Zwischen Gesprächen und Besatzung – Libanon vor der israelischen Mauer

von Karin Leukefeld

Libanon steht unter Druck. Innenpolitisch durchlebt das Land seit 2019 eine schwere Wirtschaftskrise, Korruption und Vetternwirtschaft haben nicht nur das Bankenwesen zum Einsturz gebracht. Die Zentrale der staatlichen Stromversorgung Électricité du Liban (EDL) ist seit der Explosion im Hafen von Beirut (2020) eine Ruine. Strom- und Wasserversorgung, Bildung, Gesundheitsversorgung sind mangels zuverlässiger Funktionstüchtigkeit teilweise privatisiert, was der Bevölkerung zusätzliche Zahlungen abverlangt.

Überweisungen von Familienangehörigen aus aller Welt erreichen nach Angaben der Weltbank jährlich zwischen 5,8 bis zu 6,7 Milliarden US-Dollar und machen teilweise mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Staates aus. Das Geld wird über private Geldinstitute und Transfers geschickt und ermöglicht, notwendige Krankenhauskosten oder die Schul- oder Studiengebühren für die Kinder zu bezahlen. Das Geld hilft, die hohen Gebühren für Mobiltelefon, Strom aus Generatoren und für zusätzliche Wasserlieferungen zu bezahlen. Oder es hilft, Solarpanels zu kaufen, Reparaturen an den bei israelischen Angriffen zerstörten Wohnhäusern zu bezahlen oder einen Kleinkredit abzubezahlen.
    Seit dem 19. Jahrhundert sind Hunderttausende Libanesen wegen Hungersnot, Zwangsrekrutierung (Osmanisches Reich), Kriegen und Arbeitslosigkeit ausgewandert oder geflohen und leben heute auf allen Kontinenten der Welt. Ihre Rücküberweisungen an Familienangehörige in Libanon sind die eigentliche ökonomische Basis der rund fünf Millionen Libanesen, die heute noch im Zedernstaat leben.

Israel verweigert Abzug

Die aktuelle Situation für die Bevölkerung in Libanon hat sich weiter verschlechtert. Fast 20 Prozent im Süden des Landes sind von israelischen Truppen besetzt, die täglich Häuser, Höfe, Schulen, Friedhöfe, Gotteshäuser, Oliven- und Obsthaine in die Luft sprengen, mit Bulldozern plattwalzen oder in Brand setzen. Die libanesische Regierungsspitze, Präsident Joseph Aoun und Ministerpräsident Nawal Salam, haben die Hizbullah, die der israelischen Armee und ihren Besatzungstruppen in Libanon seit den frühen 1980er Jahren Widerstand leistete, für illegal erklärt und deren Entwaffnung angeordnet.
    Unter Vermittlung der US-Administration – genauer gesagt unter der Drohung des US-Sonderbotschafters Tom Barrack, ganz Libanon1 könne zerstört und von Israel überrollt werden – beauftragte der libanesische Präsident die libanesische Botschafterin in den USA, Gespräche mit dem israelischen Botschafter in den USA aufzunehmen. Die Gespräche fanden im Dreier-Format mit dem US-Aussenminister zunächst im US-Aussenministerium in Washington statt. Ergebnis war ein trilaterales Rahmenabkommen.
    Anfang August traf man sich zur mittlerweile siebten Gesprächsrunde2 in Rom. Die Forderungen Libanons und Israels liegen weit auseinander. Die US-Vermittler versuchen, die Libanesen von ihrer Kernforderung – der vollständige Rückzug der israelischen Truppen aus dem gesamten libanesischen Territorium – abzubringen. Doch es herrscht Stillstand.
    Israel verweigert kategorisch den Vorschlag, über sogenannte «Pilot-Zonen» mit einem «Rückzug auf Raten» guten Willen zu zeigen. Nach den ersten drei Orten – von denen die israelische Armee nur am Rande des einen Ortes anwesend war – wollen die Libanesen die Orte Khiam und Bint Jbeil zu zwei weiteren «Pilot-Zonen» erklären. Beide Orte liegen zwischen der von den Vereinten Nationen markierten Waffenstillstandslinie, der «Blauen Linie» und dem Litani-Fluss. Israel hält das Gebiet besetzt und denkt nicht daran, sich von dort zurückzuziehen, wie israelische Offizielle täglich betonen.3 Berichten zufolge werden dort aktuell sogar «Wahlzentren» eingerichtet, damit sich die israelischen Besatzungssoldaten dort Ende Oktober an den Parlamentswahlen zur Knesset beteiligen können.
    Der Plan der «Pilot-Zonen» sah vor, dass die israelische Armee abzieht, die libanesische Armee dort Stellung bezieht und die Entwaffnung der Hizbullah beginnen kann. Die Hizbullah lehnt den Plan ab, und General Rodolphe Haykal, der Oberkommandierende der libanesischen Armee, weiss ebenso wie der libanesische General a. D. und amtierende Präsident Libanons, Joseph Aoun, dass die Entwaffnung der Hizbullah nur in Absprache mit ihr möglich sein wird. Voraussetzung dafür ist der vollständige Abzug der israelischen Streitkräfte aus Libanon. Da aber gibt es keine Bewegung.
    Libanon und die libanesische Verhandlungsdelegation stünden in Rom vor einer «israelischen Mauer», heisst es in der libanesischen Tageszeitung «L’Orient Le Jour» (englisch). Und in Libanon steht die Bevölkerung vor einer Feuerwand. Denn während in Rom geredet wird, erhöht Israel den militärischen Druck auf das Land.

Spielregeln im Nahen Osten verändern

Israel plant eine lange Besatzung Libanons, wobei diese weit über die «Sicherheit für Israel und seine Bürger» hinausgehen soll. Die israelische Tageszeitung «Maariv» veröffentlichte zu Beginn der Gespräche in Rom am Dienstag [4. August] einen Bericht über einen «geheimen Anhang» zu dem trilateralen Rahmenvertrag zwischen USA, Israel und Libanon. Darin sollen langfristige wirtschaftliche und verfassungsrechtliche Aspekte enthalten sein.
    «Maariv» zufolge haben israelische Beamte Teile des Abkommens an die Öffentlichkeit gebracht, während libanesische Berichte die Existenz des Anhangs bestätigt haben sollen, heisst es auf Nachfrage der Autorin aus Beirut. Das Dokument sieht ein vollständiges Ende des Kriegszustands zwischen den beiden Ländern sowie einen direkten Mechanismus zur militärischen und -sicherheitspolitischen Koordination zwischen der israelischen und der libanesischen Armee vor.
    Sobald dieser Mechanismus aktiviert sei, wäre keine Vermittlung durch ein Drittland mehr erforderlich. Auf jegliche externe Aufsicht und die Überprüfung der Entwaffnung in Südlibanon könne verzichtet werden. Laut «Maariv» würde dies, sollte es umgesetzt werden, einen Wandel vom traditionellen Modell der internationalen Vermittlung hin zu einer direkten bilateralen Beziehung bedeuten. Angesichts der realen Machtverhältnisse von Libanon und Israel würde Israel damit die Kontrolle über Libanon übernehmen.
    Auf Druck von USA und Israel und deren westlichen EU-Partnern hat der UN-Sicherheitsrat das langjährige Mandat der UN-Friedensmission in Südlibanon4 zum Jahresende 2026 gestoppt. Alle Unifil-Truppen sollen bis Ende 2027 abgezogen sein. Ein Schreiben5 von 86 der 120 libanesischen Parlamentsabgeordneten, in dem eine Stärkung von Unifil und ein Verbleiben der Mission in Südlibanon gefordert wird, wurde Ende Juli dem UN-Vertreter in Libanon überreicht. Medial und politisch wurden das Schreiben und die darin formulierten Forderungen und Warnungen weitgehend ignoriert.
    Kern des beschriebenen Anhang-Dokuments ist «Maariv» zufolge die Ökonomie Libanons, Gas und Öl. Eine Neuordnung unter Aufsicht der USA und Kontrolle Israels soll demnach die «Spielregeln im Nahen Osten verändern». Die libanesischen seeseitigen Gas- und Ölvorkommen sollen mit US-Zustimmung gefördert werden. Der Hafen von Haifa (Israel) soll demnach zum wichtigsten Knotenpunkt für den Export von Öl und Erdgas nach Europa ausgebaut werden.
    Der «Anhang», sollte er tatsächlich bestehen, erinnert stark an die kolonial-imperialen Interessen des ehemaligen Grossbritannien im Ersten Weltkrieg und bei den Pariser Friedensgesprächen 1919. Damals sassen britische Ölunternehmen mit am -Verhandlungstisch, um die Kontrolle des Öls aus Iran, Irak, Saudi-Arabien «von der Quelle bis zum Hafen» für den Export sicherzustellen. Die Häfen, um die es damals ging, waren Basra (Persischer Golf) und Haifa (nach 1919 britisches Mandatsgebiet).

