«Das Schlimmste, was man tun kann, ist, gar nichts zu versuchen»

Expertenrunde «Sanktionen gegen Einzelpersonen – was lässt sich tun?»

Der Deutsche Bundestag hat am 15. Februar ein neues «Gesetz zur Anpassung von Straftatbeständen und Sanktionen bei Verstössen gegen restriktive Massnahmen der Europäischen Union» beschlossen. Verstösse gegen Sanktionen wurden bislang als Ordnungswidrigkeiten behandelt – ab jetzt stehen sie, zumindest in Deutschland, unter Strafe. Währenddessen häufen sich international Proteste, die das gesamte EU-Sanktionsregime deutlich verurteilen. Befeuert wurde die öffentliche Diskussion durch die vom Europäischen Rat verhängte Sanktionierung des renommierten ehemaligen Schweizer Obersten im Generalstab und strategischen Analysten Jacques Baud am 15. Dezember 2025. (Zeit-Fragen hat mehrfach darüber berichtet.) Betroffen sind aber auch viele andere Einzelpersonen. (Die EU hat nach eigenen Angaben insgesamt über 2500 Einzelpersonen und Organisationen sanktioniert und mehr als 28 Milliarden Euro an privaten Vermögenswerten in der EU eingefroren.) 
    Es kann nicht oft genug betont werden: Sanktionen ohne UN-Sicherheitsratsbeschluss sind illegal. Sanktionen gegen Einzelpersonen sind extralegal, vom EU-Rat beschlossen und von der EU-Kommission ausgeführt. Sie sind ein Willkürakt und ein Dolchstoss für die Meinungsfreiheit, bar jeder Rechtsstaatlichkeit. Die Konsequenzen für die Sanktionierten: Sperrung/Kündigung der Bankkonten, Reiseverbot innerhalb der EU; wer mit Sanktionierten Geschäfte abschliesst oder ihnen hilft, macht sich strafbar.
    Der österreichische Publizist und Verleger Hannes Hofbauer hat ganz neu ein Buch zum Thema verfasst: «Aller Rechte beraubt. Mit aussergerichtlichen Sanktionen zum autoritären Staat». Er schreibt im Vorwort: «Der Abschluss des Buchmanuskripts erfolgte Anfang 2026, als mit Jozef Hambalek, Alina Lipp, Thomas Röper, Hüsein Dogru, Nathalie Yamb, Xavier Moreau und Jacques Baud sieben Europäer – davon zwei SchweizerInnen – gelistet waren. Es steht zu befürchten, dass es im Angesicht des antirussischen Furors der EU-europäischen Verantwortlichen nicht die letzten waren. […] Die ohne rechtliche Verfahren verhängten Personensanktionen sind Ausdruck eines offiziell – noch – nicht verhängten, aber für die betroffenen Menschen existierenden Ausnahmezustandes; und sie sind ein erster Schritt in Richtung Kriegsrecht. Dies zu verhindern, sehe ich als allgemeine gesellschaftliche Aufgabe.»
    Nach zahlreichen Protesten gegen die -Listung wird jetzt daran gearbeitet, welche rechtlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten es gibt, dem Treiben des Sanktionsregimes ein Ende zu setzen. 
    Der in Japan lebende Schweizer Neutralitätsforscher Pascal Lottaz ist einer von denen, die handeln. In seinen Podcasts lässt er immer wieder Experten zu Wort kommen, um interdisziplinär ein Bild der rechtlichen Lage und der Möglichkeiten zu erarbeiten, was man tun kann, um sich gegen die Sanktionierung, hier im Falle von Jacques Baud, zu wehren. Es ist Lottaz hoch anzurechnen, dass er diesen Erarbeitungsprozess öffentlich und damit für jeden nachvollziehbar macht. Um so wichtiger, wenn man berücksichtigt, dass auf die Frage von Florian Warweg in der Bundespressekonferenz am 19. Dezember 2025: «Entspricht es tatsächlich der aktuellen Haltung der Bundesregierung, dass man renommierte Militäranalysten wie Baud umfassend sanktioniert und massiv in deren Grundrechte eingreift, nur weil man deren Analysen zum Ukraine-Krieg inhaltlich nicht teilt?», der Sprecher des Auswärtigen Amtes antwortete: «Das ist an diesem Montag geschehen, das wird auch weiterhin geschehen, das ist in der Vergangenheit geschehen, und alle, die auf diesem Feld unterwegs sind, müssen damit rechnen, dass es auch ihnen passieren kann.» (https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/regierungspressekonferenz-2748626).
    Am 6. Februar veröffentlichte Lottaz einen Video-Beitrag mit einer Expertenrunde zum Thema «Sanktionen gegen Einzelpersonen – Was lässt sich tun?». Teilnehmer dieser Runde waren Professor Jeffrey Sachs, Dr. Alexandra Hofer (Sanktionsanwältin) und Roberto Zamora (der Anwalt, der in Costa Rica bewirkte, dass sich das Land aus der Koalition der Willigen, die Krieg gegen den Irak führte, zurückzog, indem er Costa Rica erfolgreich vor dem Obersten Gerichtshof verklagt hatte). Beide sind auf dem Gebiet des Völkerrechtes und der Menschenrechte tätig. 
    Im folgenden veröffentlichen wir – sprachlich überarbeitet – Auszüge aus dieser Expertenrunde. Die gesamte Diskussion und das Transkript finden Sie unter: www.youtube.com/watch.
 

