Illusionäre Welt versus reale Welt

Was trägt dieses gegensätzliche Begriffspaar zur Debatte um das diesjährige Kongressthema bei?

von Prof. Dr. Stanislas Bucyalimwe Mararo*

Sehr geehrte Teilnehmer, guten Morgen!

Ich hatte geplant, persönlich unter Ihnen zu sein, doch meine Gesundheit hat mir erneut einen Streich gespielt. Dennoch finde ich zum Glück noch Kraft und Geist, einige Gedanken zu Ihren Erwägungen zum Thema beizutragen. Ich möchte sie kurz und prägnant halten, ohne dabei die Komplexität des Themas aus den Augen zu verlieren.
    Ich verdanke das gegensätzliche Begriffspaar «Welt der Illusion» versus «Welt der Realität» dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er stellt sie einander gegenüber, um die Nato-Führungsgestalten an ihren Platz zu verweisen, die – geblendet von ihrer vermeintlichen Macht – glaubten, Russland «vernichten» zu können. Heute hat sie die Realität eingeholt. Angst hat ihre Reihen ergriffen, während sie sich verzweifelt nach 180 Milliarden Euro umsehen, um damit die Wirksamkeit ihrer Streitkräfte zu stärken. Darüber hinaus musste die Präsidentin der Europäischen Kommission, Frau Ursula von der Leyen, kürzlich einräumen, dass die Zeit der Illusionen vorbei ist: Das heisst, sie steht nun mit den Füssen auf dem Boden. Ich glaube nicht, dass sie damit die einzige unter den europäischen Führungskräften ist, die nun auf die Vernunft hören.
    Bevor ich diesen zentralen Punkt näher erläutere, möchte ich ein paar Worte zur Menschlichkeit und zur Würde sagen. Dabei werde ich auf die Realität des Nato-Russ-land-Krieges in der Ukraine und des US-
Israel-Krieges gegen den Iran eingehen. In diesem Zusammenhang habe ich für den zweiten Punkt den Titel «Macht, Kraft und Würdelosigkeit» gewählt. Drittens werde ich dem ein Modell der Menschenwürde gegenüberstellen, das von der (traditionellen) lokalen Führung in der Region Kivu inspiriert ist.
    Diesen Überlegungen zum Thema möchte ich einige persönliche Worte anschliessen. Sie haben nicht direkt mit dem Thema dieses Kongresses zu tun. Sie beinhalten den Dank an das Führungsgremium von «Mut zur Ethik», denn ich empfinde, dass mich meine mir verbleibende Zeit dazu drängt. Man sagt zu Recht, dass es von Weisheit zeugt, wenn man die Fackel rechtzeitig an die Nachfolgenden weitergibt. Ich werde daher die heutige Gelegenheit nutzen, um Sie auf das Team hinzuweisen, das bereit ist, sie weiter zu tragen. Mit ihm ermöglicht sich die wichtige Zusammenarbeit aller, die daran mitwirken wollen, dass das Interesse am Schicksal der Demokratischen Republik Kongo im allgemeinen und insbesondere an dem, was seit Jahrzehnten in seinem Osten vor sich geht, mit meinem Ausscheiden nicht endet.

