von Eliane Perret
Im vergangenen Herbst wurde in Paris im Institut du monde arabe IMA (Institut der arabischen Welt) eine Ausstellung mit Kulturgütern aus dem Gaza-Streifen eröffnet. Sie trug den Titel «Gerettete Schätze aus Gaza: 5000 Jahre Geschichte» [«Trésors sauvés de Gaza: 5000 ans d’histoire»] und stiess auf ein derart grosses Publikumsinteresse, dass sie bis in den Dezember hinein verlängert wurde.
«Warum gibt es heute eine Ausstellung über das Kulturerbe von Gaza, während die dort lebenden Männer, Frauen und Kinder noch immer am eigenen Leib die Schrecken des Krieges, der Vertreibung und der Entbehrung erleben? Warum würdigt man alte Zivilisationen, die jahrtausendealte Geschichte und die einzigartige Schönheit der Ruinen, die allesamt Zeugnisse einer widerstandsfähigen Vergangenheit sind, während die Bewohner Gazas ums Überleben kämpfen?»1 Diese Frage mag sich mancher stellen, und genau mit ihr leitet Jack Lang seinen Katalogbeitrag ein. Er war bis Anfang 2026 Präsident des IMA, das mit dieser Ausstellung der Öffentlichkeit einen wichtigen Einblick in die Geschichte des Gaza-Streifens ermöglichte und gleichzeitig den Scheinwerfer auf die heutige Situation in Gaza und der Westbank richtete. «Möge diese historische Ausstellung dazu beitragen, neue Hoffnung für die Zukunft Gazas zu wecken», hielt Jack Lang im Pressedossier fest, «fernab von den wahnwitzigen Riviera-Projekten und der Zwangsumsiedlung der Palästinenser».
Wichtige Unterstützung
Die Pariser Ausstellungsmacher konnten für ihr Vorhaben (nicht zum ersten Mal) auf die Zusammenarbeit mit dem Musée d’Art et d’Histoire (MAH) in Genf zurückgreifen. Unter dessen Schutz stehen seit 2006 die geretteten Kunst- und Kulturobjekte aus dem Gaza-Streifen. Sie sind in zollgesetzlich exterritorialen Lagerhallen auf dem Genfer Flughafen eingelagert. Dort warten sie auf ihre Rückführung nach Gaza, nachdem die Artefakte nach einer Ausstellungstournee in Frankreich nicht dorthin zurückgebracht werden konnten. Zu gross war die Gefährdung durch Gewaltakte während und nach der zweiten Intifada von 2000 bis 2005.
Fadel al-Otol, Archäologe im Genfer Museum, war unterstützend beim Ausstellungsprojekt dabei. Er kennt die Geschichte Gazas aus eigenem Erleben, ist er doch in einem Flüchtlingslager in Gaza aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung zum Archäologen in Frankreich begleitete er in seiner Heimat archäologische Ausgrabungen. Dazu gehört das aus byzantinischer Zeit stammende Kloster des Heiligen Hilarion einige Kilometer ausserhalb von Gaza-Stadt. Die politische Situation erlaubte es Fadel al-Otor jedoch bald nicht mehr, weiter in Gaza zu bleiben. Er lebt heute mit seiner Familie in Genf.
Für die Ausstellung standen 200 Werke aus den Ausgrabungen eines französisch-palästinensischen Archäologen-Teams und 260 Objekte aus der Privatsammlung des Bauunternehmers Jawdat Khoudary zur Verfügung. Auch er war in Gaza aufgewachsen und nach der Ausbildung zum Bauingenieur dort geblieben. Bei seinen Bauprojekten beobachtete er, dass es in den tieferen Bodenschichten viele Gegenstände aus früheren Perioden gab. Sie wurden bei den Arbeiten wenig beachtet und oft zerstört. Deshalb wies er die Arbeiter auf seinen Baustellen und auch Fischer an, ihm gefundene Artefakte zu übergeben. Wohlhabend geworden, baute er ein eigenes archäologisches Museum, in dem er diese Zeugnisse der Vergangenheit ausstellte. Darunter war auch die kleine Statue der griechischen Göttin Aphrodite, die in der Ausstellung in Paris zu sehen war.2 Jawdat Khoudary lebt heute im Exil in Ägypten, sein Anwesen und das Museum wurden vom israelischen Militär zerstört. Die archäologischen Zeugnisse, die dort gesammelt waren, sind verbrannt, zerschlagen oder verschwunden.