Eva-Maria Föllmer-Müller

Roberto Zamora: […] «Ich halte diese Sanktionen für illegal – in dem Sinne, dass ihnen nach EU-Recht die Grundlage fehlt. Aus einer rein menschenrechtlichen Perspektive ist das sehr besorgniserregend. Meiner Ansicht nach verstossen diese Sanktionen gegen eine ganze Reihe von menschenrechtlichen Bestimmungen. Sie zeigen ausserdem eine Nichterfüllung mehrerer Verpflichtungen, die die EU eingegangen ist. So heisst es beispielsweise in Artikel 6 des Vertrags über die Europäische Union, dass die Europäische Union der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten muss – was bislang nicht geschehen ist. Dennoch gibt es die Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union, die festlegt, dass die Anwendung der Menschenrechte innerhalb der Tätigkeiten der EU zwingend und verbindlich ist. Was ich beobachte, ist das Aufkommen eines Regimes, das in sehr, sehr besorgniserregender Weise in Richtung Absolutismus – Totalitarismus – tendiert, wenn es um die Menschenrechte geht.»

US-amerikanische und EU-Sanktionen

Jeffrey Sachs: «Für die USA würde ich sagen, dass in den letzten 20 Jahren eine regelrechte Abhängigkeit von Sanktionen entstanden ist – gegen Einzelpersonen, bestimmte Unternehmen und Regierungen –, als wäre dies ein neu entdecktes Instrument der Staatskunst. Besonders nach dem 11. September stellte die US-Regierung fest, dass Sanktionen ein sehr billiges, schnelles und flexibles Mittel waren, um – ohne öffentliche Kontrolle, ohne Aufsicht des Kongresses und ohne Erklärungsbedarf – wirtschaftliche und allgemein geopolitische Kriegsführung zu betreiben. In diesem US-amerikanischen Kontext sollten die persönlichen Sanktionen gesehen werden. […] 
    Wir befinden uns also in einer surrealen Blase, in der Sanktionen unbeschränkte Machtinstrumente sind – weder durch Gesetze, noch durch irgendeine Form parlamentarischer Kontrolle oder öffentliche Debatte eingeschränkt. Und genau deshalb sind sie so wirksam, weil wir in einer Welt des Machtmissbrauchs durch die Exekutive leben. Und dafür sind sie nützliche Werkzeuge.»

