Shashi Tharoor: Zeit der Finsternis – das Britische Empire in Indien

von Johannes Irsiegler

Der indische Jurist, Schriftsteller, Parlamentarier und ehemalige Uno-Diplomat Shashi Tharoor hielt am 28. Mai 2015 in Oxford eine bemerkenswerte Rede zur Frage, ob Grossbritannien seinen ehemaligen Kolonien Reparationszahlungen schulde.1 Tharoor zeigte in dieser Rede das Unrecht des britischen Kolonialregimes auf und schloss mit dem Vorschlag, Grossbritannien solle für die 200 Jahre kolonialer Besatzung einen symbolischen Betrag von einem Pfund pro Jahr für die nächsten zwei Jahrhunderte an Indien zahlen – als Sühne für die Verbrechen, die vom Vereinigten Königreich in der Zeit des Kolonialregimes begangen worden waren.
    Seine Rede fand viel Anklang. Allerdings stellte Tharoor fest, dass viele Menschen in Grossbritannien wie auch in Indien nur noch unzureichend darüber informiert waren, was das britische Empire für die unterworfenen Völker bedeutet hatte. Im Gegenteil, in britischen Filmen und Fernsehserien wurde das Empire nostalgisch noch immer verklärt. Um dieser Amnesie entgegenzuwirken, erweiterte Tharoor seine Rede zu einem Buch, das 2017 unter dem Titel «An Era of Darkness: The British Empire in India» veröffentlicht wurde und seit 2024 in deutscher Übersetzung vorliegt. Titel des Buches: «Zeit der Finsternis. Das Britische Empire in Indien».
    Bereits im Vorwort benennt Tharoor die desaströsen Folgen der britischen Ausbeutung für den indischen Subkontinent:
    «Die Kolonialherrschaft in Indien bedeutete für Millionen von Menschen wirtschaftliche Ausbeutung und Ruin, die Zerstörung florierender Industrien, die systematische Verweigerung von fairen Wettbewerbschancen, die Beseitigung einheimischer Regierungsinstitutionen, den Wandel althergebrachter Lebensweisen und die Auslöschung des wertvollsten Besitzes der Kolonisierten – ihrer Identität und ihrer Selbstachtung.» (S. 19; Seitenangaben aus der deutschen Übersetzung) Die Folgen sind bis heute an der politischen Spaltung zwischen Hindus und Muslimen zu spüren, die von der britischen Kolonialmacht systematisch vertieft wurde, «was […] zur Tragödie der Teilung des Landes führte» (S. 408).

