«Was es bedeutet, das Menschsein zu bewahren»

Auszug aus der Enzyklika «Magnifica humanitas»

zf. In Zeit-Fragen Nr. 12 vom 9. Juni 2026 haben wir mit zwei kurzen Beiträgen auf die neue Enzyklika von Papst Leo XIV., «Magnifica humanitas», aufmerksam gemacht. Um die Bedeutung dieses päpstlichen Lehrschreibens herauszustellen, möchten wir in loser Folge verschiedene Passagen des Textes dokumentieren. Die zahlreichen Fussnoten haben wir weggelassen. Wir verweisen diesbezüglich auf den Originaltext.1

112. Nachdem wir die Frage der Verantwortung und die der Steuerung von KI [Künstlicher Intelligenz] angesprochen haben, müssen wir zu unserem zentralen Thema zurückkehren, nämlich was es bedeutet, das Menschsein zu bewahren. Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass bestimmte Technologien missbraucht werden, sondern dass das technokratische Paradigma, von dem wir umgeben sind und das durch die digitale Revolution und KI noch verstärkt wird, eine menschenfeindliche Anschauung als richtig und normal erscheinen lässt – eine Anschauung, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwächen zu reduzieren, Unvorhergesehenes auszuschliessen und alles unter Kontrolle zu haben. Wenn Effizienz zum Wertmassstab wird, ist der Mensch versucht, sich selbst als ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist.
    113. In Wirklichkeit ist es immer falsch, eine einzige Dimension des Menschen zu verabsolutieren. Tatsächlich ist es nicht bloss der Mangel, der Unordnung hervorruft. Auch das, was masslos wächst, kann zu einer Form der Armut werden. In einem Ökosystem wird das Gleichgewicht gestört, wenn sich eine einzige Art auf Kosten der anderen ausbreitet. Beim Menschen geschieht dasselbe, wenn eine einzige Fähigkeit für sich beansprucht, der Massstab für alles zu sein. Wenn daher die Intelligenz verabsolutiert wird, geraten andere wesentliche Dimensionen des Lebens in den Hintergrund: die Gefühle, der Wille, die Hingabe und die Beziehung. Wenn technische Macht nicht ausgeglichen wird, macht sie uns nicht fähiger, sondern einsamer und anfälliger für eine Logik der Herrschaft und der Ausgrenzung. Es geht gewiss nicht darum, sich der Intelligenz zu widersetzen, sondern daran zu erinnern, dass sie, wenn sie sich auf sich selbst zurückzieht, vergisst, dass sie dazu bestimmt ist, dem Leben und dem Menschen zu dienen.
    114. Der Wert einer Zivilisation lässt sich nicht an der Macht ihrer Mittel messen, sondern an der Fürsorge, die sie zu leisten vermag, an der Fähigkeit, den Mitmenschen als ein personales Gegenüber und nicht nur als Funktion zu sehen. Die Fähigkeit, füreinander zu sorgen, ist eine wichtige Dimension unseres Menschseins. Diese Fähigkeit erlernt und verfeinert man durch Erfahrung. Einem Kind Märchen vorzulesen, einem älteren Menschen Gesellschaft zu leisten und einen Ort einladend zu gestalten – das sind Dinge, die im familiären Umfeld geschehen, die uns aber helfen, die Bedeutung der Fürsorge auch auf gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und zu verinnerlichen. Sie schulen uns zudem darin, den anderen als einen Menschen anzuerkennen, der Achtung verdient. Technologie kann auch die Fürsorge der Menschen untereinander unterstützen, zum Beispiel, wenn sie Instrumente zur Verfügung stellt, die bei der Planung und Organisation helfen, ohne jedoch die Freiheit und das Urteilsvermögen des Menschen zu beschneiden, der Subjekt der Beziehungen ist und verantwortlich für die Entscheidungen.

