von Margret Kleine
Von den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg am 8. Mai 2025 wurde Russland von der Nato ausgeschlossen. In diesem Jahr hat sich die westliche Medienlandschaft nur in einer herablassenden Sprache mit dem russischen Gedenken am 9. Mai beschäftigt. Darf sich nur der «demokratische» Westen erinnern?
«Es gibt nur eine akzeptable Erinnerungskultur, nämlich die, die dem Frieden dient und der Völkerverständigung.» schrieb Zeit-Fragen am13. Mai 2025.
«Seit dem Holocaust bewegen uns wieder die Fragen: Wie war es möglich? Wie konnte das geschehen? Was waren das damals, was waren wir damals für Menschen, dass wir mit anderen Menschen so umgegangen sind?» (S. 11) Das steht in der Einleitung des Vorworts zum Buch: «Reise durch den letzten Akt» von Isa Vermehren.1 In diesem Buch schreibt sie über die Zeit, die sie im KZ war, und ihre Erinnerungen dienen dem Frieden und der Hoffnung, dass das nie wieder passiert (vgl. Kasten).
Täglich musste Isa Vermehren anschauen, welche abscheulichen Handlungen (Folter, Schläge, Tritte, tagelanges Strafestehen in der Hitze oder in der Kälte, angespuckt oder angeschrien werden …) die KZ-Aufseherinnen an den Insassen verübten. In den Aufseherinnen den Menschen zu sehen «war … wirklich harte Arbeit, die vielen schlimmen Eindrücke hereinzulassen in den Bannkreis erkennender Liebe. Stunden und Tage innig bemühten Nachdenkens hat es gekostet, in den widerwärtigen Verzerrungen vor meinem Fenster das Gesicht des Menschen wiederzufinden, das uns die christliche Offenbarung als liebevoll anvertraut hat.» (S.95)
Isa Vermehren erkennt, dass diese Frauen irregeleitet waren durch die Propaganda der Nazis und dass sie durch das Tragen der Uniform ihr Denken und Fühlen ganz in die Sache der Macht, der Gewalt gestellt hatten. Nicht mehr «ich bin verantwortlich, sondern der, der mir den Befehl gab». (S.79)
Dieses unmenschliche Empfinden ging sehr weit. Einer angeklagten SS-Aufseherin im Bergen-Belsen-Prozess wurden schwerste Verbrechen nachgewiesen. Auf die Frage des Richters: «Sind Sie grausam?» antwortete die Angeklagte: «Ich weiss nicht, was ich mir unter grausam vorstellen soll.» (S.80) Hier muss man sich die Fragen nochmals durch den Kopf gehen lassen: «Wie war es möglich? Wie konnte das geschehen? Was waren das damals, was waren wir damals für Menschen, dass wir mit anderen Menschen so umgegangen sind?» (S.11)
Die absolute Verneinung aller Traditionen, der kulturellen und humanen Errungenschaften und damit die Auflösung aller menschlichen Bindungen war Ziel der Nazi-Propaganda. Auf dieser «tabula rasa» (S.78) des Gefühls wollten die Nazis die totale Des-
potie errichten.
Der Gedanke der völligen Auflösung von zwischenmenschlichen Bindungen gehört zum Verstehen der Grausamkeiten, gehört zur Erinnerungskultur. Ohne Bindung an die Mitmenschen kann der Mensch nicht werden. Ohne Bindung zu den ersten Beziehungspersonen, den Eltern, und später zu den Freunden, entwickelt der Mensch kein Mitgefühl. Er braucht die verbindliche, liebevolle Anleitung durch seine Gruppe.
In ihrem Buch geht Isa Vermehren bei sich der Frage nach, wie sie besser verstehen kann, was sich vor ihren Augen abgespielt hat. Frau Vermehren kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: «Das, was ich nicht sehen will, werde ich auch nicht begreifen können.» (S.95) In dem schrecklichen Bild vom Menschen, dem sie vor ihrem Fenster begegnete, hat sie sich wiedergefunden. Sie selber hatte in ihrer Familie eine wertorientierte Erziehung erlebt. Mit einer anderen familiären Erziehung wäre sie vielleicht auch zu einem Opfer der Propaganda geworden. Sie wollte sich nicht ausnehmen von den schrecklichen Irrtümern, die ein Mensch begehen konnte. Sie beschreibt an verschiedenen Stellen, dass erst durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, den kulturellen Traditionen, den Werten, die sie erlebt hat, sie zum Mitfühlen auch gegenüber den Aufseherinnen gelangt ist.
