von Eliane Perret
Sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen gehört zum Menschsein. Manchmal geschieht es im stillen, dann wieder vermehrt im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Gemeint sind nicht Stars aus dem Showbusiness, die für kurze Zeit mit grosser Medienpräsenz im Rampenlicht stehen, sondern Menschen, die sich mit grossem Engagement um ihre Mitmenschen verdient gemacht haben. Zu ihnen gehört Dr. h. c. Else Züblin-Spiller, eine Schweizerin, die in schweren Zeiten ihre mitmenschliche Verantwortung zuerst für das Geschick ihrer Familie und dann unseres Landes wahrgenommen hat. Sie ist heute nur noch wenigen bekannt, und viele stehen in Zürich erstaunt vor dem Strassenschild mit ihrem Namen. Um so wichtiger ist es, sich an Menschen wie sie und viele andere zu erinnern. Sie können für unsere Jugend zu wichtigen Leitfiguren werden. Denn die Suche nach Aufgaben und Zielen darf nicht zu innerer Leere oder oberflächlichen Zielen führen, sondern zur Erfahrung, einen Beitrag zu einem friedvollen menschlichen Zusammenleben leisten zu können – gerade heute.
1914 – zwei Dörfer an der Schweizer Grenze
Es war am 22. November 1914, als in Bassecourt und Glovelier zwei Soldatenstuben eröffnet wurden. Bassecourt und Glovelier? Das sind zwei Dörfer, heute zur gleichen Gemeinde gehörend, im Bezirk Delémont im Schweizer Kanton Jura. Die beiden Soldatenstuben sollten den zum Schutz unseres Landes an der Grenze stehenden Soldaten ein vorübergehendes «Zuhause» geben. Es blieben nicht die einzigen. Von 1914 bis 1918 wurden für die diensttuenden Männer der Schweiz mehr als tausend Soldatenstuben eingerichtet und, so lange es nötig war, geführt. Im Zweiten Weltkrieg waren es wiederum mehr als 600. Ein Gemeinwerk von Frauen – unterstützt von Männern – die dem Aufruf gefolgt waren, als «Soldatenmütter» eine dieser Soldatenstuben zu führen. Mit diesen Soldatenstuben verbunden ist der Name einer Frau, den nur noch wenige kennen.
Eine schwere Zeit mit Lichtblicken
Doch kehren wir zurück in die Zeit vor dem Ersten Weltkriegs und zum Leben von Else Spiller, wie sie als kleines Mädchen hiess. Sie kam am 1. Oktober 1881 in Winterthur zur Welt. Das Leben der Familie wurde vom frühen Tode des Vaters überschattet. Else war gerade mal zwei Jahre alt, als er an Tuberkulose verstarb. Um die Kinder – Else und zwei ältere Brüder – nicht in fremde Familien geben zu müssen, erwarb die junge Witwe ein kleines Bauerngütchen in Wallisellen. Das Leben der vaterlosen Familie blieb jedoch geprägt von grosser Armut. Eine Situation, die sich erst änderte, als die Mutter einige Jahre später ihre Jugendliebe heiratete. Der neue Vater nahm sich «seiner» Kinder mit grossem Engagement an. Bald verbesserte sich auch die wirtschaftliche Situation der Familie, weil der Vater glücklicherweise eine gut entlöhnte Arbeitsstelle fand. Else beschreibt die kommenden Jahre als sorgenlos und hatte Zeit, sich liebevoll um Katzen und Hunde zu kümmern. «Viele Jahre lang galt mir der Beruf der Tierbändigerin als erstrebenswertes Ziel», schreibt sie in ihren Aufzeichnungen.1 Kein Wunder, dass sie enttäuscht war, als ihr ein Spassvogel einen jungen Löwen versprach, aber nie brachte. An der Schule hingegen fand sie wenig Freude und sie war froh, als diese Zeit zu Ende war. Später eignete sie sich das nötige Wissen autodidaktisch an. Sie las aber stets begeistert Indianerbücher und Geschichten von Johanna Spyri. «Ganz dunkel erinnere ich mich an grosse Reden, die ich in einem leeren Zimmer hielt und die alle darauf hinausliefen, einmal etwas ‹Grosses› zu tun», schrieb sie in ihr Tagebuch. Wie recht sie hatte!
