von Dr. iur. Marianne Wüthrich
Wir können die Bedeutung des dualen Bildungssystems für die Jugend und das ganze gesellschaftliche Zusammenleben in unserem Land nicht hoch genug wertschätzen. Es ist unverzichtbarer Teil der Schweizer Wirtschaft und Ausdruck unseres einzigartigen Gesellschaftsmodells auf genossenschaftlicher Grundlage. Eine kürzlich veröffentlichte ausführliche Reportage über die Berufslehre bei Stadler Rail in den USA führt uns vor Augen, was wir an der Schweizer Berufslehre haben und dass sie sich auch nicht einfach exportieren lässt.
USA: Jobben oder Studieren
Als Stadler Rail vor zehn Jahren in Salt Lake City mit dem Bau von Eisenbahnen für einen Grossauftrag starten wollte, stellten die Schweizer fest, dass in ganz Utah noch nie jemand einen Zug gebaut hatte. Die Schrauben und Werkzeuge mussten aus Europa beschafft werden, und vor allem gab es keine Fachleute. In den USA geht man nach der Highschool wenn immer möglich an die Uni. Wer das nicht schafft oder wer das Geld für ein Studium nicht aufbringen kann, geht jobben – falls er einen Job findet. Berufliche Ausbildung gibt es in der Regel keine. Gelernt hatten die meisten jungen Leute, bevor sie als Lehrlinge zu Stadler kamen, nur das, was sie für ihre Arbeit gerade können mussten.
So hätten sich beispielsweise Leute als Elektromonteure beworben, «deren einzige Berufserfahrung darin bestand, schon einmal eine Lampe angeschlossen zu haben», berichtet Denis Cerrone, der heutige Leiter der Produktionsabteilung. Also taten die Schweizer Berufsleute in Utah das, was in der Schweiz fast jedes Unternehmen tut: Sie begannen, Lehrlinge auszubilden. Dabei stiessen sie neben mangelhaften Mathe-Kenntnissen zuweilen auch auf persönliche Defizite. «Wer keine formale Ausbildung hat, hat auch oft Probleme mit organisatorischen Dingen und auch damit, sich selbst zu organisieren», sagt Cerrone.
Heute, zehn Jahre später, arbeiten bei Stadler Rail in Salt Lake City 650 kompetente Mitarbeiter.
Die Kombination von praktischer und theo-retischer Ausbildung war für die Lehrlinge und ihre Familien neu. Besonders attraktiv ist die Tatsache, dass man dafür nicht bezahlen muss wie für das Studium und nachher auf einem Schuldenberg sitzt, sondern dass man eine unentgeltliche Schulbildung und erst noch einen Lohn erhält.
Schweiz: Gesellschaftsvertrag auf der
Basis des genossenschaftlichen Prinzips
Das Schweizer Berufsbildungssystem ist historisch gewachsen. Die Berufslehre hat sich vor allem in den Zünften der Deutschschweizer Städte entwickelt, wo eine hohe Qualität der Produkte und die Ausbildung des Nachwuchses Hand in Hand gingen. Deshalb ist in der Deutschschweiz auch heute die Berufslehre stärker verbreitet als in der Romandie oder im Tessin. Es gibt Leute, die drängen, die Maturitätsquoten sollten gesteigert werden. Nun, ich selbst habe die Matura gemacht und will gewiss niemanden von diesem Weg abhalten. Aber wir können es nicht genug hochschätzen, dass ein grosser Teil der Jugendlichen eine Berufslehre absolviert. Wer drei oder vier Jahre lang im Betrieb und in der Berufsschule die Ärmel hochkrempelt und durchhält, hat oft bessere Chancen für seinen weiteren Lebensweg (nicht nur in beruflicher Hinsicht) als mancher Gymischüler, falls dieser dazu neigt, sich bequem durchzuschlängeln. Im Lehrbetrieb geht das in der Regel nicht, weil man da auf den faktischen Einspruch der realen Anforderungen und auf Ausbildner stösst, die dagegenhalten. Gerade in heutigen Zeiten ist dies für die persönliche Entwicklung des Einzelnen sowie für den Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft von grosser Bedeutung.
