von Raïs Neza Boneza*
Stellen Sie sich vor, Sie betreten eine Bibliothek. Sie nehmen einen Band von Marx aus dem Regal, und augenblicklich lösen sich alle konservativen Denker in Luft auf. Burke, Tocqueville, Hayek – verschwunden. Sie greifen nach Chateaubriand, und plötzlich verschwinden Luxemburg, Gramsci und Fanon spurlos.
Wenn ein Bibliothekar dies täte, würden wir es Zensur nennen. Wenn eine Regierung dies täte, würden wir es Propaganda nennen. Wenn ein Algorithmus dies tut, nennen wir es Personalisierung.
Das ist die politische Lage im Jahr 2026.
Der zentrale ideologische Konflikt ist nicht mehr einfach nur links gegen rechts. Es ist menschliche Komplexität gegen algorithmische Reduktion. Die Maschinen, die unser öffentliches Leben vermitteln, arbeiten nach einem einzigen wirtschaftlichen Imperativ: Maximierung des Engagements. Engagement bedeutet Zeit. Zeit bedeutet Daten. Daten bedeuten Profit. Differenzierung ist ein Hemmschuh für dieses Geschäftsmodell. Differenzierung bremst die Dynamik, sät Zweifel, regt zum Nachdenken an. Empörung hingegen lässt sich wunderbar skalieren. So lernt der Algorithmus: Wenn du Jordan Peterson konsumierst, willst du zehn weitere Petersons. Wenn du Judith Butler zitierst, sollte der Rest der intellektuellen Welt aus deinem Feed verschwinden. Was als öffentlicher Raum durchgeht, ist in Wirklichkeit ein Spiegelsaal.
Die Rechte beklagt, dass Universitäten und kulturelle Einrichtungen zu ideologischen Echokammern geworden sind. Das ist nicht ganz falsch. Doch gleichzeitig hat die Rechte ihre eigenen digitalen Echokammern geschaffen, in denen jede Krise – von der Inflation bis zur Klimakrise – auf einen einzigen kulturellen Sündenbock reduziert wird.
Die Linke warnt davor, dass reaktionärer Populismus und Verschwörungskultur sich im Internet ausbreiten. Auch das ist nicht ganz falsch. Aber auch die Linke hat Räume geschaffen, in denen das Hinterfragen bestimmter Dogmen eine rasche Ausgrenzung nach sich zieht.
Beide Seiten geben vor, entsetzt über die Polarisierung zu sein. Beide Seiten sind perfekt darauf ausgerichtet. Algorithmen haben den Tribalismus nicht erfunden – darin waren die Menschen schon immer meisterhaft. Was sie taten, war, ihn zu industrialisieren und -kognitive Verzerrungen in Infrastruktur zu verwandeln.
Historisch gesehen beruhte das intellektuelle Leben auf produktiver Auseinandersetzung. Orwell setzte sich sowohl mit Sozialisten als auch mit Konservativen auseinander. Arendt kritisierte den Kapitalismus und revolutionäre Dogmen mit gleicher Schärfe. Baldwin entlarvte im selben Absatz die Heuchelei der Liberalen und den Rassismus der Konservativen. Heute erspart uns der Algorithmus höflich solche Unannehmlichkeiten. Er legt fest: Wer Baldwin bewundert, darf niemals auf Sowell stossen. Wer Sowell zitiert, darf niemals Davis lesen. Das Ergebnis ist keine ideologische Klarheit. Es ist intellektuelle Verkümmerung.
Die tiefgreifendste Auswirkung des algorithmischen Lebens ist nicht nur die Polarisierung, sondern eine eigentümliche Form der Säkularisierung. Nicht das Verschwinden der Religion, sondern etwas Schleichenderes. Traditionelle Gesellschaften waren durch gemeinsame Narrative – religiöse, philosophische, staatsbürgerliche – verbunden, die die Identität in etwas verankerten, das grösser war als das Selbst. Der Algorithmus ersetzt diese durch Mikro-Stämme, die sich ausschliesslich dadurch definieren, worauf man klickt, worüber man sich aufregt, was man vorgeblich verurteilt. Man tritt keiner Gemeinschaft mehr bei; man abonniert einen Feed. Feeds erfordern ständige Stimulation. Empörung wird zum Ritual, Skandal zur Liturgie, Cancelling zur Exkommunikation. Willkommen in der algorithmischen Kirche, wo Engagement-Kennzahlen als Götter und Retweets als Sakramente dienen.