Jacques Baud

Jeffrey Sachs: «Was ich gerne verstehen würde, betrifft den Fall Jacques Baud. Er ist ein sehr ernsthafter Analyst, eine äusserst angesehene Persönlichkeit, tatsächlich einer der erfahrensten Menschen weltweit in bezug auf den Krieg in der Ukraine. Das ist kein hitzköpfiger Provokateur; das ist ein aussergewöhnlich intelligenter Mensch. […] Es ist völlig schockierend, denn Herr Baud ist eine äusserst sorgfältige und detailorientierte Person. Er ist schliesslich Schweizer – bei allem Respekt. Das bedeutet, er ist gründlich, vorsichtig, er legt Beweise vor. Also, was ist hier eigentlich passiert?» 
    […]
    Alexandra Hofer: «[…] Es ist im wesentlichen der Rat der EU, der diese Personen auf die Liste setzt. Also die Minister jedes Mitgliedsstaats, und es muss eine einstimmige Entscheidung sein. Es ist durchaus möglich, dass ein bestimmter Mitgliedsstaat nicht mochte, was Herr Baud gesagt hat –, das ist nur eine Vermutung. Sie setzten ihn auf die Liste, und dann ... sagte einfach niemand etwas. Vielleicht wissen sie gar nicht genau, wer Herr Baud ist. Es hängt wohl davon ab, welchen Informationsquellen sie folgen.»

    Pascal Lottaz: «Dies ist der tatsächliche Eintrag zu Herrn Jacques Baud: ‹Jacques Baud, ehemaliger Oberst der Schweizer Armee und strategischer Analyst, ist regelmässig Gast in prorussischen Fernseh- und Radioprogrammen. Er fungiert als Sprachrohr für prorussische Propaganda und verbreitet Verschwörungstheorien, indem er beispielsweise die Ukraine bezichtigt, ihre eigene Invasion herbeigeführt zu haben, um der Nato beizutreten. Daher ist Jacques Baud für Handlungen oder politische Massnahmen, die der Regierung der Russischen Föderation zuzurechnen sind und die die Stabilität oder die Sicherheit in einem Drittland (Ukraine) untergraben oder bedrohen, durch die Beteiligung am Einsatz von Informationsmanipulation und Einflussnahme verantwortlich, setzt diese um oder unterstützt sie.› Das ist der gesamte Abschnitt. […]
    Einer der Hauptpunkte ist, dass diese Listungen Exekutiventscheidungen des Rates sind und dass der EU-Gerichtshof sie eigentlich nicht wirklich anfasst. Er prüft nur, ob sie sachlich korrekt sind oder nicht. Aber was die Begründungen betrifft, die die EU für ihre Aufnahme anführt, überlässt sie dem Rat, der dafür verantwortlich ist, Bedrohungen für die EU festzustellen. Wir befinden uns also in einem Umfeld von nationaler Sicherheit und Aussenpolitik, in der Aussen---politik dazu genutzt wird, gegen Personen vorzugehen, die der Staat als Feinde einstuft.»
    Jeffrey Sachs: «Das sind Taktiken eines -Polizeistaats. Das ist nichts, was ich bisher mit der EU in Verbindung gebracht hätte, ehrlich gesagt, und ich bin ziemlich schockiert darüber. Über die Vereinigten Staaten bin ich weniger schockiert, weil ich weiss, dass wir ein Regime haben, das ein Sicherheitsstaat ist und im Moment alles tut, um Opposition zu unterdrücken. Wenn ich dich richtig verstanden habe, Pascal, ist mindestens eine der Personen auf der Liste ein deutscher Staatsbürger. In den Vereinigten Staaten betrafen die Sanktionen bisher überwiegend Nicht-US-Bürger. Ich kenne tatsächlich keinen einzigen Fall, in dem es sich um einen US-Bürger handelt – aber ich behaupte das nicht als gesicherte Information; das ist nur mein begrenzter Eindruck. Doch in der EU richten sich die Sanktionen nun auch gegen europäische Bürger wegen ihrer Äusserungen. Ich dachte, es gäbe in Europa gewisse Normen, dass man etwas daraus gelernt habe und dass Prozesse geschaffen worden seien – und dass […] so etwas in Europa nicht passieren würde. Ich bin nicht naiv, was die Schwächen der europäischen Aussenpolitik betrifft; das ist allgemein bekannt. Aber die Vorstellung, dass man in Europa Menschen auf eine Liste setzt, nur weil sie ihre Meinung äussern und die europäische aussenpolitische Sichtweise nicht teilen oder weil sie in einem Punkt der russischen Perspektive zustimmen, ist für mich, ehrlich gesagt, erstaunlich. Es geht dabei ja nicht um Verrat oder Aufruhr. Es geht um Äusserungen von Analysten.
    Und noch einmal: Herr Baud – er ist ein Analyst. Man sagt, er implementiere etwas. Er implementiert gar nichts. Ich dachte auch, man könne in einem Sender auftreten, ein Interview geben, über weltweite Themen sprechen. Ich wusste nicht, dass es aus Sicht der EU Orte gibt, an denen man sprechen darf, und andere, an denen man es nicht darf. Auch das finde ich ziemlich erstaunlich.» 
    Pascal Lottaz: «Ja, genau. Ich meine, das sind die Dinge, mit denen sich die EU jetzt beschäftigt – nun ja, die Sache ist, sie erklären es nicht für strafbar. Das würde bedeuten, den parlamentarischen Prozess zu durchlaufen und tatsächlich ein Gesetz dazu zu erlassen. Sie sagen einfach, diese Handlungen seien illegal. Und selbst wenn es Propaganda ist, gibt es kein Gesetz gegen Propaganda.»