Die Würde der Menschen

Bei allen beschriebenen Entwicklungen spielt die libanesische Bevölkerung für Medien und Politik keine Rolle. Der Alltag in Libanon ist von grossem Leid und Verlusten, von Unsicherheit und vor allem von Unrecht geprägt. Internationale Akteure der westlichen Hemisphäre schweigen über die Kriegsverbrechen der israelischen Armee und Regierung, um ihre eigenen Interessen durchsetzen zu können.
    Das Reden über «Frieden», «Verhandlungen» und «Übergangsprozesse» verdeckt nur das, was wirklich geschieht: Israel verwüstet und zerstört den Südlibanon mit Geld und Waffen, die seine Partner in der US-Administration, aus Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien liefern. Israelische Regierungsoffizielle drohen Südlibanon, es werde aussehen wie Gaza6 – zerstört.
    Die internationalen Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant wegen des Völkermordes in Gaza werden ignoriert und von der US-Administration «mit einer Kampagne zur Zerstörung des Internationalen Strafgerichtshofs»7 in Den Haag beantwortet. Das internationale und humanitäre Recht wird gebrochen, die Würde der Menschen in der Region wird mit Füssen getreten. Politik und Medien schauen zu, wie das Leben der Menschen, denen sie nie begegnet sind, die ihnen nie auch nur ein Haar gekrümmt haben, in Schutt und Asche gelegt wird.

«Auch den Friedhof haben sie zerstört»

