von Karl-Jürgen Müller
2021 führte die deutsche SPD ihren Wahlkampf mit der Parole: «Respekt für Dich. Kompetenz für Deutschland». Der für die SPD noch kurz vor den Wahlen völlig unerwartete Wahlerfolg wurde auch der Tatsache zugeschrieben, dass eine Partei und deren Kanzlerkandidat «Respekt» versprachen und forderten. Dass aus dem Versprochenen bis zum vorzeitigen Ende der Kanzlerschaft von Olaf Scholz nicht viel wurde, spricht nicht gegen die Parole. Respekt ist ein Gebot der Menschenwürde. Diese Achtung und Anerkennung steht grundsätzlich jedem (!) Menschen zu.
Niemand kann derzeit sagen, was alles notwendig ist, damit Deutschland die Talsohle – hoffentlich ohne eine grosse Katastrophe – durchschreiten kann und die Deutschen wieder einen Weg aufwärts finden. Ernst gemeinter Respekt voreinander, innerhalb des Landes, aber auch im Umgang mit anderen Völkern, Staaten und Regierungen, ist dafür sicher eine Conditio sine qua non. Dass viele von denen, die sich in Deutschland öffentlich äussern (Politiker, Medien usw.) – allen voran diejenigen mit (noch) starken Machtpositionen – einen Mangel an Respekt zeigen, das illustriert das schon 2020 zum ersten Mal veröffentlichte Buch der deutschen Journalistin und Publizistin Gabriele Krone-Schmalz: «Respekt geht anders. Betrachtungen über unser zerstrittenes Land».
Politische Ideen und Parteien im 19. Jahrhundert
Ich erinnere mich an ein Buch des deutschen Historikers Thomas Nipperdey (1927–1992). Er verfasste in den Jahren von 1983 bis 1992 ein dreibändiges Werk über die deutsche Geschichte von 1800 bis 1918. Hinweisen möchte ich auf den ersten Band über die Jahre 1800–1866 mit dem Untertitel «Bürgerwelt und starker Staat». In den Unterkapiteln «Die grossen Bewegungen» (S. 286ff.) und «Politik und Gesellschaft: Wandlungen der Parteien» (S. 715ff.) schildert Nipperdey ausführlich die für die deutsche Geschichte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wichtigen politischen Ideen wie Liberalismus, Nationalismus, Sozialismus und Konservatismus und deren Manifestationen in verschiedenen politischen Parteien.
Wir treffen hier auf Schilderungen, die sich durch das Bemühen um Sachlichkeit und Ausgewogenheit auszeichnen. Und bei Nipperdey sind nicht die einen die Guten und die anderen die Schlechten. Jede Idee und jede politische Bewegung hatte Argumente auf ihrer Seite, jede Idee verdient eine angemessene Würdigung. Und das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern mit Respekt vor Lebensleistungen auf der Grundlage zwar unterschiedlicher Weltanschauungen – aber alle mit einem nicht zu vernachlässigenden Mass an Realitätsbezug.
Verstehen
Respekt setzt Verstehen voraus, zumindest das ernsthafte Bemühen darum. Respekt und Verstehen bedeuten nicht, anderen folgen zu müssen. Im Gegenteil, jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung und einen eigenen Lebensweg.
Die Kunst des Verstehens ist gerade dann gefordert, wenn es um Akteure in sozialen und politischen Extremsituationen geht.
Ja: Es gibt auch Lebenswege, die keinesfalls nachahmenswert sind. Verstehen kann aber auch helfen, sich im anderen wiederzuerkennen und ehrlicher in den Spiegel zu schauen.
Respekt und Verstehen sind ein gutes Mittel gegen Besserwisserei und Überheblichkeit.
Respekt und Verstehen können milder stimmen. Sie erzeugen Verbundenheit, auch mit dem Menschen, der ganz anders denkt und handelt als man selbst.
Verstehen darf nicht zur reinen Diagnose werden. Verstehen ohne Respekt und Gleichwertigkeit kann in die falsche Richtung gehen.
Ein Blick zurück
In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein weiteres Buch aufmerksam machen: «Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte». Die Autorin ist die 1985 in der DDR geborene und heute in London lebende Historikerin Katja Hoyer. Mir ist sie vor drei Jahren aufgefallen, als ihr Buch über die DDR erschien: «Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990». Schon vor drei Jahren schilderte sie unkonventionell, facettenreich und ohne schnelles Urteil. Die Kritiker kreideten ihr zu viel Verständnis für die DDR an. Tatsächlich zeigte sie Respekt vor den Menschen – ohne dabei das System zu beschönigen.