Im KZ freundete sich Frau Vermehren mit ihrer Blockältesten an. Diese polnische Frau war unter schrecklichsten Bedingungen ins KZ deportiert worden. In den fünf Jahren KZ ist die Blockälteste «keinen Fingerbreit vom Bilde des Menschen abgewichen, wie es fundiert war in ihrer christlichen Weltanschauung» (S.153). «Ich fragte sie einmal, aus welcher Quelle sie die Kraft zu dieser Haltung bezöge, worauf ich die sehr einfache Antwort bekam: ‹Ich liebe die Häftlinge.›» (S.153) Sehr beeindruckend war auch die Haltung der Blockältesten gegenüber dem SS-Personal. Es wurde von der Blockälte-sten mit Respekt behandelt. So konnte sie für die ihr anvertrauten Insassen im Rahmen des KZ Erleichterungen oder Schonung erreichen.
Die Fragen von Isa Vermehren gehören nicht nur zur Erinnerungskultur von damals. Schon im alltäglichen Leben stellen sich dem Menschen die Fragen: Was bin ich für ein Mensch? Zu welchen Taten bin ich fähig? Sehe ich im Gewalttäter den irregeleiteten Mitmenschen? Es ist notwendig, sich angesichts der heutigen Weltlage immer wieder damit zu beschäftigen.
Natürlich ist die Erinnerungskultur nicht nur eine individuelle Frage. Jean Rudolf von Salis machte sich folgende Gedanken: «Nachdem sie den Krieg gewonnen haben, stehen die siegreichen Mächte vor der verantwortungsvollen Aufgabe, nun auch den Frieden zu gewinnen.»2 Ob die kriegsführenden Staaten heute die vielen Kriege überhaupt gewinnen bzw. beenden wollen? Die Bereitschaft zum Verhandeln ist nicht sichtbar. Den Frieden zu gewinnen ist für die Mächtigen nicht gewinnträchtig. Von Salis hatte aber nicht die Profitgier der Reichen, der Kriegstreiber im Visier. «Die Völker, die bisher als Beute der Starken, als Material für einen totalen Krieg betrachtet wurden, verdienen es, als Patienten behandelt und betreut zu werden. Die Staatsmänner müssen geschickte und gelehrte Ärzte sein.»3
Das steht dringend an.
Die Fragen, wie man der Barbarei entgegenwirken kann, stellen sich nicht erst heute.
Ernst Barlach hat zwei kleine Zeichnungen zu einem Gedicht von Christian Morgenstern «Brüder» gemacht (siehe Bild).4 Hier die Strophen 4–6:
Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit Er erschienen,
Ziel allein.
Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.
«Liebt das Böse – gut!»
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen –
Liebesmut. •
1 Vermehren, Isa. Reise durch den letzten Akt, Ravensbrück, Buchenwald, Dachau: eine Frau berichtet, rororo, 4. Auflage Februar 2021
2 von Salis, J. R. Eine Chronik des Zweiten Weltkrieges, Radiokommentare 1939–1945. Zürich, Orell Füessli 1981; zit. nach Zeit Fragen, Nr. 11 vom 13.05.2025
3 ebenda
4 Christian Morgenstern, «Brüder!», Lied für ein neues Gesangbuch studierender Jugend 1914, in: Barlach, Ernst. Menschenbilder, Ausstellungskatalog Kunst-Buch Galerie Traudisch-Schröter Wiehl 2005
Isa Vermehren wurde 1918 in Lübeck geboren. Weil sie die Nazifahne nicht grüsste, wurde sie 1933 vom Gymnasium verwiesen. 1944 wurde sie verhaftet. Sie überlebte den Aufenthalt in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Buchenwald und Dachau. Nach dem Krieg studierte sie in Bonn und trat einer katholischen Ordensgemeinschaft bei. Vielen ist sie bekannt vom «Wort zum Sonntag». Sie war später als Schulleiterin tätig. Isa Vermehren starb 2009 in Bonn.
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