Wenn wir den grossen Krieg doch noch verhindern wollen, müssen wir Russland endlich zuhören!

von Karl-Jürgen Müller

In seinem Anfang September erschienenen neuesten Buch1 formuliert der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser schon einleitend Sätze, die des Nachdenkens wert sind: «Ich möchte nicht nach Moskau, Peking oder Washington auswandern. Ich bleibe gerne in der Schweiz, weil es mir hier gefällt. In den letzten Jahren ist mir aber aufgefallen, dass jeder, der sich für die Perspektive von China oder Russland interessiert, sofort als ‹Putin-Versteher› oder ‹China-Freund› abgewertet wird. Das halte ich für wenig hilfreich. Für dieses Buch habe ich mir vorgenommen, so nüchtern wie möglich den Chinesen und den Russen zuzuhören.»
    Russlands politisch Verantwortliche sagen, soweit ich das überblicke, seit vielen Jahren, was sie gut finden, was sie schlecht finden und was sie wollen. Vielen von uns im Westen passt das nicht. Aber dass Russland das Geschehen der vergangenen Jahre anders beurteilt als wir, ist doch wenig erstaunlich. Schliesslich haben wir einen Krieg provoziert, einen Stellvertreterkrieg, der Russland «strategisch schwächen» und «in den Ruin treiben» soll. Schon die vergangenen mehr als viereinhalb Jahre haben dem Land (und noch mehr dem Rammbock des Westens, der Ukraine) enorm viele Opfer abverlangt.
    Derzeit eskaliert der Krieg in der Ukraine, und EU-Europa, Nato-Europa und die mit beiden eng verbundenen Regierungen, auch die der Schweiz, tun nichts gegen diese Eskalation. Im Gegenteil, vieles legt nahe, dass der Westen nun auch einen offenen Krieg gegen Russland provozieren will.
    Noch ist dieser Krieg nicht offen ausgebrochen, und noch ist Zeit, sich von den westlichen Propagandaformeln zu lösen und Russland zuzuhören – und ernst zu nehmen. An Aussagen, die es zu hören gilt, gibt es keinen Mangel. Hier soll auf zwei aktuelle Texte aufmerksam gemacht werden – immer auch in der Hoffnung, dass die Verbreitung über den eigenen Kreis hinausgeht und solche Texte auch von Menschen ernst genommen werden, die dies bislang noch nicht taten.

Wladimir Putin

Der erste Text gibt Aussagen des russischen Präsidenten wieder. Nach den Landtagswahlen im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt und während des BRICS-Gipfels im indischen Neu-Dehli wurde Wladimir Putin von einem russischen Journalisten gefragt, wie er das deutsche Wahlergebnis beurteile.
    Putin antwortete:
    «Ich möchte und werde keine innenpolitischen Ereignisse kommentieren, die […] in der Bundesrepublik stattfinden. Dennoch gibt es dazu etwas zu sagen, und zwar aus folgendem Grund: Ich denke, dass all das, was derzeit in Europa insgesamt geschieht, das Ergebnis systemischer Fehler des sogenannten Westens – oder genauer gesagt, der Globalisten des Westens – in den Bereichen Politik, Sicherheit und Wirtschaft ist. Jeder macht Fehler. Auch wir machen nicht wenige Fehler, ebenso wie man sie überall auf der Welt macht. Das Problem für den globalistischen Westen ist jedoch, dass sie sich nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion auf dem ‹Gipfel des Olymps› wähnten und offenbar glaubten: a) dass ihnen alles erlaubt sei und b) dass sie diejenigen sind, die selbst niemals Fehler machen.
    Und diese Fehler begannen sich zu häufen und wie eine Lawine anzuwachsen.
    Im Sicherheitsbereich ist klar, worum es ging. Es war der Versuch, Russland in die Knie zu zwingen, zunächst mit Hilfe von Terroristen im Kaukasus und Separatisten, dann mit anderen Mitteln und aktuell mit Hilfe des Neonazi-Regimes in der Ukraine. Das hört nicht auf.
    Sie hatten uns seinerzeit in die G8 aufgenommen. Doch […] war das keine vollwertige Mitgliedschaft. […] Alles schien gut zu sein, die richtigen Worte wurden gesagt, doch in der Praxis […] haben sie direkt den Separatismus im Kaukasus unterstützt und versucht, Russ-land vollends zu zerschlagen. Das ist eine Tatsache. Auch die heutige Krise in der Ukraine haben sie provoziert. Das sind die ständigen Elemente, um Druck auszuüben. Wir haben schliesslich oft genug betont, dass die Ost-Erweiterung der Nato für uns inakzeptabel ist. Schliesslich gelangten sie bis zur Ukraine. Sie stürzten Präsident Janukowitsch durch einen Staatsstreich. Ich bewerte jetzt nicht die Amtsführung von Präsident Janukowitsch. Wahrscheinlich gab es viele Fehler und wahrscheinlich auch Gründe für die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Doch er war gegen einen Nato-Beitritt der Ukraine. Sofort nach dem -Regime change durch […] den blutigen Staatsstreich wurde das Ziel ausgegeben, die Ukraine in die Nato zu ziehen, und genau das war letztlich die eigentliche Ursache für die heutigen tragischen Ereignisse in der Ukraine. […]
    Ich habe gehört, wie man in Deutschland, wie die heutige Regierung erklärt, man führe den Kurs der früheren deutschen Führung fort, dabei wird auch der Name Helmut Kohl genannt. Ich kannte Kohl persönlich. Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Er vertrat nicht die Ansichten, die die heutige CDU-Führung vertritt, ganz und gar nicht. Ich habe mit ihm gesprochen, als er noch Kanzler war, und auch, nachdem er nicht mehr im Amt war, er hat uns sogar besucht. Er meinte, dass die Zukunft Europas und der Bundesrepublik nur dann gesichert sei, wenn enge und gutnachbarschaftliche Beziehungen zu Russland bestünden. Wir müssten uns gegenseitig ergänzen, sagte er, nur so könne die europäische Zivilisation als eigenständiges Zentrum intellektueller und humanitärer Kraft fortbestehen – mit allen daraus resultierenden Konsequenzen für Politik und Wirtschaft. Genau das hat mir Herr Kohl gesagt.
    Doch die heutigen Eliten in Europa vertreten andere Ansichten. Sie schüren in der Bevölkerung Angst vor einer angeblichen russischen Bedrohung, einer Bedrohung, die angeblich noch aus Sowjetzeiten stamme. Diese Bedrohung gibt es gar nicht, und es gab sie nie. Wir bedrohen die europäischen Länder nicht und haben das auch nicht vor, wozu auch? […]»2