Krisenjahre – es brauchte alle
Wie für viele Mädchen damals üblich, unterstützte Else Spiller in der folgenden Zeit die Mutter im Haushalt. Doch brach Ende der 1890 Jahre auch für Zürich eine wirtschaftlich schwere Zeit an. Else hatte mittlerweile Nähen, Flicken, Sticken und auch Buchhaltung gelernt. Nun suchte sie sich eine Arbeitsstelle, um die Familie unterstützen zu können. In einer Papierhandlung fand sie eine Anstellung. Bei einem Monatslohn von vierzig Franken musste sie an sechs Tagen pro Woche täglich 10 Stunden arbeiten. Streng war auch das darauffolgende Jahr in Hotels im Engadin. Nach Zürich zurückgekehrt, hatte sie die Möglichkeit, im Druckereibüro des Jean Frey-Verlags zu arbeiten. Sie brauchte diese zusätzliche Verdienstmöglichkeit, um ihre Mutter zu unterstützen, nachdem der von allen geschätzte Stiefvater gestorben war. Als Elses Bruder nach dem Tod seiner Frau innerlich gebrochen ins Ausland verschwand, gab sie den hinterbliebenen vier Kindern bei sich und ihrer Mutter ein neues Zuhause. An eigene Wünsche und Zukunftspläne war deshalb nicht zu denken. Aber mit dem Schreiben von Artikeln – zuerst waren es Theaterkritiken, Reise- und Veranstaltungsberichte – eröffnete sie sich ein neues Wirkungsfeld, das ihr Freude machte. Als Jean Frey sie in die Redaktion der Schweizer Wochenzeitung aufnahm, war sie die erste Redaktorin einer politischen Zeitung der Schweiz.
Soziale Fragen und echte Unterstützung
In Else Spillers Artikeln traten zunehmend soziale Fragen in den Vordergrund. Sie selbst hatte schon früh die Schattenseiten des Lebens kennengelernt und konnte sich gut in von Armut und Gefühlen der Hilflosigkeit geplagte Menschen einfühlen. Ein Wendepunkt in ihrem Leben war der Besuch des Nachtasyls der Heilsarmee in Zürich-Aussersihl. Das Elend und die materielle Not der Menschen, die sie dort antraf, machten sie betroffen. Ohne selbst der Heilsarmee beizutreten, übernahm sie den Pressedienst dieses Hilfswerkes. Nicht Almosen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe war nötig; das war eine wichtige Erfahrung, die sie in ihr späteres Wirken mitnahm. Studienreisen nach Deutschland, Holland, England und Frankreich erweiterten ihre Sicht. Als sie in Dänemark erlebte, wie in Kopenhagen bei einem Kinderhilfstag die ganze Bevölkerung mit vielfältigen Aktionen Geld für arme und kranke Kinder sammelte, war es für sie klar, dass sie das auch in der Schweiz organisieren wollte. So fand am 11. Juni 1911, einem strahlenden Frühlingstag, in Zürich der erste Kinderhilfstag statt. Viele Freiwillige engagierten sich von morgens sechs Uhr bis spät in die Nacht und sammelten – vor allem in Arbeitervierteln – einen Reinertrag von 142 000 Franken (sic!). Zwei Jahre später wurde der Kinderhilfstag erfolgreich wiederholt – Vorläufer der späteren Sammlungen von Pro Juventute. In Büchern und als hervorragende Rednerin bei Vorträgen gab sie ihr erlebtes Wissen weiter und wurde als Journalistin und Rednerin bekannt.
Grenzdienst und Alkohol
Als die Schweizer Soldaten anfangs August 1914 zum Grenzdienst eingezogen wurden, ahnte niemand, dass dieser Krieg länger als einige Wochen dauern würde. Das änderte sich nach der Schlacht an der Marne. In Schulhäusern, leeren Fabriken und Scheunen und Ställen waren die Soldaten unter sehr beengten, unwirtlichen Verhältnissen untergebracht. Was im Sommer noch auszuhalten war, wurde im Herbst und Winter unerträglich, und mangels anderer Möglichkeiten drängten sich die Soldaten in den oft einzigen Wirtschaften der Orte, um sich bei Schnaps und Wein zu erwärmen oder die knappe Verpflegung aufzubessern. Der spärliche Sold von höchstens einem Franken war schnell aufgebraucht. Viele Mütter befürchteten, dass die Familienväter, die seit Monaten an der Grenze im Jura standen, allmählich dem Alkohol verfallen würden. Es musste etwas getan werden. Else Spiller versuchte damals wie viele Schweizer Frauen einen Beitrag zur Unterstützung der diensttuenden Männer zu leisten. Diese Aufgabe fand sich bei einer Sitzung des «Bundes abstinenter Frauen». Als Else Spiller vorschlug, eine Person in den Jura zu schicken, die vor Ort abklärte, was man für die Soldaten tun könnte, wurde sie darum gebeten, dies zu übernehmen.