Die Ironie ist exquisit. Sowohl die radikale Linke als auch die radikale Rechte stellen sich als Widerstandsbewegungen dar. Beide gehören zu den effizientesten Produkten jenes Systems, gegen das sie angeblich ankämpfen. Algorithmen belohnen die lautesten Stimmen, die schärfsten Beleidigungen, die einfachsten Narrative. Deshalb werden tiefsinnige politische Denker selten zum Trend. Ein viraler Tweet ist nicht der natürliche Lebensraum von Amartya Sen oder Isaiah Berlin. Aber er ist der perfekte Lebensraum für ideologische Gladiatoren. Der Algorithmus liebt einen Kampf – am liebsten einen, der niemals endet.
Verfechter der algorithmischen Kultur bringen ein bekanntes Gegenargument vor: Niemand zwingt dich, irgend etwas anzuschauen. Technisch gesehen stimmt das. Aber dieselbe Verteidigung könnte man auch für eine Bibliothek vorbringen, in der die Hälfte der Bücher verschwindet, je nachdem, welchen Band man zuerst aufschlägt. Wahl ohne Zugang ist keine Freiheit. Es ist kuratierte Ignoranz.
Die radikalste Handlung, die uns heute zur Verfügung steht, ist trügerisch einfach: Lies jemanden, mit dem du nicht einer Meinung bist. Schlage an einem Nachmittag Marx und Hayek auf. Lies Fanon und Burke. Lass Baldwin in deinem Kopf mit Sowell debattieren. Der Algorithmus wird sich dem widersetzen – er wird versuchen, dich zurück ins Vertraute, ins Bestätigende, in die Empörung zu ziehen, die dich weiter scrollen lässt.
Widerstehe trotzdem. Denn die wahre Gefahr des digitalen Zeitalters besteht nicht darin, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Sie besteht darin, dass die Maschinen stillschweigend dafür gesorgt haben, dass wir einander nie wirklich begegnen. Diese Anordnung zu durchbrechen, ist nicht mehr nur eine intellektuelle Gewohnheit. Es ist ein politischer Akt. •
Quelle: Transcend Media Service vom 25.05.2026
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Raïs Neza Boneza (geboren 1979 in Zaire – heute Demokratische Republik Kongo) ist ein in Norwegen lebender Schriftsteller, Dichter und Friedensforscher. Sein Leben spiegelt die Bruchlinien wider, über die er schreibt: vom östlichen und westlichen Kongo bis zu den Grossen Afrikanischen Seen, über Grenzen hinweg, an denen die Geschichte selten stillsteht.
Mehrsprachig und transnational arbeitet er mit afrikanischen und europäischen Sprachen und überträgt mündlich überlieferte Erinnerungen in schriftliche Form. Er hat mit Johan Galtung, einem der Begründer der modernen Friedensforschung, zusammengearbeitet und ist weiterhin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Aktivismus und künstlerischem Ausdruck tätig.
Neben seiner Tätigkeit als Berater und Dozent für internationale Nichtregierungsorganisationen und Institutionen ist er Mitbegründer des Transcend Global Network, einer globalen Plattform, die sich für Frieden, Entwicklung und Umweltgerechtigkeit einsetzt. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Poesie und politischer Analyse, Exil und Rückkehr, Erinnerung und Widerstand. Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen gehören: Peace by African’s Peaceful Means (2005), Nomad: Sounds of Exile (2006), Nomad: A Refugee Poet (2019), White Eldorado, Black Fever (2019), Black Emeralds (2020) und Formless (2024).
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