von Raïs Neza Boneza
Es gibt amateurhafte Spionagespiele, und dann gibt es das, was Berichten zufolge in Paris passiert ist.
Laut einer Untersuchung, die am 17. Juni 2026 im «Africa Report» veröffentlicht wurde – von wem genau? Einem seriösen Medium? Einem parteiischen Newsletter? Einer Exilgruppe mit eigenen Schattenseiten? Der Originalbericht geht nicht näher auf dieses Detail ein, also werden wir es auch nicht tun, ausser um anzumerken: Willkommene Indiskretionen sind nicht dasselbe wie handfeste Beweise. Aber sie sind gelegentlich einen Blick wert.
Die Geschichte lautet wie folgt: Im Sommer 2025 sollen malische Exilanten in der französischen Hauptstadt ein Angebot erhalten haben, das weniger nach politischem Dialog klang als vielmehr nach einem Kickstarter für einen Regimewechsel. Das Paket umfasste eine Ausbildung in der Ukraine, Unterricht in Drohnenkriegsführung, Kamikaze-Drohnen, europäisches Geld für Ausrüstung und Händeschütteln mit Personen, die Verbindungen zum ukrainischen Militärgeheimdienst GUR hatten. All dies angeblich für ein bescheidenes kleines Ziel: den Sturz der malischen Regierung. Nichts Dramatisches. Nur der Sturz der Regierung eines souveränen Staates – mit ein paar fliegenden Robotern, einigen PowerPoint-Folien, einer Handvoll mysteriöser Mittelsmänner und einer offenbar grosszügigen Versorgung mit Wegwerf-Handynummern.
Die Treffen fanden nicht in irgendeinem staubigen Lagerhaus im Grenzgebiet unter einer flackernden Glühbirne statt. Berichten zufolge fanden sie in Paris statt. Paris: Stadt der Kunst, der Diplomatie, des überteuerten Espressos und offenbar auch gelegentlicher Optionen auf der Speisekarte für die Auslagerung von Staatsstreichen. Die Vermittler trugen Titel, die lang genug waren, um eine Rezeptionistin zu beeindrucken, und vage genug, um einen Gerichtsangestellten zu verwirren – ein Mediationsspezialist, ein mit der Ukraine verbundener Sicherheitsberater, eine Person mit unbestätigter Identität und einem Titel, den sie sich von Veteranen des ukrainischen Geheimdienstes ausgeliehen hatte. Es gab ins Französische übersetzte Dokumente in kyrillischer Schrift, Drohnen-Anleitungen, Videoanrufe, persönliche Gespräche und einen geheimnisvollen «Victor», der als französischer Agent vorgestellt wurde.
An dieser Stelle rechnet man fast schon mit einer sich selbst zerstörenden Tonbandaufnahme. Doch der eigentliche Knaller kam erst später: Quellen mit Verbindungen zum französischen Geheimdienst sollen die Operation als «grotesk» abgetan haben – vielleicht privat, vielleicht «halboffiziell».
Halboffiziell. Ein magischer Ausdruck, der einen eigenen Museumsflügel verdient. Bedeutet das, dass niemand in der Regierung davon wusste – ausser allen, die etwas zu sagen hatten? Dass es privat war, aber irgendwie Geheimdienstkontakte, militärische Ausbildung, ausländische Finanzierung und Drohnenlieferungen mit sich brachte? Dass es in derselben Weise inoffiziell war, wie ein Krokodil inoffiziell an einem Gnu interessiert ist? Ein Privatmann kann eine Dinnerparty veranstalten. Ein Privatmann kann eine Wohltätigkeitsorganisation gründen. Ein Privatmann kann sogar einen furchtbaren Podcast aufnehmen. Aber Kontakte zum Militärgeheimdienst zu vermitteln, über Waffenlieferungen zu diskutieren und Drohnenangriffe auf eine ausländische Hauptstadt zu planen, ist kein Briefmarkensammeln. Es ist kein Yoga-Retreat.