Der Mensch und seine Würde

Die Würde ist eng mit dem Menschsein verbunden. Sie ist ein Zustand des Seins, der auf Achtung, Wahrnehmung und Wertschätzung beruht, zunächst sich selbst gegenüber. Er prägt damit die Art und Weise, wie ich zum anderen spreche, mit ihm handle, wie ich ihm erscheine und wie ich mich zu ihm verhalte. Damit impliziert meine Menschenwürde eine Reihe positiver Eigenschaften, die von einem gewissen Mass an Moral und Ehrlichkeit inspiriert sind: Demut, Selbstachtung und Achtung der anderen, Wahrhaftigkeit und angemessenes Verhalten, auch angesichts grösster Schwierigkeiten – alles das stets im Hinblick auf den eigenen Status, den ich in meiner Gemeinschaft (sozialer Wert) einnehme. Meine Würde erfordert auch, dass der Einzelne angesichts zahlreicher äusserer Einflüsse die Fassung bewahrt. Wenn sich ihm Hindernisse in den Weg stellen, muss er sie zu überwinden suchen und sie somit auch als Antrieb für sein eigenes Fortkommen nutzen. Dies verlangt, dass ich meine Fähigkeiten durch mein Handeln unter Beweis stelle. Ich und jeder sind also aufgerufen, integer und authentisch zu handeln. Mit anderen Worten heisst dies: Wenn der Mensch Anspruch auf Würde erhebt, muss er vor allem seine Werte und Prinzipien hochhalten und sie niemals aus einem beliebigen Grund opfern. Zum Beispiel darf er weder andere verraten noch lügen, um finanzielle, politische oder andere Vorteile zu erlangen. Er muss sich selbst so annehmen, wie er ist, und seinen Wert und seine Fähigkeiten erkennen. Menschenwürde verlangt vom Individuum, Schwierigkeiten mit Standfestigkeit zu begegnen, was sich konkret so umschreiben lässt: den Kopf hochhalten und trotz dem Gewicht der auftretenden Schwierigkeiten ruhig weiter voranschreiten. Menschenwürde verlangt von jedem von uns, sich niemals selbst herabzusetzen. Das heisst: Der Mensch darf, weil dem Menschen Würde zukommt, Demütigung und Ungerechtigkeit niemals hinnehmen oder dulden. Damit komme ich zum zweiten Punkt.

Macht, Kraft und Würdelosigkeit

Ich beziehe mich auf westliche Länder, um zu zeigen, dass deren Blindheit, Eigenliebe oder Selbstüberschätzung dazu führten, dass sie ihre Menschenwürde verlieren und in Erniedrigung verharren.

a) Der Krieg der Nato gegen Russland

Die Nato-Staaten, angeführt von den Vereinigten Staaten, versuchen seit den frühen 1990er Jahren, Russland zu destabilisieren und zu zerstören, um dessen Ressourcen zu kontrollieren. (Zahlreiche Autoren1 widersprechen den Behauptungen amerikanischer und europäischer Politiker, sie seien in der Ukraine, um westliche Werte wie Demokratie und ukrainische Souveränität zu verteidigen. Diese Widersprüche und Lügen gereichen ihren Urhebern nicht zur Ehre. Russland hingegen ist in der Ukraine, um der Nato-Einkreisung und der antirussischen Politik des Kiewer Regimes unter Führung von Selenski, der Bandera-Anhänger und Neonazis entgegenzuwirken. Damit verweist Russland auf die vom globalen Westen verfälschte Debatte – Gift, das Medien und intellektuelle Kreise verbreiten, indem sie auch das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Seiten verfälschen. Im offiziellen westlichen Diskurs verliert Russland angeblich den Krieg gegen die Ukraine und diese siege. Nicht nur belügen sie die Welt, indem sie die Ereignisse in der Ukraine als Krieg zwischen der Ukraine und Russland darstellen, sondern vor allem belügen sie ihr eigenes Volk, indem sie behaupten, zu gewinnen, während die Realität vor Ort zeigt, dass Russland die Oberhand gewinnt. So erscheinen westliche Staats- und Regierungschefs weniger würdig als russische, für die der Kampf ums Überleben ein unabdingbares Ziel ist. Selenski und sein Team sind keine Nationalisten, sondern Marionetten, die den Nato-Interessen dienen und damit ihr Land zerstören. Hatten die Amerikaner nicht vor dem russischen Einmarsch (2022) Stützpunkte und chemische Industrien in der Ukraine errichtet, die sich gegen Russland richteten?
    Der Krieg in der Ukraine macht die europäischen Länder noch mehr zu Vasallen der Vereinigten Staaten als zuvor und beschleunigt so ihren eigenen Niedergang. Sie verwenden die Steuergelder ihrer Bürger, um Waffen von den Vereinigten Staaten zu kaufen und die ukrainische Front zu versorgen. Einige Waffen, die für die Ukraine bestimmt sind, werden auf Mafia-Märkte umgeleitet, so dass sie beispielsweise in weit entfernten Regionen wie dem Osten der Demokratischen Republik Kongo landen. Immer glaubwürdigere Berichte deuten darauf hin, dass in Wirklichkeit Ukrainer neben Ruandern, Israelis, Ugandern, Kenianern und Somalis hinter der angeblichen «Rebellion» der M23-Armee stehen, alle mit demselben Ziel: Verzweiflung zu säen, um die Bodenschätze des Ostkongo systematisch zu plündern.

b) Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran

Wir haben es hier mit zwei Atommächten zu tun, die ein Land ohne Atomwaffen angreifen, mit der Begründung, es bedrohe ihre Sicherheit, ihre Interessen und ihre Bevölkerung. Der erste Widerspruch oder die erste Lüge liegt darin, dass diese beiden Länder – indem sie Bomben auf den Iran abgeworfen haben und damit dessen Führung sowie auch Kinder in Schulen getötet und militärische sowie zivile Infrastruktur zerstört haben – sich mit dem Vorwand rechtfertigen, die angebliche iranische Bedrohung zu beseitigen. Diese barbarischen Akte bestätigen Noam Chomsky (z. B. in seinem Buch «Pirates & Emperors: International Terrorism in the Real World», 1986), der die Vereinigten Staaten und Israel für die terroristischsten Staaten der Welt hält. Deren Führung war allerdings überrascht vom heftigen Widerstand des Iran, der diese beiden Atommächte demütigte. Betrachtet man die widersprüchlichen Aussagen von US-Präsident Donald Trump und seine ständigen Drohungen, den Iran angeblich zu zerstören, ja, ihn sogar in die Steinzeit zurück zu bombardieren, zeigt sich, dass er den Bezug zur Realität verloren hat und nicht mehr weiss, welche Lügen er noch weiter als Wahrheit ausgeben könnte. Er sieht sich so gezwungen weiterzulügen, in der Hoffnung, dass die amerikanische Bevölkerung noch lange nicht erkennt, dass er sie mit dem Überfall auf den Iran in eine bedrohliche Lage gebracht hat. Die iranische Kontrolle über die Strasse von Hormus und die Zerstörung amerikanischer Stützpunkte am Golf sind die ersten sichtbaren negativen Folgen dieses Lügenkurses. Bis auf weiteres schwächt dieser Angriffskrieg den Iran nicht, im Gegenteil. Der Iran erscheint heute als Vorbild für Widerstandsfähigkeit, Stolz und Würde eines Volkes, das sich nicht weiter demütigen lässt. Nach ihrer Intervention in Venezuela, wo sie Präsident Maduro entführten und venezolanisches Öl beschlagnahmten, glaubten die Vereinigten Staaten, dasselbe im Iran zu erreichen, so zur einzigen Energiemacht der Welt aufzusteigen und damit China und Russland einen schweren Schlag zu versetzen. Auch dieser Traum erfüllte sich nicht. So wird verständlich, dass hinter der Parole über die iranische Bedrohung massive wirtschaftliche und geopolitische Partikularinteressen stehen. 
    Im Falle Israels geht es um territoriale Expansion oder die Verwirklichung des vielbeschworenen Gross-Israel. Einmal mehr sind die Völker der Welt desillusioniert. Sie sind Augenzeugen der Verletzung jener Werte, die die Menschheit bisher friedlicher und harmonischer gemacht haben. Das Verhalten dieser Grossmacht hat die Welt in das Zerrbild von Menschenwürde verwandelt, was ein französischer Journalist als eine Welt reissender Bestien bezeichnet hat. Sie gibt Anlass zu ernsthafter Sorge um die Zukunft der Menschheit. Jacques Baud beschreibt diese düstere Realität treffend mit dem Begriff «Regieren durch Fake News», also durch Lügen. Um dies noch genauer zu verstehen, sollte man dem kanadischen Analysten Benjamin Tremblay hinzuziehen, der sagt: «Der Iran ist auf dem Weg, diesen aufgezwungenen Krieg zu gewinnen oder ihn zumindest nicht zu verlieren.»2

