von Giuseppe Gagliano *
Es gibt ein Detail, das wichtiger ist als tausend feierliche Erklärungen: die in Europa eingefrorenen russischen Vermögenswerte. Die am häufigsten genannten Zahlen liegen zwischen etwa 180 und 195 Milliarden Euro, die grösstenteils über Euroclear verwaltet werden, wobei die rechtliche und operative Last letztlich auf Belgien lastet. Daraus ergibt sich ein Paradoxon: Brüssel und mehrere europäische Hauptstädte debattieren darüber, ob diese Reserven als Sicherheit oder als Finanzierungsquelle zur Unterstützung der Ukraine verwendet werden sollen, doch gerade das Land, das die entscheidende Finanzinfrastruktur beherbergt, befürchtet, dass es eine enorme Rechnung zu tragen haben wird, sollte ein Friedensabkommen eine Rückzahlung erfordern oder internationale Rechtsstreitigkeiten auslösen.
Das Problem ist nicht die genaue Zahl, sondern die Logik. Wenn man heute ausgibt, was morgen möglicherweise zurückgezahlt werden muss, baut man eine Zeitbombe. Und wenn sich morgen das Kräfteverhältnis – sowohl vor Ort als auch am Verhandlungstisch – zugunsten Moskaus verschiebt, wer zahlt dann? Der Gaststaat? Die Union als Ganzes? Oder, realistischer betrachtet, die Ukraine, die zu einem strukturellen Schuldner geworden ist, mit einer finanziellen Schlinge, die einer strafenden Nachkriegsregelung ähnelt: ein zerstörtes Land, eine bereits angespannte Wirtschaft, ein Wiederaufbau, der zur Militarisierung wird, und eine Zukunft, die auf Raten gekauft wird.
Eine verpasste Chance
und der Preis des «gerechten Krieges»
Innerhalb dieser Argumentation taucht ein wiederkehrendes Thema auf: die Idee, dass ein frühes Verhandlungsfenster zu einem weniger strafenden Ergebnis für Kiew hätte führen können. Wenn dieses Fenster auf Grund politischer Kalküle und der Überzeugung, dass Russland auf dem Schlachtfeld besiegt werden könnte, wirklich geschlossen wurde, dann ist diese Tatsache heute vernichtend. Denn jeder Monat des Krieges verschiebt das Gleichgewicht – nicht nur in territorialer oder militärischer Hinsicht, sondern vor allem in Bezug auf den politischen Handlungsspielraum. Wenn man eine öffentlichkeitswirksame Strategie auf dem Versprechen der «vollständigen Niederlage» des Feindes aufbaut, wird man zum Gefangenen dieses Versprechens. Und wenn die Realität nicht mitspielt, erhöht man den Einsatz, anstatt den Kurs zu ändern.
Hier setzt die gefährlichste Dynamik ein: verdeckte politische Kosten. Viele westliche Staats- und Regierungschefs haben ihren Ruf, ihre Zustimmung und ihre Glaubwürdigkeit auf die Aussicht auf ein geschwächtes – wenn nicht sogar zersplittertes – Russland gesetzt, mit Blick auf eine mögliche wirtschaftliche «Wiedereröffnung» dieses riesigen Raums. Eine Wette, die, wenn sie scheitert, keinen eleganten Rückzug zulässt. Die Erzählung hört dann auf, den Konflikt zu beschreiben, und wird selbst zum Konflikt: Der Krieg wird nicht mehr um messbare Ziele geführt, sondern um zu vermeiden, dass man zugeben muss, dass die zugrunde liegende Wette falsch war.
Der wirtschaftliche Krieg hinter dem Wiederaufbau
– wenn die Finanzwelt die Nachkriegszeit vorbereitet
Die Debatte über russische Vermögenswerte ist eher ein Kapitel der Wirtschaftskriegsführung als eines des Völkerrechts. Das Wort «Wiederaufbau» klingt beruhigend, bedeutet aber oft etwas ganz Bestimmtes: Militärausgaben, Waffenbeschaffung und Lieferketten der Verteidigungsindustrie. Wenn diese Ressourcen heute «vorgeschossen» werden und sich später herausstellt, dass sie zurückgezahlt oder ausgeglichen werden müssen, ist das Ergebnis kein Sieg, sondern es bedeutet Schulden. Und in der Geopolitik bedeuten Schulden Knechtschaft. Wenn Kiew gezwungen wäre, kolossale Summen zu begleichen, würde seine wirtschaftliche Souveränität für Jahrzehnte eingeschränkt und sein Schicksal würde von demjenigen bestimmt werden, der die Kredite hält – oder die Finanzhähne kontrolliert.
Dies ist das Szenario, das die Vorsichtigen beunruhigt: nicht ein Krieg, der endet, sondern ein Krieg, der seine Form ändert – von der Frontlinie zum Staatshaushalt.
Militärische Strategie und die Realität vor Ort –
Verzerrung, die Eskalation anheizt
Die Diskussion offenbart einen Widerspruch, der sich in ganz Europa wiederholt: Einerseits wird Russland als erschöpft, unfähig und wirtschaftlich fragil dargestellt, andererseits als unmittelbare Bedrohung, die bereit ist, auf den Rest des Kontinents überzugreifen. Wenn ein Land wirklich in Trümmern liegt, wie könnte es sich dann innerhalb weniger Jahre auf eine direkte Konfrontation mit Mächten vorbereiten, die über grosse Streitkräfte, umfangreiche Ressourcen und nukleare Abschreckungsmittel verfügen? Es geht nicht darum, in absoluten Begriffen zu erklären, wer Recht hat und wer Unrecht hat, sondern die praktischen Auswirkungen dieser Rhetorik zu erkennen: Sie rechtfertigt jede noch so riskante Entscheidung, indem sie Vorsicht als «Beschwichtigung» und Kompromisse als «Verrat» darstellt.
