«Und folgt Dir keiner, geh allein»

von Christian Fischer, Köln

Das ist der Titel des jüngsten Buches von Jürgen Todenhöfer. Ein Freund empfahl mir die Lektüre mit den Worten: «Das ist wirklich beeindruckend, aber vielleicht wird es dir ein wenig waghalsig vorkommen.» Nach der Lektüre kann ich sagen: beeindruckend und unerschrocken. Der Mann hat ein gesundes Selbstbewusstsein, und gemessen an dem, was er geleistet hat, hat er grössten Respekt verdient.

Beruflich erfolgreich – menschlich engagiert

Als promovierter Jurist war er kurz als Richter tätig, wurde 1972 für die CDU in den Bundestag gewählt, dem er bis 1990 angehörte. Dort arbeitete er als Sprecher der Unionsparteien für Entwicklungs- und Rüstungskontrollpolitik. Von 1987 bis 2008 war er stellvertretender Vorsitzender des Burda Medien-konzerns. Bereits damals und bis heute bereist er die ganze Welt, vor allem Asien, und setzt sich mit grossem finanziellem und persönlichem Engagement für Frieden und menschliche Hilfe ein. 2020 hat er eine eigene Partei «Team Todenhöfer» gegründet und damit in den Wahlkämpfen 2021 und 2025 auf seine politischen und humanistischen Ziele aufmerksam gemacht.
    Das jüngste Buch kann man als eine Lebensbeschreibung lesen, in der er zugleich die Weltgeschichte der letzten 60 Jahre Revue passieren lässt. Ich kann hier nur einige Mosaiksteine daraus vorstellen. Schon als Student in Paris war er nicht mit dem Krieg einverstanden, den Frankreich in Algerien führte. Er wollte genauer wissen, worum es ging – und reiste mit wenig Geld nach Algerien, um nicht nur mit Franzosen, sondern auch mit Freiheitskämpfern sprechen zu können. Dieses Prinzip hat er sein Leben lang beibehalten: die andere Seite nicht nur «hören», sondern kennenlernen, mit den anderen reden. Und wenn es, wie meist, um kriegerische Konfrontation oder andere Gewalttätigkeiten ging: sie zu überzeugen versuchen, dass Gewaltfreiheit und Respekt vor dem vermeintlichen(?) Gegner der bessere Weg für Vereinbarungen ist.

Weltweit vernetzt, mit den Grossen dieser Welt …

Sein stark ausgeprägtes Talent zur Kommunikation, zum Gespräch mit Freund und Feind, hat er als Bundestagsabgeordneter intensiv einsetzen und schulen können. Er sprach nicht nur als Politiker, sondern später als Journalist im eigenen «Auftrag» mit allen politischen Führern, die er erreichen konnte, auch wenn ihm das von verschiedenen Seiten viel Kritik eingebracht hat: Präsident Pinochet, König Faisal, Ramon Castro, Indira Gandhi, Zia-ul-Haq, Michail Gorbatschow, Richard Perle, Präsident Assad, Anführer des Islamischen Staates, um nur einige zu nennen. Er war auch in Deutschland intensiv vernetzt und persönlich gut bekannt mit Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Angela Merkel, Hans-Dietrich Genscher usw. Bei all diesen Menschen unterscheidet er zwischen persönlichem Eindruck und politischer Bewertung. Seine pazifistische und humanistische Einstellung erlaubt es ihm, mit allen das Gespräch zu suchen, gerade auch mit scheinbaren oder wirklichen Feinden, ohne sich ihnen anzubiedern.
    Im Gegenteil. Der mehrtägige private Besuch bei Pinochet, dessen Regime er klar ablehnte, hatte den Zweck, Erleichterungen für politische Gefangene zu erwirken. In Teheran hat er die Gelegenheit, vor Studenten zu sprechen, dafür genutzt, das Mullah-Regime zu mehr Freiheiten aufzufordern. Das hat ihm sogar Respekt bei den höflich Kritisierten verschafft. Selbst bei seinem kompliziert zu organisierenden «Besuch» beim IS im Irak 2015 hat er keinen Hehl aus seiner Anti-IS-Haltung gemacht, um selbst bei denen, die ihn bei dieser Reise beinahe umgebracht hätten, für weniger Gewalt zu werben.

