von Silvia Nogradi
Manchmal hat man den Eindruck, als ob ein vermeintlich angestaubter Klassiker gerade für die Gegenwart geschrieben worden sei. So erging es mir vor kurzem, als ich in Schillers «Wilhelm Tell» einige weniger bekannte Passagen wieder las, die mit verblüffendem psychologischen Scharfblick zeigen, welche – durchaus nachvollziehbaren – Motive zu Anpassung und Unterwerfung unter eine dominierende politische Macht führen können.
In «Wilhelm Tell» (1805) stellt Schiller zwei Grundhaltungen im Umgang mit einer nach Dominanz strebenden Grossmacht, in diesem Fall den Habsburgern, gegenüber: die würdevolle, gleichzeitig bescheidene und selbstbewusste Haltung des alten Freiherrn von Attinghausen einerseits und die anpassungsbereite, unterwürfige seines nach (internationaler) Bedeutung strebenden Neffen Ulrich von Rudenz. Dieser glaubt, sich der Übermacht der Habsburger unterwerfen zu müssen, während Attinghausen die Unabhängigkeit und Würde des eigenständigen Volkes betont. Es sei dem Nachdenken des Lesers überlassen, welche Grossmacht inzwischen an die Stelle der Habsburger getreten ist.
Schiller legt in diesem Drama dem Freiherrn von Attinghausen und seinem Neffen Rudenz die Motive für Rudenz’ Bereitschaft zur Anpassung an die scheinbar überlegene, ihm imponierende Macht der Habsburger in den Mund.
Rudenz fühlt sich fremd in der ländlichen Heimat, worauf sein Onkel erwidert:
«Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimat
zur Fremde dir geworden! – Uli! Uli!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau
und schlägst den Purpurmantel um die Schulter,
den Landmann blickst du mit Verachtung an
und schämst dich seiner traulichen Begrüssung.»
(2. Akt, Vers 778–788)
Dass Rudenz sich von seinen Wurzeln im Volk distanziert, auf das er eher hochmütig hinabschaut, und sich auf die Einflussreichen, vermeintlich Überlegenen und Tonangebenden (heute würde man wohl vom Mainstream sprechen) ausgerichtet hat, macht ihn zum wankelmütigen Spielball der bewunderten Grossmacht, was sein Onkel deutlich sieht.
Während Attinghausen zunächst auf die tyrannische Gewalt hinweist, bei der sein Neffe «um die Fürstengunst buhlt» (V. 794), hält Rudenz alle Schwierigkeiten einzig für die Folge mangelnden Gehorsams gegenüber der vermeintlich überlegenen Macht und für den Ausdruck fehlenden gesellschaftlichen Ehrgeizes, fehlenden Strebens, bei den Vertretern dieser Macht mitspielen zu dürfen:
«Habt Ihr nicht höhern Stolz, als hier
Landammann oder Bannerherr zu sein
und neben diesen Hirten zu regieren?
Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl,
zu huldigen dem königlichen Herrn,
sich an sein glänzend Lager anzuschliessen,
als Eurer eignen Knechte Pair zu sein
und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?»
(Vers 812–819)
Rudenz will überregionale Bedeutung, will bei den (internationalen) Gremien, in den Hierarchien oben dabei sein. Die Gleichheit unter seinen Leuten, die er als Provinzialität abtut, befriedigt sein Geltungsstreben nicht. Ihm fehlt die grössere Bedeutung innerhalb oder an der Spitze hierarchischer Strukturen. Attinghausen weiss genau, was den jungen Rudenz so beeindruckt:
«Ach, Uli! Uli! ich erkenne sie,
die Stimme der Verführung! Sie ergriff
Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet.
(Vers 820-822)
Und Rudenz bestätigt, was ihn dazu antreibt, sich von seinem Land und seinen Leuten zu distanzieren und sie so zu verraten:
Ja, ich verberg es nicht – in tiefer Seele
schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns den Bauernadel schelten –
nicht ertrag ich’s,
indes die edle Jugend ringsumher
sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen,
auf meinem Erb hier müssig stillzuliegen
und bei gemeinem Tagwerk den Lenz
des Lebens zu verlieren – Anderswo
geschehen Taten, eine Welt des Ruhms
bewegt sich jenseits dieser Berge –
mir rosten in der Halle Helm und Schild,
der Kriegstrommete mutiges Getön,
der Heroldsruf, der zum Turniere ladet,
er dringt in diese Täler nicht herein,
nichts als den Kuhreihn und der Herdeglocken
einförmiges Geläut vernehm ich hier.»
(Vers 824-838)
«Ein Schelm, wer Böses dabei denkt», aber allfällige Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf. Die Welt des Ruhms und der internationalen Anerkennung hat nichts von ihrer Verführung für nach Bedeutung strebende, ehrgeizige Charaktere verloren. Allerdings: Wer von den heutigen einflussreichen (Schweizer) Politikern würde wohl so offen sprechen, wenn er oder sie überhaupt bereit und fähig wäre, ihre eigentlichen Motive zu reflektieren?
Messerscharf fällt im Anschluss an Rudenz’ Geständnis Attinghausens Replik aus.
«Verblendeter, vom eitlen Glanz verführt!
Verachte dein Geburtsland! Schäme dich
der uralt frommen Sitten deiner Väter!»
