Die Auseinandersetzung mit der Enzyklika ist von zivilisatorischer Bedeutung

von Bernardo Barranco V., Mexiko

Die digitale Revolution hat tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Zivilisation und verändert unsere Lebensweise, unsere Arbeitswelt, unsere Interaktion sowie Machtverhältnisse und Regierungsformen. Der Beginn eines neuen Zeitalters ist bereits in vollem Gange, geprägt von Künstlicher Intelligenz und Vernetzung. Dies bringt sowohl Chancen zur Selbstermächtigung wie auch besorgniserregende ethische Herausforderungen mit sich. 
    Leo XIV. hat den Finger in die Wunde gelegt. Was ist angesichts all dieser technologischen Fortschritte aus der Menschenwürde geworden? Künstliche Intelligenz (KI) greift bereits in das Leben der Menschen ein und beeinträchtigt ihre Rechte, Chancen, ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Freiheit. Heikle Entscheidungen, die die Arbeit, den Zugang zu Dienstleistungen, Krediten und den Ruf von Menschen betreffen, laufen Gefahr, in die Hände vollautomatisierter Sy-steme zu gelangen. 
    Mehr noch: Die grösste Befürchtung des Papstes und der Menschheit ist der Einsatz von KI in Krieg und Gewalt. All diese Herausforderungen finden ihren Niederschlag in der ersten Enzyklika von Leo XIV., «Magnifica humanitas», die den Untertitel «Über die Beahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz» trägt.
    Der Text wurde am 25. Mai im Neuen Synodensaal vorgestellt. Der Papst wollte der Veranstaltung mehr Gewicht verleihen und nahm persönlich an der Präsentation teil, flankiert von drei Kardinälen, zwei Theologen (einem Engländer und einem Kongolesen) sowie Christopher Olah, dem atheistischen Mitbegründer des KI-Unternehmens Anthropic. Die Enzyklika «Magnifica humanitas» wurde am 25. Mai veröffentlicht, ist jedoch auf den 15. Mai datiert – denselben Tag, an dem Leo XIII. 1891 die Enzyklika «Rerum Novarum» veröffentlichte.
    Vor 135 Jahren widmete Papst Gioacchino Pecci seine Sozialenzyklika der industriellen Revolution seiner Zeit. Leo XIV. stellte die digitale Revolution unserer Zeit in den Mittelpunkt der Reflexion der Kirche, wobei er der Künstlichen Intelligenz besondere Aufmerksamkeit schenkte. Man muss daran erinnern, dass er zwei Tage nach dem Konklave, das ihn gewählt hatte, in seiner ersten Ansprache vor 249 versammelten Kardinälen erklärte, dass die Wahl des Papstnamens eine Ehrung Leos XIII. sei, um dessen Vermächtnis fortzuführen und die Würde des Menschen zu verteidigen.
    So wie sich Leo XIII. den sozialen, moralischen und arbeitsrechtlichen Problemen des 19. Jahrhunderts stellte, sieht sich die Menschheit heute mit der digitalen Revolution und insbesondere der Künstlichen Intelligenz konfrontiert. War der Katholizismus 1891 in Gefahr? Stand die neue Industriebourgeoisie nicht bedingungslos hinter der katholischen Kirche? Erinnern wir uns daran, dass es einen dritten Faktor gab: den Sozialismus. Daher ist «Rerum Novarum» im Grunde ein antimoderner Ansatz gegen einen Raubtierkapitalismus und einen Sozialismus, der vor allem in der Arbeiterklasse seine Anhänger fand.
    Ist der katholische Glaube derzeit durch die digitale Revolution gefährdet? Im Prinzip ja. Laut dem Papst hat die KI weder Glauben, noch Seele, noch Mitgefühl. Die KI ist nicht neutral: Sie dient den grossen Interessen unersättlicher und ehrgeiziger Tech-Unternehmer. Wir sprechen hier von der erlesenen Gruppe der Silicon-Valley-Magnaten. Dazu gehören unter anderem Apple, Google, Meta, Facebook, Nvidia und Netflix. Einige dieser Technologiemagnaten unterstützen Donald Trump entschieden, wie die Milliardäre Elon Musk und Peter Thiel.
    Letzterer, der Gründer von Palantir, bezeichnete Leo XIV. kürzlich bei einer Vortragsreihe in Rom als «Ketzer und Antichrist», da dessen Verurteilungen die volle Entfaltung der neuen Technologien behindern würden. Papst Prevost seinerseits kritisiert in seiner Enzyklika offen die Postulate und das technologische Modell von Oligarchen wie Thiel, plädiert für eine «Entwaffnung der KI» und vertritt die Ansicht, dass diese den Menschen weder beherrschen noch seine Würde untergraben darf. Übrigens ist Peter Thiel Mentor des Vizepräsidenten J. D. Vance.
    Ein weiterer kritischer Faktor ist die Unterstützung Trumps und der Technologieunternehmen durch politisch einflussreiche fundamentalistische evangelikale Christen. Es ist offensichtlich, dass ein Teil dieser religiösen Radikalen Trump im Krieg gegen den Iran unterstützt hat: Wir beziehen uns dabei auf die zionistischen Christen in den Vereinigten Staaten. Erinnern wir uns daran, dass Papst Leo XIV. weiss, wovon er spricht: Er verfügt über eine Ausbildung in den exakten Wissenschaften. Robert Francis Prevost erwarb 1977, bevor er in den Orden eintrat, einen Bachelor-Abschluss in Mathematik an der Villanova University.
    In den ersten Worten der Enzyklika spricht der Papst von biblischen Bildern, die den gesamten Text durchziehen; dies verdeutlicht seine methodologische Absicht ganz im Stil des heiligen Augustinus, und so beginnt er: «Die grossartige Menschheit, die Gott geschaffen hat, steht heute vor einer entscheidenden Wahl: einen neuen Turm zu Babel zu errichten oder die Stadt zu bauen, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.» Eine unregulierte KI wird das neue Babel sein.
    Es wird auch an die Nähe zur Dualitätstheorie erinnert, die in den 1980er Jahren von den Soziologen Anthony Giddens und Pierre Bourdieu entwickelt wurde. Informationen sind durchgesickert, dass Kapitel fünf auf Grund der Auseinandersetzungen geändert wurde, die durch Donald Trumps provokante Äusserungen gegen Leo XIV. ausgelöst wurden. 
    Der Papst spricht sich entschieden gegen die Instrumentalisierung des Religiösen zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt aus. Im Krieg geht es nicht nur um die Effizienz neuer Waffen, sondern auch um die Gefahr, dass Technologie, losgelöst von Ethik, bei Entscheidungen über Leben und Tod noch zerstörerischer wirkt. Viele Punkte bleiben hier unberücksichtigt.
    Die Kirche hat die Bedeutung der Technologie als Heiligtum der heutigen Zivilisation angesprochen. Der Papst und die katholische Kirche sind gefährdet; sie sind negativen Kampagnen in den Sozialen Netzwerken sowie der Verbreitung negativer Narrative und Rufschädigung ausgesetzt. Wir werden sehen … •

Quelle: https://www.jornada.com.mx/noticia/2026/06/03/opinion/la-confrontacion-de-la-enciclica-de-leon-xiv-es-civilizatoria vom 3.6.2026

(Übersetzung Zeit-Fragen)

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK