von Srđan Aleksić*
Meine Damen und Herren,
heute möchte ich nicht in erster Linie über gesetzliche Bestimmungen, medizinische Fachbegriffe oder Gerichtsverfahren sprechen.
Ich möchte über den Menschen sprechen.
Über den Soldaten, der dorthin ging, wohin sein Staat ihn befohlen hatte.
Über den Zivilisten, der an dem Ort blieb, an dem er geboren wurde, obwohl um ihn herum Krieg herrschte.
Über Menschen, denen möglicherweise niemals gesagt wurde, dass der Boden unter ihren Füssen, die Luft, die sie einatmeten, oder der Staub auf ihren Uniformen eine Gefahr für ihre Gesundheit darstellen könnten.
Viele Jahre später erkrankten einige von ihnen schwer. In diesem Augenblick begann ihr zweiter Kampf. Der erste war der Kampf um das Leben.
Der zweite war der Kampf zu beweisen, dass sie nicht vergessen wurden.
Deshalb möchte ich heute eine einfache Frage stellen:
Sollte ein schwerkranker Mensch die letzten Jahre seines Lebens damit verbringen müssen, gegen Institutionen zu kämpfen? Ich glaube, das sollte er nicht.
Munition mit abgereichertem Uran wurde im Kosovo und in Metochien, in Serbien sowie in Bosnien und Herzegowina eingesetzt. Nach den Konflikten untersuchten internationale Organisationen die betroffenen Gebiete und empfahlen Überwachungsmass-nahmen, Dekontamination, die Sicherung von Daten und die Anwendung von Vorsichtsmassnahmen.
Wir haben niemals behauptet, dass jede bösartige Erkrankung durch abgereichertes Uran verursacht wurde. Wir behaupten jedoch, dass die Pflicht bestand, die Menschen zu warnen, die Daten über die Orte zu bewahren, an denen Soldaten ihren Dienst leisteten und Zivilisten lebten, ihren Gesundheitszustand langfristig zu überwachen und diejenigen nicht im Stich zu lassen, die möglicherweise einem erheblichen Risiko ausgesetzt waren.
Seit mehreren Jahren vertrete ich gemeinsam mit meinem Anwaltsteam und meinem italienischen Kollegen, Rechtsanwalt Angelo Fiore Tartaglia, schwer erkrankte Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten in Serbien.
Hinter jedem unserer Fälle steht ein wirklicher Mensch.
Es gibt einen Namen. Eine Militäreinheit. Einen Einsatzort. Eine Diagnose. Ein Krankenhausbett. Eine Familie, die vor dem Krankenzimmer wartet.
Unsere Arbeit beginnt lange vor dem Betreten des Gerichtssaals. Wir ermitteln, wo ein Mensch seinen Dienst geleistet oder gelebt hat, und sammeln militärische Unterlagen, medizinische Dokumentationen, internationale Berichte und Gutachten. Wir veranlassen in Italien Analysen biologischen Materials und arbeiten mit Ärzten, Wissenschaftlern und Militärexperten zusammen.
Bis heute wurden in Italien rund 120 Analysen biologischen Materials unserer Bürger durchgeführt. Bei schwer erkrankten Menschen aus verschiedenen Teilen Serbiens wiesen die Ergebnisse auf das Vorhandensein von Uran und anderen Schwermetallen hin.
Wir gehen mit diesen Ergebnissen vorsichtig und verantwortungsvoll um. Für sich genommen stellen sie keinen endgültigen Beweis für die Ursache jeder einzelnen Erkrankung dar. Sie sind jedoch viel zu ernst, um ignoriert zu werden.
Wissenschaftliche Ungewissheit darf keine Rechtfertigung dafür sein, nichts zu unternehmen.
Wir verlangen von den Gerichten nicht, Medizin und Wissenschaft zu ersetzen. Wir verlangen, dass sie auf Medizin und Wissenschaft hören und jeden Fall einzeln prüfen.
Wir stellen die Frage: Was hat der Staat zum Schutz der Menschen unternommen, als er wusste oder hätte wissen müssen, dass möglicherweise eine Gefahr für ihre Gesundheit bestand?
