von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Der Mensch – ein Geheimnis?
Vor fast 200 Jahren, am 16. August 1839, schrieb der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski in einem seiner Briefe an seinen Bruder Michail:
«Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln, und wenn du es ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, du hättest die Zeit verloren. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.»
Dostojewski war erst 18 Jahre alt, als er sich, beeindruckt von den Werken Schillers, Shakespeares, Homers und Puschkins, mit der Frage beschäftigte, was den Menschen ausmacht. Nicht nur sie, sondern auch Aristoteles, Vergil, Spinoza, Comenius, Erasmus von Rotterdam, Immanuel Kant und viele andere haben sich mit derselben Frage auseinandergesetzt. So verfügt die europäische Kulturgeschichte heute über eine jahrhundertealte, reichhaltige Tradition von Denkern und Forschern.Sie haben sich damit beschäftigt, was es braucht, damit die Menschen in Frieden zusammenleben können. Im Laufe der Zeit kamen immer neue Wissenschaftszweige mit ihren Forschungsergebnissen hinzu, so dass es uns heute nicht an Wissen fehlt, Frieden und Freiheit für alle Menschen möglich zu machen.
Krieg ist keine unvermeidbare Tatsache
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befasste sich auch die damals noch junge Wissenschaft der Psychologie mit der Frage: Warum gibt es Krieg? Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Der Arzt und Psychoanalytiker Sigmund Freud postulierte einen dem Menschen innewohnenden zerstörerischen Aggressions- und Todestrieb, den es in Schranken zu halten gelte, um Kriege zu verhindern. Zur gleichen Zeit wie Freud befasste sich auch Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, mit der Frage und stellte das Gefühl seelischer Verbundenheit in den Mittelpunkt – er sprach von Gemeinschaftsgefühl – als Gradmesser psychischer Gesundheit. Als Arzt hatte er die schrecklichen Ereignisse des Ersten Weltkriegs erlebt und legte (unter anderem) in seiner Schrift «Die andere Seite» dar, dass der Mensch nicht freiwillig und vermeintlich seiner Natur entsprechend in den Krieg zieht – wie es Freud behauptete –, sondern durch Propaganda, Zwang und Gewalt in den Kriegswahn getrieben werde. So hatten beide aus der bitteren Erfahrung des Ersten Weltkriegs unterschiedliche Schlüsse gezogen. Während Freuds Theorie des Aggressions- und Todestriebs in der Folge mehrfach widerlegt wurde,1 ergaben sich aus Adlers Überlegungen wichtige pädagogische Konzepte, die bis heute wertvolle Impulse für eine Friedenserziehung geben und es wert sind, aufgegriffen zu werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Aufklärung unserer heranwachsenden Generation darüber, wie und warum es möglich ist, Menschen und Völker zu missbrauchen, sie zu Mitläufern oder durch Einschüchterung zu schweigenden, ängstlichen Menschen zu machen, die dem Morden und der grenzenlosen Gier nach Reichtum, wie sie menschenverachtende Kriege mit sich bringen, nichts entgegenzusetzen haben.
Was Adler schon vor mehr als 100 Jahren zur menschlichen Natur gesagt hat, wird heute durch die Forschungsergebnisse der personalen Humanwissenschaften – dazu zählen die Entwicklungspsychologie und die Anthropologie – bestätigt. Es erstaunt deshalb, weshalb die längst veraltete Theorie Freuds immer wieder aufgegriffen wird. Ist das Teil der von angloamerikanischen Think tanks kreierten Kriegspropaganda?