Doch bevor wir uns auf die Empörungsbühne begeben, sollten wir einen Moment innehalten und den Kontext betrachten, den die ursprüngliche Darstellung geflissentlich auslässt. Die derzeitige Regierung Malis hat nicht nur die Franzosen hinausgeworfen, sondern auch ihre Kasernen für das russische Afrika-Korps (ehemals Wagner) geöffnet. In der düsteren Logik des Stellvertreterkriegs könnte dies Bamako zu einem legitimen Ziel für mit der Ukraine verbundene Akteure machen, die Moskau eine Niederlage zufügen wollen. Rechtfertigt das die Verschwörung? Nein. Aber es erklärt das «Warum» weitaus ehrlicher als vage Vorwürfe gegen Europa. Vielleicht ist die angebliche Pariser Operation aber gar keine Politik des französischen Staates – es könnte sich um ein freiberufliches Nebenprojekt im Rahmen eines Stellvertreterkriegs handeln, geleitet von ehemaligen ukrainischen Söldnern, die auf russische Köpfe aus sind und Paris als bequeme Flughafenlounge nutzen. Der französische Staat könnte tatsächlich geschlafen haben. Das ist Inkompetenz, keine Verschwörung. Doch Inkompetenz in einer Hauptstadt verlangt dennoch nach Antworten. Angesichts der nostalgischen und rachsüchtigen politischen Rhetorik der französischen Regierung gegenüber den Ländern der Sahel-Allianz (Mali, Burkina Faso, Niger) erscheint dies jedoch unwahrscheinlich.
Und doch wird die Wortwahl immer dann, wenn es um Afrika geht, vage. Würden ausländische Akteure in einer europäischen Hauptstadt dabei erwischt, wie sie Oppositionspolitiker rekrutieren, ihnen Ausbildungen im Umgang mit ausländischen Waffen anbieten und den Sturz einer europäischen Regierung besprechen, gäbe es keine Debatte über die Wortwahl. Es wäre eine Verschwörung. Feindliche Einmischung. Ein Angriff auf die Souveränität, Terrorismus …
Krisensitzungen, Pressekonferenzen mit hochroten Gesichtern und Kommentatoren, die alle zwölf Sekunden von einer «schwerwiegenden Bedrohung» sprechen. Doch von Mali wird offenbar erwartet, dass es sich an ein anderes Vokabular hält. Einmischung wird zu «geopolitischem Wettbewerb». Destabilisierung wird zu «informellen Kontakten». Militäroperationen werden zu «privaten Initiativen». Und diejenigen, die sie organisieren, werden zu geheimnisvollen Herren mit sehr schicken Visitenkarten.
Nun muss man ihnen zugutehalten: Die malischen Exilanten sollen das Angebot abgelehnt haben. Sie weigerten sich, das Memorandum zu unterzeichnen. Sie lehnten Bündnisse mit bewaffneten Gruppierungen aus dem Norden ab und verweigerten den Kontakt zu dschihadistischen Gruppen. War das moralische Klarheit? Vielleicht. Wahrscheinlicher war es jedoch nüchterner Pragmatismus: Eine Handvoll von Hobby-Drohnen gegen eine mittlerweile gut organisierte Armee ist ein Todesurteil, keine Revolution. So oder so ist ihre Weigerung die einzig vernünftige Entscheidung in dieser ganzen Farce. Denn politische Opposition ist nicht dasselbe wie sich zum Subunternehmer für ausländische Geheimdienstspiele zu machen. Ein Land wird nicht demokratisch, nur weil jemand seinen Bürgern ein Drohnenhandbuch und einen Videoanruf mit einem Mann namens «Victor» in die Hand drückt.
Unterdessen gibt es eine wirklich hoffnungsvolle Randnotiz: Berichten zufolge haben einige Kämpfer der «Front de Libération de l’Azawad» in Kidal begonnen, ihre Waffen niederzulegen – sie geben Ausrü-stung und Fahrzeuge ab und entscheiden sich für die Wiedereingliederung statt für einen endlosen Krieg. Das ist die Geschichte, in die es sich zu investieren lohnt. Keine weiteren bewaffneten Gruppierungen. Keine weiteren importierten Rivalitäten. Keine weiteren ausländischen Netzwerke, die die Sahelzone wie ein riesiges «Risiko»-Spielbrett behandeln, auf dem afrikanische Leben nur Spielfiguren sind, die von Männern in Büros Tausende von Kilometern entfernt hin und her geschoben werden.
