttert: erschüttert darüber, dass Abu Sittas Arbeit notwendig geworden ist, weil ohne seinen Einsatz – und den vieler anderer humanitär engagierter Menschen – die Welt noch unerträglicher wäre, als sie sich hier präsentiert.
Was wir im Nahen Osten in Form einer völkerrechtswidrigen genozidalen Vernichtungs-Strategie gegen die Bevölkerung rund um Israel – und, medial weniger beachtet, auch in anderen Teilen der Welt, wie im Kongo oder im Sudan – vor Augen geführt bekommen, ist die Fratze der schlimmsten Perversion des Menschen durch ungezügelte selbstherrliche Machtgier und Gewalt: eine mental-emotionale Verirrung und ein daraus resultierendes krankes menschliches Verhalten, bar jeglicher menschlicher Vernunft.
Das heisst nicht, dass solch krankes Verhalten nicht einer gewissen Logik folgen würde: der Logik der Macht, die auf Geld beruht, einer Logik, die alle darin eingebundenen Akteure, die ihren Platz in diesem Machtgefüge nicht verlieren wollen, in Geiselhaft nimmt oder mit Epstein-Methoden einbindet. Und die übrigen mit medialer Dauerberieselung und manipulativer Dauerbearbeitung davon abhält, ihrem spontanen menschlichen Gefühl genug Raum zu geben, um es zum Verstummen zu bringen. Machtwahn und Geldgier haben – nicht zum ersten Mal in der Geschichte – zu einem Gewalt-exzess geführt, der alle beschädigt: die Opfer, die Täter – und die «Zuschauer».
Denn wo das Völkerrecht mit Füssen getreten wird, wo die Uno-Charta ad absurdum geführt wird, wo Menschenrechte scheinbar inexistent sind – überall da werden die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens verneint. Verneint – aber nicht abgeschafft. Denn abschaffen kann man sie nicht. Sie sind Teil der Conditio humana, der Bedingungen unseres Menschseins. Man kann sie negieren. Man kann dagegen verstossen – aber beseitigen lassen sie sich nicht. Sie bestehen mit uns – und wir mit ihnen.
Nur: Die Forderungen der Conditio humana nicht zu respektieren hat unweigerlich Folgen. Je weniger man sie zur Kenntnis nimmt, je weniger man sich ihrer bewusst ist, sie achtet, ihnen nachlebt, desto weniger human wird unser soziales Leben im grossen wie im kleinen. Wer dem Vogel die Flügel stutzt, bringt ihn zwar nicht um, verunmöglicht ihm aber das Fliegen. Um seine wahren Möglichkeiten entfalten zu können, braucht der Mensch ein menschliches Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Menschenwürde. Und zwar für alle.
Es sind dies nicht nur Ideale. Menschen aller Zeiten und aller Kulturen fühlten und fühlen sich davon angesprochen. Überall dort, wo sie mehr gelebt wurden und werden, haben sie eine Blüte der Gesellschaft ermöglicht – einhergehend mit reicheren Möglichkeiten zur Entfaltung der Individualität des Einzelnen und vermehrter sozialer Durchbildung der Gemeinschaften. Der Mensch ist – von den Möglichkeiten seiner Anlagen her – ein «ultrasoziales» Wesen. Alle seine spezifisch menschlichen Fähigkeiten entwickelt er nur in sozialen Beziehungen: den aufrechten Gang, die Sprache und das Denken, das Bewusstsein seiner selbst, die Fähigkeit zu verstehen – sie alle bilden sich nur in und bezogen auf mitmenschliche Beziehungen. Erst in und mit ihnen können wir die gei-stigen, emotionalen und handwerklichen Fähigkeiten entwickeln, deren Kombination in der modernen Technik, zum Beispiel in der medizinischen Heilkunde, uns so viel an Verbesserung und Sicherung des Lebens ermöglicht hat.