(Vers 839–841)
Auch hier kann man nicht umhin, an die gegenwärtig grassierende Haltung unserer elitären Blasen zu denken, die sich von den Leistungen der Schweiz und des -Schweizervolkes und seiner Regierungen in den beiden Weltkriegen so leicht distanziert haben. Auch an sie könnte sich Attinghausen wenden, wenn er sagt:
«Geh hin, verkaufe deine freie Seele,
nimm Land und Lehen, werd ein Fürstenknecht,
da du ein Selbstherr sein kannst und ein Fürst
auf deinem eignen Erb und freien Boden.
Ach, Uli! Uli! Bleibe bei den Deinen!»
(Vers 854858)
Aber Rudenz ist überzeugt, dass nur Anpassung der Situation entspricht. Das Beharren auf dem eigenständigen Weg seiner Vorfahren hält er für sture Unbelehrbarkeit:
«Vergebens widerstreben wir dem König,
die Welt gehört ihm; wollen wir allein
uns eigensinnig steifen und verstocken,
die Länderkette ihm zu unterbrechen,
die er gewaltig rings um uns gezogen?
Sein sind die Märkte, die Gerichte, Sein
die grossen Kaufmannsstrassen, und das Saumross selbst, das auf dem Gotthard ziehet,
muss ihm zollen.
Von seinen Ländern wie mit einem Netz
sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.
[…] Nein, Oheim! Wohltat ist’s und weise Vorsicht, in diesen schweren Zeiten der Parteiung
sich anzuschliessen an ein mächtig Haupt.»
(Vers 869–889)
Wenn das nicht Argumente sind, die man in aktuellen Debatten in ähnlicher, aktualisierter Form zu hören bekommt …
Dieser resignativen Haltung setzt Attinghausen sein entschlossenes «Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!» (Vers 909) entgegen. Er kennt die Kräfte und Möglichkeiten des Volkes, deshalb ist für ihn eine eigenständige, selbstbewusste und würdige Haltung keine Frage.
Ehrgeiz, Eitelkeit, Geltungsstreben, der Wunsch bei denen «da oben» dazuzugehören oder zumindest anerkannt zu werden, auch im Orchester der Mächtigen mitspielen zu dürfen, all das treibt Rudenz zu seinem Wunsch, unter das vermeintlich schützende Dach der habsburgischen Macht zu kriechen. Die Angst vor Spott, die Befürchtung als bäurisch, hinterwäldlerisch, stur und ewig-gestrig verachtet zu werden, stellt eine entscheidende Triebkraft für sein gesamtes Verhalten dar.
In Rudenz’ Anpassungsbereitschaft – man könnte an seine Stelle auch Namen von lebenden Personen setzen – kommt die Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten zum Ausdruck, aber vor allem auch die Unterschätzung der Gefahren, die immer von einer Grossmacht ausgehen, da diese danach strebt, ihre Macht zu erhalten bzw. möglichst zu erweitern. Diese Unkenntnis und die Unterschätzung, ja sogar Missachtung des «einfachen Volkes» führen zu einer im Grunde tief resignativen Haltung, die nur die Unterwerfung kennt. Dass es ein würdevolles Selbstbewusstsein braucht, so wie Attinghausen es verkörpert, und dass sich ein bedrängtes Volk sehr wohl aufrichten kann, wird er erst später erfahren.
Gleichzeitig geht Rudenz von der folgenschweren Fehleinschätzung aus, dass ein kleines Land sich in schwierigen Zeiten an die Grossmacht anschliessen müsse, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, haben die europäischen Kriege des letzten Jahrhunderts bewiesen. Dies sollte uns Heutigen eine Warnung sein!
Rudenz verfällt (wie viele seiner aktuellen Stellvertreter) gängigen Irrtümern, er ist aber nicht einfach ein skrupelloser Ehrgeizling. Er ist jung, aktiv und politisch unerfahren; es soll eben schnell vorwärtsgehen. Die Ruhe des alten Attinghausen, der sich nicht antreiben lässt, sondern zuerst in gleichwertiger Runde «den Frühtrunk mit meinen Knechten teilen» (Vers 753) will, stört Rudenz bei seinem blinden Vorwärtsstürmen. Denn der «fremde Zauber reisst die Jugend fort», (Vers 967) weiss der erfahrene Attinghausen.
Neben jugendlicher Unternehmungslust und Geltungsstreben ist es aber vor allem eine grosse Fehleinschätzung, die Rudenz leitet: Dass er, geblendet von monarchischem Imponiergehabe und abgetrennt vom eigenen Herkommen, die Situation der Schweizer völlig falsch einschätzt, führt ihn in die Irre.
Schauen wir auf unsere aktuelle Situation, so war die Herrschaft der Habsburger ein harmloses Vorspiel, verglichen mit der politisch und militärisch um die Aufrechterhaltung ihrer Dominanz kämpfenden Grossmacht «ennet dem grossen Teich» und ihrer europäischen Vasallen. Aber die Worte des sterbenden Attinghausen, der einige Zeit später von Rudenz’ Umdenken erfahren hat, geben auf längere Sicht hin durchaus Hoffnung.
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
und neues Leben blüht aus den Ruinen.
(Vers 2424 f) •
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