Jean Ziegler 1934–2026, ein Vorbild an Integrität und intellektueller Ehrlichkeit

von Alfred de Zayas

Vor mehr als 30 Jahren traf ich Jean Ziegler im PEN-Club in Genf. Ich kannte bereits viele seiner Bücher und war beeindruckt von seiner Klarheit und Kohärenz, seinem Mut, sich mit dem militärisch-industriell-finanziell-medialen-akademischen Komplex auseinanderzusetzen, sowie seiner entschlossenen Ablehnung von Kolonialismus, Neokolonialismus, Imperialismus und deren Folgen. Ziegler war sich sehr wohl bewusst, dass das Aussprechen der Wahrheit gegenüber den Mächtigen Feindseligkeit und Verleumdungen gegen ihn nach sich ziehen würde, wie Terentius schrieb: «veritas odium parit». Mit anderen Worten: Er rechnete mit Gegenwehr seitens derer, die er als Aggressoren, Kriegstreiber, korrupte Politiker, Wirtschaftskriminelle oder Völkermörder entlarvte.

Sein letztes Buch «Où est l’Espoir» (Seuil, Paris 2024) zeigt, wie sehr sich Ziegler dafür einsetzte, den Planeten zu einem besseren Ort zum Leben für uns alle zu machen. Er warnte vor Raubtierkapitalismus, Opportunismus, Ausbeutung und Nihilismus. Er entlarvte die Heuchelei unserer sogenannten demokratischen Führer, die kein Interesse daran haben, was die Menschen wollen oder brauchen, und nur darauf aus sind, sich selbst zu bereichern, während sie Lippenbekenntnisse zu «Demokratie» und «Rechtsstaatlichkeit» abgeben. Es ist keine Überraschung, dass er von Politikern in den USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland gehasst wurde. Das Kapitel «L’ordre cannibale du monde» (Die kannibalistische Weltordnung) prangert die wachsenden Ungleichheiten an, die dadurch gekennzeichnet sind, dass Milliardäre und die bitterärmsten Menschen Seite an Seite existieren, den Verrat an den Menschenrechten durch die Eliten, die Ausbeutung von uns allen durch die transnationalen Konzerne, insbesondere die Agrarindustrie. Wo liegt die Hoffnung?, fragt Ziegler. In der menschlichen Vernunft, in der Solidarität, in unserem Recht und unserer Pflicht zum Widerstand. Er zitiert einen seiner Lieblingsdichter, den Chilenen Pablo Neruda, Opfer des von den USA angeordneten Staatsstreichs gegen Salvador Allende im Jahr 1973, als Ausdruck von Hoffnung und Widerstandskraft. 
    Von 1967 bis 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war Ziegler Genfer Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Sein Vater war deutschsprachiger Magistrat in Thun, wo der junge Hans aufwuchs. 1953 schrieb er sich an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern ein und studierte später Soziologie in Genf sowie ab 1956 Soziologie in Paris und New York. 1958 promovierte er und wurde Dozent für Soziologie in Bern.
    Als Professor für Soziologie an der Universität Genf begeisterte Ziegler seine Studierenden. Auch ich hatte die Gelegenheit, einige seiner Vorlesungen zu besuchen und ihn an der Universität zu treffen. Als eleganter und eloquenter Mann war er bei jungen Menschen sehr beliebt, gerade weil er so direkt war und trotz der ernsten Themen, mit denen er sich befasste, einen ausgeprägten Sinn für Humor an den Tag legte. Bis zu seiner Pensio-nierung im Mai 2002 war er eine Institution an der Universität, blieb aber als ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris tätig.
    In seiner Jugend zählten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu seinen Freunden. Tatsächlich waren sie es, die ihn dazu ermutigten, seinen Vornamen in Jean zu ändern. 
    Weltberühmt wurde er vor allem dank seiner wegweisenden Berichte an die UN-Menschenrechtskommission und später den Menschenrechtsrat, wo er von 2000 bis 2008 als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung tätig war. Hier machte er sich einen Namen als Fürsprecher für Benachteiligte, Hungernde und Unterernährte. Seine Berichte waren schonungslos und schockierend. Er war zudem Mitglied der UN-Taskforce für humanitäre Hilfe im Irak. Von 2008 bis 2012 war er Mitglied des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats. Ich selbst wurde 2012 UN-Berichterstatter und während meiner sechs Jahre als unabhängiger Experte für die internationale Ordnung habe ich ihn wiederholt konsultiert – er war stets grosszügig mit seiner Zeit und eine wahre Quelle des Wissens.