    Jeffrey Sachs: «Du darfst das tun. Es ist so … nun ja, es ist schlimmer, weil hier eine Tätigkeit kriminalisiert wird, ohne sie kriminell zu nennen, aber sie zerstört das Leben der Menschen – sie zerstört ihre Möglichkeit, für Essen, für Gesundheitsversorgung, für Mobilität zu bezahlen. Es ist absolut grotesk.»
    Roberto Zamora: «Ich denke, es erfordert ein hohes Mass an Kreativität und eine tiefgehende Analyse des Umfangs und der Art der Sanktionen, denn die Sanktionen beschränken – über die Verletzung der verfahrensrechtlichen Grundrechte hinaus – die persönliche Freiheit, die Gedankenfreiheit, die Meinungsfreiheit, das Eigentumsrecht und die Bewegungsfreiheit. Aber es gibt noch ein weiteres Element, das ich sehe: Es gibt keine zeitliche Begrenzung der Sanktionen. Niemand weiss, wie lange sie andauern werden. Soweit ich verstanden habe, gibt es alle zwölf Monate ein Überprüfungsverfahren, aber sie können einfach fortgesetzt werden.

Sanktionen – eine Form der Folter

Meiner Ansicht nach ist das ein bisschen wie bei der Todesstrafe, wo argumentiert wurde, dass einige Häftlinge jahrelang in der Todeszelle sitzen, ohne zu wissen, wann sie hingerichtet werden – und diese Situation wurde als Folter betrachtet. Wenn man also all diese Verstösse zusammennimmt und sieht, dass diese Menschen eigentlich nicht essen, nicht kommunizieren, sich nicht bewegen, keine Miete zahlen können und deshalb auf den guten Willen von Nachbarn und Freunden angewiesen sind, um zu überleben, dann klingt das für mich nach erniedrigender Behandlung oder Folter. Aus menschenrechtlicher Perspektive, wenn man alle Teile zusammennimmt, foltert die EU sie. Und wenn man Folter analysiert, ist das Verbot der Folter eine Regel des jus cogens – sie steht an der obersten Stufe der Hierarchie der Regeln im Völkerrecht.
    Das einzige rechtliche Mittel, das diesen Menschen zur Verfügung steht, um zu versuchen, Einspruch zu erheben und ihr Leben zurückzubekommen, besteht darin, sich an den Gerichtshof der Europäischen Union zu wenden. Ich würde nicht nur die einzelnen Verstösse gegen das Völkerrecht, insbesondere gegen das Menschenrechtsregime, betrachten, sondern sie zusammenfassen und diese Sanktionen als eine Form der Folter anfechten. Ich fände es sehr interessant zu sehen, wie der Europäische Gerichtshof die Sanktionen versteht, wenn sie unter einer solchen Begründung eingeordnet werden. Ich würde sogar vorschlagen, dass sie sich an die zuständigen UN-Gremien wenden – etwa an den Sonderberichterstatter für Folter – und dort eine Beschwerde einreichen. Sie sollten jeden einzelnen verfügbaren Rechtsmechanismus nutzen, den das Gesetz bietet, mit vollem Verständnis dafür, was diese Sanktionen im Leben dieser Menschen anrichten, über die konkreten Verstösse hinaus.»
    […]
    Pascal Lottaz: «Welche Gremien könnten genutzt werden, um politischen Druck zu erzeugen? Nehmen wir den UN-Sicherheitsrat. Er ist oft wirkungslos, weil er blockiert ist, aber er diskutiert Themen, und diese Diskussionen werden übertragen. Wie könnten die Vereinten Nationen von Menschenrechtsaktivisten genutzt werden, um auf Menschenrechtsverletzungen wie diese aufmerksam zu machen?» 