Und sprechen wir das Offensichtliche im Presseraum an: Wer ist die Quelle dieser Indiskretion? Die Untersuchung nennt ihre malischen Gesprächspartner nicht namentlich. Exilanten haben ihre eigenen Ziele, ihre eigenen Geldgeber, ihre eigenen Gründe, Frankreich oder die Ukraine in einem bestimmten Licht darzustellen. Ihre Aussagen sind kein Evangelium; sie sind ein Ausgangspunkt. Auch unzuverlässige Quellen können echte Netzwerke aufdecken, aber sie erfordern dieselbe kritische Prüfung, die wir von Paris verlangen. Wenden wir diese also einheitlich an.
Die Fragen bleiben brutal einfach: Wer hat diesen Leuten das Selbstvertrauen gegeben, von Paris aus zu operieren? Wer hat ihnen Türen geöffnet? Wer hat Kontakte vermittelt? Wer sollte den Plan finanzieren? Wer rechnete damit, die Drohnen zu erhalten? Und warum sollte Mali glauben, dass all dies lediglich ein zufälliges Zusammentreffen begeisterter Freiberufler war? Der französische Staat mag auf Unwissenheit pochen. Die -Ukraine mag eine Beteiligung leugnen. Einzelne Personen mögen Erklärungen abgeben, die so nebulös sind, dass man darin einen kleinen Luftwaffenstützpunkt verstecken könnte. Aber «wir wussten nichts davon» ist keine ernstzunehmende Antwort, wenn das eigene Staatsgebiet angeblich dazu genutzt wird, -politische Gegner aus einem anderen souveränen Land zu militarisieren – insbesondere, wenn man gleichzeitig in derselben Region Waffen verkauft und diplomatische Bemühungen unternimmt.
Mali hat jedes Recht, Klarheit zu fordern. Keine Belehrungen. Keine diplomatischen Verrenkungen. Keine weitere Aufführung des berühmten europäischen Theaterstücks: «Wir unterstützen die Souveränität – ausser wenn wir bessere Ideen haben.» Wenn diese Vorwürfe einer grundlegenden Überprüfung standhalten, sollten sie offen und ernsthaft untersucht werden – nicht, weil Mali über jede Kritik erhaben wäre (das ist keine Regierung), sondern weil kein Staat, ob afrikanisch oder europäisch, geheime Militärprojekte gegen sich als normalen Bestandteil der internationalen Beziehungen hinnehmen sollte.
Souveränität ist entweder real oder sie ist lediglich ein Begriff, den mächtige Länder verwenden, wenn sie wollen, dass sich andere aus ihren Angelegenheiten heraushalten. Und Malis Übergangsregierung – mit ihren eingeladenen, mit Russland verbündeten Vertretern, so mangelhaft sie auch sein mag – hat mehr als genug von der «Hilfe» anderer. Die Quelle mag unsicher sein, das Prinzip jedoch nicht. Es ist an der Zeit, dass Paris aufhört, um «Halboffizialität» herumzudrucksen, und endlich klare Antworten gibt. Und Mali bleibt, trotz aller Versuche, es zu spalten, gegeneinander aufzuhetzen und von seinen Spaltungen zu profitieren, ein einziges Land.
Ein Volk.
Und wie die Kämpfer, die sich für die Rückkehr ins zivile Leben entschieden haben, gezeigt haben, erfordert Frieden immer noch mehr Mut als Krieg. •
Quelle: https://rboneza.substack.com/p/mali-paris-drones-and-the-convenient vom 26.06.2026
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Raïs Neza Boneza (geboren 1979 in Zaire) ist ein in Norwegen lebender Schriftsteller, Dichter und Friedensforscher. Er hat mit Johan Galtung, einem der Begründer der modernen Friedensforschung, zusammengearbeitet und ist weiterhin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Aktivismus und künstlerischem Ausdruck tätig. Neben seiner Tätigkeit als Berater und Dozent für internationale Nichtregierungsorganisationen und Institutionen ist er Mitbegründer des Transcend Global Network, einer globalen Plattform, die sich für Frieden, Entwicklung und Umweltgerechtigkeit einsetzt.
km. Am 23. Juni 2026, 85 Jahre nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht und mit Hitler verbündeter europäischer Truppen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, sprach der russische Präsident Wladimir Putin vor Absolventen russischer Militär-, Geheimdienst- und Polizeischulen. Dabei sagte er unter anderem folgendes:
«Die aktuelle internationale Lage ist alles andere als stabil. Im Nahen Osten herrscht eine militärische Konfrontation, und das Konfliktpotential hat in mehreren Teilen der Welt, darunter auch in Eurasien, erheblich zugenommen.