Ein Modell der Würde

a) Bischof Joseph Busimba

Bischof Joseph Busimba, der erste dunkelhäutige Priester (1940) und später der erste autochthone Bischof im Kivu (1960), wählte zu seinem Motto «credimus in caritatem» (Wir glauben an die Nächstenliebe). Dieses Motto bildete den Grundstein seiner Seelsorge während seiner gesamten bischöflichen Amtszeit (1960–1974). Er übernahm 1959 die Leitung der neu gegründeten Diözese Goma, dies in einem schwierigen politischen Umfeld. Der damalige Gesamt-Kivu wurde zwischen 1962 und 1965 von Bruderkriegen erschüttert. Doch Bischof Busimba verlor nicht den Mut und predigte die Einheit der Christen in seiner Diözese, während die politischen Autoritäten Stammeskonflikte schürten. So wirkte er als Katalysator für die Eintracht der Menschen. Besonders hervorzuheben ist sein Engagement für die ruandischen Tutsi-Flüchtlinge, die sich in seiner Diözese niedergelassen hatten. Leider haben diese ihm schon damals diesen Dienst an ihnen mit einer perfiden Wendung vergolten, denn nach seinem Tod setzten sie durch Wühlarbeit alles daran, die Diözese zu destabilisieren, dies insbesondere in den Jahren seit 1990. Der Beweis dafür liegt darin, dass sie unter dem Dach der RPF (Ruandische Patriotische Front) den Ostkongo in einen endlosen Krieg gegen ihre ehemaligen Gastgeber stürzten, ein Krieg, der von 1993 bis zum heutigen Tag andauert. Dementgegen war er als ein echter Hirte seines Volkes am Werk, der an seine Mission glaubte, dessen Aufbauwerk für alle aber von einer Politik sabotiert wurde, die sich auf die verderbliche Seite des Menschentums abstützt.

b) Exzellenz Christophe Munzihirwa, geistige Führung und Menschenwürde

Bischof Christophe Munzihirwa war eine bekannte Persönlichkeit. Wir können die Folgen des Krieges in der Demokratischen Republik Kongo, insbesondere die Verfolgung katholischer Bischöfe und Priester (eines der zentralen Ziele dieses Krieges), nicht erörtern, ohne ihn zu erwähnen. Ich habe sein Vermächtnis diesem Kongress bei anderer Gelegenheit vorgestellt. Heute liegt mein Augenmerk auf seiner Führungsrolle und seiner Würde. Christophe Munzihirwa wurde inmitten des heraufziehenden internationalen Krieges, den die Angelsachsen und Israeli der DR Kongo ab 1996 aufgezwungen hatten, zum Bischof ernannt. Er musste sich gegenüber dieser massiven Bedrohung behaupten. Er predigte und betrieb aktiv Nächstenliebe, auch in diesem schwierigen Umfeld. Bischof Munzihirwa wandte sich dringend in zahlreichen Briefen an die Vereinten Nationen, die US-amerikanische Bischofskonferenz sowie an seine Amtskollegen in Frankreich und Belgien, um auf die extreme Gefährdung gerade der Hunderttausenden von kongolesischen und ruandischen Hutu-Flüchtlingen in ihren improvisierten Lagern am Vorabend der AFDL-Invasion [unter der ruandischen Marionette Laurent-Désiré Kabila, Red.] von 1996 aufmerksam zu machen. Er prangerte die Rolle der angelsächsischen Welt hinter der verbrecherischen Strategie der ugandischen Nationalen Widerstandsarmee ihres Alleinherrschers Museveni an sowie der sogenannten Ruandischen Patriotischen Front unter dem Diktator Paul Kagame von Amerikas Gnaden. Angesichts der Flucht der politischen und administrativen Verantwortlichen aus Bukavu blieb unser Bischof die einzige Autoritätsperson, die der Bevölkerung Ermutigung und Hoffnung spendete. Er versteckte auch aus Ruanda geflohene Tutsi. Leider war es dann zu unserem grössten Schmerz, dass die ruandische Tutsi-Regierung ihn von den Mörderbanden ihrer Besatzungsmacht (AFDL) am 29. Oktober 1996 auf offener Strasse niederstrecken liess – ein Datum, das im Kivu als Trauertag begangen wird. Er erinnert unsere Bevölkerung daran, dass dieses Verbrechen den Beginn des systematischen Völkermords der von den USA unterstützten Invasoren gegen unser Volk markiert. Um es militärisch auszudrücken: Er starb mit seiner Waffe in der Hand – mit und wegen seiner Mitmenschlichkeit. Seine Ermordung und dann auch die Ermordung seines Nachfolgers, Bischof Emmanuel Katalikos, bedeuteten das Ende des erbitterten Widerstands unserer Bevölkerung gegen die ausländischen Invasoren und Besatzer und deren «Subunternehmer», die Hima-Tutsi. Die kongolesischen Bischöfe zogen es vor, dazu zu schweigen und sich nur zu Nebensächlichkeiten zu äussern, für viele eine grosse Enttäuschung.
    Damit komme ich zum Schluss.

