Das Recht, gesehen und ungesehen zu sein

Über Würde, Entblössung und die Weigerung, zur Episode zu werden

von Raïs Neza Boneza*

Liebe Freunde, an die Journalisten, die inmitten des Lärms nach der Wahrheit suchen, an die Psychologen, die mit Wunden sitzen, die sich weigern, termingerecht zu heilen, an die Professoren, die Rahmenkonzepte benennen, die den Menschen, die sie beschreiben, oft nicht gerecht werden, an die Aktivisten, die sich weigern, auf Erlaubnis zu warten, an die Forscher, die zählen, was zählt, obwohl sie wissen, dass sich die wichtigsten Dinge nicht zählen lassen, und an die Künstler, die uns – entgegen aller Anzeichen – daran erinnern, dass wir mehr sind als unsere Daten –und an alle anderen in diesem Saal, die sich schon einmal gefragt haben, ob die Mauern, die wir um uns herum errichten, uns wirklich schützen oder uns nur voneinander trennen.
    Als ich eingeladen wurde, über ein Leben in Würde zu sprechen, fragte ich mich zunächst, wo Würde eigentlich zu Hause ist. Lebt sie in Verfassungen? In Gerichten? In feierlichen Erklärungen, die nach der Unterzeichnungszeremonie niemand mehr liest? Lebt sie in Konferenzsälen, wo wir das Wort sorgfältig aussprechen und uns dann umsehen, um sicherzugehen, dass alle zustimmen – bevor wir in unsere Hotelzimmer zurückkehren, um nachzusehen, worüber sich die Welt heute empört?
    Ich komme aus der Demokratischen Republik Kongo, einem Land von erstaunlicher Schönheit und ebenso erstaunlichen Wunden. Ich wurde in Katanga geboren, einer Region, deren Boden enorme Reichtümer birgt – Kobalt, Kupfer, Coltan, die Mineralien, die eure Handys smart machen –, deren Bevölkerung jedoch oft dazu gezwungen wurde, den Appetit anderer zu überleben. Später habe ich mir in Norwegen ein Leben aufgebaut, und ich bin gereist, habe geschrieben und mich in verschiedenen Welten für den Frieden eingesetzt. Würde ist für mich also kein abstraktes Wort, das sich nahtlos in eine Powerpoint-Präsentation einfügt. Es ist eine Frage, die mich über Grenzen hinweg begleitet hat – und dies, so vermute ich, auch noch lange tun wird.
    Ich habe Menschen gesehen, die ihr Zuhause, ihre Papiere, ihre Existenzgrundlage und ihre Liebsten verloren haben, sich aber weigern, ihre Menschlichkeit aufzugeben. Ich habe Mütter gesehen, die aus fast nichts eine Mahlzeit zubereitet haben und dennoch darauf bestanden, dass der Besucher zuerst isst. Ich habe Vertriebene gesehen, die das Wenige, das sie hatten, geteilt haben. Ich habe Kinder gesehen, die neben Ruinen gelacht haben. Das bedeutet nicht, dass Leiden schön ist. Leiden ist Leiden. Lasst uns das, was zerstört, nicht romantisieren. Aber die Weigerung des Menschen, nur ein Opfer zu sein – genau da beginnt die Würde, ihr Gesicht zu zeigen. Und es ist kein hübsches, gestelltes Gesicht. Es ist das Gesicht von jemandem, dem gesagt wurde, er sei nichts, und der beschlossen hat, dem zu widersprechen.
    Vielleicht bin ich deshalb misstrauisch, wenn von Würde nur in hochgestochenen Worten gesprochen wird. Würde ist keine Medaille, die die Mächtigen den Gehorsamen verleihen. Sie ist nichts, was der Staat während der Bürozeiten herstellt und ausgibt, wie einen Pass oder eine Steuerquittung. Sie existiert vor dem Pass, vor der Grenze, vor der Institution. Ein Kind hat Würde, bevor es die Nationalhymne lernt. Ein Flüchtling lässt seine Würde nicht an der Grenze zurück. Ein Gefangener verliert sie nicht am Gefängnistor. Selbst ein Feind hört nicht auf, ein Mensch zu sein, nur weil wir ein passenderes Wort für ihn gefunden haben – «Terrorist», «Migrant», «Populist», was auch immer gerade die Beleidigung der Saison ist.
