Ein aufrechter Zeitzeuge des Krieges

Interview von Susanne Wiesinger mit Ernst Udo Kaufmann

lch hatte das Glück, einen Vater zu haben, Jahrgang 1927, der sich sehr für politische Vorgänge und Entscheidungen interessierte, neben seinem anstrengenden Beruf zwei Zeitungen las, der nicht an den «Butterberg» in der EWG glaubte wie alle anderen, der dies kundtat unter seinen Freunden und der sich für Brandts Ostpolitik 1969 schon früh erwärmen konnte.

Der Friede war meinem Vater das Wichtigste. Seine grösste Befürchtung war, es käme wieder ein Krieg, der unsere Sicherheit, unser ruhiges Leben und unseren erreichten Wohlstand zerstören würde. Er war ein Münchener Kindl, in München aufgewachsen, erlebte den schweren Luftangriff der USA im Juli 1944 auf München, … dabei befand er sich mit der Mutter in Münchens Innenstadt, wo innerhalb von Minuten buchstäblich alle Gebäude zu Ruinen gemacht wurden und wo der Boden heiss unter den Sohlen brannte. Sie schafften es gerade noch nach Hause zurück. Auf München gab es allein von den USA von 1943 bis 1945 vierundsiebzig Luftangriffe bei Tage. 90 % der historischen Altstadt waren bei Kriegsende zerstört und 45 % der gesamten Stadt. Die Briten flogen ihre Angriffe auf München bei Nacht. 

Nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 rief mein Vater meinen Bruder und mich zu sich und erklärte uns, dass nunmehr die guten, ruhigen Zeiten auch für unsere Generation vorbei seien. Seine Befürchtung war, es gebe einen neuen Krieg, und für den Irak war es ja tatsächlich so. Auch für Afghanistan: Meine Familie väterlicherseits war sich immer im klaren, dass der Afghanistan-Krieg nach internationalem Recht illegal war. Eine Weihnachtskarte meines Vaters mit der Bemerkung «Hoffentlich kein Vorkriegsweihnachten» aus dem Jahr 2002 besitze ich heute noch …

Immer, wenn ich später von meinem Studienort nach Hause heimkehrte, sassen mein Vater und ich bei einer Tasse Tee nachmittags zu zweit zusammen, diskutierten und redeten uns heiss, waren freilich nicht immer derselben Meinung. Es war interessant, und er hörte mir auch zu. 

Nachdem er gestorben war, hatte ich wiederum Glück: Durch einen Leserbrief, der mir in der Regionalzeitung in die Augen fiel, weil er sehr friedensorientiert war, kam ich mit Ernst Udo Kaufmann, Jahrgang 1927, in Kontakt. Er bekam für seinen Leserbrief von mir eine Ausgabe der Zeit-Fragen. Und er erkannte sofort, welcher Art diese Zeitung ist. Er schätzte den grossen Wissenshorizont und das dahinter stehende politisch-gesellschaftliche ethische Bewusstsein. Umgehend wurde er Abonnent. 

Seit einigen Jahren besuche ich ihn immer wieder im Pflegeheim, wir haben jedes Mal ernste, intensive Gespräche, die mich ungeheuer bereichern und die ich mit niemand anderem so haben könnte. Er schildert mir das, was meine guten Eltern mir gutmeinend verschwiegen hatten: die Kriegszeit, das Soldat-Sein, die Armut, den Hunger und die Kargheit des Lebens in den vierziger Jahren, teils auch die Hoffnungslosigkeit. Ja, das lernte ich bei Herrn Kaufmann kennen. Meine Eltern hatten geschwiegen – nur einmal kam bei einem -Osterfest in unserer Familie zur Sprache, wie ein Friedhof aussieht, der bombardiert wurde … 

Als 35jährige erfuhr ich, dass mein Vater die einjährige US-Kriegsgefangenschaft nur dank seiner soliden, festen Wehrmachtsstiefel überlebte. Hätte er diese Stiefel nicht gehabt, gäbe es mich nicht … 

Herr Kaufmann bedeutet für mich eine Fortführung der Gespräche mit meinem Vater. Er ist sehr, sehr mutig und handelt immer folgerichtig. Er ist ein Charmeur, der Hochachtung und Würde den Frauen gegenüber zeigt. Mit Herrn Kaufmann kann man Lieder aus der «Wyhler Volkshochschule» singen, einem Erinnerungs- und Begegnungsort am Kaiserstuhl, der in der Anti-Atomkraft-Bewegung wichtig war und die Besonderheit aufwies, dass die städtischen Studenten sich mit den lokal ansässigen Bauern-, Winzer- und Fischerfamilien zusammenfanden im gemeinsamen Protest. Im Gegensatz zu Brokdorf und Gorleben verliefen die Proteste dort friedlich. Lieder wie «Nai hämmer gsait» oder «Mueders Stübele» oder «Wacht am Rhein» von Walter Mossmann kann Herr Kaufmann (99 Jahre) immer noch auswendig, manchmal stimmt er auch ein Lied von Hans Albers an, was mich immer sehr freut. 