Worte des Danks und des Abschieds

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, meiner grossen Familie mit dem Namen «Mut zur Ethik» meinen tief empfundenen Dank auszusprechen. Ich richte ihn ganz bewusst an alle, aber auch besonders an ihre Leitung, diejenige in früheren Jahren und diejenige von heute. Ihr habt mich in Eure Familie aufgenommen. Wenn ich von Leitung spreche, dann geht mein erster Gedanke an Frau Dr. Anne-Marie Buchholz-Kaiser glücklichen Angedenkens. Ihr Bild ist mir unauslöschlich gegenwärtig. Meine Präsenz bei Euch, sie blickt auf 26 Jahre zurück, von 2000–2026, war für mich in vielerlei Hinsicht und im wahrsten Sinne des Wortes bereichernd. Ich hoffe, dass es dies auch für viele in Euren Reihen so war. In diesem Moment voller Emotion und reicher Bilanz möchte ich folgende Worte an Euch alle richten. Ich bin glücklich, dass ich mit und unter Euch mein Streben und mein Forschungsfeld ausweiten und mit euch teilen durfte, um damit intellektuell zu wachsen und in der Auseinandersetzung zu reifen, in der Auseinandersetzung mit allen, auch mit denen, deren Sichtweise wir nicht teilen. Was mich persönlich betrifft, so war mein kritisches Denken meine beste Verteidigungswaffe, mein Streben nach Wahrheit und, damit einhergehend, mein Kampf gegen die Lüge. Das war mein unaufhörliches Bestreben. Ich bin überzeugt davon, dass ich das mir von Euch und insbesondere von Frau Dr. Anne-Marie Buchholz-Kaiser entgegengebrachte Vertrauen nicht missbraucht habe. Es war ja sie, welche schon vor langer Zeit auf mich aufmerksam wurde und unerschütterlich an meine intellektuellen Fähigkeiten und an meine mitmenschliche Anteilnahme geglaubt hat.
    Auf Grund meiner Gesundheit, die sich leider verschlechtert, sage ich Euch denn adieu. Ich hinterlasse Euch aber ein Team, das mich besonders in den vergangenen Jahren unterstützt hat. Es setzt sich aus sechs Persönlichkeiten zusammen, drei davon leben im besetzten Goma, eine in den Vereinigten Staaten, eine in Kanada und eine in Kinshasa. Ich übergebe das Präsidium dieses Kreises an Herrn Prof. Dr. Jean-Paul Segihobe Bigira, Dozent für Rechtskunde an der Universität Gent (Belgien) und Ordinarius an der Juristischen Fakultät der Universität Kinshasa, ehemaliger Rektor der Universität Goma, Deputierter im nationalen Parlament für den Verwaltungsbezirk Rutshuru (Nord-Kivu) und Advokat der Staatsanwaltschaft Kinshasa. In dieser letztgenannten Funktion ist er Mitglied des Gremiums von Advokaten der Demokratischen Republik Kongo, welche bei den zuständigen internationalen Gerichtshöfen die Anklageschrift zur Verfolgung des von Ruanda beabsichtigten Völkermords im Kongo eingereicht hat. Professor Segihobe Bigira hat mehrere Bücher verfasst, ist verantwortlicher Leiter des Verlagshauses Virunga und Mitglied der parlamentarischen Kommission, welche ihre homologen Körperschaften in Uganda, Kenia, Algerien, Belgien, Frankreich und anderen Staaten besucht hat. Er ist ein gewandter und erfahrener Intellektueller, der Euch willkommene Türen öffnen kann, so wie ich es auch immer getan habe. Es sei hiermit auch hingewiesen, dass dieses Gremium beschlossen hat, noch in diesem Jahr fünf Werke herauszugeben, die es erlauben, meine wissenschaftliche Tätigkeit im Vollbesitz meiner Kräfte zu würdigen und abzuschliessen.3 
    Liebe Freunde, ich kann Euch diese Arbeitsgruppe nur empfehlen. Ich habe volles Vertrauen zu ihnen allen. Ich schliesse mit einem Dank auch an meine Familie. Sie ist zu allen Momenten meines Lebens ganz bei mir gewesen, und sie ist es bei allen meinen Aktivitäten noch immer. Sie interessiert sich weiter dafür, was im Rahmen von «Mut zur Ethik» auch in Zukunft geschieht. Ich bedanke mich nochmals bei Euch und Ihnen allen. Ich weiss, dass in diesem Kreis meine guten Wünsche und Empfehlungen auf offene Ohren stossen werden. •