Das im Mai 2026 erschienene Buch über die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, über die Weimarer Republik und die Jahre der nationalsozialistischen Diktatur bis zum Kriegsbeginn 1939 erzählt von der Sichtweise von Menschen aller Art, die in Weimar während dieser Jahre lebten oder in Weimar öffentlich auftraten und so kulturelle oder politische Akzente setzten: «unauffällige Mittelstandsbürger»; ein Hotelbesitzer und seine jüdische Frau (sie wird später in Auschwitz ermordet), die ihre Räumlichkeiten auch für NS-Veranstaltungen zur Verfügung stellen; eine Jugendliche und dann junge Frau, die das kulturelle Erbe von Goethe und Schiller pflegen möchte; ein engagierter Sozialdemokrat, der später in den Widerstand geht; ein liberal-konservativer Nietzsche-Bewunderer, der weder dem italienischen Faschismus noch dem deutschen Nationalsozialismus etwas abgewinnen kann; die Schwester Friedrich Nietzsches, die das Erbe ihres Bruders in ihrem Sinne gestalten möchte, den Diktator Mussolini bewundert und sich Hitler anbiedert; Exponenten des Bauhaus’, die schon Ende der zwanziger Jahren Weimar wieder verlassen mussten; spätere NS-Grössen einschliesslich Adolf Hitler …
Ein «unauffälliger Mittelstandsbürger»
Einer der «unauffälligen Mittelstandsbürger» ist der Buchbinder und Schreibwarenhändler Carl Weirich. Sein Beruf und seine Familie bedeuten ihm alles. Er durchleidet den Untergang des Kaiserreiches, harte persönliche Schläge (Verlust von erster Frau und Kind), die vielen Krisen der Republik und ist anfangs voller Hoffnung, dass mit Hitler alles besser werde. Auch nach 1945 lebt er weiter in Weimar – jetzt in einem sozialistischen Staat. In seinem Leben zeigt sich sehr deutlich die Vermischung von privatem Schicksal und politischem Geschehen.
Auch in ihren Schlussbemerkungen kommt Katja Hoyer noch einmal auf ihn zu sprechen:
«Wie viele Menschen seiner Generation erlebte er Monarchie, Demokratie, Nationalsozialismus und Sozialismus und versuchte in jeder Situation, so gut wie möglich für seine Familie, sein Geschäft und sich selbst zu sorgen. Die Frage, warum er sich in einzelnen Situationen so verhielt, wie er es tat, ist nicht gleichbedeutend mit einer Rechtfertigung seiner Entscheidungen. Sie ist ein Mittel, um zu verstehen, warum ganz normale Menschen wie er nur einen Steinwurf von einem Konzentrationslager [Buchenwald] entfernt wandern und rodeln gingen und nachts dennoch ruhig in ihren Betten schliefen. Das ist einfacher zu verurteilen, als zu erklären, aber in letzterem liegt der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte und letztlich dazu, sinnstiftende Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.
Weimar mit all seinen Widersprüchen, mit all den Hoffnungen und Ängsten einer Nation, die den Häusern und Strassen der Stadt ihren Stempel aufgedrückt haben, war zwischen den beiden Weltkriegen ein Schmelztiegel der deutschen Geschichte. Hier wurden sowohl glanzvolle als auch grausame Ideen geschmiedet, erprobt und geprüft. Die Menschen in Weimar waren Zuschauer, Teilnehmer, Täter, Mitläufer und Opfer von Ereignissen, die Deutschland, Europa und die Welt veränderten. Wenn wir ihr Verhalten sowohl als Individuen als auch als Mitglieder der Gesellschaft untersuchen, können wir besser verstehen, wie der Nationalsozialismus Fuss fassen und seinen schädlichen Einfluss weit über seinen fanatischen Kern hinaus verbreiten konnte. Im Verständnis dieser Dynamik liegt der Schlüssel zu Erkenntnissen darüber, wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können.»
Berlin und Weimar
«Berlin ist nicht Weimar» überschreibt Katja Hoyer ihre Schlussbemerkungen. Interessant ist, dass sie dafür keinen Beweis antritt. Im Gegenteil, sie gibt diesen Satz lediglich als Zitat wieder und spricht dabei von einem «trotzigen Slogan» von Journalisten und -Politikern in Anbetracht des «Aufstieg[s] neuer rechter und linker Parteien», der «Zersplitterung des [deutschen] Parlaments», der «weitverbreiteten Unzufriedenheit mit der Politik der Mitte» sowie «der drohenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Instabilität».