Eine Rettungsaktion unter dramatischen Bedingungen
Dass die Ausstellung letztlich zustande kam, ist keine Selbstverständlichkeit. Es benötigte den Mut und die Entschlossenheit von Menschen und Organisationen, die um die Bedeutung der Kultur für das Zusammenleben und das Selbstverständnis eines Volkes wussten. Denn als nach dem 7. Oktober 2023 die israelische Armee – ungeachtet völkerrechtlicher Verpflichtungen – mit ihrer Verwüstung des Gaza-Streifens fortfuhr, ging es um weit mehr als um einen Racheakt an der Hamas. Es war ein lang geplanter Feldzug gegen die palästinensische Bevölkerung, um sie aus ihrem Land zu vertreiben und den Plan eines Grossisraels umzusetzen.3 Dazu gehörte die radikale Auslöschung kultureller Zeugnisse der Geschichte ihrer Bewohner.
Als in Gaza-Stadt die Menschen mit Räumungsbefehlen zum Verlassen ihrer Wohnungen aufgefordert wurden, betraf das auch das zehnstöckige Hochhaus Al-Kawthar, in dessen Erdgeschoss sich das Depot der Kulturgüter der École biblique et archéologique française de Jérusalem (EBAF) befand. Wie bereits üblich geworden, wurde das Vorgehen mit der «notwendigen» Zerstörung einer angeblichen Infrastruktur der Hamas in diesem Gebäude begründet. Auf internationalen Druck hin konnte der geplante Angriff um einen Tag verschoben werden. In grösster Eile wurde eine Evakuierung der Kulturgüter organisiert. Es war ein kurzes Zeitfenster vom Donnerstagmorgen, dem 4. September 2025, um sieben Uhr bis zum Nachmittag des 9. September 2025. Dann wurde die Rettungsaktion auf Grund fehlender Sicherheitsgarantien für die Arbeiter beendet. Fadel-al-Otol konnte aus der Ferne Anweisungen geben, welche Artefakte bei der Rettung Priorität haben mussten. Unterstützt wurde er vom französischen Archäologen Jean-Baptiste Humbert, der während Jahren für das EBAF gearbeitet hatte. So konnten unter prekären Bedingungen ungefähr 70 % der Gegenstände gerettet werden, die restlichen blieben zurück und wurden durch den nun folgenden Angriff des israelischen Militärs zerstört und sind unwiederbringlich verloren.
Zeugen einer bewegten Geschichte
Das grosse Interesse an der Ausstellung in Paris und auch an den vorangegangenen in Genf stimmt etwas hoffnungsvoller. Viele Besucher wollten es genauer wissen, und sie erhielten mit Hilfe der ausgestellten Artefakte einen differenzierten Einblick in die epochenübergreifende Geschichte Gazas. Elodie Bouffard, verantwortlich für die Ausstellungen im IMA, schrieb: «Wir wollten auch zeigen, dass Gaza über Jahrtausende hinweg Ziel der Karawanenroute war, ein Hafen, der seine eigene Währung prägte und sich entwickelt hatte, weil er am Übergang von Wasser und Sand lag.» Dazu war die Arbeit von engagierten Archäologen des 1994 neu geschaffenen palästinensischen «Service des Antiquités de Gaza», dem Ministerium für Altertümer und Kulturerbe, nötig. Sie begannen 1995, zwei Jahre nach dem Osloer Abkommen, mit ihren Ausgrabungen und arbeiteten mit internationalen Organisationen wie der von Dominikanermönchen betriebenen EBAF zusammen. Ihre aufwendige Arbeit wurde mit einmaligen archäologischen Fundstücken belohnt.
Auf dem Gelände des Flüchtlingslagers von Jabâliya, in al-Mukhaytim, entdeckten sie ein römisches Gräberfeld und eine byzantinische Grabstätte. Auch wurde ein aussergewöhnlich gut erhaltener Mosaikboden freigelegt. In Nusarayat kamen die Ruinen von Tell Umm-el-Amr, dem frühchristlichen Kloster des Heiligen Hilarion, zum Vorschein. Es wurde 2025 in einer Notaktion zum Weltkulturerbe erklärt und auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. In al-Blakhiya wurde der um 800 v. Chr. gegründete antike griechische Hafen Anthédon freigelegt, und schliesslich brachte 1998 die zufällige Entdeckung der Stätte Tall al Sakan südöstlich von Gaza grundlegend neues Wissen über die frühen Epochen sowie die Geschichte der ersten ägyptisch-kanaanitischen Beziehungen.