Wurden Soldaten und Zivilisten gewarnt? Wurde eine gesundheitliche Überwachung organisiert? Wurden Verzeichnisse potentiell betroffener Menschen geführt? Oder erfuhren sie erst von den Folgen, als sie bereits schwer erkrankt waren?
Das sind keine politischen Fragen. Das sind Fragen menschlicher Verantwortung.
In den von uns geführten Verfahren fordern wir Entschädigung. Geld ist jedoch nicht unser einziges Ziel. Geld kann weder die Gesundheit zurückgeben noch die im Krankenhaus verbrachten Jahre ersetzen.
Unser Ziel ist auch die Einrichtung eines dauerhaften Systems zur gesundheitlichen Überwachung, für regelmässige Untersuchungen, zur Früherkennung von Krankheiten und zur Unterstützung der Familien. Eine Klage kann einem Menschen helfen. Ein verantwortungsvolles System kann Tausende schützen.
Die Erfahrung von Rechtsanwalt Tartaglia bei der Vertretung italienischer Soldaten war für unsere Arbeit von unschätzbarem Wert. Unsere Zusammenarbeit zeigt, dass der Kampf für die Rechte kranker Menschen keine Grenzen kennt.
Italienische Soldaten, serbische Soldaten und Zivilisten können unterschiedliche Pässe besitzen. Ihre Familien warten jedoch an denselben Krankenhausbetten, empfinden dieselbe Angst und haben dasselbe Recht auf Behandlung, Gerechtigkeit und Würde.
Krankheit kennt keinen Pass. Auch die Menschenwürde kennt keinen Pass.
Deshalb darf dieser Kampf nicht auf die Gerichtssäle beschränkt bleiben. Ärzte, Wissenschaftler, Rechtsanwälte, Staaten und Nichtregierungsorganisationen müssen zusammenarbeiten.
Doch was bedeutet es, in Würde zu leben?
Es bedeutet das Recht auf rechtzeitige Behandlung, Medikamente, regelmässige Untersuchungen und Informationen über mögliche Gefahren. Es bedeutet das Recht der Familie auf psychologische, soziale und materielle Unterstützung. Es bedeutet das Recht eines kranken Menschen, sich nicht als Belastung zu fühlen und Gerechtigkeit zu erfahren, solange er noch lebt.
Gerechtigkeit, die zu spät kommt, ist keine vollständige Gerechtigkeit.
Die Menschen, die wir vertreten, verlangen kein Mitleid. Sie verlangen Antworten. Sie verlangen Behandlung. Sie verlangen Gerechtigkeit. Sie möchten wissen, dass sie nicht vergessen worden sind.
Deshalb darf kein kranker Mensch auf das Aktenzeichen eines Gerichtsverfahrens reduziert werden.
Keine Familie darf allein gelassen werden.
Wissenschaftliche Ungewissheit darf niemals zur Rechtfertigung institutioneller Gleichgültigkeit werden.
Die Gerechtigkeit muss die Menschen erreichen, solange sie noch leben.
Und kein Opfer darf vergessen werden.
Vielen Dank. •
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Dr. iur. Srđan Aleksić ist Rechtsanwalt im serbischen Niš und in Belgrad. Seit Jahren vertritt er zahlreiche Familien, die seit dem Jugoslawien-Krieg 1999 Angehörige durch zumeist schwere multiple Krebserkrankungen verloren haben. Aleksić ist Autor von fünf Büchern sowie mehrerer wissenschaftlicher Artikel. Er spricht Russisch, Griechisch und Albanisch als Fremdsprachen. Dr. Srđan Aleksić ist mit seiner Arbeit und den Forschungsergebnissen inzwischen weit über die Landesgrenzen bekannt. So wurde er in diesem Jahr eingeladen zum Serbischen Filmfestival in Chicago, wo er den Dokumentarfilm «Toxic Nato» des deutschen Filmemachers Moritz Enders vorstellen konnte; an die Northwestern University of Law in Chicago; an die Diplomatische Akademie in Moskau; zum Internationalen Filmfestival in Berlin; im November 2025 ins deutsche Parlament in Berlin; an die medizinische und an die juristische Fakultät in Brüssel.
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