In ihrem Buch findet sich keine direkte Bemerkung zu einem kommenden, von Deutschland provozierten Krieg. Aber vor den Schlussbemerkungen und vor dem Epilog erzählt sie, wie Carl Weirich den Kriegsbeginn am 1. September 1939 erlebte:
«Carl Weirich war gerade wandern, als er erfuhr, dass sich Deutschland im Krieg befand. Er, Marie und Wilhelm [das waren seine zweite Frau und sein Sohn] hatten sich mit Freunden südlich von Weimar getroffen. Während sie vom Berg zum Bahnhof abstiegen, um einen Zug zurück nach Weimar zu nehmen, hörten sie die ‹traurige Nachricht›. Carl wurde es schwer ums Herz. Ein zweiter Weltkrieg. Der letzte hatte ihm seine Familie geraubt. Erinnerungen an Rationierung, Not, Hunger und Tod strömten auf ihn ein. Die Angst vor Bombardements aus der Luft kam noch hinzu. Dieser Krieg würde auch nach Deutschland kommen.»
Respektlosigkeit damals … und heute
«Berlin ist nicht Weimar», das ist schon richtig. Aber auch die gescheiterte Weimarer Republik zeigte sehr viel Respektlosigkeit und wenig gegenseitiges Verstehen im sozialen und politischen Leben. Damals ging dies bis hin zum ideologiebedingten Vernichtungswillen gegen die «anderen». Die Folgen sind bekannt.
Nur muss man aufpassen, keine falschen Schlüsse zu ziehen. Richtet sich der Blick nur noch nach links und rechts, dann wird leicht unterschlagen, dass Gefahren für Demokratie und Freiheit im heutigen Deutschland wohl weniger von Parteien wie Die Linke, dem Bündnis Sarah Wagenknecht BSW oder der Alternative für Deutschland AfD ausgehen – was nicht bedeutet, nicht auch hier den kritischen Blick zu wahren. Bei allem Respekt – gehen die Gefahren nicht eher von einer mit den Machtmitteln des Staates versehenen «Mitte» aus, die sich in eine Sackgasse manövriert hat, die immer mehr demokratische und soziale Rechte beschneidet; die das Land «kriegstüchtig» machen will und dabei auch regelrechte Bedrohungs-Hysterien erzeugt?
Was tut die «Mitte»?
Gibt es nicht gute Gründe dafür zu behaupten, dass manches davon mehr an die Reichstagsbrand-Verordnung, das Ermächtigungsgesetz, die Gleichschaltung usw. nach dem 30. Januar 1933 erinnert als an einen wirklichen Schutz von Freiheit und Demokratie? Darüber muss man offen sprechen können – ohne dabei respektlos zu werden. Wo gibt es noch ehrliche Anliegen der Verantwortlichen? Wo ist es notwendig, machtpolitische Absichten auch als solche zu benennen? Herausfinden kann man das nur, wenn alle Karten auf den Tisch gelegt werden und wenn kritische Meinungen frei geäussert werden können.
Was bewegt immer mehr Menschen, den Parteien der «Mitte» (CSU, CDU, F.D.P., Bündnis 90/Die Grünen, SPD) nicht mehr zu trauen und andere, «rechte» oder «linke» Parteien oder gar nicht zu wählen? In Ostdeutschland ist derzeit die AfD die zustimmungsstärkste Partei. Auch die Linke legt stark zu. Das ist kein «Kommunikationsproblem» der «Mitte», sondern Symptom einer tiefgehenden Krise des gegenwärtigen realen politischen Systems. Ein System, von dem ich behaupten würde, dass es den Boden des ursprünglichen Grundgesetzes in wichtigen Bereichen verlassen hat.
Respekt und Verstehen vertragen sich nicht mit dem immer offeneren Oben und Unten in der Politik, nicht mit autoritärem Durchregieren, nicht mit weiteren Einschränkungen der Meinungsfreiheit und einem Ausbau des politischen Strafrechts, nicht mit immer mehr Sanktionen, nicht mit einer hierarchisch strukturierten politischen, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung – besonders nicht mit Kriegstreiberei. Respekt und Verstehen gehören dazu, dass sich alle Bürger gleichwertig und gleichberechtigt begegnen. Dass Wirtschaft, Medien und kulturelles Leben dem Gemeinwohl dienen. Dass der Staat der Staat der Bürger wird. – Dass Frieden wird!•
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