Ein Blick über den Zaun
Um so mehr ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Erbe der europäischen Kulturgeschichte angezeigt. Sie bietet uns viele gedankliche und emotionale Antworten auf die Frage, was es für ein würdiges Zusammenleben braucht (und als Kompass zur Beurteilung heutiger Fehlentwicklungen). Doch in der westlichen Perspektive fehlt oft der Blick auf den wesentlich grösseren Teil der Menschheitsfamilie. Wäre es nicht eine erleichternde und bereichernde Perspektive zu wissen, was andere Volksgemeinschaften zur Frage von Krieg und Frieden beizutragen haben? Ein Beispiel dafür ist die südafrikanische Philosophie Ubuntu, die der Alterzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu in seiner Rede am Weltethos-Tag 2009 an der Universität Tübingen mit Bezug auf die aktuellen politischen Geschehnisse dargelegt hat.2 Nicht nur da, sondern in vielen weiteren Beiträgen richteten er und andere Persönlichkeiten sich mit ihrem friedenspolitischen Anliegen an die jüngeren und älteren Menschen. Es erfüllte Demond Tutu deshalb mit Freude, dass seine Enkeltochter Mungo Ngomane seine Gedanken aufgriff, und er schrieb im Vorwort eines von ihr zum Thema verfassten Buches: «Wir empfinden Stolz und vielleicht auch Erleichterung, dass die Lebensweisheit, die uns von den Vorfahren vermittelt wurde, weitertradiert wird. Vielleicht ist es das Einzige, auf das wir hoffen können: dass jede Generation der nächsten vermittelt, wie wir Menschen zusammenleben sollten, dass wir uns umeinander kümmern und jeden respektvoll als menschliches Wesen behandeln müssen.»3 Ist seine Hoffnung nicht etwas, was unsere ganze Menschheitsfamilie in ihrem Herzen mittragen sollte, oder wie Nelson Mandela es formulierte:
«Unser Mitgefühl verbindet uns miteinander – aber nicht mitleidig oder von oben herab, sondern als menschliche Wesen, die gelernt haben, wie sie gemeinsames Leid in Hoffnung für die Zukunft verwandeln können.»4
Einen Schutzwall gegen den Krieg errichten
Dieser kurze Blick über den Zaun zeigt uns, dass wir nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt einen grossen Fundus haben, wie wir bei uns und unserer heranwachsenden Generation das Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen stärken und innerlich eine Brücke zu den Mitmenschen in aller Welt schlagen können. Diese Erziehungs- und Bildungsaufgabe steht erneut an, leider fernab heutiger westlicher Lehrpläne, damit die Kinder befähigt werden, als Erwachsene der Stimme der Menschlichkeit zu folgen. Das bedeutet für die Schule, ihre erzieherische Aufgabe und ihre Bildungsziele so auszurichten, dass sie der sozialen Natur des Kindes gerecht werden. Grundlage dafür ist, dass Kinder weder durch Triebe (wie es Freud fälschlicherweise annahm) noch durch Hirnströme5 dazu getrieben sind, ihre Mitmenschen als Feinde zu sehen. Das Kind ist auf Mitmenschlichkeit angelegt und mit Beginn seines Lebens auf das Echo und die Verbundenheit mit seinen Mitmenschen angewiesen. Das ist durch die heutigen Forschungsergebnisse erhärtet. Das zu betonen ist wichtig, weil heute anders gerichtete Theorien die Ausbildung in pädagogischen Berufsfeldern dominieren. Sie ignorieren wichtige Erkenntnisse der modernen Humanwissenschaften.
Aus der modernen Forschung ergibt sich ein pädagogischer Ansatz, der das gemeinsame Lernen und die Klassengemeinschaft ins Zentrum stellt. Dort hat ein Kind oder Jugendlicher ein ausgezeichnetes Lernfeld, um Empathie zu erfahren und selbst zu entwickeln. Gerade heute, wo vielen Kindern das Grundmodell des Zusammenlebens in der Familie fehlt, wird deshalb die Schule zu einem wichtigen Ort der Erziehung zur Menschlichkeit, so dass in ihnen ein Schutzwall gegen Kriegspropaganda entstehen kann.
Im echten, lebendigen Kontakt mit der Lehrerin oder dem Lehrer und ihren Kameraden können die Kinder warmes Interesse an den Menschen entwickeln, ebenso wie die Fähigkeit, Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, Mitleid und Mitfreude zu empfinden und mitmenschliche Hilfsbereitschaft aufzubauen. Nicht Spitzenleistungen Einzelner sind gefordert, sondern das menschliche Miteinander als Grundlage jeden Lernprozesses. Sie treten sich dann als Menschen gegenüber, die alle ihre besonderen Probleme lösen müssen, und erleben, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind.
Es ist deshalb selbstredend, dass die Lehrerin, der Lehrer keinem Kind oder Jugendlichen Gelegenheit bieten darf, eingeschliffene ichbezogene Haltungen wie Misstrauen, Neid, Trotz und ungesundes Geltungsstreben in der Klassengemeinschaft auszuleben, oder zulässt, dass einzelne Kinder beginnen, das Klassengeschehen zu dominieren. So entsteht in der Schulklasse ein Ort des Vertrauens, in der die gegenseitige Hilfeleistung ermutigend für alle wird.