Neben dem Willen der Jugendlichen, einen Beruf zu lernen, ist der zweite unerlässliche Faktor die Bereitschaft der allermeisten KMU, aber auch der Grossbetriebe, Lehrlinge auszubilden. Das funktioniert nur deshalb, weil das Gros der Unternehmer nicht nur gute Leute für den eigenen Betrieb ausbilden will – das natürlich auch –, sondern sich ausserdem mitverantwortlich fühlt für die Ausbildung der jungen Generation als Basis von Wirtschaft, gesellschaftlicher Solidarität und demokratischer Teilhabe. Ein Markenzeichen der modernen Schweizer Berufsbildung ist zudem die Durchlässigkeit, die es motivierten jungen Leuten ermöglicht, nach der Lehre zum Beispiel ein Studium anzuschliessen. NZZ-Wirtschaftsredaktor Chanchal Biswas: Das duale Bildungssystem mit Berufslehre und Hochschule ist «fest in der Gesellschaft und im Selbstbewusstsein des Landes verankert. Es schliesst niemanden aus, ist durchlässig, und bringt – Lehre sei Dank – Fachkräfte hervor, die auch wirklich etwas können. Es ist ein Erfolgsmodell […]»
USA: Warum in die Ausbildung seiner Mitarbeiter
investieren, wenn sie dann abspringen?
Anders beschreibt der Autor die Einstellung vieler Unternehmer und Erwerbstätiger in den USA. «Warum sollte ein Betrieb in die Ausbildung seiner Mitarbeiter investieren, wenn sie dann von einem Wettbewerber abgeworben werden? Warum sollte man als Angestellter länger bei Stadler bleiben, wenn einem doch überall sonst beigebracht wird, dass man alle zwei bis drei Jahre den Job wechseln soll, um den Lohn zu erhöhen?» Hier zeigt sich ein Mangel an gesellschaftlichem Zusammenhalt, der tiefer geht. So musste auch die Zuverlässigkeit und die Bereitschaft mancher Lehrlinge, Verantwortung für die Qualität der Produkte und für das positive Image ihres Lehrbetriebs zu übernehmen, zuerst gelegt werden.
In der Schweiz sei man von Lehrlingen anderes gewohnt, bemerkt Produktionschef Cerrone. Als ehemalige Berufsschullehrerin kann ich das bestätigen. Obwohl die Erziehung und Bildung bei uns ja bekanntlich auch viel zu wünschen übrig lässt, war ich immer wieder beeindruckt von meinen 16jährigen Schülern, die den Sprung aus der bequemen Schulstube in den strengen Arbeitsalltag in der Regel erstaunlich positiv meisterten. Stolz erzählten sie vom ersten Produkt, das sie ganz allein geschaffen hatten, von der neuen Maschine, die sie mit Sorgfalt und Konzentration zu bedienen lernten, von der Verantwortung, die sie für ihre Arbeit übernehmen mussten, so dass es auch einmal Überstunden gab, wenn etwas schiefgelaufen war.
In den USA dagegen ist die Berufslehre bei Eltern und Jugendlichen kaum bekannt. Deshalb veranstaltet Stadler Schulbesuche, Firmenführungen und Informationsabende. «Der Industriestandort USA braucht eine fundamentale Neuausrichtung in der Ausbildung, sonst werden wir [die US-Wirtschaft, mw] nie konkurrenzfähig sein, Zölle hin oder her», sagt Stadler-USA-Chef Martin Ritter.
Die Schulausbildung am College musste Stadler Rail bisher selbst organisieren und finanzieren, was nicht einfach war, «schlicht weil Infrastruktur, Material und Lehrkräfte fehlten». Die Lehrpläne für die einzelnen Berufe stellen die Fachleute nach Schweizer Muster zusammen. Immerhin ist es in Utah gelungen, das Interesse der zuständigen Behörden und Hochschulen zu gewinnen, und erfreulicherweise haben sich vier weitere Firmen der Lehrlingsausbildung angeschlossen.
Ein Hoffnungsfenster für eine bessere Zukunft…
Viele der jungen Amerikaner, die bei Stadler eine Lehre machen dürfen, sind sich deren Bedeutung für ihre persönliche Entwicklung bewusst. «Die Lehre hat mein Leben verändert», erklärt Carlos, der vorher auf dem Bau Parkett und Teppiche gelegt hat: «Da finde null Ausbildung statt, es werde einfach gearbeitet. Seine Zukunft werde besser, mit dem Abschluss, mit der Berufserfahrung.» Nun fasst er ein Bachelor-Diplom als Ingenieur ins Auge. «Mit der Hilfe von Stadler werde ich das auch schaffen», fügt Carlos zuversichtlich hinzu.
