Pisa – Schönreden statt kritisches Nachdenken

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Die neuen Ergebnisse der Pisa-Studie sind erschienen, und die Berichterstattung ist voll des Lobes darüber, dass die Schweiz zu den Besseren gehören würde. Man staunt! Diese Behauptung fusst auf dem Vergleich der Schweiz mit europäischen Ländern, die noch schlechter abgeschnitten haben. Denn die Studie weist in Realität einmal mehr nach, dass das Bildungsniveau in der Schweiz auch 2025 wieder tiefer geworden ist. Ist das etwa schon «normal» geworden? 
    Auch dieses Mal prüfte die Studie fünfzehnjährige Jugendliche. Es waren 76 000 aus 91 OECD-Ländern und Volkswirtschaften. Geprüft wurden Naturwissenschaften, Mathematik, Lesekompetenz und neu «Computergestütztes Problemlösen». Zusätzlich wurden Lernmotivation, Handlungskompetenz, Anpassungsfähigkeit und die Einstellung zur Schule untersucht sowie der Einfluss von Geschlecht, sozioökonomischem Status und Migrationshintergrund auf die Lernergebnisse. 

Der bislang niedrigste je beobachtete OECD-Durchschnitt

Wir lesen im Bericht: «Im Rahmen von Pisa 2025 wurde in Naturwissenschaften, Lesekompetenz und Mathematik der bislang niedrigste je beobachtete OECD-Durchschnitt ermittelt. Die Lesekompetenz hat sich verschlechtert, nachdem sie um das Jahr 2012 ihren Höchststand erreicht hatte, während die Leistungen in Naturwissenschaften in den letzten zehn Jahren langsamer zurückgegangen sind und die Leistungen in Mathematik nach 2018 besonders stark gesunken sind.» 
    Was uns sehr zu denken geben muss, ist der Rückschritt in den Lesekompetenzen. Die Pisa-Verantwortlichen formulieren diesen Mangel vor allem in Hinblick auf Erfordernisse der Wirtschaft: «Im Bereich Lesekompetenz war bei Pisa ausgerechnet ein Rückgang derjenigen Kompetenzen zu beobachten, die im KI-Zeitalter am wichtigsten sind: Informationen bewerten, Verbindungen zwischen verschiedenen Quellen herstellen und kritisch über das Gelesene nachdenken. Der Anteil der ‹flüchtig Lesenden› – d. h. der Schüler*innen, die Texte hastig überfliegen und dann schnelle, aber falsche Antworten geben – hat sich zwischen 2018 und 2025 dagegen fast verdoppelt.» 

Grundlagen der direkten Demokratie zerstören?

Für die Schweiz wiegt dieser Missstand noch in anderer Weise. Als direkte Demokratie müsste sie besonders auf gebildete und vife Jugendliche zählen können, die sich zu staatspolitischen Fragen eine eigene Meinung bilden können. Genauso, wie das duale Berufsbildungssystem nur weiter bestehen kann, wenn die Lehrbetriebe darauf zählen können, Lehrlinge mit einer guten Grundbildung auszubilden. Zu Recht haben vor kurzem die Schweizer Arbeitgeber- und Gewerbeverbände Alarm geschlagen. Sie monierten, dass sechs von zehn Ausbildungsverantwortlichen bei den Jugendlichen beim Eintritt in die Berufslehre gravierende Defizite beim Schreiben und Rechnen feststellen. Jedes fünfte der befragten Unternehmen erwägt gar, künftig weniger Lehrlinge auszubilden oder das Angebot zu reduzieren. Ein düsteres Szenario für das Schweizer Erfolgsmodell der dualen Berufsbildung. Feiges Wegschauen und Schönreden als Reaktion? Sind uns die Heranwachsenden und unser Land nicht mehr wert?

China und andere – besser als die Schweiz

Zum Glück lassen sich aus der Webseite der OECD die Vergleichszahlen nicht entfernen!1 Man erfährt dort: 
    In Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz erzielten die chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang sowie Singapur die besten Resultate. Darüber hinaus zählten Estland, Japan, Korea, Macau (China), Chinesisch Taipeh und das Vereinigte Königreich in allen drei Bereichen zu den zehn leistungsstärksten Bildungssystemen. 
    Im computergestützten Problemlösen erzielten die Schüler in Macau (China), Singapur und wiederum Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang und Japan mit 572, 563, 560 bzw. 557 Punkten die höchsten Punktzahlen. Die Schülerleistungen in Hongkong, Malaysia, Brunei Darussalam, den Philippinen, Macau (China) und Island übertrafen die auf ihren Leistungen in Naturwissenschaften basierenden Erwartungen um mehr als 30 Punkte. Erfreulich ist, dass sich die Ergebnisse in den Naturwissenschaften in einigen OECD-Ländern seit 2022 verbessert haben – dazu gehören Costa Rica, die Slowakische Republik, die Türkei und das Vereinigte Königreich. Auch in El Salvador, Georgien, Jordanien, Kambodscha, der Mongolei, Montenegro, den Philippinen, Saudi-Arabien, Thailand, Uruguay, Usbekistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten waren Verbesserungen zu beobachten. 

Warum nicht von China lernen? 

Wollen das die Bildungsverantwortlichen in der Schweiz nicht wissen? Sie haben viele Ausflüchte. Zum Beispiel, dass diese Länder autoritäre Schulsysteme hätten und die Kinder unter Stress setzen würden. Wenn nicht wahr, so doch in Umlauf gebracht! Vielleicht lieber, als endlich darüber zu diskutieren, ob die seit Jahren in der Schweiz laufenden Schulreformen mit den immer schlechteren Resultaten der Schweiz (und anderen europäischen Ländern) zu tun haben könnten? 
    Es stellen sich viele Fragen:
    Warum wird bis heute das Schweizer Schulsystem mit Reformen überzogen, obwohl es vorher stets als sehr gut und auf die Verhältnisse der Schweiz zugeschnitten gelobt worden war?
    Warum hat sich die Schere zwischen guten und schlechten Schülern in den letzten Jahren immer weiter geöffnet?
    Welche Rolle spielen dabei die Pädagogischen Hochschulen und die ebenfalls veränderte Ausbildung der Lehrpersonen?
    Warum wurde der Klassenunterricht als intellektuelles und soziales Lernfeld abgeschafft?
    Welche Folgen hat das veränderte Berufsbild vom Lehrer zum Coach/Begleiter der Kinder für das Lernen des Kindes?
    Diesen Fragen und vielen weiteren müssen sich die Bildungsverantwortlichen stellen und vielleicht von China lernen. Denn die Pisa-Studie stellt im Untertitel die Frage «Bereit für die Zukunft?» Die Schweizer Schulkinder sind es nicht! •

1https://www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i-auszugsweise-ubersetzung_1562a447-de.html

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