Die verweigerte Würde. Anerkennung, Macht und neue Weltunordnung

Für eine philosophische und geopolitische Lesart von Axel Honneth

von Giuseppe Gagliano*

Würde als Grenze der Macht

Es gibt Epochen, in denen die Philosophie angesichts des Getöses der Ereignisse in den Hintergrund zu treten scheint. Kriege, Wirtschaftskrisen, Propaganda und der Zusammenbruch des internationalen Gleichgewichts scheinen ausschliesslich zur Sprache der Generäle, Diplomaten und Ökonomen zu gehören. Doch gerade in solchen Momenten wird die Philosophie unverzichtbar, denn sie zwingt Politik und Strategie dazu, eine grundlegende Frage zu beantworten: Was bleibt vom Menschen übrig, wenn die Macht ihn auf ein Mittel reduziert? Nach 1945 wurde die Würde in den Mittelpunkt der neuen internationalen Ordnung gestellt, um zu verhindern, dass der Mensch erneut absolut dem Staat, dem Krieg, der Ideologie, der Wirtschaft oder der Machtlogik untergeordnet werden könnte. Sie sollte dem Recht vorangehen, die Politik leiten und der Souveränität eine Grenze setzen.
    Heute scheint dieses Versprechen gebrochen zu sein. Menschenrechte werden ebenso häufig beschworen wie verletzt; Souveränität gilt je nach Bündnissen entweder als heilig oder als verhandelbar; Frieden wird gefeiert, während Stellvertreterkriege, Sanktionen und Ausnahmezustände zunehmen. Sicherheit wird oft zur Rechtfertigung dafür herangezogen, die Bevölkerung zu überwachen, Freiheiten einzuschränken und den Gegner auszulöschen. Bevor die Macht einen Menschen trifft, neigt sie dazu, ihm die Anerkennung zu entziehen: Sie verwandelt ihn in eine Zahl, einen Feind, einen Ausgestossenen, ein Ziel oder eine undefinierte Bedrohung. Der symbolische Abbau geht dem materiellen voraus.
    Das Denken von Axel Honneth bietet einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis dieser Krise. In Anlehnung an Hegel zeigt er, dass das Individuum seine Identität nicht allein konstruiert. Das Bewusstsein braucht ein anderes Bewusstsein; Freiheit entsteht aus gegenseitiger Anerkennung. Auch die Herrschaft birgt daher einen Widerspruch: Der Herr beansprucht Anerkennung, doch die durch Angst erlangte Anerkennung ist mangelhaft. Wer aus Zwang gehorcht, spricht keine echte Legitimität zu. Macht kann Schweigen erzwingen, nicht aber moralische Zustimmung; sie kann Unterwerfung erlangen, erzeugt jedoch Demütigung und Groll.
    Für Honneth konkretisiert sich Würde in drei Bereichen. In der Liebe und Fürsorge gewinnt der Mensch Selbstvertrauen; im Recht wird er als autonome Person anerkannt und entwickelt Selbstachtung; in der Solidarität begreift er, dass seine Arbeit, sein Gedächtnis und seine Anwesenheit für die Gemeinschaft von Wert sind. Ohne Fürsorge fühlt er sich verlassen, ohne Recht fühlt er sich der Willkür ausgesetzt, ohne soziale Wertschätzung fühlt er sich nutzlos. Würde ist daher keine blosse Zierde in Verfassungspräambeln: Sie ist das lebendige Gefüge des Zusammenlebens und die tatsächliche Voraussetzung für Freiheit.