Es ist Montag, 3. August, als die Autorin die folgende Nachricht erreicht:
    «Heute Morgen hat Israel kaltblütig unser letztes der Familie verbliebenes Zuhause zerstört. Sie haben es mit Sprengstoff zerrissen. In wenigen Augenblicken wurde das Zuhause, das meine Familie gebaut hat, in dem wir gelebt haben, wohin wir immer zurückkehren konnten, das wir geschützt und geliebt lebten, in Schutt und Asche gelegt. Und so hat schliesslich auch unser Zuhause das gleiche Schicksal ereilt wie unser ganzes Dorf, das schon zerstört wurde. 
    Wir waren kein politisches Haus, wir waren ein ziviles Haus, ein Zuhause für ganz normale Leute: gebildet, weltoffen und offen für jedermann. Unser Zuhause glaubte an den Frieden, und wir sind immer offen für Frieden eingetreten, nicht für eine bestimmte Seite, für alle. Nichts hat uns geschützt. Die Straflosigkeit Israels, die durch die überwältigende amerikanische Macht und Unterstützung ermöglicht wird, hat schliesslich unsere Tür erreicht. Besonders grausam daran ist, zu wissen, dass es nicht das erste Mal geschieht.
    Im Jahr 1982, während der Belagerung von Beirut, waren meine Eltern frisch verheiratet, als Israel sie aus ihrem ersten gemeinsamen Zuhause vertrieb. Sie bauten es wieder auf. Während der Besetzung Süd-libanons, die im Jahr 2000 ihren Höhepunkt erreichte, mussten sie das Gleiche wieder durchleiden. Sie bauten ihr Zuhause wieder auf. Im Jahr 2006 brach erneut Krieg aus. Und wieder bauten sie alles neu auf. Jetzt, im Jahr 2026, hat Israel das, was noch übrig war, kaltblütig zerstört.
    Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg musste meine Familie mit ansehen, wie ihr alles, wofür sie gearbeitet hatte, immer wieder genommen wurde. Häuser. Land. Sicherheit. Ein ganzes Leben voller Arbeit. Eigentum im Wert von Millionen von Dollar und all das, was sich nicht in Geld ausdrücken lässt. Räume voller Erinnerungen, Dinge, die von einem Lebensabschnitt in den nächsten mitgenommen wurden, das greifbare Zeugnis der Existenz einer Familie, die einfache Gewissheit, dass es irgendwo auf dieser Welt einen Ort gab, an den wir gehörten. Verschwunden. Es gibt keine Verletzung, die einen Menschen mehr entmenschlicht. Körperlich unversehrt zu sein ohne Menschlichkeit, ohne grundlegende Würde und Gleichberechtigung ist ein Schicksal, das schlimmer ist als der Tod.
    Sie haben uns alles genommen, nichts ist übriggeblieben. Und wir haben nichts getan, um das zu verdienen.» 
    Der Nachricht beigefügt ist ein Foto des schönen Familienhauses, umgeben von blühender Natur. Über den rotbraunen Ziegeldächern ein strahlend blauer Himmel. Daneben ein aktuelles Satellitenfoto, das die Familie gesucht und gefunden hat. Dort, wo das Haus stand, ist nur ein Trümmerhaufen zu sehen, umgeben von grau-verbranntem Land. Das Dorf heisse Haddatha8, so Mustapha S., der Gesprächspartner, es liege im Bezirk von Bint Jbeil, «die Bombardierungen gehen auch heute immer weiter».
    In einem Gespräch wenige Tage später erfährt die Autorin, dass die Familie, die in alle Himmelsrichtungen verteilt lebt, jeden Sommer dort verbracht habe. Nachdem der Vater vor 15 Jahren pensioniert wurde, lebten die Eltern fest in dem Dorf und in ihrer schönen Villa. «Mein Vater hat das Land von seinem Vater geerbt, unsere Nachbarn waren unsere Onkel und Tanten. Im Ganzen waren es vier Häuser, die dort standen. Alle wurden am gleichen Tag mit Dynamit zerstört.» Sie hatten gedacht und wohl auch gehofft, dass die Kämpfe aufgehört hätten, ihr Dorf sei ja unter israelische Besatzung gekommen. «Wir dachten, dass wenigstens die Zerstörung enden würde. Aber kaltblütig haben sie das ganze Dorf und die ganze Umgebung niedergewalzt, Haus für Haus.» Er sendet eine Sprachnachricht seiner Cousine. Sie weint, auch ihr Elternhaus wurde zerstört. «Auch den Friedhof haben sie zerstört», fügt er hinzu.
    Als Kind habe er schon einmal die israelischen Besatzungstruppen erlebt, erinnert der Gesprächspartner sich: «Ich bin unter der Besatzung aufgewachsen, das war, bevor wir 1993 an den arabischen Golf geflohen sind. Ich werde nie die Kontrollpunkte vergessen, diese riesigen Waffen, die sie trugen. Ich war ja ein Kind.» Aber irgendwie sei es anders gewesen damals: «Sie waren Besatzer, ja, aber sie haben uns damals als Menschen gesehen.» Das habe sich geändert: «Menschlichkeit ist irgendwie völlig im Hintergrund verschwunden.» Damals hätten seine Grosseltern dort im Haus gelebt. Seine Familie habe immer den ganzen Sommer dort verbracht, wenn es keine Schule gab. «Um dorthin zu gelangen, -mussten wir vier Kontrollpunkte passieren. Zwei syrische Kontrollpunkte und zwei israelische Kontrollpunkte. Die Israeli haben ihre Basis oben auf dem Hügel errichtet, dem höchsten Punkt des Dorfes. Aber wir konnten damals unser Zuhause erreichen, unser Land, unsere Familien. In der Welt heute gibt es nur die Politik der verbrannten Erde
    Später kommt noch eine Botschaft von ihm. Er hege keinen versteckten Groll gegen Juden oder Israeli, weder ihnen noch sonst jemandem wünsche er, was ihm und seiner Familie gerade widerfahre. «Ich glaube an Diplomatie, ich glaube an den Frieden. Ich glaube an die Sicherheit von Juden im Mittleren Osten. Ich glaube an die Menschlichkeit und daran, dass meine Mitmenschen Mitgefühl haben.» Das aber dürfe «nicht auf Kosten des Friedens und der Menschlichkeit anderer» geschehen. «Wir sind alle gleich und sollten in diesen Ländern in Frieden und Würde zusammenleben. Schluss mit dem Krieg!»

