Die digitale Welt – Segen oder Fluch?

von Sigrid Schiller, Hamburg

Langsam und fast geräuschlos bewegt sich der Mähroboter über den Rasen, umfährt sicher die Beete, stoppt zuverlässig vor jeglichem Hindernis. Der Rasenschnitt bleibt auf der Grünfläche, schützt den Boden vor Austrocknung und wird mit der Zeit zu nährstoffreichem Humus zersetzt. Grundlage: digitale Technik!  
    Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der bildgebenden medizinischen Diagnostik ermöglicht z. B. die Früherkennung von Krebs. Aufnahmen werden in Pixelbilder zerlegt. Mögliche Anomalien, die das menschliche Auge nicht erkennen kann, werden aufgespürt. Ein segensreicher Fortschritt in der Medizin!
    Smart Waste erhält mit Hilfe von Sensoren Informationen über den Füllstand von Müllbehältern. Dies erspart unnötige Wege und senkt damit den Energieverbrauch. Ökologisch sinnvoll! Die Liste der Anwendungsmöglichkeiten digitaler Technologien ist lang. 
    Wir – als Erwachsene – blicken auf unzählige Möglichkeiten der digitalen Welt und freuen uns über viele Anwendungen, die uns das Leben erleichtern. Dabei sind wir uns durchaus der Risiken bewusst und versuchen diese zu vermeiden. In welchem Masse sich jedoch aktuell technologische Veränderungen durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz vollziehen, erfordert dringend eine Auseinandersetzung unter uns Erwachsenen. Die unkritische Entwicklung und Nutzung Künstlicher Intelligenz, die den Eindruck der Objektivität erweckt und inzwischen recht ausgefeilt menschliche Kommunikation simulieren kann, wird unser Zusammenleben erschüttern. Darauf weist Papst Leo XIV. in seiner kürzlich herausgegebenen Enzyklika «Magnifica humanitas – Die grossartige Menschheit» hin. «Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt.» (Absatz 233) Die technologischen Fortschritte sind so rasant, dass wir als Erwachsene kaum Schritt halten können.
    Wie sieht es dann aber erst bei Kindern und Jugendlichen aus? 
    Sie sind fasziniert von den bunten schnellen Bildern und den vielen Angeboten an Spielen und Tools in verschiedenen Apps. Sie befassen sich nicht mit potentiellen Gefahren. Sie leben im Hier und Jetzt, und da bieten Computer, Tablet oder Smartphone die attraktivsten Aktivitäten.
    Fallen Kinder auf einer vereisten Fläche hin, weil sie zu schnell gelaufen sind, erleben sie direkt die Folgen: Autsch – das tut weh! Die Folgen ihres Verhaltens an den Bildschirm-Medien erleben sie nicht unmittelbar. Es ist spannend und nie langweilig am Bildschirm. Und die Freunde sind auch dabei – wenn auch nur virtuell.
    Sie wissen nicht, dass ihre Bildschirmzeit auf Kosten von Erlebnissen in der realen Welt geht. Was sie an Erfahrungen im analogen Leben verpassen, erahnen die jungen Menschen nicht ansatzweise. Sie wissen nicht, dass die digitalen Programme so konzipiert sind, dass sie den Benutzer absichtlich lange am Gerät halten und unter Umständen süchtig machen können.
    Sie wissen nichts darüber, dass die grossen Tech-Konzerne an ihnen viel Geld verdienen, während sie sich stundenlang Clips oder Spielsessions ansehen.
    Kinder und Jugendliche ermessen noch nicht, wie wichtig der Schutz der Privatsphäre für die eigene Würde ist. Sie erfahren oft erst später und dann teils sehr schmerzhaft, wie leichtfertig sie Angaben über sich im Internet preisgegeben haben, die jetzt in aller Welt und nicht mehr einzufangen sind.
    Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz benennt 43 Digitalrisiken.
    Bei den zahlreichen Gefahren wird einem angst und bange um unsere Jugend. Was können wir als Erwachsene tun, um Kinder und Jugendliche vor diesen Risiken zu schützen?
    Seit zehn Jahren befasst sich der Verein Media Protect e.V. (u.a. von Prof. Paula Bleckmann gegründet) mit dieser Frage und hat inzwischen ein umfangreiches, wissenschaftlich begleitetes Präventionskonzept entwickelt. Ziel ist es, Kinder medienmündig zu machen. Der Begriff knüpft bewusst an die grossen Aufklärer des 18. Jahrhunderts an. «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» (Immanuel Kant)
    Kinder und Jugendliche sollen befähigt werden, die Chancen und Risiken der digitalen Welt zu erkennen. Sie sollen selbstbestimmt (mündig) digitale Werkzeuge als solche verstehen, durchschauen und gewinnbringend, d. h. im Sinne körperlicher, geistiger und seelischer Gesundheit, anwenden können.
    Das Präventionsprogramm «ECHT DABEI – Gesund gross werden im digitalen Zeitalter» basiert auf einem umfassenden Ansatz zur Erreichung des Ziels der Medienmündigkeit.
    Im Vordergrund steht die Stärkung der Familie in ihrer Beziehungsfähigkeit und in ihrer Möglichkeit, auf analoge Art und Weise grundlegende Fähigkeiten bei den Kindern zu entwickeln. Nur ein Kind, das mit allen Sinnen die Welt erfahren und sich selbst darin erprobt hat, wird mit einem tiefgreifenden Verständnis digitale Prozesse erfassen und später sachgerecht nutzen können. Es gibt hervorragende Möglichkeiten, mit Kindergartenkindern oder Grundschülern informatische Grundbildung durchzuführen – ganz analog. Die Kinder lernen digitale Prozesse verstehen, ohne vor einem Bildschirm zu sitzen. So laufen sie nicht Gefahr, später vor Ehrfurcht und Ahnungslosigkeit die KI zu befragen, ob sie sich von dem Freund bzw. der Freundin trennen sollen oder auf psychologische Manipulationstechniken in Social Media hereinzufallen. Sie wissen, der Computer ist eine Maschine, welche auf Algorithmen basiert. Der Output muss nicht der Realität entsprechen.
    Allen interessierten Lesern sei die Fachtagung am 25./26.9.26 in Freiburg (siehe Kasten) wärmstens empfohlen. Sie findet anläss-lich des 10jährigen Bestehens «ECHT DABEI – Gesund gross werden im digitalen Zeitalter» statt und richtet sich an Fachkräfte, Eltern oder sonstige Interessierte. Mit einer modernen Pädagogik der Medienmündigkeit können Schutz, Befähigung und Teilhabe Hand in Hand gehen. Anmeldungen sind bereits möglich.