    Heute jedoch leben wir in einer Zivilisation, die alles sehen will. Wir fotografieren das Morgenessen, die Ferien, die Romantik, die Krankheit, die Grosszügigkeit und die Trauer. Selbst Wohltätigkeit erfordert manchmal drei Kamerawinkel und die passende Beleuchtung. Die Person, die Hilfe erhält, wird zum Beweis dafür, dass der Spender ein guter Mensch ist. Wir müssen uns dann fragen: Wessen Würde wird hier gewahrt – die der bedürftigen Person oder die der Person, die die Kamera hält? Und noch heikler: Würde die helfende Hand auch dann noch erscheinen, wenn die Kamera weg wäre?
    Jede Zivilisation hinterlässt ein Denkmal, das offenbart, was ihr wichtig war. Antike Gesellschaften hinterliessen Pyramiden, Tempel, Strassen und Bibliotheken. Wir hinterlassen vielleicht riesige Serverfarmen mit vergessenen Passwörtern, wütenden Nachrichten, privaten Fotos und dem Beweis, dass jemand um zwei Uhr morgens sehr schlecht getanzt hat. Unser Denkmal könnte ein Archiv von Momenten sein, von denen ihre Urheber absolut überzeugt waren, dass sie ihre Handys niemals verlassen würden – und von denen die Empfänger ebenso überzeugt waren, dass sie es tun würden.
    Fast jede Woche gerät eine weitere Person in einen Skandal. Ein privates Video. Ein Screenshot. Eine Anschuldigung. Eine Entschuldigung. Dann eine zweite Entschuldigung, weil die erste als nicht reuevoll genug beurteilt wurde. Die Experten treten auf den Plan, darunter auch der Cousin, der noch nie ein Buch über Ethik aufgeschlagen hat, aber sehr ausgeprägte Meinungen vertritt, die ausschliesslich in Grossbuchstaben verfasst sind. Für mehrere Tage wird ein Mensch zum öffentlichen Eigentum. Dann zieht die Menge weiter, auf der Suche nach frischem Fleisch.
    Wir sollten aufhören, dies als Unfall zu bezeichnen. Es ist ein Markt. Sein Rohstoff ist Intimität, seine Währung ist Aufmerksamkeit, und sein Gewinn entsteht oft aus Demütigung. Öffentlich sind wir entsetzt. Privat fragt jemand: «Kannst du mir das Video schicken?» Der moralische Zusammenbruch lässt sich bemerkenswert leicht übersetzen. Die Nachbarin ist keine Person mehr; sie wird zu einer Episode. Er wird zu einem Trend. Sie werden zu Content. Und Content muss zirkulieren. Er hält nicht inne, um um Erlaubnis zu bitten oder zu fragen, ob das Subjekt seiner Verbreitung noch ein Leben hat, in das es zurückkehren kann.
    Das Leben zwischen Afrika und Norwegen hat mich gelehrt, dass Privatsphäre und Würde nicht immer unter einen Hut passen.
    In Norwegen wird die Privatsphäre so sehr respektiert, dass sich Nachbarn vielleicht fünfzehn Jahre lang eine Wand teilen, ohne die Nachnamen des anderen zu erfahren. In einem Bus mit fünfzig freien Plätzen ist ein Norweger, der direkt neben dir sitzt, entweder ein Tourist, ein Krimineller oder jemand, der von der Gemeinde geschickt wurde. In dieser Distanz liegt Weisheit. Manchmal bedeutet Würde, in Ruhe gelassen zu werden. Manchmal bedeutet Würde, nicht aufgefordert zu werden, sein Leiden vor Publikum zur Schau zu stellen.
    In den afrikanischen Gemeinschaften, die mich geprägt haben, war die Privatsphäre anders. Die Gemeinschaft kannte deine Eltern, deine Grosseltern und gelegentlich auch, was du getan hattest, bevor du es selbst wusstest. Du warst nie ganz allein, was tröstlich und manchmal auch anstrengend sein konnte. Doch Wissen schuf Verpflichtung. Derselbe Nachbar, der von deinen Sorgen wusste, brachte vielleicht Essen, Rat, einen Schlafplatz oder eine Tante mit, die sich selbst zur Ministerin für deine persönlichen Angelegenheiten ernannt hatte. Es gab kein Entkommen, aber es gab auch keine Verlassenheit.