… und eine Mahnung für uns Schweizer
Wir Schweizer wiederum tun gut daran, unserem hervorragenden Berufsbildungsystem Sorge zu tragen. Unsere Bildungspolitiker haben ihre Verantwortung für eine gute Volksschulbildung unserer Kinder ohne Wenn und Aber wahrzunehmen. Sonst müssen wir damit rechnen, dass immer mehr Schulabgänger den Einstieg in eine Lehre nicht schaffen oder die Lehrzeit nicht durchstehen – auch wenn die Ausbildner in den Betrieben und den Berufsschulen ihr Möglichstes tun, ihnen das beizubringen, was die Volksschule versäumt hat.
Redaktor Biswas: «Wenn die Amerikaner einen Schweizer Zug bestellen, kaufen sie auch ein Versprechen. Es fallen Begriffe wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Qualität.» Und: In Schweizer Betrieben lernen die Mitarbeiter, dass die Verantwortung für die Qualität der Produkte «bei jeder und jedem Einzelnen liegt.» Sorgen wir dafür, dass das so bleibt. •
Quelle: Biswas, Chanchal. «‹The Apprentice› – live in Salt Lake City: Wie Stadler Rail den Amerikanern das Lehrlingswesen beibringt». In: Neue Zürcher Zeitung vom 20.10.2025
«Wie die aktuelle Erhebung des Nahtstellenbarometers zeigt, ist der Schweizer Lehrstellenmarkt im Sommer 2025 insgesamt stabil. Die Hälfte der rund 93 000 Jugendlichen hat nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit eine berufliche Grundbildung begonnen [in der Deutschschweiz sind es weit mehr als die Hälfte, mw]. Rund ein Drittel der Schulabgängerinnen und Schulabgänger hat sich für einen allgemeinbildenden Weg entschieden, während 16 Prozent eine Zwischenlösung gewählt haben. Damit setzt sich der in den vergangenen Jahren beobachtete Trend einer leichten Zunahme der dualen Berufsausbildungen fort.
Auf seiten der Unternehmen zeigt sich ebenfalls ein stabiles Bild. 56 Prozent der befragten Betriebe bilden Lernende aus und boten im Sommer 2025 über 87 000 Lehrstellen an.»
Quelle: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI. «Nahtstellenbarometer 2025: Stabilität bei Jugendlichen und Unternehmen» vom 28.10.2025
mw. Kürzlich waren die Gouverneure von Oklahoma, der Republikaner Kevin Stitt, und von Delaware, der Demokrat Matt Meyer, zu Besuch in der Schweiz. Sie besuchten Lehrbetriebe, liessen sich über das duale Bildungssystem informieren und waren begeistert. Auf der Webseite der nationalen Gouverneursvereinigung der USA vom 4. November 2025 berichten sie: «Das Schweizer Lehrlingssystem gilt weltweit als Gold-Standard. Es schafft Arbeitsplätze und stellt sicher, dass Arbeitgeber über gut ausgebildete Fachkräfte verfügen.» Weiter informierten sie, dass die Schweizer Arbeitgeber und ihre Verbände das Lehrlingswesen gemeinsam mit dem Staat führen, die Lehrpläne mitgestalten und Standards festlegen, «so dass die Politik die Bedürfnisse der Wirtschaft versteht.» Die beiden Gouverneure waren davon beeindruckt, dass sich mehr als die Hälfte der 15jährigen für eine Berufslehre entscheiden, was die weltweit einzigartig tiefe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz (zwischen zwei und drei Prozent) erklärt, im Vergleich zur USA mit 10,8 Prozent.
Nun wollen die Gouverneure die entsprechenden Konsequenzen ziehen: Gouverneur Stitt schreibt: «Jeder muss die Schule entweder studien- oder berufsbereit verlassen.» Er habe die Führungskräfte in Oklahoma aufgefordert, dieses Jahr 250 neue Lehrstellen zu schaffen. Auch Gouverneur Meyer hat angeordnet, Lehrstellenangebote für Jugendliche in Delaware auszubauen und fügt hinzu: «[…] der Blick auf das Schweizer Modell hat gezeigt, wie erfolgreich eine stärkere Ausweitung von Lehrstellen sein kann.»
Quelle: Graf, Daniel; Lanz, Stefan; Pirskanen, Christina. «‹Gold-Standard›: US-Gouverneure begeistert von Schweizer Lehre».
20 Minuten vom 5.11.2025
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