Von der Verachtung zur demokratischen Krise

Jede Gesellschaft schafft Anerkennung, aber auch Formen der Verachtung. Verachtung ist nicht nur gleichbedeutend mit Beleidigung: Sie kann die Form von Armut, Prekarität, Diskriminierung oder behördlicher Gleichgültigkeit annehmen. Ein Mensch kann formale Rechte besitzen und dennoch unter Bedingungen leben, die deren Substanz verneinen. Gerechtigkeit betrifft daher nicht nur die Verteilung von Reichtum, sondern auch die Qualität der Beziehungen, durch die jeder als Subjekt anerkannt wird.
    Diese Perspektive ermöglicht es, das Unbehagen der heutigen Demokratien zu verstehen. Gesellschaften zerfallen nicht nur, wenn Ressourcen fehlen, sondern auch, wenn Millionen von Menschen das Gefühl haben, nichts mehr zu zählen. Misstrauen gegenüber Institutionen, Wahlenthaltung, Radikalisierung, autoritäre Nostalgie und sozialer Hass sind oft verwirrte, manchmal gefährliche Reaktionen auf einen Verlust an Anerkennung. Dem Bürger wird gesagt, er sei frei und souverän, doch er stellt fest, dass viele massgeb-liche Entscheidungen anderswo getroffen werden: auf den Finanzmärkten, in technokratischen Apparaten, auf digitalen Plattformen und in Sicherheitsapparaten.
    Daraus ergibt sich eine neue Form politischer Demütigung. Es ist nicht immer die sichtbare Unterdrückung wie in klassischen Diktaturen; es ist vielmehr das Gefühl, regiert zu werden, ohne Gehör zu finden, verwaltet und festgelegt zu werden, ohne als Mensch anerkannt zu werden. Davon betroffen sind der verarmte Arbeitnehmer, der junge Mensch in prekären Verhältnissen, der isolierte ältere Mensch, der in Schwierigkeiten geratene Kleinunternehmer, der delegitimierte Lehrer, der Kranke, der zu einer bürokratischen Akte reduziert wird, und der Migrant, der zu einem Problem der öffentlichen Ordnung gemacht wird. Die Staatsbürgerschaft bleibt formal intakt, verliert jedoch an Substanz.
    Die demokratische Krise ist daher auch eine moralische Krise. Eine Demokratie lebt, wenn sich die Bürger als Teil einer Schicksalsgemeinschaft fühlen; sie verliert an Substanz, wenn der Staat als ferne Maschine erscheint, die Eliten als selbstbezogene Kaste, die Politik als Theater und die Wirtschaft als unveränderliches Schicksal. Viele Menschen fordern nicht nur Einkommen: Sie fordern Schutz, Gehör, Zugehörigkeit und Respekt. Wenn die Politik allein mit moralischer Belehrung reagiert und die Gesellschaft in Aufgeklärte und Rückständige, Kompetente und Unwissende, Verantwortungsbewusste und Verdächtige spaltet, verwandelt sie die öffentliche Debatte in eine Maschine gegenseitiger Verachtung.
    Honneth hilft so, einen Zusammenhang zu erkennen, den die rein wirtschaftliche Analyse ausser acht lässt. Der Mangel an Anerkennung verletzt die Identität, hat aber auch politische Konsequenzen. Die Demütigung wird zunächst zu Schweigen, dann zu Groll und schliesslich zu Protest oder Aufstand. Institutionen behalten ihre Legitimität nur dann, wenn sie es den Individuen ermöglichen, sich in ihnen wiederzuerkennen, und wenn sie die Rechte, die sie proklamieren, auch tatsächlich verwirklichen. Eine Gesellschaft ist nicht dann frei, wenn sie jeden sich selbst überlässt, sondern wenn sie die Beziehungsbedingungen schafft, damit niemand gegen die Gesellschaft kämpfen muss, um zu beweisen, dass er seine Menschlichkeit verdient.