Historische Entwicklung

«Als die East India Company im Jahre 1600 gegründet wurde, erwirtschaftete Grossbritannien gerade einmal 1,8 Prozent des weltweiten BIP, Indien dagegen 23 Prozent (27 Prozent im Jahre 1700).» (S. 19)
    Indien produzierte hervorragende Textilien; die bengalischen Musselinstoffe zählten zu den begehrtesten weltweit. Indien war Zentrum einer blühenden und hochspezialisierten Schiffbauindustrie, indische Schiffe befuhren den Golf von Bengalen und das Arabische Meer. Indien war auch ein Pionier auf dem Gebiet der Stahlproduktion und -verarbeitung; indischer Stahl galt lange Zeit als weltweit bester.
    Aber: «1940, nach fast zwei Jahrhunderten des Raj2, betrug Grossbritanniens Wirtschaftsleistung global fast zehn Prozent, während Indien zu einem mittellosen ‹Dritte Welt Land› herabgesunken war, einem weltweiten Symbol für Hunger und Armut. Als die Briten abzogen, hinterliessen sie ein Land mit einer Alphabetisierungsrate von 16 Prozent, einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 27 Jahren, praktisch keiner einheimischen Industrie, einer Wirtschaftswachstumsrate, die über fünf Jahrzehnte weniger als 0,1 Prozent betragen hatte, und einer Bevölkerung, die zu 90 Prozent unterhalb dessen lebte, was wir heute als Armutsgrenze bezeichnen würden.» (S. 19)
    Indiens blühendes Gewerbe und seine Industrie wurden durch das Kolonialregime systematisch zerstört, um eine lästige und bessere Konkurrenz loszuwerden.
    «Die industrielle Revolution in Grossbritannien beruhte auf der Zerstörung der verarbeitenden Gewerbe und des Handwerks Indiens.» (S. 45)
    Die Briten zerstörten die indische Textil-industrie mit skrupellosen Mitteln bis hin zu brachialer Gewalt. So zertrümmerten die Soldaten der East India Company «systematisch die Webstühle der bengalischen Weber» und brachen ihnen «die Daumen, damit sie ihr Handwerk nicht mehr ausüben konnten». (S. 47) Die indischen Stoffe wurden durch Textilien aus England ersetzt, die mittels geraubter Rohstoffe hergestellt wurden, um sie dann nach Indien zurück zu exportieren und an die Inder zu verkaufen.
    Die Schiffbauindustrie wurde in einem wahren Wirtschaftskrieg zerstört; unter anderem wurde indischen Schiffen untersagt, ihre eigenen, indischen Häfen anzulaufen bevor nicht Zölle entrichtet worden waren (S. 79).
    Viele Menschen wurden als Tagelöhner in den landwirtschaftlichen Bereich gedrängt. Und auch dort liess man die Menschen nicht in Ruhe wirtschaften.
    «Nachdem die Briten schon früh während der Herrschaft der Company das Recht zur Steuereinziehung erhalten hatten, wandten sie sich der Auspressung der indischen Bauern zu. […] Wo früher die lokalen Machthaber die örtlichen Gegebenheiten verstanden und bei Dürreperioden, Missernten oder sogar Notlagen von Familien […] Zahlungsverpflichtungen aussetzten, herrschten jetzt die britischen Steuereintreiber mit einem starren Regelwerk, das keinerlei Spielraum für Verhandlungen oder Verständnis lokaler Probleme liess.» (S. 64)
    Die Bauern wurden gezwungen, Opium für den Export nach China anzupflanzen – und China wurde mit militärischer Gewalt genötigt, seine Häfen für die Opiumhändler zu öffnen. Das britische Weltreich überspülte die chinesische Bevölkerung mit einer unaufhaltsamen Drogenepidemie, internationale Handelsleute bereicherten sich am Opiumhandel, während die indischen Bauern in prekärer Abhängigkeit gehalten wurden.3 Noch 1921 blockierte die britische Regierung eine Gesetzesinitiative der gewählten indischen Abgeordneten zum Verbot von Anbau und Verkauf von Opium mit einem Veto, da «ein Neuntel ihrer jährlichen Einnahmen aus dem Drogengeschäft stammte» (S. 382).
    Die Briten legten grossflächig Teeplantagen an – für Tee, der nur für die Briten vorgesehen war –, was eine massive Zerstörung der Wälder und der Fauna Indiens mit sich brachte. All dies führte zu Hungersnöten, wie sie es im Land zuvor nicht gegeben hatte. «Am Ende dessen, was man nur den britischen Kolonialholocaust nennen kann, waren dank der rücksichtslosen von Grossbritannien durchgesetzten Wirtschaftspolitik […] zwischen 30 und 35 Millionen Inder Hungers gestorben, obwohl es nicht dazu hätte kommen müssen. Millionen Tonnen Weizen wurden nach Grossbritannien exportiert, obwohl in Indien die Hungersnot um sich griff.» (S. 265) Der Vergleich mit der Politik Grossbritanniens gegenüber Irland ist offensichtlich, Tharoor weist auch darauf hin (S. 268).
    Der Reichtum Grossbritanniens sowie sein Aufstieg zur Weltmacht im Rahmen der einsetzenden Industrialisierung gründet zum grossen Teil auf der Ausbeutung der Ressourcen Indiens und seiner Bevölkerung. Indien selbst wurde dabei mit massivem Zwang deindustrialisiert.