1https://today.lorientlejour.com/article/1465739/behind-thomas-barracks-visit-to-lebanon.html
2https://www.aljazeera.com/news/2026/8/4/seventh-round-of-israel-lebanon-talks-begins-whats-on-the-agenda
3https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/israel-said-refusing-further-withdrawals-from-lebanon-amid-spat-over-who-will-verify-hezbollah-disarmament/
4https://unifil.unmissions.org/en/unifil-mandate
5https://english.news.cn/20260724/3dca97254a7843db8ee1082c2563747f/c.html
6https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/katz-says-israel-will-demolish-lebanon-border-villages-create-gaza-style-buffer-zone/
7 https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/07/state-department-launches-campaign-to-dismantle-international-criminal-courts-threat-to-american-sovereignty
8https://timesofoman.com/article/175258-israeli-military-carries-out-explosion-in-lebanons-haddatha

Erstveröffentlichung https://www.nachdenkseiten.de/?p=154740 vom 8.8.2026

Postscriptum

kl. Als Mustapha S. (am 14. August 2026) erfährt, dass der Bericht in einer Schweizer Zeitung veröffentlicht werden soll, ist er überwältigt. Auf die Frage der Autorin, ob er etwas hinzufügen möchte, sagt er ja, um den Zusammenhang zu verdeutlichen. In einer telefonischen Nachricht spricht er darüber, dass «sie», bevor «sie» die Häuser zerstörten, immer Eigentum der Bewohner plünderten und stahlen. Er weiss es von Augenzeugen aus dem Nachbarort, er kennt die Aufnahmen von Soldaten, die sich in den Küchen der Häuser vergnügen, die sie besetzten und dann in die Luft sprengten. Die Trümmer seines Familienhauses enthalten keine Hinweise auf Einrichtungsgegenstände, keine Farben, sagt er, kein Sessel ragt irgendwo aus den Trümmern hervor. Er spricht über den Mahagony-Tisch im Elternhaus, die ausgesuchten Möbel, wertvolle Teppiche, Gemälde, Erbstücke und antike Dinge, die er von Reisen mit nach Hause brachte. Im Krieg 2006 hätten «sie» schon einmal das Elternhaus besetzt. Um hineinzugelangen, hätten «sie» sich zum Haus einen Zugang an der Seitenwand freigesprengt. Sie hinterliessen im weichen Gips des Badezimmers die Inschrift «Höllenfeuer», auf Hebräisch. Hier sei abgedruckt, was Mustapha S. über den Friedhof des Dorfes berichtet.

Die vollständige Auslöschung

«Als wir hörten, dass der Friedhof mit Bulldozern völlig eingeebnet wurde, haben wir uns gefragt: Warum?! Das stellt in jeder Religion eine schwere Verletzung gegenüber den Verstorbenen und ihrer Würde dar. Doch dann wurde uns klar, dass Friedhöfe im Südlibanon eine ganz entscheidende Rolle für die jeweilige Dorfgemeinschaft spielen. Alle Friedhöfe in den Dörfern sind zu Fuss erreichbar. In unserem Fall kann man den Friedhof von fast überall im Dorf aus sehen, da er im Tal liegt. Um ihn herum erheben sich die Hügel, und wir können buchstäblich sehen, wenn jemand zum Friedhof geht. Wenn meine Tante hinuntergeht, kann ich sie von unserem Haus aus als kleine Gestalt in der Ferne sehen und weiss, dass sie das Grab unseres Grossvaters besucht. Mit meinen Augen kann ich erkennen, wo mein Grossvater begraben ist. Es ist Brauch, dass man, wenn man ins Dorf kommt, um die Eltern zu besuchen, zuerst den Friedhof besucht, bevor man einen Fuss ins Haus setzt. Man erweist seinen Vorfahren Respekt und geht dann erst nach Hause. Menschen, die ihre Angehörigen sehr vermissen, gehen schon vor Sonnenaufgang dorthin. Der Friedhof ist sehr wichtig im Leben der Dorfbewohner, hier ist auch ihre letzte Ruhestätte. Meine Eltern lebten mehr als 35 Jahre in einem arabischen Golfstaat; wir wussten immer, wo sie ihre letzte Ruhe finden, wo sie beigesetzt werden würden. Das ist für uns sehr wichtig – es ist, als hätte man im Leben ein eigenes Haus. Für uns bedeutet diese Ruhestätte, insbesondere im eigenen Dorf, dass der eigene Name für die nächste Generation weiterlebt. Diesen Ort gibt es nun nicht mehr. Jetzt, nachdem der Schock etwas abgeklungen ist, wird uns klar: Das ist die vollständige Auslöschung.»

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK