von Karl-Jürgen Müller
Am 25. Mai 2026 hat der Vatikan die am 15. Mai abgeschlossene Enzyklika von Papst Leo XIV. veröffentlicht. Sie hat den Titel «Magnifica humanitas»1. Das heisst auf Deutsch: «Die grossartige Menschheit». Das päpstliche Lehrschreiben legt die Position des Heiligen Stuhls zum technischen Fortschritt und insbesondere zur Künstlichen Intelligenz (KI) ausführlich und begründet dar und geht dabei auf sehr viele Lebensbereiche ein, von denen man heute schon weiss, dass sie von KI betroffen sind bzw. sein werden. Im Zentrum stehen Demokratie und Freiheit; Familie, Erziehung und Bildung; Wirtschaftsleben und Arbeitswelt. Sie geht aber auch weit über das Thema KI hinaus und spricht Grundlagen menschlichen Daseins und Zusammenlebens an. Ein umfangreiches Kapitel am Ende des Textes ist den Gefahren für den Frieden und der Aufgabe, Frieden zu stiften, gewidmet.
Die Enzyklika ist ausserordentlich gehaltvoll und sicher nicht mit nur einer Wortmeldung erfassbar. Sie orientiert sich an den Grundprinzipien der Christlichen Soziallehre, nämlich dem Prinzip des Gemeinwohls, dem Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter, dem Subsidiaritätsprinzip, dem Solidaritätsprinzip und dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit. Diese Prinzipien werden im zweiten Kapitel noch einmal ausführlich hergeleitet und erläutert. Die Frage nach dem Nutzen und Schaden von KI ist auf den wesentlichen Punkt hin fokussiert – nicht dem Streben nach Macht und Gewinn, sondern: Was dient der Würde des Menschen?
Der beeindruckende Gehalt und die menschenfreundliche Sprache der Enzyklika haben mich sehr angesprochen. Hier, so dachte ich, finden wir einen Bündnispartner, der auf der Seite des Lebens steht, der sich dafür einsetzt, Vernunft, Mitgefühl und Menschlichkeit wieder ins Zentrum zu rücken und dem Irrsinn unserer gegenwärtigen Welt nicht tatenlos zuzuschauen. Wir lesen, dass die Kirche «all jene, die aufrichtig nach ‹Wahrheit, Güte und Schönheit› suchen», als «Weggefährten» und «‹wertvolle Verbündete› bei der Verteidigung der Würde jedes Menschen und bei der Bewahrung der Schöpfung» betrachtet. Der Papst setzt auf den gleichberechtigten Dialog. Es gehe nicht mehr darum, ein Dogma – wie in früheren Jahrhunderten – mit Macht und von oben her durchzusetzen: «Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen.»
Schaut man auf die ersten öffentlichen Reaktionen auf die Enzyklika, so gibt es breiten Applaus. Es applaudieren aber auch Kreise und Kräfte, deren bisherige Praxis anders aussieht als das, was der Papst für forderungswürdig hält. Wie ist dies zu erklären? Soll etwas Bedeutendes durch zu lauten Applaus ins Leere laufen? Wir werden Obacht geben müssen.
Der Papst schreibt, die Kirche habe «ihre Stimme zu erheben, wenn die Würde der Brüder und Schwestern entstellt wird, wenn die Politik den Dramen der Menschheit nicht gerecht wird, wenn sich die Wirtschaft gegen den Menschen wendet oder die Wissenschaft die Grenzen ihrer Methode überschreitet». Der Papst klagt niemanden namentlich an. Aber wir dürfen fragen: Wen hat er wohl damit gemeint? Es ist der heutigen Welt geschuldet, dass die Enzyklika davon spricht, die Menschheit müsse sich entscheiden: «Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.» •
1 als Buch: Papst Leo XIV. Magnifica humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Enzyklika, Herder-Verlag 2026, ISBN 978-3-451-03829-7; oder elektronisch unter: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html
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