    Wir sollten das nicht romantisieren. Gemeinschaften können tratschen, ausgrenzen und bestrafen. Tradition kann schützen, aber sie kann auch einengen. Doch die ältere Vorstellung von Zugehörigkeit barg eine wichtige Lektion: Einen anderen Menschen zu kennen bedeutete, Verantwortung für ihn zu übernehmen. Das digitale Dorf behält die Überwachung bei und hebt die Pflicht auf. Jeder sieht zu; nur wenige helfen. Jeder kommentiert; nur wenige schützen. Es wird ein Herz-Emoji angeboten, und direkt darunter fragt jemand nach dem unzensierten Link. Wir haben eine Form der Nähe erfunden, die nichts von uns verlangt ausser unserem Daumen.
    Deshalb ist Würde mehr als Sichtbarkeit. Menschen müssen gesehen, aber nicht blossgestellt werden; anerkannt, aber nicht konsumiert. Wir brauchen Zeugen unseres Lebens, aber wir brauchen nicht an jeder Wunde Zuschauer. Eine Wunde ist kein Spektakel. Sie ist kein Livestream. Sie ist eine Wunde.
    In meiner Arbeit als Schriftsteller bin ich oft auf die Erinnerung zurückgekommen. Der Kongo lehrt Erinnerung, ob man um diese Lektion bittet oder nicht. Das Land erinnert sich an die koloniale Eroberung. Familien erinnern sich an die Vertreibung. Körper erinnern sich an Angst. Gemeinschaften erinnern sich an Versprechen von Führern, ausländischen Mächten und Unternehmen – Versprechen, die oft in Anzügen ankamen und mit Mineralien wieder abreisten.
    Eines dieser Mineralien hilft unseren Handys, sich an alles zu erinnern. Im Osten des Kongo hat der weltweite Hunger nach Technologie einen hohen menschlichen Preis gefordert. Das moderne Telefon mag zwar als «smart» bezeichnet werden, doch es weiss kaum etwas über die Hände, die seine Intelligenz erst möglich gemacht haben. Es kann mein Gesicht in einer halben Sekunde erkennen, doch es kann das Gesicht des Kindes nicht erkennen, dessen Welt durch den Kampf um die darin enthaltenen Mineralien zerstört wurde. Es kann mein ganzes Leben speichern, doch es hat keine Erinnerung an die Leben, die es verschlungen hat.
    Dieser Widerspruch geht mir persönlich nahe. Dasselbe Gerät, das mich mit meiner Familie über Kontinente hinweg verbindet, könnte ein Stück einer verwundeten Heimat in sich bergen. Derselbe Bildschirm, über den wir über Menschenrechte sprechen, könnte aus einer Förderkette stammen, in der manche Menschen als unsichtbar behandelt wurden. Wir sind vernetzter denn je, doch Vernetzung garantiert noch keine Beziehung. Wir haben mehr Freunde denn je und weniger Menschen, denen wir unsere Schlüssel anvertrauen würden.
    Für mich beginnt Poesie inmitten dieses Widerspruchs. Ein Gedicht kann kein zerstörtes Dorf wiederaufbauen. Es kann kein hungriges Kind ernähren oder ein Friedensabkommen unterzeichnen. Aber es kann jemandem, der auf eine Zahl reduziert wurde, seinen Namen zurückgeben. Es kann eine Stimme wiederherstellen, wo die Politik Schweigen erzeugt hat. Es kann uns daran erinnern, dass hinter jeder Statistik ein Mensch stand – mit einem Lieblingslied, einer nervigen Angewohnheit, einem unvollendeten Plan und jemandem, der darauf wartete, dass er nach Hause kam. Es kann sagen: Du bist kein Datenpunkt. Du bist kein Problem, das gelöst werden muss. Du bist ein Leben.
    Das ist auch der Grund, warum Humor wichtig ist. Humor ist keine Respektlosigkeit gegenüber dem Leiden. Manchmal ist er das Mittel, das verhindert, dass das Leiden zum einzigen Herrscher im Haus wird. Menschen, die einen Krieg durchlebt haben, erzählen immer noch Witze. Flüchtlinge necken sich immer noch gegenseitig. Die Armen lachen immer noch über die Reichen, auch weil es erschwinglich und bislang nicht steuerpflichtig ist. Lachen leugnet die Wunde nicht. Es sagt der Wunde: Du wirst nicht jeden Raum in mir einnehmen. Du wirst nicht das letzte Wort haben.
