Die iranische Kultur des Widerstands

Eine Analyse der historischen und geopolitischen Dimensionen des amerikanischen und israelischen Krieges gegen den Iran

von Bahram Soltani*, Professor und Forschungsstipendiat – Universität Paris-Sorbonne

Der Krieg, den die Vereinigten Staaten und Israel – zwei Atommächte – im Juni 2025 und seit dem 28. Februar ge-gen den Iran führten und führen, hat grundlegende historische, politische und kulturelle Dimensionen der Widerstandsfähigkeit der iranischen Nation ans Licht gebracht und erfordert somit eine eingehende Analyse seiner Auswirkungen. Über die vom Iran eigenständig entwickelten militärischen Fähigkeiten hinaus, die viele westliche Beobachter überraschten, haben die iranische Widerstandsfähigkeit und vor allem die tiefe Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrer Nation eine Realität des Iran offenbart, die in den westlichen Medien oft missverstanden, verzerrt oder zu stark vereinfacht wird.
    Diese Widerstandsfähigkeit, obwohl sie seit langem besteht und tief in der Geschichte verwurzelt ist, kam angesichts der Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung, die auf wirtschaftliche Schwierigkeiten, soziale Zwänge und innenpolitische Spannungen zurückzuführen ist, auch für die Behörden der Islamischen Republik überraschend. Es erscheint daher unerlässlich, dass die iranische Führung im Nachgang dieses Krieges diese nationale Verbundenheit voll und ganz anerkennt und konkrete sowie nachhaltige Antworten auf die Forderungen der Bevölkerung in verschiedenen Bereichen liefert. Dies könnte in Form eines Paktes von Staatsmacht und Volk geschehen, der auf gemeinsamen historischen, kulturellen und islamischen Werten basiert.
    Die aktive Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen – darunter Angestellte, Arbeiter, Lehrer, Studierende, Akademiker, medizinisches Personal, Intellektuelle, Kaufleute, Industrielle und Bauern – neben dem Klerus und den Streitkräften an Entscheidungsprozessen wäre ein starkes Zeichen politischer Anerkennung. Ein solcher Pakt könnte den nationalen Zusammenhalt stärken und als entscheidender Faktor für politische und in-stitutionelle Stabilität dienen, wodurch sowohl das langfristige Überleben des Iran als unabhängige Nation als auch der Fortbestand der Islamischen Republik gesichert würden. Die massive und anhaltende Mobilisierung, die seit Kriegsbeginn im ganzen Land zu beobachten ist, zeigt deutlich diese kollektive Verbundenheit mit den gemeinsamen Werten der iranischen Nation, die von westlichen Politikern oft missverstanden oder unterschätzt wurde.
    Es liegt auf der Hand, dass die Widerstandsfähigkeit des Iran nicht allein durch politische Macht erklärt werden kann; vielmehr schöpft sie ihre Kraft aus einer jahrtausendealten Zivilisation, die tief in der persischen Sprache, der Poesie, der Philosophie und dem kollektiven historischen Gedächtnis verwurzelt ist. Bedeutende Persönlichkeiten wie Ferdowsi, Hafez, Rumi, Saadi und Omar Khayyam stellen nicht nur ein aussergewöhnliches literarisches Erbe dar; sie sind auch zentrale kulturelle und identitätsstiftende Bezugspunkte im kollektiven Bewusstsein des iranischen Volkes. Montesquieu hatte bereits in seinen «Persischen Briefen» (1721) die kritische, universelle und philosophische Bedeutung der persischen Perspektive erkannt.

Historische Dimensionen westlicher Aggressionen gegen den Iran

Der Iran ist eines der wenigen Länder der Welt, das nie offiziell kolonialisiert wurde, obwohl es im Laufe seiner antiken und mittelalterlichen Geschichte zahlreiche Invasionen erlebte. Dennoch wurde er während der beiden Weltkriege von Grossmächten besetzt, was zu erheblichen Zerstörungen sowie zu Zeiten von Hungersnot und Armut für die Bevölkerung führte.
    Eines der bedeutendsten Ereignisse in der jüngeren iranischen Geschichte bleibt die Operation AJAX, die 1953 gemeinsam von den Vereinigten Staaten und Grossbritannien durchgeführt wurde, um Premierminister Mohammad Mossadegh zu stürzen, der nach der Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie im Jahr 1951 demokratisch gewählt worden war. Trotz eines von Grossbritannien verhängten, 28 Monate andauernden Totalembargos hielt seine Regierung unter äusserst schwierigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen stand, bevor sie schliesslich durch einen Staatsstreich gestürzt wurde. Dieses Ereignis festigte die Macht des Schahs und trug durch seine langfristigen politischen und sozialen Folgen zu den Umständen bei, die schliesslich zur Islamischen Revolution von 1979 führten.
    Der Widerstand von Premierminister Mossadegh, der sich den Grossmächten seiner Zeit entgegenstellte, inspirierte mehrere nationalistische Bewegungen, insbesondere in Ägypten und Algerien. Er bleibt ein wichtiges historisches Beispiel für die Widerstandsfähigkeit des Iran, die von den damaligen westlichen Mächten häufig unterschätzt oder übersehen wurde.