    Ziegler zitierte gerne Che Guevara, insbesondere den ikonischen Satz «hasta la victoria siempre», und forderte uns auf, nicht aufzugeben, sondern bis zum Sieg durchzuhalten. Ziegler gab nie die Hoffnung auf, dass die Vernunft über den Wahnsinn der Casino-Ökonomie und des brutalen Wettbewerbs siegen würde. Er glaubte fest an das Recht auf internationale Solidarität und unterstützte Virginia Dandan bei ihren Bemühungen, eine Erklärung zum Menschenrecht auf internationale Solidarität1 zu entwerfen.
    Er erkannte die Bedeutung kollektiver Rechte, nicht nur individueller Rechte, denn er wusste, dass für Milliarden von Menschen Nahrung, Wasser, Unterkunft und Bildung weitaus wichtiger waren als das Recht auf Eigentum! Ziegler erkannte, dass der extreme Materialismus der westlichen Kultur zum Scheitern verurteilt war, weil er das jahrtausendealte Erbe der Menschheit, nämlich die Bedeutung spiritueller Werte, zerstörte. Er glaubte an das Recht auf Musse, das Recht, das Leben zu geniessen und nicht zur «Produktion» verpflichtet zu sein.  Es war wichtiger zu sein als zu handeln, wichtiger, die eigene Persönlichkeit zu entfalten, als Milliardär zu werden, wichtiger, ein erfülltes Leben zu führen, als materielle Güter anzuhäufen und nach Macht über andere zu streben. Zivilisation bedeutete Liebe, Empathie, Solidarität – nicht Wolkenkratzer und technische Spielereien. 
    Ziegler wusste, dass es nach 1945 eine echte Hoffnung auf einen Neuanfang gab, der auf der UN-Charta beruhte, die einer Weltverfassung gleichkommt. Die Uno war phänomenal bei der Festlegung von Standards, der raschen Verabschiedung von Konventionen und der Einrichtung von Überwachungsmechanismen, verfügte jedoch nicht über Durchsetzungsbefugnisse. Dem Internationalen Gerichtshof, der einem universellen Verfassungsgericht gleicht, fehlen ebenfalls die Mittel, um Urteile und Gutachten durchzusetzen. 
    Zwar ist es der Uno nicht gelungen, Kriege zu verhindern, doch hat sie zumindest ein Diskussionsforum geboten, eine Gelegenheit, Dampf abzulassen, denn «bla bla ist immer besser als boom boom», z. B. während der Kuba-Krise 1962, als die Vermittlung der Uno half, einen Atomkrieg zu verhindern. Was heute benötigt wird, ist ein globaler Pakt für Friedenserziehung im Geiste der UNESCO-Verfassung, die uns daran erinnert, dass, «da Kriege im Geist der Menschen entstehen, auch die Verteidigung des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden muss».2 Eine neue Denkweise sollte dem Motto der ILO folgen: «si vis pacem cole justitiam» – wenn du Frieden willst, pflege Gerechtigkeit. Die Uno und ihre Organisationen, darunter die ILO, die WHO, die WIPO, das UNDP, das UNEP und die UNRWA, bleiben für das Überleben des zivilisierten Lebens auf dem Planeten von entscheidender Bedeutung. 
    Gäbe es die Uno nicht, müsste die Menschheit vergleichbare internationale Institutionen schaffen, um Frieden und Entwicklung voranzubringen. Ziegler plädierte für eine dringende Reform der Uno. Viele Wissenschaftler, darunter auch ich in meinem Bericht an die Generalversammlung von 2013, haben konkrete, umsetzbare und pragmatische Vorschläge unterbreitet. Leider fehlt es an politischem Willen seitens der Grossmächte, und die Mainstream-Medien verbreiten weiterhin «fake news», gefälschte Geschichte und gefälschtes Recht, was einen konstruktiven Dialog behindert.
    Im Laufe seiner Karriere reiste Ziegler viel. Als überzeugter Sozialist besuchte er Kuba mehrmals. Einmal erkrankte er in Havanna und erhielt Bluttransfusionen, was ihn zu der Aussage veranlasste, er habe echtes kubanisches Blut. Nicolas Wadimoff drehte einen grossartigen Dokumentarfilm über Ziegler, den ich allen Lesern wärmstens empfehle.3