Die Energie durfte nicht erlahmen
So brach sie am 9. November 1914 zu einer Erkundungsfahrt los. Die erste Station war das Bundeshaus in Bern. Dort stiess sie mit ihrem Anliegen vorerst auf Skepsis. Als aber ihr ehemaliger Vormund, der damalige Bundesrat Ludwig Forrer2, ihrem Anliegen das nötige Gewicht gab, fand sie Unterstützung bei vielen Offizieren. Sie wurde von ihnen tatkräftig unterstützt, als sie in den Jura fuhr. Dort sichtete sie die Räumlichkeiten, in denen die Soldaten hausten. Die engen und stickigen Schlafgelegenheiten waren bar jeder Wohnlichkeit und drückten auf die Stimmung der Diensttuenden. So nahm die Idee der Soldatenstuben Form an. Else Spiller verlor, wie sie später sagte, ihre anfänglich Scheu vor «militärischem Gold» und zeigte sich – unterstützt von verschiedenen Frauen, die später zu ihren Freundinnen wurden – als zielbewusste, beherzte und geschickte Organisatorin: «Unsere Energie durfte nicht erlahmen, um der Soldaten willen, die Heim und Herd verlassen hatten, um unsere Heimat zu schützen.» Zuerst ging es um Bassecourt und Glovelier, die eine erste Soldatenstube erhalten sollten. Die eine in einem Schulhaus, die andere in einer ehemaligen Uhrmacherwerkstatt. Else Spiller notierte in ihren Aufzeichnungen: «Telephonisch und telegraphisch wurden Tassen, Gebäck und Hilfen für den Jura beordert. Das übrige Inventar kauften wir in Dörfern zusammen.» Alle halfen mit, und so entstanden zwei gemütliche Soldatenstuben, in denen man für wenig Geld alkoholfreie Getränke und Gebäck erwerben konnte. Der für sechs Tage vorgesehene Kuchen war bereits nach zwei Stunden aufgebraucht …
Für die weitere Arbeit standen jedoch zu wenig finanzielle Mittel zur Verfügung, weshalb vor Weihnachten 1914 ein Spendenaufruf getätigt wurde. Es kamen 3700 Franken zusammen, die nun sinnvoll eingesetzt wurden. Viele junge Frauen hatten sich zur Führung einer Soldatenstube gemeldet und erstatteten in den kommenden Jahren Bericht aus oft sehr schwierigen Situationen. So war das Fort Gondo tief verschneit in den Felsen des Simplonpasses abgeschnitten von der Aussenwelt. Oder im Weiler Ova d’Spin, an der Grenze zum Nationalpark, waren zwei Lawinen niedergegangen, hatten aber glücklicherweise niemanden verschüttet.
Leid mildern, auch in den Familien
Doch nicht nur für die Soldaten und die «Soldatenmütter» (wie sie nun hiessen) waren die Verhältnisse schwierig. Auch die Familien zu Hause hatten zu kämpfen. Eine Erwerbsersatzordnung für Wehrpflichtige wurde erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingeführt. Viele Familien lebten vaterlos in tiefer Armut. Auch sie brauchten Unterstützung. Auch das eine Aufgabe, der sich Else Spiller annahm. «Es brauchte natürlich in allen Städten und Dörfern warmherzige Frauen, welche persönlich zu den Soldatenfamilien gehen sollten, um festzustellen, ob und welche Hilfe nötig sei», schrieb sie. Die nötigen Mittel kamen dieses Mal vom Bund, welcher das Geld unter anderem aus der nationalen Frauenspende dafür zur Verfügung stellte. Der zuständige Bundesrat Motta war sehr angetan von dieser Möglichkeit: «Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie mir sagen, was wir mit dem Geld anfangen können, denn es widerstrebt dem Bundesrat, diese Million für Waffen auszugeben.» Es gab viel zu tun, und als im Herbst 1918 der Erste Weltkrieg endete, brachte der Ausbruch der Spanischen Grippe neue Aufgaben für die Soldatenmütter. Hunderte von Soldaten im Jura erkrankten in den letzten Wochen des Krieges und lagen in notdürftig errichteten Lazaretten. Es fehlte an Ärzten, Pflegepersonal, Medikamenten, an Wäsche und Lebensmitteln. Wieder waren die Soldatenmütter im Einsatz. Viele Soldaten starben jedoch, geschwächt und kaum widerstandsfähig, an der Krankheit. Auch Else Spillers Bruder und ihr Pflegesohn starben. Als im November 1918 anlässlich des Generalstreiks die Truppen aufgeboten wurden, flammte die Krankheit wieder auf und forderte trotz aller Bemühungen viele Todesopfer. Eine Erfahrung, die nicht nur Else Spiller sehr belastete.