Die neue Weltunordnung als Krise der Anerkennung

Die Anerkennungstheorie lässt sich – mit Vorsicht – auf die internationalen Beziehungen ausweiten. Staaten sind zwar keine Personen, doch Völker und politische Gemeinschaften leben mit Erinnerung, Identität, Status, Respekt und Demütigung. Die klassische Geopolitik befasst sich mit Raum, Ressourcen, Grenzen, Handelswegen und Machtverhältnissen; all dies bleibt entscheidend, reicht aber nicht aus. Die Mächte streben auch danach, dass ihre Geschichte, ihre Interessen und ihre Sicherheitswahrnehmung als legitim angesehen werden. Sie wollen an der Festlegung der Regeln mitwirken und diese nicht nur hinnehmen.
    Die heutige Unordnung lässt sich als eine gigantische Anerkennungskrise deuten. Nach dem Kalten Krieg hat der Westen seine Interessen oft mit universellen Werten, seine Sicherheit mit der internationalen Sicherheit und seine Hegemonie mit globaler Stabilität gleichgesetzt. Die militärische, finanzielle und technologische Überlegenheit der Vereinigten Staaten hat diese Darstellung lange Zeit gestützt, doch die Welt ist nicht stillgestanden. Russland hat die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Rückschlag und Demütigung erlebt; China hat die Erinnerung an sein «Jahrhundert der Demütigungen» in ein Projekt der Wiedergeburt verwandelt; Indien, Afrika, die arabische Welt und Lateinamerika fordern eine nicht untergeordnete Rolle ein.
    Der Globale Süden fordert nicht nur Investitionen und Handel. Er fordert, dass seine Stimme nicht als Hintergrundrauschen behandelt wird, dass das Völkerrecht nicht nach Belieben angewendet wird und dass die weltweiten Institutionen die tatsächlichen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts widerspiegeln. Der westliche Universalismus ist in eine Krise geraten, nicht weil Würde und Rechte nutzlos geworden sind, sondern weil sie selektiv angewendet wurden. Wenn manche Opfer universelle Trauer verdienen und andere blosse Statistiken bleiben, wenn manche Besetzungen unerträglich und andere unvermeidbar sind, verliert die moralische Sprache an Autorität.
    Der Krieg stellt den äussersten Punkt der Nichtanerkennung dar. Er beginnt schon vor dem ersten Schuss, wenn der andere zur absoluten Gestalt des Bösen gemacht und seiner Gründe, seiner Angst, seines Gedächtnisses und seiner Sprache beraubt wird. Propaganda vereinfacht und entmenschlicht; die Technologie vervollständigt diesen Prozess oft. Drohnen, Satelliten, Algorithmen und Überwachung verwandeln den Feind in ein Signal, ein Ziel oder einen Punkt auf einer Karte und vergrössern so die moralische Distanz zwischen demjenigen, der zuschlägt, und demjenigen, der getroffen wird.
    Auch der Wirtschaftskrieg kann die Anerkennung aussetzen. Sanktionen, Finanzsperren, technologische Ausgrenzung und die Kontrolle der Lieferketten sind weniger zerstörerisch als ein Bombenangriff, doch wenn sie Energie, Ernährung, Medikamente und Infrastruktur betreffen, verwandeln sie ganze Bevölkerungsgruppen in strategische Hebel. Jeder Block behauptet, die Menschheit vor der Barbarei anderer zu schützen, während er das konkrete Leid der Menschen in Kauf nimmt. Die Gefahr besteht nicht nur in der Ausweitung von Kriegen: Es ist die Gewohnheit, die Würde der eigenen Verbündeten als universell anzusehen und die der Gegner als entbehrlich.

