von Margret Kleine
Immer wieder habe ich mit Freude das Kinderbuch: «Meine Füsse sind der Rollstuhl» von Franz-Josef Huainigg gelesen. Margit sitzt im Rollstuhl und darf für die Mutter zum ersten Mal alleine einen Einkauf erledigen. Erst freut sich Margit. Dann fällt ihr auf, dass die Menschen auf der Strasse sie anstarren. Ein Kind will Margit fragen: «Was hast du denn da Komisches?», wird aber sofort von der Mutter zurechtgewiesen: «So was darf man nicht fragen …». Von Hilfsbereitschaft über Mitleid, Wegschauen und Anstarren erlebt das Mädchen ganz verschiedene Reaktionen auf ihre Behinderung. «Ich bin doch wie alle anderen Kinder!», denkt Margit betrübt.
Als sie die Strasse überquert, kommt sie allein mit dem Rollstuhl den Bordstein nicht hoch. Gerade als ihr die Tränen kommen, hilft ihr Sigi. Sigi wird verspottet, weil er dick ist. Die beiden Kinder freunden sich an, und Sigi fragt ohne Scham nach dem Rollstuhl und dem Leben von Margit. Sie werden sich bewusst, dass jeder etwas Besonderes ist. «Aber ab und zu brauchst du Hilfe. Wie alle anderen auch», sagt Sigi.
Die Lebensfreude der beiden und die spontane Freundschaft wirken schon beim Lesen mitreissend.
Dieses Kinderbuch gibt ein wenig Einblick in das Leben von Franz-Josef Huainigg. Der Autor war seit einer Impfung im ersten Lebensjahr gehbehindert und konnte nur krabbeln. Dank seiner Eltern, die ihn als normales Kind behandelten, wurde er nach einigen Schwierigkeiten in seinem Heimatort eingeschult. Die Mutter trug ihn bis in die vierte Klasse täglich zur Schule. Der Fürsorge und der Selbstverständlichkeit im Umgang mit der schweren Körperbehinderung hat es Huainigg zu verdanken, dass er ein fröhlicher und kontaktfreudiger Junge blieb. Erst mit neun Jahren und nach mehreren Operationen lernte er mit Krücken und Schienen laufen. Er absolvierte die Schulen, studierte und ergriff einen Beruf. Die Lebensfragen, von denen Huainigg in seinen Büchern für Erwachsene und in den Kinderbüchern erzählt, sind die jedes Menschen: Finde ich Freunde? Kann ich mit den anderen mithalten? Welchen Beruf will ich lernen? Und natürlich auch die Frage der Liebe. Als er seine grosse Liebe heiratete, stellte sich dem Paar auch die Frage nach dem Kinderwunsch.
Mich beeindruckt, mit welcher vertrauensvollen Verbundenheit zu den Mitmenschen Franz-Josef Huainigg alle diese Fragen und noch viele mehr meistert. Das Eingebundensein in der Familie, bei den Freunden, bei der Arbeit und in vielen anderen Zusammenhängen macht aus ihm einen Menschen, der jedem ein Vorbild sein kann. Die Frage «Warum ich?» stellte sich auch Huainigg, sie half ihm aber nicht weiter. Viktor Frankl war ihm ein grosses Vorbild, der auch in unglaublich schweren Lebenssituationen sicher war, dass der Mensch immer frei entscheiden kann, «sich aufzugeben oder an die Zukunft zu glauben». (Huainigg 2026, S. 26)
So konnte Franz-Josef Huainigg sein behindertes Leben auch immer in den Dienst anderer behinderter und nichtbehinderter Menschen stellen, zum Beispiel als Parlamentsabgeordneter. Seit Lähmungen seine Fähigkeit zu atmen behinderten, wurde er künstlich beatmet und musste das Sprechen wieder lernen. Heute wird Huainigg vierundzwanzig Stunden von persönlichen Assistenten begleitet und versorgt. Das lässt sich leicht schreiben. Für Huainigg und seine Familie hat es das Leben weiter verändert. Die Lebensfreude hat trotz der noch grösseren Abhängigkeit von anderen nicht abgenommen. «Wir alle sind verletzlich und doch in der Gemeinschaft und im Zusammenhalt geborgen und stark.» ( S. 24)
So wie die beiden Kinder Margit und Sigi sich als Menschen anfreunden und ihre Verschiedenheit achten, gibt auch das Buch «Mein langer Atem» dem erwachsenen Leser die Gelegenheit, die eigenen Lebensfragen aus anderer Perspektive zu betrachten. Vielleicht eröffnen sich neue Wege für das Leben.
Franz-Josef Huainigg hat unter anderem viele Gedichte geschrieben. In einem erzählt er von seiner Tochter Katharina. In der kurzen Episode vom Spielen mit der Tochter erzählt der Dichter von der liebevollen Verbindung zwischen Vater und Tochter, die auch in behinderten Lebenslagen möglich ist.
«Katharina
Du spielst Lego.
Wie gerne würde ich das Haus mitbauen.
Du spielst mit Puppen.
Wie gerne würde ich sie mit dir wickeln und anziehen.
Du willst ein Buch lesen.
Wie gerne würde ich es dir vorlesen
Da sagst du:
Komm Papa, ich lese dir ein Buch vor.»
( Huainigg 2007, S. 97)
Literatur
Huainigg, Franz-Josef. Mein langer Atem, Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien, 2026
Huainigg, Franz-Josef. Meine Füsse sind der Rollstuhl, in Sammelband:Huainigg, Franz-Josef, Gemeinsam sind wir grosse Klasse, illustriert von Ballhaus, Verena, Annette Betz Verlag, Berlin, 2014
Huanigg, Franz-Josef. Auf der Seite des Lebens, Ibera, Wien, 2007
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