Wirken in ihrer Zeit
Else Spiller blieb während ihres ganzen Lebens eine engagierte, tätige Frau. Im Zürcher Stadtteil Albisrieden gibt es heute eine Else-Züblin-Strasse. Viele dort wohnende Familien werden kaum wissen, warum diese Frau damit geehrt wird. Wo sie hinkam, übernahm sie Verantwortung, und man fragte sie gerne um Unterstützung bei anspruchsvollen Aufgaben. Als die Kantonsregierungen Firmen darauf verpflichten, mit Kantinen für die dringend notwendige gesunde und ausreichende Nahrung zu sorgen, übernahm sie deren Planung. Die erste davon war die Betriebskantine des heutigen Weltkonzerns Bühler in Uzwil. Diese Firma vertraute ihr danach auch die Aufgabe an, eine Betriebsfürsorgestelle (es war die erste in der Schweiz) zu errichten; ein Projekt, das in der Folge von vielen Firmen übernommen wurde. «Verband für die alkoholfreie Verpflegung der Truppe», «Schweizer Verband Soldatenwohl», «Schweizer Verband Volksdienst», «SV-Service», «SV Group», so die sich im Laufe der Zeit ändernde Bezeichnung für ein heute grosses Gastronomie- und Hotelunternehmen. Sie alle sind direkt oder indirekt mit dem Namen Else Züblin-Spiller verbunden. Welcher Student, der heute in der ETH-Mensa isst, weiss wohl noch um deren Initiatorin?3 Bis zu ihrem Tod hatte sie das Präsidium und die Zentralleitung des Verbandes inne. Dazu gehörte auch die Schulung des Personals, denn sie wusste aus eigener Erfahrung, wie unglücklich ungeliebte Arbeit machen kann. So war ihr Engagement stets einem tiefen mitmenschlichen Anliegen verpflichtet.
Else Züblin-Spiller – ein Vorbild für die heutige Zeit
Als wache Zeitgenossin blieb sie stets am Puls der Zeit, erkannte Probleme und suchte nach Lösungen. Um die Betriebskantinen sinnvoll aufzubauen und zu gestalten, reiste sie nach Amerika, um dort bereits vorhandene Modelle zu besuchen. Es war eine Reise unter einem glücklichen Stern, denn sie lernte dort ihren künftigen Mann, den Arzt Dr. Ernst Züblin kennen. Als er 1920 in die Schweiz zurückkehrte, heirateten sie. Sie hatte mit ihm einen treuen Gefährten gefunden, der sie bei ihren vielfältigen Aufgaben unterstützte. So gehörte sie zum Organisationskomitee der SAFFA 1928, der Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, und unterstützte die Bemühungen um das Frauen-stimmrecht in der Schweiz. Während des Zweiten Weltkriegs war sie Mitbegründerin des Frauenhilfsdienstes (FHD) der Schweizer Armee.
Zu Recht wurde ihr Engagement von vielen Seiten anerkannt und gewürdigt. Sie hatte Grosses geleistet, wie sie als Jugendliche in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Deshalb verlieh ihr der Bundesrat 1936 den Binet-Preis mit der Widmung: «Der ‹Volksdienst› hat den Frieden und die Eintracht gefördert und durch die Milderung sozialer Not die Liebe zur Heimat gefördert.»4 1941 erhielt sie anlässlich ihres 60. Geburtstages von der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich die Würde eines Ehrendoktors in Medizin. Nach einem ausgefüllten Leben starb sie am 11. April 1948 – ein Vorbild für viele junge und ältere Menschen heute! •
1 Züblin-Spiller, Else. Aus meinem Leben. Zürich 1928, Rascher-Verlag, S. 7. Die nun folgenden wörtlichen Zitate sind diesem Buch entnommen.
2 Ludwig Forrer war von 1902 bis 1917 Mitglied der Schweizer Regierung.
3 Die SV-Group betreibt heute allein in der Schweiz im Gastronomiebereich 450 Betriebe. Es sind Betriebsrestaurants, Hochschulmensen, Verpflegung für Schul- und Kinderhorte und Event-Caterings. Dazu kommen weitere Betriebe in Deutschland und Hotels.
4 Verein für wirtschaftshistorische Studien. Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik. Wetzikon 1973, Verlag Buchdruckerei Wetzikon, S. 91
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