von Eva-Maria Föllmer-Müller
Liebe Freunde von «Mut zur Ethik»
Im Namen der Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» freue ich mich, Sie herzlich zum diesjährigen Kongress begrüssen zu können.
Auch in diesem 33. Jahr kommen wir bei «Mut zur Ethik» zusammen, um in den kommenden drei Tagen vieles zu den brennenden Fragen der Zeit zu erfahren, uns miteinander auszutauschen und mögliche Perspektiven zu erarbeiten.
Wir haben dieses Mal das Thema «In Würde leben» gewählt.
Es geht darum, in Erinnerung zu rufen, was Würde bedeutet. «In Würde leben» ist aber auch eine Herausforderung für jeden von uns und geht über die selbstverständliche Tatsache hinaus, dass jedem Menschen eine Würde innewohnt: Sie muss auch gelebt werden.
Jeder von uns hat eine Vorstellung von Würde: Jeder Mensch hat einen absoluten, unabdingbaren, einzigartigen Wert, der über den materiellen Dingen steht und der nicht davon abhängt, was er leistet oder produziert. Diese Würde steht allen zu, allein -auf Grund der Tatsache, dass sie Menschen sind. Sie gehört zur menschlichen Natur. Dies bringt Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck, in dem es heisst: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren».
Seit wir schriftliche Zeugnisse menschlicher Kultur haben, finden wir immer wieder solche, die zeigen, dass sich Menschen aller Zeiten ihrer besonderen Stellung und ihres besonderen Wertes im Kosmos bewusst waren und Verletzungen dieses Wertes zutiefst beklagt haben. Wir haben hier nicht die Zeit, auf diese Zeugnisse einzugehen, und ich beschränke mich auf drei europäische Vertreter der Neuzeit, die für die Diskussion um die Würde des Menschen wesentliche Impulse gegeben haben. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen: Die Erkenntnis der Menschenwürde ist kein europäisches Privileg.
Die erste Persönlichkeit, an die ich erinnern möchte, ist Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494). Für Mirandola erwächst die Würde des Menschen aus der Fähigkeit, seine Existenz als Mensch selbst zu schaffen. Dieser Gedanke lebt heute weiter, indem wir Freiheit, Selbstbestimmung und die Fähigkeit, das ethisch Richtige zu erkennen und auch danach zu handeln, als unmittelbaren Ausdruck der Menschenwürde verstehen.
Zu einem umfassenden philosophischen Konzept ausformuliert wurde der Begriff der Menschenwürde im Zuge der europäischen Aufklärung. So erklärte Samuel von Pufendorf (1632–1694): «Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.» Pufendorf verbindet damit die Idee der Menschenwürde mit der Idee der Seele, mit der Idee der Vernunft und mit der Idee der (Entscheidungs-)Freiheit.
Der Dritte, den ich erwähnen möchte, ist Immanuel Kant (1774–1804). Er schrieb: «Die Menschheit selbst ist eine Würde; denn der Mensch kann von keinem Menschen […] bloss als Mittel, sondern muss jederzeit zugleich als Zweck gebraucht werden und darin besteht seine Würde.» Mit anderen Worten: Der Mensch darf niemals zum Objekt bzw. zum blossen Mittel für das Erreichen eines bestimmten Zweckes herabgewürdigt werden.
In der Enzyklika «Magnifica humanitas» (Grossartige Menschheit) von Papst Leo XIV. ist die Menschenwürde Kernbegriff und umfassender Bezugspunkt. Es geht ihm um «neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle». Der menschlichen Gemeinschaft kommt dabei herausragende Bedeutung zu. Er ruft dazu auf, der zunehmenden Ausbreitung einer «Kultur der Macht» die gleichwertige Zusammenarbeit aller Menschen entgegenzustellen. Und er lädt alle Menschen guten Willens zum Dialog ein. Die Aufgabe, die sich heute stellt, sieht er darin, «Baumeister der Gemeinschaft» zu sein, am Aufbau einer Welt «im Guten» zu arbeiten, in der «die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird». Dies erfordere «mutige gemeinsame Verantwortung». Und er fügt hinzu: «Keine Hand allein reicht aus, um die Last der Herausforderungen zu tragen, vor denen die Welt steht, und keine Hand ist so schwach, dass sie keinen Beitrag leisten könnte.» Eine Einladung an und eine Ermutigung für jeden Menschen, die nicht besser ausgedrückt werden könnte.
Wir haben das eigentlich zeitlose Thema «In Würde leben» dieses Jahr ausgewählt, weil wir uns in einer aussergewöhnlichen Situation befinden. Ich zitiere aus unserem Einladungsschreiben:
«Nach der fundamentalen Missachtung der Menschenwürde in den Jahren vor 1945 durch Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärten die neu gegründeten Vereinten Nationen: Alle staatliche Gewalt hat zuallererst und unabdingbar die Aufgabe und die Pflicht, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen.