    In Würde zu leben bedeutet, mehr zu sein als das, was uns widerfahren ist. Mehr als das, was uns angetan wurde. Mehr als das, was wir verloren haben. Mehr als das, was wir nicht geworden sind.
    Doch Würde kann nicht nur als privates Gefühl überleben. Sie braucht ein soziales Zuhause. Sie braucht Strukturen, nicht nur Gefühle.
    In vielen afrikanischen Sprachen und Traditionen wird Menschlichkeit als etwas verstanden, das zwischen Menschen entsteht. Ein Mensch wird durch die Art und Weise, wie er oder sie andere behandelt, zum vollwertigen Menschen. In einer Tradition sprechen wir von «Ubuntu»: Ich bin, weil wir sind. In einer anderen fragt «Ubumuntu», ob sich unsere Menschlichkeit in unserem Verhalten zeigt. In Burundi steht «Ubushingantahe » für moralische Noblesse, Anstand und die Weigerung, einen anderen Menschen herabzuwürdigen. In Kenia heisst es bei «Harambee»: Lasst uns an einem Strang ziehen. Im Senegal lehrt «Teranga», dass die Ankunft eines Fremden der Gemeinschaft einen Mehrwert bringen kann, anstatt Angst zu schüren.
    Diese Worte sind keine Zierde aus einer moralisch perfekten Vergangenheit. Keine Kultur ist unschuldig. Afrika hat seine eigene Geschichte von Hierarchien, Gewalt, Patriarchat und Ausgrenzung. Europa hat kein Monopol auf Fehlverhalten, auch wenn es sich gelegentlich so verhält, als hätte es die grösseren Geräte patentieren lassen. Der Wert dieser Traditionen liegt nicht darin, sie zu romantisieren, sondern darin, ihre zentrale Frage wiederzuentdecken: Zu welcher Art von Mensch wirst du durch deinen Umgang mit anderen? Diese Frage gehört in den Mittelpunkt der Politik. Nicht an den Rand. Nicht in den Abschnitt «Werte» einer Wahlkampfbroschüre. In den Mittelpunkt.
    Wir leben in einer Zeit, in der Nationen erneut aufgefordert werden, sich für ein Lager zu entscheiden. Die Welt ist in Gerechte und Böse unterteilt, auch wenn sich die Mitgliederlisten ändern, je nachdem, wer die Karte druckt. Grossmächte sprechen von universellen Prinzipien, wenden diese aber manchmal mit der Flexibilität einer Gepäckfreigrenze am Flughafen an: streng für andere, verhandelbar für sich selbst. Die Menschenwürde, so scheint es, ist universell – bis sie unbequem wird. Dann wird sie «komplex». Dann wird sie «eine Frage von strategischem Interesse».
    Von Ländern in Afrika und anderswo wird oft erwartet, dass sie ihre moralische Reife unter Beweis stellen, indem sie die Position eines anderen wiederholen. Wenn sie sich weigern, beschuldigt man sie der Verwirrung, der Illoyalität oder auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen. Doch die Geschichte hat viele Seiten, und der Globale Süden wurde allzuoft unter all diese Seiten gedrängt.
    Neutralität ist, so wie ich sie verstehe, keine Gleichgültigkeit. Sie bedeutet nicht, bequem dazusitzen, während andere brennen. Sie ist die Weigerung, das eigene Gewissen an einen Block zu vermieten. Sie ist die Fähigkeit, Ungerechtigkeit zu verurteilen, ohne die Pflicht zum Zuhören aufzugeben. Es bedeutet, die Tür offenzuhalten, wenn alle anderen Mauern errichten. Es ist besonders wertvoll, wenn der Frieden jemanden erfordert, der noch mit beiden Seiten sprechen kann, nachdem beide Seiten aufgehört haben, miteinander zu sprechen – und wenn beide Seiten davon überzeugt sind, dass die andere Seite völlig im Unrecht ist und dass die einzig richtige Antwort ihre eigene ist.
    Das ist eine Lektion, die ich in der Schweiz als wertvoll empfinde. Keine Perfektion – keine Nation sollte zu einer Postkarte verklärt werden. Ich weiss, dass dieses Land seine eigenen Mitschuldigkeiten hat, sein eigenes Schweigen, seine eigenen Bankkonten, bei denen weniger Fragen gestellt wurden, als es hätte sein sollen. Aber hier herrscht die praktische Einsicht, dass Einheit keine Uniformität erfordert. Verschiedene Sprachen, Religionen, Regionen und politische Kulturen können sich ein Land teilen, ohne dass ein Zentrum alle anderen verschlingt. Lokale Gemeinschaften können bedeutende Autorität behalten und gleichzeitig an einem grösseren gemeinsamen Leben teilhaben.