Den anderen anerkennen, bevor er zum Feind wird

Europa steht vor einem besonderen Widerspruch. Es ist der Kontinent, der die rechtliche und philosophische Idee der Würde am tiefsten ausgearbeitet hat, aber auch derjenige, der Kolonialismus, Weltkriege, Totalitarismus und Völkermorde hervorgebracht hat. Aus der Erinnerung an seine eigenen Abgründe hätte es eine Politik der Begrenzung, der Vermittlung und der Pluralität ableiten können. Heute läuft es statt dessen Gefahr, zu einem strategischen Anhängsel zu werden, zu einem Raum, der von Frieden spricht, während er sich an die permanente Mobilisierung gewöhnt. Seine Krise ist nicht nur militärischer oder wirtschaftlicher Natur: Es ist eine Krise der Zielsetzung.
    Eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Mitglieder nicht anerkennt, verliert auch die Fähigkeit, das Aussen anzuerkennen. Ein Europa, das die Jugend in prekäre Verhältnisse treibt und die Mittelschicht verarmt, kann kaum mit moralischer Autorität zur Welt sprechen. Internationale Glaubwürdigkeit entsteht auch aus der Qualität des inneren demokratischen Lebens. Man kann die Würde nicht ausserhalb der eigenen Grenzen verteidigen, während man sie innerhalb dieser Grenzen auf eine zeremonielle Formel reduziert.
    Eine Politik der Anerkennung ist kein Sentimentalismus und erfordert keinen Verzicht auf Verteidigung, Sicherheit, nationale Interessen oder Souveränität. Sie erfordert das Verständnis, dass keine stabile Ordnung auf der Verleugnung des anderen beruhen kann. Anerkennen bedeutet nicht freizusprechen: Es bedeutet, Politik möglich zu machen. Man kann ein Sicherheitsbedürfnis anerkennen, ohne eine Aggression zu rechtfertigen; das historische Leid eines Volkes verstehen, ohne dessen Nationalismus zu akzeptieren; den westlichen Unilateralismus kritisieren, ohne revisionistische Mächte zu idealisieren; ein Regime verurteilen, ohne die gesamte Gesellschaft zum ontologischen Feind zu erklären.
    Honneth weist einen Weg zwischen abstraktem Moralismus und zynischem Realismus auf. Ersterer spricht von Werten und ignoriert dabei die Machtverhältnisse; letzterer spricht von Macht und ignoriert dabei die moralischen Wunden, die Konflikte schüren. Eine Geo-
politik der Anerkennung muss Interessen und Würde, Sicherheit und Respekt, Souveränität und Grenzen miteinander in Einklang bringen. Auch eine multipolare Welt kann zu einem System rivalisierender Imperien werden. Um menschlichen Wert zu erlangen, muss sich der Multipolarismus in Pluralismus verwandeln: Keine Zivilisation kann das Monopol auf die historische Vernunft beanspruchen, und Universalität muss im Dialog aufgebaut und darf nicht von oben aufgezwungen werden.
    Der Übergang von der proklamierten zur gelebten Würde bedeutet, konkrete Grenzen zu setzen. Der Staat muss schützen, ohne zu vereinnahmen; der Markt muss dem Leben dienen; die Technik muss das menschliche Urteilsvermögen unterstützen; die Sicherheit muss die Freiheit verteidigen; die Souveränität muss das Volk bewahren, ohne es zu einem Instrument zu machen. Eine internationale Ordnung ist legitim, wenn sie die Völker nicht dazu zwingt, Anerkennung im Krieg, durch Erpressung oder Rache zu suchen. Die aktuelle Krise ist militärischer, wirtschaftlicher und technologischer Natur, aber vor allem ist sie eine Krise der Anerkennung. Den anderen als Subjekt zu sehen, auch wenn er ein Gegner ist, beseitigt den Konflikt nicht: Es zivilisiert ihn. Es hebt die Macht nicht auf: Es schränkt sie ein. Es hebt die Souveränität nicht auf: Es verpflichtet sie, der Würde des Menschen Rechnung zu tragen. Das ist die Voraussetzung dafür zu verhindern, dass die weltweite Unordnung zu einer Krise des Menschlichen wird. •

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Giuseppe Gagliano ist ein italienischer Journalist, Geopolitik-Experte und Philosoph, der sich auf Wirtschaftsspionage, Konfliktanalyse und strategische Studien spezialisiert hat und für verschiedene italienische und internationale Medien schreibt. Er ist Präsident und Gründer des Centro Studi Strategici Carlo De Cristoforis (Cestudec) in Como und lehrt zudem an der Universität von Kalabrien und am Istituto Alti Studi Strategici e Politici (IASSP) in Mailand. Er hat zahlreiche Beiträge über Wirtschaftskriegsführung und die Rolle von Geheimdiensten in der modernen Politik veröffentlicht.
Der hier abgedruckte Text ist das ins Deutsche übersetzte Manuskript des Vortrages, den Professor Gagliano beim Kongress «Mut zur Ethik» halten wollte. Leider musste er seine Teilnahme aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen. Um so mehr freuen wir uns, seinen Beitrag in schriftlicher Form dokumentieren zu können.

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