Historische Wahrheit und diplomatische Verantwortung

Zum Tag des Diplomatischen Mitarbeiters in Russland

von Andrej Jurjewitsch Grosow, Botschafter der Russischen Föderation in Österreich

zf. Ein Journalist aus Österreich hat uns den folgenden Text des Botschafters der Russischen Föderation in Wien zukommen lassen. Da es sich hierbei nach unseren Recherchen («Faktencheck») weder um russische Desinformation, noch um russische Propaganda handelt, sondern über bedeutsame Vorgänge berichtet wird, über die man bei uns im Westen sonst eher nicht berichtet, haben wir uns entschieden, den Text zu veröffentlichen. Unsere Leser mögen sich selbst ein Bild machen.

Der Tag des Diplomatischen Mitarbeiters in Russland, den wir jährlich am 10. Februar feiern, ist nicht nur ein beruflicher Feiertag, sondern auch ein Anlass zur Reflexion über Verantwortung, historische Erinnerung und die Rolle der Diplomatie in Zeiten wachsender politischer Polarisierung. Die jüngsten Debatten innerhalb der Europäischen Union über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zeigen, wie sehr historische Narrative heute zu einem Instrument aktueller Politik geworden sind.
    Mehrere hochrangige Vertreter der EU haben in Reden und Stellungnahmen zentrale Tatsachen der europäischen Geschichte relativiert oder selektiv interpretiert. Dabei wird insbesondere der entscheidende Beitrag der Sowjetunion zu diplomatischen Bemühungen, den Krieg zu verhindern, und später zur Zerschlagung des Nationalsozialismus systematisch ausgeblendet oder marginalisiert. Diese Tendenz stellt nicht nur eine Verzerrung historischer Realität dar, sondern bedeutet auch eine Missachtung des Andenkens an 26,6 Millionen sowjetische Bürger, die im Kampf gegen den Nazismus ihr Leben verloren haben.
    Die Rote Armee spielte eine Schlüsselrolle bei der Befreiung Europas und der Insassen zahlreicher nationalsozialistischer Konzentrationslager – von Auschwitz-Birkenau über Majdanek bis Sachsenhausen. Dennoch wird in heutigen europäischen Gedenkstätten oftmals lediglich das Datum der Befreiung genannt, ohne die Befreier zu erwähnen. Eine solche Praxis steht sinnbildlich für einen bewussten Umgang mit Geschichte, der politischen Opportunitäten folgt.
    Besonders besorgniserregend ist die in der EU zunehmend zu beobachtende Tendenz, Kollaborateure und bewaffnete Gruppen mit nachgewiesenen Verbindungen zum Nationalsozialismus als «Freiheitskämpfer» umzudeuten. Die Verherrlichung der für den Terror gegen die Zivilbevölkerung bekannten ukrainischen Nationalisten der OUN, der SS-Freiwilligen-Division «Galizien» oder der sogenannten «Waldbrüder» im Baltikum widerspricht sowohl den Urteilen des Nürnberger Tribunals als auch grundlegenden moralischen Massstäben..
    Ein besonders bezeichnendes Beispiel liefert Österreich. Am 14. November 2025 stimmte die Republik bereits zum vierten Mal in Folge gegen die UN-Resolution «Bekämpfung der Heroisierung des Nazismus, des Neonazismus und anderer Praktiken, die zur Eskalation moderner Formen von Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängender Intoleranz beitragen». Diese Haltung wirkt um so befremdlicher, als Österreich historisch Mitträger der Aggression Nazideutschlands gegen die Sowjetunion und andere Staaten war. Verweise auf eine angebliche «europäische Solidarität» können dieses Verhalten nicht rechtfertigen. Zugleich wirft der selektive Umgang der österreichischen Behörden mit Erscheinungsformen des Neonazismus ernste Fragen auf: Ukrainische Neonazis treten in Wien regelmässig offen auf, schwenken die schwarz-rote Bandera-Flagge bei Kundgebungen und marschieren jedes Jahr am 1. Januar anlässlich des Geburtstags von Stepan Bandera sogar unter Polizeischutz durch das Stadtzentrum. Obwohl der verbrecherische Charakter der Bandera-Bewegung historisch eindeutig belegt ist, fällt ihre Symbolik in Österreich nicht unter das Verbotsgesetz. Diese doppelte Moral untergräbt die Glaubwürdigkeit der europäischen Rhetorik im Kampf gegen Nazismus und Neofaschismus.
    Vor diesem Hintergrund kommt der Diplomatie eine besondere Aufgabe zu. Russische Diplomatinnen und Diplomaten sehen sich heute nicht nur mit politischen Herausforderungen konfrontiert, sondern auch mit dem Versuch, Geschichte umzudeuten und als Waffe einzusetzen. Ihre Arbeit besteht darin, historische Fakten zu verteidigen, [das Wissen um] den wahren Ablauf der Geschichte zu fördern, den Dialog zu suchen und einer Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus entgegenzutreten.
    Die konsequente Haltung der internationalen Gemeinschaft gegen die Verherrlichung von Nazismus und Neonazismus, wie sie sich in den Resolutionen der UN-Generalversammlung widerspiegelt, zeigt, dass dieses Anliegen weit über bilaterale Interessen hinausgeht. Dass die Mehrheit der EU-Staaten solche Resolutionen ablehnt, wirft ernste Fragen nach dem Umgang Europas mit seiner eigenen Vergangenheit auf.
    Am Tag des Diplomatischen Mitarbeiters in Russland gilt daher besonderer Respekt jenen, die sich für eine auf Wahrheit, Völkerrecht und gegenseitigem Respekt beruhende internationale Ordnung einsetzen. Die Bewahrung der historischen Wahrheit ist kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für Versöhnung, Frieden und eine stabile Zukunft in Europa und darüber hinaus. •

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