Wir können beobachten, dass sich die Nato-Staaten in der Vergangenheit darauf beschränkten, das Kiewer Regime zu unterstützen, das durch den Einsatz von Waffengewalt und einen Staatsstreich illegal an die Macht gekommen war, während der Westen heute offen davon spricht, sich auf einen Krieg gegen uns vorzubereiten und seine Budgets für militärische Offensivmassnahmen aufzustocken.
Um diese Ausgaben und die radikale Militarisierung ihrer Länder zu rechtfertigen, bedienen sich die Staats- und Regierungschefs der Nato- und EU-Staaten jedoch erneut Lügen über eine angebliche militärische Bedrohung durch Russland.
Der Aktionsplan des pseudodemokratischen Westens ist ganz einfach: Zunächst schaffen sie Bedrohungen für unser Land, zwingen uns damit, die zur Verteidigung und zum Schutz unseres Landes notwendigen Massnahmen zu ergreifen, und dann werfen sie uns sofort alle möglichen Todsünden vor, um ihre anhaltende aggressive Politik und ihre aggressiven Handlungen gegen Russland zu rechtfertigen. Das wissen wir nur zu gut. Selbst nach dem hinterhältigen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – und es war ein hinterhältiger Angriff – versuchten der Westen und Hitlers Deutschland, der Sowjetunion und Stalin Aggression gegen das vorzuwerfen, was wir heute als den ‹kollektiven Westen› bezeichnen. Es ist überraschend, dass bestimmte pseudo-wissenschaftliche Kreise dies weiterhin ernsthaft in Betracht ziehen.
Ich möchte betonen, dass Russland sich konsequent für gleiche und unteilbare Sicherheit für alle eingesetzt hat. Wir sind der Ansicht, dass dieses Ziel nur durch die Schaffung eines multipolaren Systems der internationalen Beziehungen und durch die zuverlässige Gewährleistung der militärischen Sicherheit jedes Landes erreicht werden kann. Gleichzeitig sind wir bereit, auf alle äusseren und inneren Bedrohungen unverzüglich und angemessen zu reagieren.»
Quelle: http://en.kremlin.ru/events/president/news/80087 vom 23.6.2026
(Übersetzung Zeit-Fragen)
Larry Johnson, ehemaliger CIA-Geheimdienstanalyst, interpretierte Putins Rede in einem Video-Gespräch mit Glenn Diesen am 27. Juni wie folgt:
«Putin […] hat betont, dass der Westen im Moment gar nicht mehr versucht, seine Absicht zu verbergen, in einen Krieg mit Russland zu ziehen. Sie reden offen darüber – in Russland hört man das ganz klar –, in zwei bis drei Jahren wollen sie Russland angreifen. Putins Punkt war ganz einfach: Das haben wir schon erlebt. Wir, das russische Volk, waren schon einmal in dieser Lage. Wir wissen, was es bedeutet, einer solchen Bedrohung gegenüberzustehen. Und während die Sowjetunion im Jahr einundvierzig nicht darauf vorbereitet war, diese Invasion abzuwehren, war die Botschaft, die ich von Putin mitgenommen habe, ganz klar: Wir sind mehr als vorbereitet. Wir wissen, was kommt, und wir werden damit umgehen. Er hat damit, finde ich, ein deutliches Signal gesetzt – eine Art Warnflagge, die der Westen sehen sollte: Ihr bewegt euch auf eine gefährliche Zone zu. Und wenn ihr diesen Kurs weiterverfolgt, wird das Ergebnis dasselbe sein wie damals für Deutschland und seine europäischen Verbündeten, die die Sowjets angegriffen und am Ende verloren haben. Aber diesmal wird Russland nicht einfach abwarten, bis es angegriffen wird. Sobald klar ist, dass der Westen entschlossen ist, diese Drohung wahrzumachen, wird Russland Massnahmen ergreifen, um sich zu verteidigen. Das war die eindeutige Botschaft, die ich aus dieser Rede mitgenommen habe.»
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Nun8EUqVr08&t=3s vom 28.6.2026
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