Die East India Company

1600 als Aktiengesellschaft gegründet, wurde die East India Company von der britischen Regierung militärisch gefördert und durch eine entsprechende Gesetzgebung, Kredite der Bank of England sowie eine Aussen-politik unterstützt, die das Ziel verfolgte, lokalen Widerstand zu brechen und Konkurrenten auszuschalten. Am Anfang standen Handelsniederlassungen an der indischen Küste. Im weiteren Verlauf mischte sich dieses Privatunternehmen in die innerindischen Streitigkeiten ein, die mit dem Ende der Mogulmacht einhergingen. Zunächst unterstützte man den einen oder anderen Anwärter um die Herrschaft mit Gold und Geld, dann setzte die East India Company aber auch ganze Söldnerheere ein, um einzelne indische Provinzen gefügig zu machen und schliesslich zu besetzen, die dortige Wirtschaft auf die eigenen Profite auszurichten und Steuern einzutreiben. Die East India Company stieg zum mächtigsten Privatunternehmen der Geschichte auf, kontrollierte später fast die Hälfte des Welthandels und war ein Staat im Gewand eines Händlers.4 Eine Stellung in der East India Company bedeutete für den einen oder anderen skrupellosen Geschäftsmann das Sprungbrett zu einem Parlamentssitz und einer glänzenden Karriere in England. Viele Familien der guten Gesellschaft im heutigen England verdanken ihre Nobilität und ihren Reichtum den Machenschaften ihrer Vorfahren. Man kann sie vielleicht am ehesten mit den heutigen transnationalen Konzernen vergleichen, die Länder heimsuchen, dort möglichst viel Chaos schaffen, um sich an deren Ressourcen schad zu halten.
    1858 wurde die Herrschaft über Indien von der East India Company auf die Krone übertragen. Mit Königin Victorias Ernennung zur Kaiserin im Jahre 1877 schliesslich wurde «die britische Monarchie […] als imperiales Machtmittel neu erfunden – die Königin wurde zur Kaiserin mit Indien als neuestem und funkelndstem Juwel in ihrer Krone […]» (S. 108). Dies gar im wörtlichen Sinne, kann doch einer der grössten Diamanten der Welt, der von den Briten geraubte Koh-i-Noor, noch heute als Teil der britischen Kronjuwelen im Tower of London bewundert werden. Die Briten behaupten, er sei Königin Victoria von dem Maharadscha der Sikhs im Punjab als «freiwillige Entschädigung» (S. 398) geschenkt worden für die Kosten, die die Sikhs durch ihre Versuche, der Übernahme durch die East India Company Einhalt zu gebieten, verursacht hätten. An eine Rückgabe dieses geraubten Gutes scheint in Grossbritannien bis heute niemand zu denken.
    Victoria versprach, dass die Inder ab sofort nur zu ihrem Besten regiert werden würden, ganz im Sinne des Gedichts von Rudyard Kipling, die «Bürde des weissen Mannes». Der Wunsch nach einer eigenen Regierung aber wurde unterdrückt. Diejenigen, die nationale Unabhängigkeit und Selbstständigkeit wollten, wurden verfolgt. Strukturen der dörflichen Selbstverwaltung, wie sie der sub-indische Kontinent vor dem Kolonialismus gekannt hat, wurden zerstört. Das britische Klassensystem wurde auf Indien übertragen mit einem hierarchischen System der Herrschaftsausübung durch den Briten ergebene Personen. Die britische Kolonialbesatzung setzte indische Provinzial- und Legislativräte (S. 99) ein, deren Mitglieder einer kleinen Bildungselite entstammten, die der Bevölkerung gegenüber nicht rechenschaftspflichtig waren, keine wirkliche Macht ausüben konnten und sich damit zufriedengaben, ab und an von der Regierung konsultiert zu werden. Die Ausbeutung des Landes ging unverändert weiter.