Zugrundeliegende Narrative:
Transhumanismus und Posthumanismus

115. Um die kulturellen Prämissen herauszustellen, die mit der laufenden digitalen Revolution einhergehen, möchte ich die Aufmerksamkeit nun auf einige Strömungen lenken, für die der Fortschritt in einem über die menschliche Natur Hinausgehen besteht und die wir unter den Begriffen Transhumanismus und Posthumanismus zusammenfassen können. Sie bilden den ideologischen Hintergrund, der in einigen technologischen Machtzentren anzutreffen ist, und kolonisieren vereinfachend das kollektive Bewusstsein insbesondere in den Medien und sozialen Netzwerken, indem sie mit einer futuristischen Vision vom «verbesserten Menschen» (enhanced human) oder vom «Hybriden aus Mensch und Maschine» Begeisterung für die neuen Technologien wecken.
    116. Transhumanismus und Posthumanismus umfassen jeweils verschiedene Strömungen und Interessenlagen, und es ist schwierig, eine eindeutige Beschreibung davon zu geben. Man kann sie mit einem Archipel verschiedener konzeptueller Inseln vergleichen, die jedoch durch dasselbe Meer an Vorannahmen verbunden sind, nämlich die zentrale Stellung der Technik und den Traum, die Begrenztheit des menschlichen Lebens zu überwinden. Im allgemeinen stellt sich der Transhumanismus eine Verbesserung des Menschen durch Technologien (Biomedizin, Human Engineering, Apparate, Algorithmen) vor, mit dem Ziel, Leistung und Fähigkeiten zu steigern. Der Posthumanismus geht vor allem in seinen radikaleren Ausprägungen noch weiter: Er kritisiert den Anthropozentrismus und entwirft eine Form der Hybridisierung zwischen Mensch, Maschine und Umwelt. Das geht bis zur Vorstellung, dass dabei eine Schwelle überschritten wird, an der die Menschheit sich selbst überwindet und in eine neue Evolutionsstufe eintritt. Auch wenn diese Hypothesen weitgehend spekulativ bleiben, gewinnen sie an Relevanz, weil sie die kollektive Vorstellungswelt verändern und folglich soziale, wirtschaftliche und politische Entscheidungen beeinflussen.
    117. Im Lichte der Soziallehre ist der kritische Punkt hier nicht der Einsatz der Technik als solcher, sondern die ihr zugrundeliegende Auffassung: Wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden. Im Namen des Fortschritts kann man «notwendige Opfer» in Betracht ziehen und so die Schwächsten den Preis für eine vermeintliche Optimierung der Spezies zahlen lassen. Die bereits erwähnte Warnung des heiligen Paul VI. ist daher von bleibender Weitsicht: In der Tat werden sich die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wenn sie nicht mit einem moralischen und sozialen Fortschritt einhergehen, letztlich gegen den Menschen richten. Deshalb muss klar unterschieden werden: Es ist eine Sache, Technologien in eine menschliche und beziehungsorientierte Sicht zu integrieren; etwas ganz anderes ist es, sich von einer Vorstellungswelt leiten zu lassen, die Begrenztheit herabwürdigt und ein rein technisches «Heil» verheisst.