Auch leistungsstarke Kinder und Jugendliche erleben dabei die Zuversicht, dass auch ihnen geholfen wird, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Durch ein so gestärktes Gefühl der Verbundenheit mit dem sozialen Umfeld schlägt das Kind, der Jugendliche eine Brücke von sich zu seinen Mitmenschen und zur Welt. Damit ist die Möglichkeit einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung für alle gegeben.
Wer ist der Mensch?
Für die Lehrperson bedeutet diese Form des Unterrichts stets auch eine persönliche Herausforderung, denn eine Klassengemeinschaft kann nicht «eingerichtet» werden, sondern sie steht vor der komplexen Aufgabe, eine Klassenatmosphäre zu schaffen, in der die Kinder gegenseitiges Verständnis aufbauen und Solidarität mit ihren Mitschülern entwickeln. Bei diesem Anliegen muss sie mit Verständnis und Feingefühl erkennen, wie sich das einzelne Kind innerhalb der Klasse bewegt und wie es die Beziehungen gestaltet. Gemeinschaftserziehung wird dann, so paradox das klingen mag, Erziehung des Individuums. Allerdings eines Individuums, das hineingestellt ist in eine real existierende Welt, eine Gemeinschaft, in der das Kind seine Verbundenheit mit anderen erlebt und sich selbst wieder aktiv auf die umgebenden Mitmenschen bezieht. So kann jedes seinen Beitrag leisten, damit menschliche Gemeinschaften aus den Erfahrungen ihrer Geschichte lernen, Fehler und Irrtümer zu korrigieren, und Kinder Menschlichkeit ausbilden – verbunden mit einer Klärung der Frage: Wer ist der Mensch? •
1 Damit verbunden sind Namen wie Adolf Portmann, Ruth Benedikt, Arno Plack u. a.
2 Desmond Tutu. «Ubuntu, Weltethos und Menschenwürde: Eine afrikanische Perspektive». 15. Juni 2009, Universität Tübingen ; https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2025/nr-26-9-dezember-2025-1/ubuntu; ausführliche Fassung: https://www.weltethos.org/wp-content/uploads/2022/08/Weltethos-Rede-8-Tutu-2009.pdf; vgl. auch Boneza, Raïs Neza. «Auf dem Weg zur ‹Ubuntu-isierung› einer zerrissenen Welt. Oder: Wenn die ‹internationale Gemeinschaft› vergisst, den Rest der Menschheit zu fragen.»; https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2026/nr-15/16-21-juli-2026/auf-dem-weg-zur-ubuntu-isierung-einer-zerrissenen-welt
3 Ngomane Mungi. I am because you are. Ubuntu – 14 südafrikanische Lektionen für ein Leben in Verbundenheit. München 2019, S. 7
4 a. a. O. S. 51
5 Die Neurowissenschaften greifen mit ihrem biologistischen Ansatz die Vererbungstheorie in neuer Form auf.
«Wenn ich in deine Augen schaue, sehe ich mich selbst. Ich bin du, und du bist ich.» Die südafrikanische Autorin Refiloe Moahloli greift in ihren bisher 22 Kinderbüchern stets Themen auf, die das menschliche Zusammenleben betreffen. Viele von Refiloe Moahlolis Büchern wurden in mehrere Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet. Im Bilderbuch «Wir sind eins» veranschaulicht sie mit Illustrationen von Zinelda McDonald das Thema «Ubuntu». Sie greift dabei Szenen aus dem Alltag von Kindern auf und stellt sie in den Rahmen der südafrikanischen Philosophie Ubuntu. Dazu werden das kindliche Spiel, die Begrüssung, der gemeinsame Schulweg, die Unterschiede in Sprache und Aussehen, die gegenseitige Wertschätzunɡ, aber auch die Lösung von Konflikten zum Thema und mit einem Bild und einigen klärenden Sätzen dargestellt. Das Buch ist deshalb für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen geeignet, um mit ihren Eltern, Grosseltern oder Lehrpersonen über wichtige Themen im menschlichen Zusammenleben ins Gespräch zu kommen. Das Buch ist 2026 im Leykam-Verlag erschienen (Originaltitel «I am you», erschienen 2022 bei Amazon Crossing Kids).
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