Krieg und Frieden: Teil 2 – Die Zivilisation der Liebe

Auszug aus der Enzyklika «Magnifica humanitas» von Papst Leo XIV.

zf. Das vom Umfang her zweitgrösste Kapitel der Enzyklika «Magnifica humanitas» ist dem Thema Krieg und Frieden gewidmet. Wir haben dieses umfangreiche Kapitel in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil, den wir in Zeit-Fragen Nr. 15/16 vom 21. Juli wiedergegeben haben, ging der Frage nach, warum die Kriegsgefahren heute so enorm gross sind. Aber auch schon in diesem Teil wurden Alternativen angedeutet und Forderungen an die Verantwortlichen gestellt. Der zweite Teil, den wir mit dieser Ausgabe von Zeit-Fragen dokumentieren, legt dar, warum die Menschheit diesen Kriegsgefahren nicht machtlos ausgeliefert ist, sondern der Geschichte eine andere Richtung geben kann. Auch dieses Mal haben wir die zahlreichen Fussnoten weggelassen und verweisen erneut auf das Original.1

210. Eine Welt im permanenten Kriegszustand zu schaffen, ist ein Übel, und es ist bei seinem Namen zu nennen. Diese Art, die Wirklichkeit, in der wir leben, zu beschreiben, mag düster oder pessimistisch erscheinen, doch ich halte sie für eine notwendige Mahnung. Die christliche Perspektive endet jedoch nicht mit dem Anprangern des Bösen. […] Wir interpretieren die Gegenwart nicht als ein feststehendes Schicksal, sondern als ein Feld, das der persönlichen und gemeinschaftlichen Umkehr offensteht. […]
    211. Eine sorgfältige Betrachtung der Geschichte bestätigt dies. Selbst in den dunkelsten Nächten erweckt der Herr Männer und Frauen, die nicht aufgeben und beharrlich Gutes tun: Personen, die die Schwachen beschützen und Wege der Versöhnung eröffnen. […]

Wir alle können unseren Beitrag leisten

212. An dieser Stelle schleicht sich jedoch eine subtile Versuchung ein: zu denken, dass die Probleme zu gross und wir zu klein sind und dass unsere Entscheidungen daher nichts ändern werden. Es ist eine elegante Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt ist. Sicherlich haben nicht alle den gleichen Einfluss auf die Wirklichkeit: Es gibt jene, die regieren, die über Investitionen entscheiden, die Institutionen leiten, jene, die forschen, die erziehen, die informieren, die produzieren; und es gibt jene, die anscheinend bloss ihr tägliches Leben führen. Doch niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge).
    213. […] Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und einige Aspekte zu betrachten, wie wir, ein jeder in seinem eigenen Bereich, an ihrem Aufbau mitwirken können. Ohne den Anspruch zu erheben, das Thema erschöpfend zu behandeln, schlage ich fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.

Die Worte entwaffnen

214. Der erste Beitrag, den wir zu einer humaneren Zivilisation leisten können, besteht darin, auf unsere Worte zu achten: «Entwaffnen wir die Worte, und wir werden dazu beitragen, die Erde zu entwaffnen.» Die Macht der Worte ist gewaltig, und wir erleben dies im täglichen Umgang miteinander, wenn jemand etwas sagt, das unsere Stimmung verändert, zum Guten oder zum Schlechten. «Der Friede beginnt bei jedem von uns: damit, wie wir auf unsere Mitmenschen blicken, ihnen zuhören, über sie sprechen; und in diesem Sinne ist die Art und Weise, wie wir kommunizieren, von grundlegender Bedeutung: Wir müssen ‹nein› sagen zum Krieg der Worte und Bilder, wir müssen das Paradigma des Krieges zurückweisen.» Wir müssen daher alle eine Gewissenserforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt, vornehmen. Wir haben eine echte Gelegenheit, zum Guten beizutragen, jedes Mal, wenn wir die Wahrheit sagen, einen weisen Ratschlag geben, jemanden unterstützen, der Trost braucht, eine Ungerechtigkeit anprangern und jemandem eine Stimme geben, der keine hat.

Frieden in Gerechtigkeit aufbauen

215. Alle, auf welcher Ebene auch immer, können wir zur Grundlage des Friedens beitragen, die die Gerechtigkeit ist. Wir streben nämlich nicht nach irgendeinem Frieden, nach einer Abwesenheit von Konflikten um jeden Preis, sondern nach jenem wahren Frieden, der aus der Gerechtigkeit entsteht. «Die Gerechtigkeit des einzelnen und der Frieden aller sind miteinander eng verbunden.» […] Lasst uns nicht müde werden, nach der Gerechtigkeit zu streben!

Die Perspektive der Opfer einnehmen

216. Es gibt Situationen, in denen wir, um menschlich zu bleiben, unser Zögern ablegen und Stellung beziehen müssen. Es gibt Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben, und es nicht ausreicht, zu glauben, dass man «kein Komplize ist». Angesichts von Bombenangriffen auf Zivilisten, Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen oder lebenswichtige Infrastruktur sowie Gewalt, die Kinder trifft, sehen wir uns mit Skandalen konfrontiert, die die Menschheit selbst verwunden. Deshalb können wir nicht auf der Ebene von abstrakten Analysen verharren. Papst Franziskus hat uns daran erinnert, den «Leib derer zu berühren», die leiden: ihre Gesichter anzusehen, ihren Geschichten zuzuhören, ihre Wunden anzuerkennen. Schmerzvolle Ereignisse bedürfen sowohl der Geschichte als auch der Erinnerung: der einen, um die Fakten zu schildern, der anderen, um diese Erfahrungen zu bezeugen.
    217. Der Sichtweise und Stimme der Opfer bei der Information und Bildung Raum zu geben, hilft dabei, sich der Abgründe des Bösen, die im Krieg und allgemein in jeder Form von Gewalt liegen, wirklich bewusst zu werden; die Logik des Konflikts nicht als normal hinzunehmen; den Blick nicht abzuwenden, wenn die Menschenwürde verletzt wird; und den Betroffenen die Würde zurückzugeben, anerkannt und angehört zu werden. Die Aufmerksamkeit für diese Stimmen nährt die Überzeugung, dass die Menschheit, von gewalttätigen Minderheiten abgesehen, keinen Krieg will. Die Kirche kann ein besonderer Ort lebendiger Erinnerung für die Opfer sein. Wie der heilige Paul VI. in Erinnerung rief, fühlt sie sich verpflichtet, sowohl die Stimme der Toten vergangener Kriege als auch die der Lebenden, die noch deren Wunden tragen, aufzunehmen, damit ihr Schrei zu einem Aufruf für den Frieden und die Eintracht wird und nicht zu einem Präludium für neue Konflikte.

Einen gesunden Realismus pflegen

218. Wir brauchen einen gesunden Realismus, der sowohl politischen Idealismus als auch Zynismus vermeidet. Es gibt nämlich einen Idealismus, der, um sein eigenes Weltbild zu retten, Fakten auswählt, sie verzerrt, neubenennt und schliesslich in einer Wirklichkeit lebt, die seinen eigenen Überzeugungen angepasst ist. Auf der anderen Seite gibt es auch eine verdorbene Form des Realismus, die Beobachtung mit Resignation verwechselt und zu dem Schluss kommt: Da die Stärke dominant ist, soll sie dominieren. Echter Realismus verzichtet nicht darauf, die Welt zu verändern: Er beginnt damit, Interessen, Ängste, Zwänge und Machtverhältnisse mit Klarheit zu betrachten, eben um zu berechnen, was erreicht werden kann und welche Schritte dazu erforderlich sind. Er reduziert Politik nicht auf Moral, überlässt sie aber auch nicht der Gewalt. Er sucht nach gangbaren Wegen, damit Frieden mehr als nur ein Wort ist, nämlich glaubwürdige Institutionen, überprüfbare Garantien, geduldige Verhandlungen, Konfliktprävention und der Schutz der Zivilbevölkerung.