Militärischer, wirtschaftlicher und politischer Druck

Seit 1979 ist der Iran einer anhaltenden feindseligen Politik ausgesetzt, insbesondere durch den Krieg Iraks gegen den Iran (1980–1988), der von den westlichen Mächten weitgehend unterstützt wurde. Trotz erheblicher menschlicher Verluste und weitreichender Zerstörungen gelang es dem Land, extremem militärischen, wirtschaftlichen und politischen Druck standzuhalten.
    Die seit mehr als vier Jahrzehnten verhängten Wirtschaftssanktionen haben in er-ster Linie die Zivilbevölkerung getroffen, während sie hinsichtlich der von ihren Befürwortern verfolgten politischen Ziele nur begrenzte Ergebnisse erzielten. Heute zählt der Iran zu den am stärksten sanktionierten Ländern der Welt, sowohl hinsichtlich der Dauer als auch des Umfangs und der Vielfalt der verhängten Massnahmen. Diese Sanktionen, die oft einseitiger Natur sind, werfen grundlegende Fragen hinsichtlich ihrer Rechtmässigkeit nach dem Völkerrecht und des Prinzips der staatlichen Souveränität auf. Sie können daher als eine Form des anhaltenden Wirtschaftskriegs betrachtet werden, der tiefgreifende Folgen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes haben kann.
    In einigen Fällen richteten sich diese Massnahmen sogar gegen internationale Institutionen oder nichtstaatliche Akteure, was eine umstrittene Ausweitung der amerikanischen Rechtshoheit und eine schrittweise Infragestellung der bestehenden internationalen Rechtsordnung verdeutlicht.

Gezielte Tötungen

Zu den umstrittensten Instrumenten, die in amerikanischen und israelischen Strategien zum Einsatz kommen, gehört die Praxis der gezielten Tötungen, insbesondere durch Israel über mehrere Jahrzehnte hinweg. Diese Aktionen, die ausserhalb jeglichen anerkannten völkerrechtlichen Rahmens durchgeführt werden, gelten weithin als schwerwiegende Verstösse gegen das Völkerrecht.
    Der Iran ist von solchen Praktiken besonders betroffen: Politische Führer, Wissenschaftler und Militärangehörige wurden ins Visier genommen, manchmal zusammen mit ihren Familienangehörigen im zivilen Umfeld. Diese Methoden tragen zur Normalisierung aussergerichtlicher Hinrichtungen bei, schwächen die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten völkerrechtlichen Normen und untergraben den Grundsatz der staatlichen Souveränität.

Die Rolle von IAEO und Doppelmoral

Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO), von der erwartet wird, dass sie eine unparteiische Überwachung von Nuklearprogrammen gewährleistet, hat in der Praxis einen Ansatz verfolgt, der Unterschiede macht. Der Iran, ein Unterzeichner des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, unterliegt strengen und regelmässigen Inspektionen, während Israel, das über bedeutende nukleare Kapazitäten verfügt, denselben Verpflichtungen nicht unterliegt. Dieses Ungleichgewicht schürt den Eindruck einer Doppelmoral und trägt dazu bei, sowohl die Glaubwürdigkeit als auch die Legitimität des internationalen Regimes zur Nichtverbreitung von Kernwaffen zu schwächen.
    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Widerstandsfähigkeit des Iran in einer uralten und fortdauernden Kultur verwurzelt ist, die von einer gemeinsamen Sprache, Kultur, Literatur und religiösen Werten, insbesondere dem Schiismus und dem Opfergedanken, geprägt ist.
    Aus völkerrechtlicher Sicht – insbesondere im Lichte der Charta der Vereinten Nationen, der Genfer Konventionen und der mit der Theorie des gerechten Krieges verbundenen Grundsätze – erscheinen die militärischen Aktionen gegen den Iran sowohl rechtlich als auch politisch schwer zu rechtfertigen. Sie wurden vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht genehmigt und erfüllen nicht die Kriterien für die rechtmässige Anwendung von Gewalt.
    Trotz jahrzehntelanger Sanktionen, Konflikte und internationalen Drucks hat der Iran seine territoriale und politische Integrität bewahrt. Die Massnahmen der Vereinigten Staaten und Israels scheinen daher über die alleinige Frage des Atomprogramms hinauszugehen und Teil einer umfassenderen Strategie zu sein, die auf einen Regimewechsel abzielt, insbesondere durch die gezielte Eliminierung der militärischen und wissenschaftlichen Eliten des Iran.

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Bahram Soltani ist promovierter Wissenschaftler und Professor sowie Forschungsstipendiat an der Universität Paris-Sorbonne. Im Laufe seiner akademischen Laufbahn hat er zahlreiche Veröffentlichungen in den Bereichen Management, Ethik, Corporate Governance und Finanzmärkte verfasst und dabei zahlreiche Forschungsartikel und Bücher bei führenden Verlagen in englischer, französischer und deutscher Sprache veröffentlicht.Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat er sich Fachkenntnisse in den Bereichen Völkerrecht, Politik und politische Ökonomie, Finanzbetrug, soziale Fragen und Menschenrechte sowie internationale und finanzregulatorische Mechanismen angeeignet. Er hat mehr als 100 Bücher und Artikel in Englisch, Französisch und Farsi veröffentlicht und war mehrfach als Kommentator bei unabhängigen Fernsehsendern zu sehen.

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