Susanne Wiesinger

Susanne Wiesinger: Wie alt waren Sie, als Sie in den Zweiten Weltkrieg ziehen mussten? 
Ernst Udo Kaufmann: Ab 1943 war ich als junger Soldat, 16 Jahre alt, bei der Flak, der Abwehr der Bombenflieger vom Boden aus, und beim Arbeitsdienst. 

Haben Sie denn eine Ausbildung zum Soldaten durchlaufen? 
Ich begann die Segelfliegerausbildung, die ich auch beendet habe mit Schein A und B. 1944 sagte man mir, als ich zur Jagdfliegerausbildung mit Schein C weitermachen wollte, dass es kein Benzin mehr gäbe, und damit musste ich die Fliegerei beenden. So wurde ich eben kein Jagdflugzeugpilot – wegen Benzinmangels. Eine Infanterieausbildung folgte in Esbjerg in Dänemark, dann deren Abbruch. Dann war ich beim Reichsarbeitsdienst, danach erneut die Infanterieausbildung. In den letzten zwei Kriegswochen kam ich nach Berlin zur Infanterie mit Karabiner und Panzerfaust. 
    Aber ich bin desertiert. Und ich habe viel nachgedacht. 

In welche Regionen Deutschlands hat es Sie im Krieg verschlagen? 
Wie schon gesagt, war ich in Esbjerg in Dänemark zur Infanterieausbildung. Zuletzt war ich in Liebenwalde bei Berlin, habe erlebt, dass es unsinnige Befehle gab, dass es sinnlose Verluste gab, man nahm keine Rücksicht auf uns. Ein Offizier gab uns den Befehl, bei Liebenwalde «den Russen zurückzuschlagen». Völlig deckungsloses Gelände war es, ich bat den Offizier, die Dunkelheit abzuwarten, der Offizier brüllte uns daraufhin zusammen: «Ihr solltet euch schämen vor dem Volkssturm, so feige, wie ihr seid.» Und er liess uns ungeniert ins Granatfeuer laufen – ein 17jähriger Kamerad neben mir hatte einen Volltreffer einer Granate, er war sofort tot. Der Russe war übrigens nicht vorgestossen! 

Was war Ihr schlimmstes Kriegserlebnis? 
Als wir uns über eine Kanalbrücke begaben, gab es viele Verluste, Zeitzünder wurden an der Brücke angebracht, und wir wurden nicht gewarnt. Kameraden waren sofort tot, mich rettete die Tatsache, dass ich eine Minute später die Brücke überqueren wollte. Das war der Moment, wo ich mich entschlossen habe, zu desertieren. 

Wie verlief die Rückkehr nach Baden? 
Der Heimweg von Berlin nach Südbaden dauerte drei Monate. Ich geriet in US-Gefangenschaft, wir bekamen dort fast nichts zu essen, und Getränke aus einem vorherigen Güllewagen.
    Ich riskierte die Flucht und musste sehr aufpassen, um nicht wieder gefangen genommen zu werden. 
    Der Grund für meine Desertation war, dass man uns junge Leute verheizen wollte, rücksichtslos!

Können Sie noch etwas zur Gefangenschaft sagen, wie Sie sie verbracht haben? 
Als der Krieg aus war, war ich überrascht darüber, wie man durch Propaganda verführt werden kann. Im Gefangenenlager hatte ich genug Zeit, darüber nachzudenken. Ich sagte mir: «Das passiert mir nicht noch einmal.» Ich habe mich immer gut informiert, manches gelernt in Wyhl bei den Umweltschützern, im passiven Widerstand. Ich habe mich immer gründlich informiert, nicht nur in den Mainstream-Medien. Und ich empfand auch den im Krieg getöteten jungen Männern gegenüber immer die Verpflichtung, ihr Andenken wachzuhalten, an sie zu erinnern, auch mit dem Ziel, dass so etwas nicht noch einmal passiert. 

Wie kam es dazu, dass Sie den Beruf des Volksschullehrers wählten? 
Erstens lag es nahe, Lehrer zu werden, denn mein Vater war Gewerbeschullehrer. Deutsch wählte ich als Fach, das hat eine längere Geschichte: In der Oberprima 1947 nach dem Krieg wurde ein Gedicht von Wolfgang Borchert behandelt, und die Lehrer waren erstaunt über meinen Aufsatz und fragten mich, ob wirklich ich den Aufsatz geschrieben hätte oder ob es ein Erwachsener war. Ich antwortete: «Nein, auf Grund meiner Erfahrungen als Soldat im Krieg habe ich so gut dazu schreiben können.» Ich merkte mehr und mehr, dass ich gute Aufsätze schreiben konnte, und baute das immer mehr aus, ich schrieb auch Leserbriefe, und entschied mich dann, Volksschullehrer mit dem Hauptfach Deutsch zu werden. 