Larry Johnson

Der zweite Text ist ein Auszug aus einem Gespräch, das der norwegische Politikwissenschaftler, Buchautor und Podcaster Glenn Diesen mit dem ehemaligen CIA-Geheimdienstanalysten Larry Johnson am 18. September 2026 geführt hat, als dieser noch in Moskau weilte.3 Larry Johnson hatte zusammen mit anderen US-Kollegen die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow und anderen hochrangigen russischen Offiziellen. Im Gespräch mit Glenn Diesen berichtet er:
    «Russland ist offen für Verhandlungen. Doch diese Verhandlungen werden innerhalb des Rahmens geführt, den Wladimir Putin in seiner Rede vor dem russischen Aussenministerium im Juni 2024 dargelegt hat. Im wesentlichen geht es um folgendes: Der Westen muss die vier neuen Oblaste Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson sowie die Krim als dauerhaften Teil Russlands anerkennen. Die ukrainische Regierung muss Neuwahlen abhalten. Sie muss entnazifiziert werden. Die Ursache dieses gesamten Konflikts muss angegangen werden. Und die ist: Die Nato muss endlich aus der Ukraine verschwinden. Die Nato muss aufhören, sich nach Osten auszudehnen. Und die Entmilitarisierung, also die Verringerung der Grösse des ukrainischen Militärs.
    Neben Aussenminister Lawrow, der diese Botschaft erneut bekräftigt hat, tat [der stellvertretende Aussenminister] Sergej Ribakow dasselbe. Aber ich habe auch mit dem pensionierten General Jewgeni Buschinski, dem pensionierten Oberst Eduard Basurin und dem aktiven General Apti Alaudinow gesprochen. Und sie alle vermittelten dieselbe Botschaft. Ich war tatsächlich etwas überrascht, besonders von General Alaudinow. Sie rechnen fest damit, in einen Krieg mit Europa zu ziehen. Russland wird keinen Präventivangriff auf Europa starten. […] Sie nehmen Bundeskanzler Merz und den britischen Premierminister beim Wort. Sie sagen: Alles, was sie sagen, und alles, was sie mit ihren Militärhaushalten vorhaben, ist darauf ausgelegt, uns anzugreifen. Also werden wir nicht einfach abwarten, bis wir angegriffen werden.
    Da dachte ich nur: Das ist die Botschaft, die Europa verstehen muss. Europa muss den Kurs ändern. Es muss die kriegerische Rhetorik zurückfahren. Es muss die diplomatischen Kanäle öffnen. Russland ist mehr als bereit, Gespräche auf diplomatischer Ebene zu führen. Aber Russ-land wird sich nicht bedrohen lassen. Und es wird nicht tatenlos zusehen, während Europa beschliesst, Raketen zu bauen, die es selbst einsetzen oder sogar der Ukraine geben könnte, um Russland anzugreifen. Damit wäre eine rote Linie überschritten. […]
    Die offene Diskussion von Merz darüber, Raketen aufzubauen, die für Angriffe tief im Inneren Russlands eingesetzt würden – Europa verwechselt die russische Geduld wieder einmal mit russischer Schwäche. Europa glaubt, mit solchen Drohungen durchkommen zu können. Kürzlich haben wir auch [den polnischen] Aussenminister Sikorski erlebt. […] Er sprach darüber, dass sie russische Ölraffinerien viel schneller und in viel grösserem Umfang zerstören würden, als die Ukraine es getan hat. Und die Russen hören das. […] Ich kann gar nicht deutlich genug betonen, was General Apti Alaudinow betrifft: Es ist einfach eine Tatsache, dass wir mit Europa im Krieg sein werden. Er hat keine Drohung ausgesprochen. Und jeder, der Apti kennt, weiss: Er ist überhaupt kein bombastischer Typ. Er nennt einfach nur die Fakten.»