Die Begrenztheit, das Herz, die Grösse des Menschen

118. Unser Verhältnis zum Leben scheint heute in einer Krise zu stecken. Alles, was als «Begrenztheit» erscheint – Unfähigkeit, Krankheit, Alter, Leiden, Verletzlichkeit –, wird normalerweise erst einmal als ein zu behebender Mangel angesehen und nicht als ein Umstand, durch den der Mensch reift und sich für Beziehungen öffnet. Doch wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt. Ein Blick auf die Wirklichkeit im Licht des Glaubens hilft uns, das zu erkennen, was wir die «Kontingenz» der Dinge dieser Welt nennen. Wenn es auch einerseits unsere Pflicht ist, zu versuchen, das Leiden zu beseitigen, das das menschliche Leben zeichnet, so ist es andererseits doch weise, unsere konstitutive Endlichkeit anzuerkennen, in dem Wissen, dass «die religiöse Erfahrung und insbesondere der christliche Glaube dazu einladen, diese Ambivalenz zwischen der Grösse und der Begrenztheit des Menschen ohne Vereinfachungen zu leben und sie im Licht der ursprünglichen und grundlegenden Beziehung zu Gott zu deuten».
    119. Gerade durch unsere Begrenztheit gibt es Raum für Mitgefühl, für aufrichtige Sorge um die Bedürfnisse der anderen, für eine Grossherzigkeit, die selbst inmitten von Dunkelheit und Versagen überrascht, für geistliche Erfahrungen und für die Anbetung Gottes. Wir sehen dies in vielen Momenten, in denen sich die Begrenztheit in unserem Leben konkret zeigt, etwa wenn wir Ablehnung erfahren, wenn wir auf Grund der Krankheit oder des Todes eines geliebten Menschen leiden, wenn wir Unvermögen oder Versagen erleben. Auf geheimnisvolle Weise können wir gerade in diesen Momenten der Not zu einer neuen Weisheit finden, die Zuneigung unserer Mitmenschen spüren und die Gegenwart des Herrn erfahren.
    120. Auch wenn die Begrenztheit als innerer Schmerz erfahren wird, sagt uns die menschliche Weisheit, ihn nicht zu beseitigen oder zu unterdrücken, sondern ihn zu integrieren. Um den Schmerz vollständig zu unterdrücken, müsste man letztendlich auch die Liebe und die Sehnsucht auslöschen. Wer liebt und etwas ersehnt, kann Prüfungen und Leiden nämlich nicht vermeiden, und deshalb bewahren wir Lehren in uns, die sich über die Jahre wie Narben einprägen, eine Erinnerung an den Weg, den wir zwischen Freiheit und Niederlagen, zwischen Träumen und Enttäuschungen zurückgelegt haben. Nur dank der Verflechtung dieser Elemente geschehen im Herzen jene Wunder der Seele, die uns den höchsten Genuss unseres Menschseins ko-sten lassen. Auf dieses zugleich dramatische und grossartige Abenteuer im Namen einer vermeintlichen Überwindung aller Begrenztheit zu verzichten, könnte alles Mögliche bedeuten, aber nicht mehr, ein Mensch zu sein.
    121. Die moralische Korrumpierung unserer geschöpflichen Begrenztheit – das Böse, das offensichtlich das menschliche Herz aufwühlt – zerstört die Gesellschaft und das Leben und erreicht tiefe Abgründe an Unmenschlichkeit. Und doch lässt auch diese schmerzhafte Form der Begrenztheit einen Hoffnungsschimmer für das Gute. Selbst wenn der Mensch sich unmenschlich verhält und Tragödien verursacht, leuchtet in seinem Menschsein weiterhin ein kleines Licht, das durch die Gnade Gottes auf dem Weg der Umkehr und der Versöhnung wieder entfacht werden kann. Viktor Frankl sagte zu Recht, dass wir in Momenten des Grauens «den Menschen kennengelernt [haben], wie er wirklich ist. Der Mensch ist schliesslich jenes Wesen, das die Gaskammern von Auschwitz erfunden hat; aber er ist auch jenes Wesen, das diese Gaskammern mit erhobenem Haupt betreten hat, mit dem Vaterunser oder dem Sch’ma Jisrael auf den Lippen».
    122. Wenn die Endlichkeit in Wahrheit angenommen wird, macht sie den Menschen nicht arm, sondern öffnet ihn für die Erkenntnis des Antlitzes Gottes und des Nächsten. Gerade weil er Begrenztheit erfährt – Verletzlichkeit, Schmerz und Versagen –, kann er die eigene Würde und die der Mitmenschen als unantastbar anerkennen. Und gerade in dieser Erfahrung der Begrenztheit bleibt er fähig, eine geschwisterliche Verbundenheit zu erahnen, die grösser ist als er selbst, und Ungerechtigkeit als einen Skandal zu sehen. Kultur und Kunst hüten, wenn sie authentisch sind, diesen Funken und verhindern damit die Normalisierung des Bösen. […]