Divide et impera

Ein ganzes Kapitel des Buches ist der kolonialistischen Politik des «Teile und herrsche» gewidmet. Die Briten, so Tharoor, «verfügten über ein besonderes Talent, in allen ihren Kolonien partikularistische Identitäten zu erzeugen und ihnen ein übermässiges Gewicht zu verleihen» (S. 189). So verfestigten die Kolonialherren die Ungerechtigkeiten des Kastenwesens. «In der Zeit vor der britischen Herrschaft war das Kastenwesen keine besonders stabile Sozialstruktur gewesen; […] die Kaste [war] im Grossen und Ganzen eine mobile Form der sozialen Organisation, die ständiger Umformung und Neubildung durch die Überzeugungen, die Politik und oftmals auch die wirtschaftlichen Interessen der jeweils herrschenden Männer unterlag. Die Briten verbreiteten jedoch die Theorie, dass die Kastenhierarchie und die mit ihr einhergehende Ungleichbehandlung die Verfasstheit der indischen Gesellschaft wesentlich prägten und bestimmten.» (S. 193) Die Kaste wurde zur kolonialen Form der Zivilgesellschaft (S. 195).
    Besonders verheerend war das Bestreben der britischen Kolonialmacht, die hinduistisch-muslimische Spaltung und zugleich eine innermuslimische Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten zu fördern (S. 222). Tharoor äussert sich eindeutig: «Gross angelegte Konflikte zwischen Hindus und Muslimen […] begannen erst unter der Kolonialherrschaft, und viele andere Formen sozialer Unruhen wurden nur deshalb als religiöse Konflikte eingestuft, weil die Kolonisten in ihrer orientalistischen Voreingenommenheit unterstellten, dass die Religion den grundlegenden Spaltungsfaktor der indischen Gesellschaft darstellte.» (S. 210) Diese Politik sollte die indische Unabhängigkeitsbewegung schwächen, ihre Führer wie z. B. Jawaharlal Nehru wurden verhaftet, gleichzeitig wurde die Muslimliga, die lediglich eine Minderheit unter den Muslimen vertrat und für eine Abspaltung der muslimischen Provinzen stand, von den Briten gestärkt. Nachdem die Matrosen der Royal Indian Navy 1945 meuterten, konnte Grossbritannien, selbst durch den Weltkrieg geschwächt, nur noch teilen, aber nicht länger herrschen. Tharoor hält unmiss-verständlich fest, dass Grossbritannien mit für die Greuel der Teilung des Landes 1947 mit einer Million Toten und dreizehn Millionen Vertriebenen (S. 262) verantwortlich ist.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Tharoor geht es nicht um Reparationen. Es geht ihm darum, der imperialen Amnesie und den Versuchen, den «Kolonialismus im sprichwörtlichen Abfalleimer der Geschichte zu entsorgen» (S. 392), entgegenzuwirken. Dies vor allem mit Blick auf die Gegenwart und Zukunft, um ähnliche Entwicklungen zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Shashi Tharoors Buch ist deshalb für jeden, der sich mit Kolonialgeschichte befassen und die jüngere Geschichte des indischen Subkontinents verstehen lernen möchte, aus drei Gründen eine wertvolle Lektüre: Zum ersten liefert es eine indische Sicht auf die Auswirkungen der britischen Kolonialpolitik, dies klar und deutlich, ohne Rechtfertigungen.
    Zum zweiten erhält der Leser neben vielen wichtigen Details auch einen Einblick in die vielfältigen Formen kolonialer Ausbeutung: Indien wurde zum Beispiel zu Beginn der Kolonialzeit durch ein gewinnorientiertes Privatunternehmen, die East India Company, ausgebeutet und zerstört; erst ab 1858 erfolgte die offizielle Besatzung durch die britische Krone.
    Zum dritten lädt das Buch geradezu dazu ein, die einzigartigen historischen Vorgänge mit heutigen Entwicklungen zu vergleichen und über diesen Vergleich eine klarere Sicht auf heutige Formen neokolonialer Ausbeutung zu gewinnen. «Die East India Company wurde aufgelöst, aber die Globalisierung hat dafür gesorgt, dass ihre modernen Nachfolger in den ehemaligen Mutterländern die vorherrschenden Instrumente des Kapitalismus bleiben.» (S. 393) Was uns also seit den 1990er Jahren als Globalisierung verkauft wird, ist nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen.

1 abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=f7CW7S0zxv4
2Raj bedeutet auf Hindi Herrschaft oder Königreich und bezeichnet historisch die britische Kolonialherrschaft in Indien. (Anm. d. Autors)
3 Demjenigen, der sich genauer mit den Folgen des Opiumhandels in Indien und China befassen möchte, sei das Buch Rauch und Asche von Amitav Ghosh zur Lektüre empfohlen.
4 siehe auch Dalrymple, W. Anarchie – Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company, S. 27. Dalrymple befasst sich ausführlich mit der Geschichte der East India Company und zeichnet nach, wie eine gewinnorientierte Privatfirma mit Sitz in London nach und nach ganz Indien unterwerfen konnte.

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