Das alles sind Zeugnisse der langen historischen Identität und Kultur von Gaza, genauso wie die Artefakte, die in der Ausstellung in Paris oder früheren Ausstellungen in Genf bestaunt werden konnten. Sie zeigen den archäologischen Reichtum und die dazu gehörende Geschichte des Gaza-Streifens, mit der die dort lebenden Menschen emotional verbunden sind. Oder wie Jack Lang es formuliert: «Die menschliche Seele ist das Ergebnis eines Erbes aus vergangenen Zeiten, einer Abfolge von Zivilisationen, die die Gegenwart prägen und formen, sie so reich und komplex machen – fernab von verallgemeinernden Vorstellungen.»
Licht in eine verschwiegene Geschichte
Doch wer kennt sie schon, diese lange und wichtige Geschichte eines Landstreifens an der Mittelmeerküste? Wer weiss um seine Bedeutung in der Weltgeschichte und kennt all die aufeinander folgenden Zivilisationen, die dort im Laufe eines langen Zeitraums ihre Spuren hinterlassen haben? Richten wir deshalb unseren Blick darauf: Die zentrale geographische Lage Gazas weckte schon früh das wirtschaftliche und politische Interesse der umliegenden Reiche. Bereits 332 v. Chr. wurde es von Alexander dem Grossen belagert, und 1799 hielt sich auch Napoleon in diesem Gebiet auf, um zwei markante Persönlichkeiten zu nennen. Im «Wâdî Ghazza», einst eine blühende Oase, kreuzten die Karawanenwege von Asien und Afrika, und Gazas Hafen bildete schon früh einen wichtigen Zugang zum Mittelmeer. Aber die geschichtlichen Spuren führen auch zu den Kanaanitern4, die im
2. Jahrtausend vor Christus vorwiegend unter ägyptischer Herrschaft standen, bis sich das Seevolk der Philister dieses Gebiet erkämpfte. Später folgten die Assyrer, die Griechen, die jüdischen Hasmonäer, die Römer, die christlichen Byzantiner sowie muslimische Mamluken und Osmanen. Kulturen und Völker, von denen bei uns die wenigsten in ihrer Schulzeit etwas gehört haben. Lehrpläne haben oft auch eine politische Agenda … Es ist deshalb keine Überraschung, wenn heute dem Narrativ gefolgt wird, dass Israel aus einer öden, unbewohnten Sandwüste eine grüne Oase gemacht habe und den aus dem Lehrbuch der Kriegspropaganda stammenden Floskeln von «Demokratie bringen», «Freiheit verteidigen» und «Terrorismus abwehren» kritiklos zugestimmt wird.