    123. Die Geschichte bietet nicht nur eine Auflistung unserer Gewalttaten, sondern auch den Beweis dafür, dass die Menschheit in der Lage ist, Institutionen zum Schutz des gemeinsamen Lebens zu schaffen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten sehen wir dies an einigen symbolträchtigen Errungenschaften: an der Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (1863), dessen operative Neutralität allen eine mitfühlende Versorgung garantiert; der lange Prozess, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, der nicht bloss eine rechtliche Änderung, sondern einen Bewusstseinswandel darstellte; die Gründung der Organisation der Vereinten Nationen (1945) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), die eine gemeinsame Sprache geschaffen haben, um zumindest als gemeinsames Ideal zu bekräftigen, dass die Würde universal ist; die Genfer Flüchtlingskonvention (1951), die die Pflicht zum Schutz derer anerkennt, die vor Verfolgung und Bedrohung fliehen. In diesen Beispielen findet die Sehnsucht nach dem Guten zu einem konkreten Ausdruck in öffentlichen Formen – Normen, Institutionen und Vorgehensweisen –, die in der Lage sind, Gewalt einzudämmen und die Schutzbedürftigen zu verteidigen. Doch nichts davon ist entstanden, ohne dass es auf Widerstand, engstirnige Interessen und kulturelle Trägheit gestossen ist. Moralische Fortschritte sind fast immer ein langer und beschwerlicher Weg, der auch von Rückschlägen gezeichnet ist: Denken wir an unterbrochene Friedensprozesse oder an nur langsam umgesetzte Umweltschutzverpflichtungen. Doch gerade die Fragilität dieser Ergebnisse zeigt, wie wertvoll die Verantwortung derer ist, die sie anstossen und unterstützen.
    124. Manche Ereignisse helfen uns zu erkennen, dass sich die Geschichte ändern kann, wenn auch nur ein Mann oder eine Frau die Würde aller wirklich ernst nimmt: die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika, die auch verbunden ist mit dem Zeugnis von Martin Luther King Jr., oder das Ende der Apartheid in Südafrika nach der Befreiung von Nelson Mandela und seiner Entscheidung, die Zukunft nicht vom Hass prägen zu lassen. In unterschiedlichen Kontexten haben sich darüber hinaus mutige und grossherzige Frauen hervorgetan, wie die heilige Laura Montoya, die heilige Teresa von Kalkutta, Dorothy Day, Marie Skłodowska Curie, Maria Montessori, Elisabeth Elliot, Wangari Maathai, Benazir Bhutto und viele andere aus allen Kontinenten. Durch ihr Engagement haben sie dazu beigetragen, die Geschichte menschlicher zu gestalten.
    125. Neben diesen öffentlichen Zeugnissen gibt es verborgeneres, aber entscheidendes Geschehen: die Ordensgemeinschaften, die sich für arme und gefährliche Orte entscheiden; die Märtyrer der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit wie der heilige Maximilian Maria Kolbe, der heilige Oscar Romero und der selige Enrique Angelelli sowie Bekenner, die unter harten und oft unmenschlichen Bedingungen die Hoffnung des Evangeliums und die Würde des Menschen verkörperten, wie der ehrwürdige Diener Gottes François-Xavier Nguyễn Văn Thuận. Und vor allem die «Märtyrer des Alltags», die ohne grosses Aufsehen pflegen, erziehen, begleiten und trösten, wie etwa Eltern, Pflegepersonal, Ärzte, Freiwillige und jene, die einem älteren Menschen oder einem Ausgestossenen zur Seite stehen. Ihr Zeugnis zeigt, dass das Gute nicht von selbst geschieht, sondern Beharrlichkeit und Erinnerung erfordert sowie eine Haltung der Umkehr, die es ermöglicht, auch nach Rückschlägen neu anzufangen.
    126. Genau dieses Zusammenspiel aus gerechten Institutionen, glaubwürdigen Zeugnissen und täglicher Treue erhält die Hoffnung am Leben und weist eine Richtung: Technik weiterentwickeln, ohne das Herz dabei verkümmern zu lassen. Aus diesem Grund darf die – grossartige und verwundete – Menschheit weder ersetzt noch überwunden werden. Sie kann die technischen Fortschritte begrüssen, um Leiden zu lindern und neue Möglichkeiten zu eröffnen, aber nur, wenn sie dabei nicht verleugnet, was sie menschlich macht, nämlich die Fähigkeit zu Beziehung und Liebe. […] •

1https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

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