Was tun gegen die westliche Kriegspropaganda?

Von offizieller Seite her werden die Bürger der EU-Staaten regelmässig nach ihrer Meinung zu Krieg und Frieden befragt, oftmals suggestiv. Eine Eurobarometer-Umfrage vom Februar 2026 sollte zeigen, dass die Kriegsgefahr mittlerweile zu den hauptsächlichen Sorgen der Europäer gehört. 68 Prozent der befragten EU-Bürger glaubten, dass ihr eigenes Land derzeit einer unübersehbaren Bedrohung ausgesetzt ist. Besonders hoch ist dieser Wert in Frankreich (80 %), den Niederlanden und Dänemark (je 77 %) sowie in Deutschland (75 %). Indes wird die Ursache dieser Gefahr nicht in der Politik der eigenen Regierungen gesehen, sondern mehrheitlich bei Russland. 76 Prozent der Befragten gaben an, Russlands Einmarsch in die Ukraine sei eine direkte Bedrohung für die Sicherheit der gesamten EU. Mit dieser Logik plädierten 81 Prozent der EU-Bürger für eine gemeinsame Verteidigungs- und Sicherheitspolitik der EU-Mitgliedsstaaten. Rund 74 Prozent der EU-Bürger unterstützen die derzeitige Höhe der Verteidigungsausgaben oder fordern sogar, dass die Ausgaben für das Militär weiter erhöht werden sollten.4
    Man kann diese Zahlen als manipuliert und auch manipulativ bezeichnen. Wer sich aber in den EU-Staaten umhört, kommt auch ohne statistische Erhebungen zum Schluss, dass die gleichgeschaltete Kriegspropaganda aus Politik, Medien und so vielen anderen gesellschaftlichen Institutionen gegen Russland und dessen politische und militärische Führung bei einer Mehrheit der Bürger gegriffen hat. Da darf man sich nichts vormachen.
    Deshalb geht der Appell, Russland endlich zuzuhören, nicht in erster Linie an die Macht-eliten (eigentlich an sie am wenigsten, weil dort die Hoffnung auf Einsicht und Umkehr derzeit besonders gering ist), sondern an alle Bürger. Alles andere wird kein gutes Ende nehmen. •

1 Ganser, Daniele. Kampf der Giganten. Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen, Westend Verlag 2026, ISBN 978-3-98791-375-4
2https://anti-spiegel.ru/2026/putin-im-o-ton-ueber-die-politischen-tendenzen-in-deutschland-und-der-eu/ vom 12.9.2026
3https://www.video-translations.org/transcripts/2221_Diesen_2026_09_17_de-DE.pdf vom 18.9.2026 (sprachlich überarbeitet)
4 vgl. https://germany.representation.ec.europa.eu/nachrichten-und-veranstaltungen/pressemitteilungen/eurobarometer-mehrheit-der-deutschen-glaubt-dass-ihr-land-bedroht-wird-2026-02-13_de vom 13.2.2026

Gemeinsame Erinnerungskultur

«Wir wollen keinen Krieg mit der Nato. Wir wollen keinen Krieg mit dem Westen. Wir wollen keinen Krieg mit Deutschland. Wir haben schon mehrmals gesagt, wir haben keine Absichten in diesem Sinne. Absolut. Wir glauben an die Vernunft, an die gute Zukunft, an die Fäden, die uns immer noch verbinden. Und einer der wichtigsten Fäden ist die heutige Veranstaltung, die objektive Erinnerungskultur, die Pflege der sowjetischen Kriegsgräber, unserer Denkmäler. Wir haben in Deutschland mehr als viertausend Kriegsgräber und Mahnmale. Sie sind ordentlich gepflegt, und das wissen wir zu schätzen. Diese gemeinsame objektive Erinnerungskultur ist ein Unterpfand für eine mögliche Wiederherstellung der Normalität, die von uns aus nicht gebremst werden muss.»

Quelle: Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, am 8. September 2026 bei der Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung des Lagers «Stalag 326 (VI K) Senne» in Schloss Holte-Stukenbrock; https://www.facebook.com/RusBotschaft/videos/-der-russische-botschafter-in-deutschland-sergej-netschajew-sprach-bei-der-geden/1454406659604218/

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