Fachtagung gesund & medienfit

ep. Anlässlich des 10. Jubiläums des Präventionsprogramms «ECHT DABEI» veranstaltet der Verein Media Protect am 25.und 26. September 2026 in Freiburg i. Br. die Tagung «Medienmündigkeit vereint Schutz, Befähigung und Teilhabe für Kinder». Sie richtet sich an Fachkräfte, Eltern und sonstige Interessierte.
    Auf nationaler und internationaler Ebene werden heute Forderungen laut, die einen besseren Schutz der Kinder vor digitalen Risiken zum Ziel haben. Gleichzeitig streben Tech-Konzerne danach, Kinder frühzeitig als Kunden für die digitale Welt zu gewinnen, um sie langfristig an ihre Produkte zu binden. In eigenem Interesse argumentieren sie damit, die digitale Teilhabe sei nur so zu sichern. Mit der modernen Pädagogik der Medienmündigkeit können jedoch Schutz, Befähigung und Teilhabe Hand in Hand gehen, indem für jede Entwicklungsphase von Kindern und Jugendlichen eine passende Balance von realen und digitalen Erfahrungen ermöglicht wird. Für die Diskussion der damit verbundenen Themen haben die Veranstalter ein spannendes und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt.
    Am Freitag, 25.9.2006, ist ein Fachtag vorgesehen, der 26.9.2026 ist als Fortbildungstag geplant. Die Veranstaltungen können auch einzeln besucht werden. Genauere Angaben zur Veranstaltung und den Anmeldemöglichkeiten finden Sie unter https://www.echt-dabei.de/jubileaeum-fachtagung/.

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