Und wenn die Politik sich davon überzeugt, dass Krieg der einzige Weg ist, verschiebt sich das militärische Ziel: Es geht nicht mehr darum, zu verteidigen oder einzudämmen, sondern die Kampfkraft der Gegenseite zu «zerstören». Diese Formel ist mit eskalierenden menschlichen Kosten und einem immer weiter zurückweichenden diplomatischen Horizont verbunden.
Das Baltikum und die Radikalisierung – russischsprachige Minderheiten,
Angst und brennende Zündschnüre
Dann ist da noch die Frage der baltischen Staaten und ihrer russischsprachigen Minderheiten. Wenn die innenpolitische Rhetorik diskriminierend oder strafend wird, liefert sie Moskau ein zusätzliches Argument: den Schutz der «eigenen Leute» im Ausland. Das geschieht nicht automatisch, aber es ist ein Risiko. Darüber hinaus nährt die wirtschaftliche und demographische Erosion dieser Gesellschaften – Entvölkerung, Polarisierung, soziale Brüche – den Extremismus. Und Extremismus ist in einem geopolitisch so sensiblen Korridor wie Treibstoff.
Das Paradoxon ist einfach: Je mehr die Angst vor Russland wächst, desto mehr Massnahmen werden ergriffen, die den inneren Zusammenhalt schwächen und die Region destabilisieren. Und je mehr sich die Region destabilisiert, desto mehr scheint diese Angst gerechtfertigt. Ein perfekter – und vollkommen selbstzerstörerischer – Kreislauf.
Die Vereinigten Staaten, Europa und ein veränderter Ton –
von Verbündeten zu Kunden: das Risiko der Abhängigkeit
Das Argument verweist auch auf einen Wechsel des Tonfalls, der Washington zugeschrieben wird: die Idee eines Europas, das «selbst zurechtkommen muss», während die Vereinigten Staaten weiterhin der Waffenlieferant bleiben. In geoökonomischer Hinsicht würde dies eine Transformation des Bündnisses bedeuten: weniger Lastenteilung und Risikoteilung, mehr Handelsbeziehungen. Europa zahlt, kauft, leiht sich Geld; die Vereinigten Staaten bauen ihre industrielle und technologische Vorrangstellung aus, treiben Innovationen voran und sichern ihren Vorsprung. Wenn dies tatsächlich der Weg ist, dann wäre die strategische Autonomie Europas kein Projekt, sondern eine Notwendigkeit – allerdings ohne die Mittel, um sie schnell zu verwirklichen.
Die Krise der europäischen Demokratien –
Parteienändern sich, die Politik bleibt
Der bitterste Abschnitt betrifft die Innenpolitik: unpopuläre Regierungen, radikale Entscheidungen, eine Bevölkerung, die resigniert zu sein scheint. Das ist der Kern der heutigen Desillusionierung: Die Menschen wählen, doch an den Grundlagen ändert sich nichts. Die Parteibezeichnungen wechseln, aber der Kurs bleibt derselbe – insbesondere bei den wichtigen Themen Sicherheit und internationale Ausrichtung. Und «antisystemische» Bewegungen werden, sobald sie in die Institutionen kommen, tendenziell angepasst: Sie werden Teil genau der Maschinerie, die sie einst zu demontieren versprochen hatten.
An diesem Punkt ist Propaganda nicht mehr nur Kommunikation: Sie wird zu einer Decke. Sie wird verwendet, um ein Gebäude zusammenzuhalten, das zu knarren beginnt, um Widersprüche zu verdecken und um zu verhindern, dass die einfachste Frage gestellt wird: «Wohin gehen wir, und wie hoch sind die tatsächlichen Kosten?»
Fazit – wenn die Geschichte, die wir erzählen, wahrer wird als die Realität
Der rote Faden, der alles zusammenhält, ist «die Leugnung der Realität» als politischer Reflex. Die Strategie wird nicht an die Fakten angepasst, sondern die Fakten werden an die Strategie angepasst. Und wenn eine Erzählung lange genug wiederholt wird, verwandelt sie sich schliesslich in ein Glaubenssystem – eine interne, autarke Wahrheit, die für Widerlegungen unempfänglich ist. Auf diese Weise läuft der Westen Gefahr, seiner eigenen Propaganda zu glauben: nicht weil er töricht ist, sondern weil er in einer politischen und psychologischen Falle gefangen ist, die das Eingestehen von Fehlern zu kostspielig macht.
Und doch ist gerade aus diesem Grund die Frage nach den russischen Vermögenswerten aufschlussreich: Hier kollidiert Rhetorik mit Buchhaltung. Und die Buchhaltung schickt im Gegensatz zu Reden immer die Rechnung. •
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Giuseppe Gagliano ist ein italienischer Journalist, Geopolitik-Experte und Philosoph, der sich auf Wirtschaftsspionage, Konfliktanalyse und strategische Studien spezialisiert hat und für verschiedene italienische und internationale Medien schreibt. Er ist Präsident und Gründer des Centro Studi Strategici Carlo De Cristoforis (Cestudec) in Como und lehrt zudem an der Universität von Kalabrien und am Istituto Alti Studi Strategici e Politici (IASSP) in Mailand. Er hat zahlreiche Beiträge über Wirtschaftskriegsführung und die Rolle von Geheimdiensten in der modernen Politik veröffentlicht.
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