und mit den Kleinen

Damit sind wir beim Thema persönlicher Einsatz. Wer sich selbst ein Bild machen will von den Ungerechtigkeiten, wer etwas wissen und bewirken will, muss sich oft «die Hände schmutzig machen», um es vornehm auszudrücken. Tagelange Märsche oder gefährliche Reisen in klapprigen Gefährten auf unbekannten Wegen mit Führern, denen man wohl oder übel und nicht immer zu Recht vertrauen musste, sei es in Afghanistan, im Irak, im Jemen, im Ostkongo, in Syrien, in Gaza (hier 2015: 2025 verbietet Israel die Einreise), im Iran und in Bangladesch, wo er unter Beschuss widerrechtlich die Grenze nach Myanmar überschreitet, um sich von verbrannten Dörfern der Rohingya zu überzeugen … Fehlende Angst und sportliches Training helfen Todenhöfer bei diesen Einsätzen, die er oft unter Lebensgefahr und mit körperlichen Verletzungen bis ins hohe Alter unternimmt.
    Sein wichtigstes Engagement ist die persönliche Hilfe für Menschen, denen er begegnet: halbtote und verkrüppelte Kriegsopfer, vor allem Kinder, für die er medizinische Hilfe organisiert, die es vor Ort nicht gibt; im Coltan-Tagebau Ostkongos schuftende Mädchen, für die er ihren für unmöglich gehaltenen Traum – Schulbildung – organisiert. Mit solchen Projekten gibt er immer wieder den Opfern der internationalen Politik eine Lebensperspektive; für solche Aktivitäten lässt er auch mal den Wahlkampf seiner neu gegründeten Partei links liegen. Er hat Waisenhäuser in Afghanistan und andere Hilfsprojekte gegründet und unterstützt sie – mit persönlichen finanziellen Mitteln. Er bezahlt seine Reisen aus eigenen Mitteln, um unabhängig zu bleiben, auch wenn manch einer versucht, ihn einzuladen. Seine berufliche Karriere, auch die Einnahmen aus seinen Büchern, haben ihn wohlhabend gemacht, und er sieht es als seine Pflicht, den Reichtum mit den Hilfsbedürftigen zu teilen.

Mitten im Leben – für das Leben

Helmut Kohl wird an einer Stelle zitiert mit den Worten: «Der Todenhöfer, das ist gar kein Politiker. Das ist ein Idealist.» Damit konnte ich leben, sagt Todenhöfer dazu. Man muss allerdings ergänzen: Er ist kein weltfremder Idealist. Er weiss sehr gut, wie die Welt funktioniert, auch wenn man nicht alle seine politischen Einschätzungen teilen muss. Er hat in der grossen Politik und im Geschäftsleben selbst verantwortliche Funktionen lange erfolgreich ausgeübt. Er hat eine Familie gegründet, für die er zwar oft zu wenig Zeit hatte; aber auch seine beiden Töchter engagieren sich sozial, und sein Sohn begleitet ihn oft als Fotograf auf den gefährlichen Reisen. Todenhöfer stand immer mitten im Leben. Und er bleibt dabei: 1. Es gibt keine anständigen Kriege. 2. Rassismus verstösst gegen alle Regeln unserer Zivilisation. 3. Reichtum verpflichtet. Danach lebt er selbst.
    Respekt, Herr Todenhöfer, und herzlichen Dank für Ihr Vorbild. Sie haben Leben gerettet und Menschen Lebensmut gegeben. Sie haben gezeigt, dass man handeln kann, wo man ohnmächtig zu sein scheint. Sie haben sogar gezeigt, dass selbst Politiker in Machtpositionen menschlich ansprechbar sind.

Erstveröffentlichung: https://www.demokratie-ist-schoen.de/zwischenrufe/ vom 6.10.2025

Der neutrale Staat und die Gesinnungsneutralität

Anmerkungen zur Schweizer Neutralität III

ro. In der Diskussion rund um die Schweizer Neutralität wird immer wieder gefordert, dass die Schweiz, das heisst der Bundesrat und das Parlament, Aggressoren und völkerrechtliche Verstösse moralisch verurteilen muss. Fakt ist: Nur die konsequente Haltung eines Neutralen kann die Schweiz aus Konflikten heraushalten. Der neutrale Staat muss auf den Konflikt an sich zielen und nicht auf einen bestimmten Beteiligten eines Konfliktes. Indem die neutrale Schweiz nicht einseitig eine Konfliktpartei unterstützt, kann sie mit dem Angebot der Vermittlung zur Konfliktlösung beitragen und ihre Rolle als Schutzmacht bekräftigen. Bundesrat und Parlament müssen Gewalt, Krieg und Terror von allen Seiten klar ablehnen, Gespräche einfordern und vermögen so den Frieden am besten zu fördern.
    Die kompromisslose Haltung der neutralen Schweiz ist auch zentral für den inneren Zusammenhalt des multikulturellen und multireligiösen Landes. Anstatt zu moralisieren, muss die Schweiz, also der Bundesrat und das Parlament, konsequent auf Machtpolitik verzichten. 
    Dabei müssen die Schweizer Bürger sowie die Medien nicht gesinnungsneutral bleiben, sondern können sich eine kritische Meinung zu jedem Konflikt bilden und diese auch öffentlich vertreten.

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