    Ich erinnere mich gerne an eine schöne Einladung zum Abendessen im Haus von Dr. Fawzia Assaad, meiner Vorgängerin als Präsidentin des PEN International Centre Suisse romand. Als Witwe eines hochrangigen ILO-Beamten und selbst eine versierte Romanautorin mit vielen hervorragenden Büchern war Fawzia eine wunderbare Gastgeberin. An diesem Abend traf ich auch Zieglers Frau Erica Deuber, eine Kunsthistorikerin, Professorin und lebhafte Gesprächspartnerin. 
    Wir sprachen über Weltliteratur, aber auch über die Welt um uns herum, über Politiker in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten. Wir sprachen über Frieden als Menschenrecht und waren uns einig, dass es keinen nachhaltigen Frieden geben kann, wenn strukturelle Gewalt herrscht, wenn es Rassismus, Diskriminierung und Segregation gibt. Sicherlich kann niemals Frieden entstehen, wenn wir weiterhin die Kinder des anderen töten. Nur durch eine Veränderung des Paradigmas der endemischen Ausbeutung, durch das Durchbrechen des Teufelskreises der Gewalt, kann Hoffnung auf harmonische Beziehungen untereinander entstehen.
    Bob Dylans unbeantwortete Fragen sind auch heute noch aktuell: «Wie oft muss ein Mensch aufblicken, bevor er den Himmel sehen kann? Wie viele Ohren muss ein Mensch haben, bevor er die Menschen weinen hören kann?» Wehen die Antworten einfach im Wind? Oder werden die Fragen unbeantwortet bleiben, durch unsere Heuchelei irrelevant gemacht, verschwunden zusammen mit unseren späten Überresten menschlicher Güte? 
    Ziegler war vor allem besorgt über die orwellsche Zerstörung der Sprache, die Instrumentalisierung der Menschenrechte, die unerbittliche Desinformation durch die Medien, falsche Haushaltsprioritäten, militärische Interventionen, Sanktionen und Blockaden, Zensur und Selbstzensur. Wie viele Tote braucht es, bis wir erkennen, dass zu viele Menschen gestorben sind? Auch Pete Seegers «Ubi sunt»-Text bleibt unbeantwortet. «Wo sind all die Blumen hin?» – Alle auf Friedhöfen. Werden unsere Führer jemals lernen? Werden wir es? Diese und andere Themen diskutierten wir an jenem unvergesslichen Abend.
    Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Telefongespräch mit Ziegler im Juni 2024, als meine Frau Carla und ich im Zug auf dem Rückweg von den Hermann-Hesse-Tagen in Sils-Maria waren. Plötzlich klingelte das Handy meiner Frau. (Ich weigere mich, ein Handy zu besitzen, weil ich nicht möchte, dass mich die CIA überallhin verfolgt.) Es war Ziegler, der die Handynummer meiner Frau hatte und vergeblich versucht hatte, mich zu Hause zu erreichen. Er wollte sich bei mir für den langen Brief bedanken, den ich ihm zu seinem 90. Geburtstag am 19. April 2024 geschrieben hatte. Wir unterhielten uns gut eine halbe Stunde lang über alles Mögliche, darunter auch über meine Hesse-Übersetzungen, die in Sils-Maria auf der Tagesordnung gestanden hatten. Er erzählte mir von seiner Liebe zu den Gedichten von Rilke und Hesse. Er klang inspiriert, glücklich!
    Ziegler verliess uns am 10. Juni 2026, aber nicht als Waisen. Er hinterliess uns auch den Auftrag, sein Werk fortzuführen und seine UN-Berichte und Bücher umzusetzen, darunter die folgenden:

  • «Le livre noir du capitalisme» (Das Schwarzbuch des Kapitalismus), in Co-Autorenschaft, Verlag Le Temps des Cerises, 1998
  • «Der Aufstand des Gewissens: Die nicht-gehaltene Festspielrede», Salzburg 2011
  • «Destruction massive: Géopolitique de la faim», Éditions du Seuil, 2011.                 

1https://www.ohchr.org/en/documents/position-papers/declaration-right-international-solidarity
2https://www.unesco.org/en/legal-affairs/constitution

3http://rts.ch/play/tv/documentaires/video/jean-ziegler-loptimisme-de-la-volonte?urn=urn:rts:video:d2203651-ba77-3862-8516-b54403b764cf

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