Sie haben auch viele Leserbriefe geschrieben.
Ja, das stimmt, aber meine «Badische Zeitung» bringt heute keine Leserbriefe mehr von mir, nachdem ich 60 Jahre lang immer Leserbriefe dort geschrieben habe. Seit dem Ukraine-Krieg erscheinen keine Leserbriefe mehr von mir. 
    Sie sind lange vorher gewarnt worden, die Ukrainer, Gorbatschow wurde versprochen, dass die Nato sich nicht der russischen Grenze nähern würde. 

Haben Sie nach Kriegsende sofort Ihre Berufsausbildung begonnen? 
Ich war auch im Ausland in der Schweiz als Foto-Operateur. Damit habe ich mir mein Lehrerstudium zum Volkschullehrer verdient. Ich bin im Umweltschutz tätig geworden, machte Fotoausstellungen zum Schutz der Natur, bin jetzt sechs Jahre im Pflegeheim und muss besorgt feststellen, dass die Leute viel den Mainstream-Medien und deren Hetze gegen Russland glauben. Die Mehrheit der Deutschen hat ein falsches Bild von Russland und von Putin als dem Aggressor. 

Können Sie ein inhaltliches Beispiel für Propaganda damals geben? 
Ich wollte Jagdflieger werden ein halbes Jahr vor Kriegsende. Und da redete man so: «Wir werden siegen.» Wir hatten aber nicht einmal genug Flugbenzin. Man redete vom Endsieg, als man kein Benzin hatte! Und uns schickte man in den Tod! Ich habe gemerkt: Unser Leben war nichts wert. Es wurde nicht berücksichtigt, dass die Familie, die Geschwister trauern werden um uns. 

Könnten Sie uns etwas über die Nachkriegsjahre sagen? 
Für zwei Schachteln Zigaretten, die damals auf dem Schwarzmarkt 100 Mark wert waren, machte ich den Führerschein. 1948 war die Währungsreform. Damit wurde alles anders. Denn die Leute stellten nun ihre Waren in die Schaufenster, weil die Preise nicht mehr gebunden und kontrolliert waren. Sie merkten, dass sie mit ihren Waren etwas verdienen konnten, und stellten sie ins Schaufenster, anstatt sie zurückzubehalten. 

Welches Fazit ziehen Sie mit Blick auf die heutige Zeit? 
Die Erinnerungen an den Krieg verblassen von Generation zu Generation, und damit auch der Respekt vor dem warnenden Grundgesetz. Ebenfalls verblassen soll die Erinnerung an die hohen Kriegsopfer, die Russland gebracht hat. Sie hätten wie die Holocaust-Opfer Gedenksteine verdient.

Herr Kaufmann, ganz herzlichen Dank für das Interview.

Wieder Propaganda

Ansprache beim Ostermarsch 2018 auf dem Marktplatz von Müllheim im badischen Markgräfnerland

Ich, Ernst Udo Kaufmann, bin einer der Zeitzeugen, die das Dritte Reich noch erlebt haben.
    Wir Kinder und Jugendlichen, als «Jungvolk» bzw. als «Hitlerjugend» bezeichnet, wurden einer gnadenlosen Propaganda unterzogen. Wir hatten seinerzeit einen Hitlerjugendführer namens Rolf Oberländer (dessen Vater übrigens General war). Dieser wollte uns auf Vordermann bringen und brachte uns folgendes Lied bei:
    «Ein junges Volk steht auf, zum Kampf bereit. Reisst die Fahnen höher, Kameraden! Wir fühlen nah uns unserer Zeit, die Zeit der jungen Soldaten. Und vor uns marschieren mit sturmverwetzten Fahnen die toten Helden der jungen Nation. Und über uns die Heldenahnen: Deutschland, Vaterland, wir kommen schon.» 
    In einem anderen Lied heisst es:
    «Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.»
    Wir wurden von der Schulbank zur Flak einberufen, wo bereits eine grosse Lücke entstanden war, die wir auffüllen sollten. Im Anschluss daran kamen wir direkt zum Reichsarbeitsdienst.
    Hitler hatte geprahlt: «Stalingrad nehmen wir mit einem kleinen Stosstrupp.» Aber nicht einmal den Westwall konnte er aufhalten: Die Alliierten standen bereits im Herbst 1944 am Rhein! Müllheim lag unter Beschuss, die Bevölkerung musste sich im Keller aufhalten.
    Das Kriegsende erlebte ich als Infanterist in Berlin, von wo ich im April 1945 desertierte.
    Dann erst begann mein Nachdenken über die Wirkung der Nazi-Propaganda und über das anschliessende feierliche Gelöbnis: «Nie wieder Krieg!»
    Wir Zeitzeugen von damals fühlen uns beunruhigt über den derzeitigen neuen Trend. Aus dem tiefempfundenen Motto «Nie wieder Krieg!» ist neuerdings geworden: «Wir Deutschen müssen wieder Verantwortung übernehmen.»
    Verantwortung: wofür? Es stellt sich schnell heraus: Verantwortung für Krieg.
    Wieder Propaganda – nur dass die Propaganda heutzutage mit subtileren Mitteln betrieben wird.

Quelle: http://www.friedensrat.org/pages/aktionen/2018/ostermarsch-2018-in-muellheim/ostermarsch-reden.php

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