Zu unserer Sozialität gehört auch die Fähigkeit zum Mitempfinden, zu gegenseitiger Hilfe und zum Füreinander-da-Sein. Das Kind – das zeigen zahlreiche Resultate moderner Entwicklungsforschung – bringt diese soziale Orientierung mit auf die Welt. Entfalten kann sie sich aber nur im sozialen Umfeld, in vertrauensvollen Beziehungen, in denen wir frei sind, unsere eigenen Interessen so wahrzunehmen, dass sie dem sozialen Miteinander dienen und damit unsere Freiheit als Mensch, unsere Menschenwürde wahrzunehmen. Die Erkenntnisse aus zahlreichen Wissensbereichen – aus dem Studium der Menschheitsgeschichte, der Anthropologie, Kulturanthropologie, Philosophie, Rechtsphilosophie, Psychologie und vielen verwandten Bereichen – liefern dazu reichlich Material. Allemal mehr, als das Studium der Börsengewinne von Rüstungsunternehmen.
Wer dies als Idealismus abtun will, muss sich fragen lassen, ob er sich mit all den heute zur Verfügung stehenden Erkenntnissen wirklich auseinandergesetzt hat – und ob ihm auch bekannt ist, wie viele Anstrengungen Anhänger der Macht aller Zeiten stets darauf verwenden zu verhindern, dass diese Erkenntnisse Allgemeingut werden. Es abtun dient denselben Machtinteressen. Zufällig war es nicht, dass beispielsweise die Psychologie Alfred Adlers, der das Machtproblem als Fehlentwicklung menschlichen Gefühlslebens thematisierte und die soziale Struktur des gesamten menschlichen Daseins ins Zentrum psychologischen Verständnisses rückte, bis heute so wenig aufgegriffen wurde, und zwar nicht nur von der psychologischen Fakultät.
Jahrzehnte nach dem Ende des Weltkriegs lagen die ehrlichen Hoffnungen der Menschheit und aller durch die Völkermorde erniedrigten und beleidigten Menschen auf dem Verbot des Angriffskrieges, gründeten auf der 1948 – erstmals in der Weltgeschichte – «Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte» und deren – die Staaten bindenden – Folgepakten und auf der Uno-Charta. Es waren dies Leistungen von Menschen aller Erdteile, deren sittlich-rechtliches Gewissen sie drängte, einen Damm des Rechts zu bauen, um eine Wiederholung der erlebten Katastrophen zu verhindern.
Heute stehen wir vor deren Trümmerhaufen. Einem Trümmerhaufen des Rechts, der Menschlichkeit, des menschlichen Vertrauens, ohne das konstruktives Leben und Aufbauen nicht möglich ist.
Wenn es nur noch darum geht, mit eigenen «Narrativen», «Erzählungen» die Mitmenschen zum Hinnehmen oder Bejahen solchen Grauens zu bringen, sind tatsächlich die Grundlagen menschlichen Lebens in Frage gestellt. Ein Zusammenleben auf der Basis von «cleverer» Übertölpelung des anderen, von Betrug, Heimtücke, Unredlichkeit – zum Beispiel Verhandlungen zum Zwecke des Hinhaltens, Missachten von allgemein anerkannten Normen des Völkerrechts, Nichtgewähren von Menschenrechten für ganze Menschengruppen, die man in einem Freiluftgefängnis hält – ein solches Gefüge bringt uns an den Rand der Selbstvernichtung. Solch mafiöse Strukturen können nicht Grundlage für menschliches Leben auf diesem Globus sein. Genauso wie Hasserziehung, Erziehung zu Gefühlen eigener Überlegenheit, gepaart mit Verachtung für andere, seelische Spuren hinterlässt, die der Vorstellung einer humanistisch gesinnten Persönlichkeit, die ihr menschliches Potential wirklich ausschöpfen kann, diametral entgegensteht.
Wir sind aufeinander angewiesen. Wir brauchen den vertrauensvollen menschlichen Sozialkontakt, ohne den das Kind nicht Mensch werden kann und ohne den auch der Erwachsene zugrunde ginge und ohne den kein Bereich menschlichen Lebens wirklich funktionieren kann. Wir brauchen ein Miteinander und die Kooperation der anderen – keiner kann sich dieser Logik des menschlichen Zusammenlebens entziehen. Darauf muss Politik ruhen.