Den Dialog neu anstossen

219. Um die Zivilisation der Liebe aufzubauen, müssen wir den Dialog praktizieren. Er ist das wichtigste Instrument für das Zusammenleben zwischen Menschen und zwischen Nationen, und er ist die Alternative zum offenen Konflikt. Daran hat bereits Pius XII. am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erinnert, als er erklärte, dass man durch den Frieden nichts verliere, während man durch den Krieg alles verlieren könne, und dass die Menschen wieder miteinander sprechen müssten, weil ein aufrichtiger und beharrlicher Austausch immer die Möglichkeit einer ehrenhaften Lösung eröffne.
    220. Der Dialog ist ein ganz normaler Bestandteil des menschlichen Lebens und betrifft nicht nur die Beziehungen zwischen den Staaten. Es geht darum, die Anlage zu entwickeln, geschwisterliche Bande zu knüpfen – durch Zuhören, aufrichtige Blicke, gewidmete Zeit und sogar durch gemeinsam verlorene Zeit. Denn wenn wir eine Erfahrung authentischer Begegnung mit dem anderen, dem Andersartigen, dem Fremden, dem Migranten haben, wird es viel schwieriger, sich überhaupt einen Krieg vorzustellen.
    221. Auf politischer Ebene ist es dringend erforderlich, von der «Kultur der Macht» zu einer echten «Kultur der Verhandlung» überzugehen, in der Dialog und diplomatische Beziehungen zur gewöhnlichen Art der Konfliktbewältigung werden, wie es sich Giorgio La Pira erhoffte: «Man wird die Methode des Krieges durch die Methode des Friedens ersetzen müssen: die Methode der Verhandlung, der Begegnung, der Übereinstimmung: also die wahrhaft menschliche Methode!» Das Bewusstsein für ein gemeinsames Schicksal der Völker verlangt, dass die Kultur der Verhandlung zunehmend zu einem gemeinsamen politischen und kulturellen Engagement wird, das in der Lage ist, die Menschheit schrittweise aus der Spirale der Gewalt herauszuführen.
    222. An diejenigen, die die Ehre und die Last des Regierens tragen, möchte ich einige Worte wiederholen, die ich zu Beginn meines Pontifikats gesagt habe: «Die Völker sehnen sich nach Frieden, und an die Verantwortlichen der Völker richte ich meinen inständigen Appell: Lasst uns zusammenkommen, lasst uns miteinander sprechen, lasst uns verhandeln! Krieg ist niemals unvermeidlich. Die Waffen können und müssen zum Schweigen gebracht werden, denn sie lösen keine Probleme, sondern verschärfen sie nur. Geschichte schreiben die Friedensstifter, nicht die, die Leid säen. Die anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen; sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können. Erteilen wir den manichäischen Vorstellungen eine Absage, die so typisch sind für diese Narrative der Gewalt, die die Welt in Gute und Böse teilen!»
    223. Bei der Ablehnung der Logik der Gewalt spielt der interreligiöse Dialog eine entscheidende Rolle, weil im Herzen der grossen spirituellen Wege eine Botschaft des Friedens liegt. Diejenigen, die den Namen Gottes benutzen, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu legitimieren, verraten sein Antlitz: Im Namen der Religion zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, die Religion selbst anzugreifen. Der «Geist von Assisi», den Johannes Paul II. erstehen liess und der durch das Engagement von Papst Franziskus vertieft wurde […], zeigt, dass die Gläubigen erneut aus den authentischsten Quellen ihrer geistlichen Traditionen schöpfen können, in denen es keinen Platz für sakralisierten Hass gibt.

