von Karl-Jürgen Müller
Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon fast 12 Jahre. Es gibt keine allgemein akzeptierten Zahlen über die menschlichen und materiellen Opfer dieses Krieges, aber sie sind mit Sicherheit enorm – und jeder weitere Tag Krieg bedeutet noch mehr Tod und Zerstörung. Bemühungen um ein Ende des Krieges und einen stabilen Frieden sind deshalb ein sich jeden Tag neu stellendes und dringendes Gebot der Vernunft und der Menschlichkeit.
Allerdings ist nicht alles, wo «Frieden» draufsteht, ein wirkliches Friedensangebot. Der Ruf nach «Frieden» wird leider auch propagandistisch von denjenigen missbraucht, die den Krieg fortsetzen wollen und sehr genau wissen, dass ihre «Friedens»-Pläne nicht zum Frieden führen – dies aber vertuschen wollen. So war mit Sicherheit zu erwarten, dass auch der Beschluss, den die «Koalition der Willigen» unter Führung des britischen Premierministers Starmer, des französischen Präidenten Macron sowie des deutschen Kanzlers Merz und unter Beteiligung von Wolodimir Selenski sowie der beiden Gesandten des US-Präsidenten, Steve Witkoff und Jared Kushner, am 6. Januar in Paris fassten1, keinen Schritt weiter in Richtung Frieden bedeutet. Im Gegenteil, dieser Beschluss verhärtet die Fronten. Das zeigt die offizielle Reaktion der Sprecherin des russischen Aussenministeriums vom 8. Januar.2
Warum aber gab es dieses Treffen und diesen Beschluss, wenn sie gar nicht zum Frieden führen?
Der Krieg in der Ukraine wird vor allem auf dem Rücken der Menschen in der Ukraine und – wenn auch deutlich weniger – der Menschen in Russland ausgetragen. In den Ländern der «Koalition der Willigen» gibt es bislang – unmittelbar kriegsbedingt – weder Tod noch Zerstörung. Das ist besonders stossend an der Politik dieser Koalition: Sie führt Krieg auf Kosten anderer. Kanzler Merz forderte ganz offen, die Ukraine solle mehr junge Menschen als Soldaten, als Kanonenfutter für die Front, rekrutieren. Wie lange kann das noch funktionieren?
Nicht weniger stossend ist, dass das Führungspersonal der «Koalition der Willigen» keinerlei Einsicht in eigene Fehler zeigt – es sei denn mit der nicht minder propagandistischen Formel, man habe erst spät den wahren Charakter der russischen Politik erkannt. Selbstgerecht und selbstgefällig gebärden sie sich noch immer wie die Herren der Welt. Warum nicht statt dessen einmal ernsthaft und öffentlich der Frage nachgehen, welchen Anteil man selbst am Krieg in der Ukraine hat?
Zeilen wie die oben zu lesenden gefallen der «Koalition der Willigen» nicht. Und sie gefallen um so weniger, je mehr diese Koalition mit dem Rücken zur Wand steht. So ist zu erklären, warum kritische Stimmen auf eine immer krassere Art und Weise unterdrückt werden sollen. In diesem Krieg der «Koalition der Willigen» gilt offenbar der Satz: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – und deshalb auf der Seite des «Feindes», den es zu bekämpfen gilt. Dieses Konstrukt ist nicht logisch. Richtig muss es heissen: Wer den Kriegskurs der «Koalition der Willigen» in Frage stellt, dem ist vor allem der Frieden ein Anliegen. Deshalb ist der Kampf für die Meinungsfreiheit so wichtig!
PS: In einer Rede beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau und der Handwerkskammer Halle am 14. Januar sprach der deutsche Bundeskanzler ganz am Ende seiner ausführlichen Rede auch über die Beziehungen zu Russland. Die Aussagen von Friedrich Merz haben international Aufsehen erregt. Er sagte:
«Wenn es uns dann noch gelingt, dafür zu sorgen, dass Frieden und Freiheit nach Europa zurückkehren, dass wir endlich auch wieder mit unserem grössten europäischen Nachbarn, nämlich mit Russland, in der längeren Perspektive einen Ausgleich finden – ich sage es nicht, weil ich hier im Osten bin; ich sage es an jeder anderen Stelle in Deutschland auch: Russland ist ein europäisches Land –, wenn Frieden herrscht, wenn Freiheit gewährleistet ist, wenn uns das alles gelingt, meine Damen und Herren, dann hat diese Europäische Union, dann haben wir auch in der Bundesrepublik Deutschland eine weitere Bewährungsprobe bestanden, und dann können wir auch über das Jahr 2026 hinaus mit grosser Zuversicht nach vorn blicken. Ich wünsche uns das. Ich bin mir sicher, dass es gelingt. Tragen Sie dazu bei!»3
Wir müssen den Kanzler beim Wort nehmen und tatsächlich mit dazu beitragen, dass es eine Kurskorrektur gibt – und dass aus den Kanzlerworten etwas anderes wird als nur wieder eine der vielen Finten der vergangenen Jahre. •
1https://www.bundesregierung.de/resource/blob/992814/2401868/f-72a4c4f4c998aa017f254e22864f93/2026-01-07-paris-ukraine-koalition-der-willigen-data.pdf?download=1
2https://mid.ru/print/?id=2071702&lang=en
3https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-ihk-halle-dessau-2402682 vom 14.1.2026
Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.
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