Davon hat sich die Welt, haben sich vor allem die grossen westlichen Mächte in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter entfernt. Heute stehen wir vor einem totalen Kollaps des Menschenrechts- und Völkerrechtssystems: in den internationalen Beziehungen, aber auch innerhalb vieler Staaten.»
Deshalb stellt sich die Frage, wie wir ein Leben in Würde ermöglichen und gestalten können, auch wenn die eigene Staatsgewalt versagt?
Bei der Beantwortung dieser Frage ist es von existentieller Bedeutung, an Grundlagen, die Bedingungen unseres Menschseins – die Conditio humana – zu erinnern bzw. sich dieser bewusst zu sein.
Wir folgen hierbei einem personalen Menschenbild. Danach ist jeder Mensch von seinem Wesen, von seiner Natur her eine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit, ein von Grund auf soziales Wesen, weil er nur in und durch die Gemeinschaft lebensfähig ist und sich nur im kooperativen Miteinander, in Freiheit und in Gleichwertigkeit zur vollen Blüte seiner Persönlichkeit entwickeln kann. Der Mensch ist nicht einfach Produkt von Anlage und Umwelt und auch nicht triebgesteuert; er ist fähig zu Vernunft und Ethik. Das ist Ergebnis jahrzehntelanger humanwissenschaftlicher Forschungen.
Aus diesen Forschungen wissen wir aber auch, dass sich der Mensch nicht automatisch, quasi naturgesetzlich dorthin entwickelt. Es bedarf der Erziehung und Bildung.
Die renommierte Psychologin und Historikerin Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser, u. a. Gründerin unserer Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik», hat dies in ihrem Beitrag für den Kongress «Mut zur Ethik» mit dem Thema «Die Würde des Menschen» im Jahr 1997 fachlich genau dargelegt. Der Titel ihres Beitrags: «Personale Psychologie – der Beitrag von Psychologie und Pädagogik zur Menschenwürde». Im Jahr 2000 hat sie in ihrem unveröffentlichten Manuskript «Die Menschen stärken» die Würde als eines der der menschlichen Natur entsprechenden Grundprinzipien der personalen Psychologie und Pädagogik erläutert.
«Die Würde des Menschen muss, wenn sie nicht blosses Postulat bleiben soll, eine erlebte emotionale Qualität sein, die sich nur im sozialen Bezug vollziehen und festigen kann. Sie beruht auf einem gegenseitigen Geben und Empfangen. Familie und Schule sowie die Gesellschaft können die Bedingungen schaffen, dass die Würde des Menschen nicht nur geachtet, sondern gelebt wird. […]
Psychologie und Pädagogik, Familie und Schule können die Grundlegung in der Erziehung leisten und zur lebendigen Verwirklichung unter den Erwachsenen beitragen. Die Würde des Menschen ist kein Automatismus, sie fällt nicht fertig vom Himmel, ist keine aussermenschliche Entität, sondern sie muss im menschlichen Zusammenleben gelegt, gestärkt, gefördert, stets erneuert und weitergetragen werden: sie muss gelebt und so für die Kinder und Jugendlichen emotional fassbar werden. Damit sie als ein ‹essential› des menschlichen Lebens geschützt ist, muss sie aber auch in der Verfassung der Länder und in internationalen Konventionen unumstösslich verankert sein.»
Lassen Sie mich zum Schluss der Einführung den italienischen Professor Giu-seppe Gagliano, zitieren, der darauf hinweist, dass Würde immer auch beinhaltet, die Würde des anderen zu achten:
«Die Menschenwürde erfordert, wenn man sie ernst nimmt, eine Veränderung der Sichtweise. Sie verlangt, im anderen nicht nur einen Konkurrenten, einen Gegner, ein Problem oder ein Risiko zu sehen, sondern ein Subjekt. Sie verlangt anzuerkennen, dass auch der Feind Angst, Erinnerungen, Trauer, Interessen und Sicherheitsbedürfnisse hat. Sie verlangt zu verstehen, dass Frieden nicht dadurch geschaffen wird, dass man die Gründe des anderen ausblendet, sondern indem man sie in einen politischen Raum einbringt, in dem sie diskutiert werden können, ohne sofort zu existentiellen Bedrohungen zu werden.»
Viele unserer diesjährigen Gäste wirken bei unserer Arbeit seit Jahren mit. Wir freuen uns deshalb sehr, so viele bekannte Gesichter aus nah und fern in diesem Jahr bei uns herzlich willkommen zu heissen. Nicht minder gilt unser herzliches Willkommen all denjenigen, die das erste Mal bei «Mut zur Ethik» mitwirken.
Vielen Dank. •
ef. Vom 4.–6. September 2026 fand der XXXIII. Kongress «Mut zur Ethik» in Sirnach im Schweizer Kanton Thurgau statt, dieses Jahr zum Thema «In Würde leben». Eine erste Folge der dort gehaltenen Vorträge wird in dieser Ausgabe dokumentiert. Weitere Vorträge werden in den kommenden Ausgaben von Zeit-Fragen folgen.
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