Kultur gehört zur Geschichte jeden Volkes
Am 29. Dezember 2023 reichte Südafrika beim Internationalen Gerichtshof eine Klage wegen eines möglichen Verstosses gegen die Völkermordkonvention in Gaza ein. Es ist nicht zufällig, dass unter den Belegen, mit denen es seine Klagepunkte untermauerte, auch die Zerstörung mehrerer historischer Stätten zusammen mit Archiven, Bibliotheken, Museen und Universitäten in Gaza aufgeführt ist.5 Kulturgüter gehören zu den Wurzeln, zur Geschichte und zur Identität eines jeden Volkes. Die UNESCO hielt zu Recht bereits 1982 in ihrem Schlussbericht zu einer ihrer internationalen Konferenzen fest: «Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.»6 Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation werden als wichtige, den Frieden auf der Welt stärkende Kräfte gewertet, die gefördert und geachtet werden müssen und auch in Kriegszeiten nicht zerstört werden dürfen. Die UNESCO fordert seither immer wieder den Schutz von Kulturgütern gemäss dem Internationalen Humanitären Völkerrecht ein, wie er bereits in der Haager Konvention von 1954 festgehalten ist. Dieser Schutz gilt ausnahmslos für alle Kulturgüter der Welt, auch in Gaza!7
Ein Akt des Widerstands
Das wirft neue Fragen auf: Wie ist die heutige Situation in Gaza (und nicht nur da!) mit völkerrechtlichen Verpflichtungen in Einklang zu bringen? Wie steht es mit den Uno-Verträgen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine weitere Katastrophe verhindern sollten? Wo bleiben die vielen Übereinkommen, mit denen eine friedliche Lösung für die angestammte Bevölkerung und die neu angesiedelten Israeli angestrebt wurde? Wer an all das und gleichzeitig an die aktuellen genozidalen Militäreinsätze im Gaza-Streifen, im Westjordanland und auch in Libanon denkt, wird Jack Lang Recht geben, wenn er zur Bedeutung der Ausstellung meint: «Es ist ein Akt des Widerstands!» Denn, wie er weiter ausführt: «Nichts ist schlimmer als Verlassenheit und Vergessenheit. Diese Ausstellung, die ich als einen Dienst an der Öffentlichkeit bezeichnen würde, ist eine Hommage an Gaza, an seine Lebendigkeit und wunderbare Jugend.» •
1 Dieses und auch weitere Zitate von Jack Lang und Elodie Bouffard sind dem Ausstellungskatalog und dem für die Ausstellung erstellten Pressedossier entnommen. Institut du monde arabe (Hrsg). (2025). Trésors auvés de Gaza. 5000 ans d’histoire. Editions El viso.
2 Fareed Armaly. Les sites archeologiques sont le pétrole de Gaza. https://www.palestine-studies.org/sites/default/files/jq-articles/les-sites-archeologiques-sont-le-petrole-de-gaza.pdf
3 Für Interessierte:
Leukefeld, Karin. (2024) Krieg in Nahost. Geo-politik, Verwüstung, Widerstand und Aufbruch einer Region. Berlin: Hintergrund.
Pappe, Ilan. (2011) Die vergessenen Palästinenser. Eine Geschichte der Palästinenser in Israel. Neu-Isenburg: Westend-Verlag
Wyss, Kurt.O. (2022). Die Gewaltsame amerikanisch-israelische «Neuordnung» des vorderen Orients. Bern: Léry-Verlag
4 Kanaan ist der Name für eine Region, die weit über die heutigen Grenzen Israels/Palästinas, Libanons und den Süden von Syrien hinausreicht.
5 Auch Belgien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Spanien und die Türkei hatten sich der Klage angeschlossen.
6Weltkonferenz über Kulturpolitik. Schlussbericht der von der UNESCO vom 26. Juli bis 6. August 1982 in Mexiko-Stadt veranstalteten internationalen Konferenz. Hrsg. von der Deutschen UNESCO-Kommission. München: K. G. Saur 1983. (UNESCO-Konferenzberichte, Nr. 5), S. 121. https://www.bak.admin.ch/bak/de/home/themen/kulturdefinition-unesco.html
7 Ebenso wie der Irak, Afghanistan, der Iran, Libanon, Syrien, Libyen, Sudan und der Kongo, um nur einige wenige der in den letzten Jahrzehnten von Krieg geplagten Ländern zu nennen.
8 UNESCO – Impact on Cultural Heritage, Stand 25. März 2026. unesco.org/en/gaza/assessment
ep. Nach Angaben der UNESCO sind seit dem 7. Oktober 2023 14 religiöse Stätten, 128 Gebäude von historischem und/oder künstlerischem Interesse, drei Aufbewahrungsorte für bewegliches Kulturgut, neun Denkmäler, zwei Museen und acht archäologische Stätten zerstört oder massiv beschädigt worden. Bedenkt man, dass dies der Stand am 24. März 2026 war, so kann man leicht erahnen, wie gross die Zerstörung heute ist. Nicht aufgeführt sind hier die Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser.
Auch wenn die UNESCO 5,7 Millionen US-Dollar an Soforthilfe mobilisiert hat und als Gesamtziel 116,5 Millionen Dollar für mittel- und langfristige Notmassnahmen und den Wiederaufbau vorsieht, so sind damit die zerstörten Zeugnisse der Vergangenheit nicht wieder zurückzubringen. Auch zeigt das Verhalten Israels, dass es keinerlei Interesse an einem Wiederaufbau des Gaza-Streifens als Lebensort der Palästineser hat.
Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.