    Eine solche Regelung ist keine Zauberformel, die man einfach exportieren kann. Geschichte lässt sich nicht kopieren und einfügen. Doch das Prinzip lässt sich gut übertragen: Menschen müssen nicht in der Gleichförmigkeit untergehen, um zusammenzuleben. Ein Staat kann Raum für unterschiedliche Erinnerungen schaffen. Ein Land kann zu mehr als einer Geschichte gehören. Lokale Autonomie kann die Angst mindern, dass das Überleben davon abhängt, das gesamte Zentrum zu erobern.
    Das spricht jemanden aus dem Kongo und aus Afrika insgesamt zutiefst an. Unsere Grenzen wurden von fernen Händen gezogen. Unsere Gemeinschaften, Sprachen und Geschichten passten nicht immer in die administrativen Schubladen, die sie geerbt haben. Allzu oft hat Zentralmacht bedeutet, dass alle um die Kontrolle über einen einzigen Stuhl kämpfen müssen, weil ein zu grosser Teil des Landes von diesem Stuhl aus regiert wird. Dann werden Wahlen zu Kämpfen ums Überleben, und der Sieger behandelt den Staat wie Familienbesitz – mit einer sehr grossen Familie und einer überraschend engen Definition des Öffentlichen.
    Ein Leben in Würde erfordert politische Formen, die Herrschaft erschweren und Teilhabe zur Selbstverständlichkeit machen. Lokale Autorität darf nicht zu einer kleineren Tyrannei werden; auch Minderheiten innerhalb von Minderheiten brauchen Schutz. Doch die Macht sollte nah genug sein, um die von ihr betroffenen Menschen zu hören. Frieden ist nicht einfach das Schweigen der Waffen. Er ist das Vorhandensein von Gerechtigkeit, Zugehörigkeit, Erinnerung und einer Zukunft, die die Menschen mitgestalten können.
    Letztendlich ist Würde nichts, was wir finden. Sie ist etwas, das wir aufbauen – gemeinsam, unvollkommen, mit all unseren Widersprüchen, in einer Welt, die oft entschlossen zu sein scheint zu beweisen, dass es nicht möglich ist. Und doch tun wir es. Jeden Tag. In kleinen Gesten. In der gemeinsam eingenommenen Mahlzeit. In der offen gelassenen Tür. In der Weigerung, zu der Geschichte zu werden, die andere für uns geschrieben haben.
    Letztendlich ist das Recht, gesehen und ungesehen zu sein, keine juristische Formel. Es ist etwas, das wir aufbauen – gemeinsam, unvollkommen. Es ist das Recht zu sagen: Ich bin keine Episode. Ich bin ein Leben. Das ist die Würde, über die ich hier sprechen wollte.
    Danke. Asante! •

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Raïs Neza Boneza (geboren 1979 in Zaire – heute Demokratische Republik Kongo) ist ein in Norwegen lebender Schriftsteller, Dichter und Friedensforscher. Sein Leben spiegelt die Bruchlinien wider, über die er schreibt: vom östlichen und westlichen Kongo bis zu den Grossen Afrikanischen Seen, über Grenzen hinweg, an denen die Geschichte selten stillsteht.
Mehrsprachig und transnational arbeitet er mit afrikanischen und europäischen Sprachen und überträgt mündlich überlieferte Erinnerungen in schriftliche Form. Er hat mit Johan Galtung, einem der Begründer der modernen Friedensforschung, zusammengearbeitet und ist weiterhin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Aktivismus und künstlerischem Ausdruck tätig.
Neben seiner Tätigkeit als Berater und Dozent für internationale Nichtregierungsorganisationen und Institutionen ist er Mitbegründer des Transcend Global Network, einer globalen Plattform, die sich für Frieden, Entwicklung und Umweltgerechtigkeit einsetzt. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Poesie und politischer Analyse, Exil und Rückkehr, Erinnerung und Widerstand. Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen gehören: Peace by African’s Peaceful Means (2005), Nomad: Sounds of Exile (2006), Nomad: A Refugee Poet (2019), White Eldorado, Black Fever (2019), Black Emeralds (2020) und Formless (2024).

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