Was sich im Nahen Osten abspielt – und nicht nur dort – ist ein Armutszeugnis. Irrtümer in der Geschichte sind immer fürchterlich genug, wenn sie aus Unwissen geschehen. Wie wollen wir aber die heutigen «Irrtümer» bezeichnen, die wider besseres Wissen geschehen – vernebelt mit hinterhältigem Gerede von Demokratie, von angeblichen Werten, vom Kampf gegen den Terrorismus und von Bedrohungen – etwa der atomaren –, die in Wirklichkeit auf der eigenen Seite seit Jahrzehnten existieren?
Man nimmt hierzulande noch hin, dass Menschen, die sich dagegen auflehnen, aller Rechte beraubt zu sein, als angebliche oder «potentielle Terroristen» einem Genozid ausgesetzt sind. Die wahren Terroristen in Anzug und Krawatte vollziehen indes die Aufträge ihrer Financiers auf der unsichtbaren Kommandobrücke transatlantischer Geopolitik. Und klopfen sich dafür gegenseitig auf die Schulter, erzählen sich ihre «Narrative» zur Rechtfertigung von Taten, die nicht zu rechtfertigen sind – die allein die Logik des absoluten Fürsten kopieren, der sich über alles Recht stellt. Gedeckt durch «Wahrheitsministerien», die jede abweichende Meinung und Berichterstattung in transatlantischen Landen als «Bedrohung» verfolgen.
Wohl bemerken wir die Folgen hierzulande noch nicht in ihrem ganzen Ausmass. Noch lebt es sich vergleichsweise gut. Zwar sind die Zeichen des Niedergangs in allen westlichen Ländern durchaus zu sehen – aber das «Orchester» spielt noch immer.
Was sich die Menschheit nach den Schrek-ken zweier Weltkriege errungen hat – das Gewaltverbot der Uno-Charta, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Pakte über die bürgerlichen und politischen sowie die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, die Genfer Konventionen und vieles mehr – wir müssen es zurückholen. Dazu wird es eine umfassende Diskussion, die Entstehung eines breiten Bewusstseins darüber brauchen, warum diese Vereinbarungen keine «Deals» sind, sondern aus Einsicht geschaffene Grundlagen, die nicht zur Disposition stehen.
Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Die Kinder in Gaza, die Kinder in Libanon, sie sind auch unsere Kinder. Unser Gewissen, unsere Fähigkeit zum Mitgefühl stellt uns, wenn wir ihm zuhören, unausweichlich vor die Frage: Wenn ich an der Stelle des anderen wäre? Der Einzelne kann die Welt nicht aus den Angeln heben. Aber er kann etwas tun, ohne das alles nichts ist: Er kann sich fragen: Wenn ich das Kind in Gaza, in Libanon, wäre? Es ist kein Verdienst, woanders geboren zu sein. Wir haben die Fähigkeit, uns in den anderen Menschen einzufühlen – ohne sie könnten wir nicht leben, nicht gross werden, uns nicht zurechtfinden. Leider ist dieses Vermögen durch zahlreiche Einflüsse und Irrtümer über den Menschen, allen voran durch ideologische Vorurteile und damit einhergehende trennende Einstellungen massiv eingeschränkt. Aber diese einfache Frage kann sich jeder Mensch stellen. Es ist die innere Stimme unserer Sozialnatur, die Stimme des Gewissens, die diese Frage stellt und uns damit von den Fesseln der sie hemmenden Irrtümer frei macht – das ist die erste Tat, mehr als eine «Idee», sondern die allererste menschliche Tat. Was jeder dann tut, das weiss er und tut es aus seinem ureigensten wieder erwachtem menschlichem Gefühl heraus.
Aus dem Gefühl, das auch Ghassan Abu Sitta ausdrückt: «Das muss aufhören!» Und der Einsicht: «Gaza ist kein Einzelfall. Gaza wird sich überall wiederholen.» Das ist nicht die Welt, die wir wollen. Sie muss anders werden. Menschlich für alle. •
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