* Prof. Dr. Stanislas Bucyalimwe Mararo ist Historiker, Politologe und Philosoph mit Schwerpunkt afrikanische Geschichte, insbesondere der Region Grosse Afrikanische Seen/Demokratische Republik Kongo, vormals Zaïre.
Er stammt aus dem Nord-Kivu (DR Kongo) und war nach seinem Exil langjähriger Forscher an der Universität Antwerpen.
1997, nach der Besetzung des Ostkongo durch ruandisch gesteuerte Truppen und nach monatelangem Leben im Untergrund flüchtete er vor der Verfolgung der ostkongolesischen Intellektuellen durch die Söldnertruppen der neuen Machthaber in Ruanda. Heute lebt er in Belgien. Stanislas Bucyalimwe Marao legt in grundlegenden Forschungsbeiträgen mehr als 30 wissenschaftliche Werke vor, eine Geschichte der postkolonialen Ausblutung seiner Heimat durch eine Siedler- und gewaltsame Annexionspolitik.

1 zum Beispiel : Brzezinski, Zbigniew. Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft und der Kampf um Eurasien. (1999); Endeweld, Marc. Guerres cachées. Les dessous du conflit Russo-Ukrainien (2022); Moullec, Gaël-Georges. Ukraine. La fin des illusions (2022)
2 vgl. Tolande, Gabriel (SJ). Das Reich des Schweigens. Die theologischen und politischen Implikationen der Ermordung von Bischof Christophe Munzihirwa und Bischof Emmanuel Kataliko in der Region der Afrikanischen Grossen Seen, Notre Dame University, USA, 14. August 2026, (https://youtu.be/G6Gpt6nzj_g?si=YKSe5hCUoW5R8CMP).
3 Die fünf Titel: 1. La guerre internationale de la RD Congo vue du dedans. Textes choisis (Vorabdruck); 2. Goma: La problématique de la paix du vivre-ensemble (in Vorbereitung); 3. Général Alphonse Bikweto. Histoire d’un commando de choc (in Vorbereitung); 4. Rubakare, Balthazar. Servir la nation par l’enseignement (in Vorbereitung); 5. Banzira, Tharcisse. Entrepreneur et force tranquille (Layout vorgesehen für September 2026).

Aufruf von Erzbischofs Christophe Munzihirwa, wenige Tage vor seiner Ermordung

«Ein Wort an unsere Nachbarstaaten. Wir fordern die Regierungen von Kigali und Bujumbura auf, ihre internen Probleme in ihren Ländern unter sich zu lösen und sie nicht in den Kongo zu tragen. Wir fordern insbesondere die ruandischen Tutsi auf, die wir immer wieder als Flüchtlinge bei uns aufgenommen haben, nicht in den Brunnen zu spucken, aus dem sie getrunken haben. Heute vergelten sie unsere Gastfreundschaft mit Bomben.»

Christophe Munzihirwa, Erzbischof von Bukavu, ermordet von Angehörigen der AFDL am 29. Oktober 1994 bei der Einnahme Bukavus (zit. bei Stanilas Bucyalimwe Mararo: «Nord-Kivu (République Démocratique du Congo): vingt-quatre ans de tueries programmés – mars 1993–mars 2017».

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