Die Notwendigkeit von Diplomatie und Multilateralismus

224. In den internationalen Beziehungen ist der Dialog das unersetzliche Instrument der Diplomatie, um Konflikten vorzubeugen und Vertrauensverhältnisse wiederherzustellen. Entgegen der impulsiven Kommunikation, der aggressiven Rhetorik und der Machtlogik, die unsere Zeit prägen, «besteht die Berufung der Diplomatie gerade darin, den Dialog mit allen zu fördern, auch mit jenen Gesprächspartnern, die als ‹unbequem› gelten oder denen man die Legitimation für Verhandlungen absprechen möchte», wobei mit äusserster Demut und Geduld vorgegangen wird, um selbst die geringsten Anzeichen von gutem Willen bei den Konfliktparteien zusammenzuführen und so einen Friedensprozess in Gang zu setzen.
    225. Auch der Cyberraum ist zu einem Schlachtfeld geworden. Cyberangriffe, Datenmanipulation und mit Hilfe von KI orchestrierte Einflusskampagnen können ganze Länder destabilisieren, noch bevor es zu einem offenen bewaffneten Konflikt kommt. In diesem Bereich ist zudem die Zuordnung der Verantwortung oft ungewiss: Wenn unklar ist, wer angegriffen hat, steigt das Risiko von unverhältnismässigen Reaktionen, Fehleinschätzungen und Eskalationsspiralen. Daher brauchen wir eine Diplomatie, die auch in diesem neuen Umfeld agieren kann, gemeinsame Regeln für den Einsatz digitaler Technologien aushandelt und Zivilisten sowie die Schwächsten vor Formen unsichtbarer, aber ebenso realer Gewalt schützt.
    226. Internationale Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, bleiben unverzichtbare Instrumente zur Förderung einer Zivilisation der Liebe, zur Unterstützung des Dialogs zwischen den Nationen, der friedlichen Konfliktlösung, der ganzheitlichen Entwicklung der Völker, des Schutzes der Schwächsten, der Abrüstung und der Bewahrung der Schöpfung. Durch diese Einrichtungen kann die internationale Gemeinschaft danach streben, Ungleichheiten abzubauen, die Rechte von Flüchtlingen und Minderheiten zu verteidigen und Ressourcen aus dem Rüstungsbereich freizusetzen, um sie der menschlichen Entwicklung und der Sorge um unser gemeinsames Haus zu widmen. Der Heilige Stuhl unterstützt und begleitet dieses Engagement, erkennt jedoch an, dass die derzeitige Schwäche der Uno und des internationalen -politischen Systems die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen offenbart: Es geht nicht nur um technische Anpassungen, denn die Krise der Überzeugungen und Werte betrifft auch die ethischen Grundlagen des Lebens der Nationen und erschwert es, den Multilateralismus auf das wahre Gemeinwohl auszurichten. 
    227. Im internationalen Kontext macht sich die Diplomatie des Heiligen Stuhls aus den Evangelien das Prinzip der Barmherzigkeit zum konkreten Massstab für politisches Handeln. Dies ist eine der Weisen, wie sich der Heilige Stuhl in den Dienst der Menschheit stellt, indem er das Gewissen zu Nächstenliebe und Wahrheit aufruft, die Würde jedes Menschen verteidigt und sich zu einer Stimme für die Armen, die Migranten und die Kriegsopfer macht. Auf diese Weise bringt die päpstliche Diplomatie die Katholizität der Kirche zum Ausdruck und trägt zum Aufbau einer Zivilisation der Liebe bei, in der auch die neuen Technologien auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind.
    228. Diese Wege des Engagements werden vom Gebet genährt und nähren es ihrerseits. Denn für uns kommt der Friede vor allem «von Gott, dem Gott, der uns alle bedingungslos liebt». Es ist ein Geschenk, das Jesus seinen Jüngern am Ostertag gegeben hat: «Der Friede sei mit euch! Dies ist der Friede des auferstandenen Christus, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beharrlich.» Mit diesen Worten habe ich mich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri an die Kirche und die Welt gewandt, und ich möchte sie wiederholen, um alle einzuladen, um diese Gabe zu bitten. Werden wir nicht müde, für den Frieden zu beten und uns dafür einzusetzen, ihn in unseren Beziehungen und in der Gesellschaft zu verwirklichen.

1https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encycli-cals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

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