Der Widerspruch eines einzigen EU-Staates genügt

Jeffrey Sachs: «Ich hatte eine andere Idee, die ich ansprechen wollte, nämlich: Wenn diese Massnahmen angeblich einstimmig vom Rat beschlossen werden, warum nicht einen der 27 Mitgliedsstaaten gezielt ansprechen und sagen: ‹Wir lehnen das ab›? Wäre das ausreichend? Denn es gibt eine Reihe von Regierungen in Europa, die gegen die vermeintliche europäische Aussenpolitik sind – sagen wir einfach, gegen die Politik der Europäischen Kommission. […] Wäre das also ein anderer Ansatz? Mir fallen natürlich die Slowakei, Spanien, Ungarn und andere ein, die sich vehement gegen die Art und Weise ausgesprochen haben, wie sich das Sanktionsregime gegen Russland entwickelt hat oder wie sich der Krieg in der Ukraine entwickelt hat oder wie die palästinensische Frage behandelt wurde. Könnten wir also eine dieser Regierungen gezielt ansprechen und fragen: ‹Warum seid ihr an dieser Liste mitschuldig?› Würde das funktionieren?»
    […]
    Alexandra Hofer: «Ja, ich denke, Ungarn droht zum Beispiel manchmal damit, in bezug auf das Sanktionsregime gegen Russ-land auszusteigen. Wenn also eines der Länder seine Stimme zurückhält, wird die Listung tatsächlich nicht verlängert. […] Ich denke, ja, das könnte ein möglicher Weg sein. Es wäre eher ein politischer als ein juristischer Ansatz.»

    Jeffrey Sachs: «Einstimmigkeit ist schwer zu erreichen, besonders wenn man etwas Faules tut, so wie es die Kommission oder der Rat tun. Deshalb würde ich versuchen, diese Einstimmigkeit in Europa zu durchbrechen.»
    […]
    Roberto Zamora: «[…] Keines der einzelnen Mitglieder der Europäischen Union kann Sanktionen in der Weise verhängen, wie es die Union derzeit tut. Weil sie Mitglieder der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sind und in ihren Verfassungen diese Verpflichtungen festgeschrieben haben – dass solche Verwaltungsmassnahmen ohne ein ordnungsgemässes Verfahren nicht stattfinden dürfen. Kann das eine innerstaatliche Herausforderung sein? Verlassen sich die EU-Staaten auf ein von ihnen selbst geschaffenes Organ, um einen Rechtsbetrug zu begehen, indem sie etwas tun, was sie in ihrer eigenen Rechtsordnung sonst nicht dürften? Ich meine, wenn ich es nicht tun darf und du es nicht tun darfst, dann lasst uns eine Organisation schaffen, die unsere Verpflichtungen umgehen kann, damit wir mit diesen illegalen Massnahmen fortfahren können. Und ich finde, das ist ein sehr, sehr interessantes Argument, das vor nationalen Gerichten vorgebracht werden könnte – dass Staaten einen Betrug am Völkerrecht begehen, indem sie die EU schaffen und durch die EU Dinge tun, die sie innerstaatlich nicht tun dürften.»

    Pascal Lottaz: «[…] Deutsche Aktivisten, mit denen ich gesprochen habe, argumentierten, dass es einen enormen Einfluss auf diese Frage hätte, wenn auch nur ein einziges UN-Mitglied in der Generalversammlung eine Resolution einbringen würde, die den UN-Gerichtshof, den IGH, um eine Überprüfung der Gültigkeit des EU-Anspruchs bittet, dass EU-Recht Vorrang vor nationalem Recht habe. Hältst du es für realistisch, dass ein UN-Mitglied eine solche Resolution vorschlagen könnte, die möglicherweise 50 % Unterstützung findet und den IGH dazu veranlasst, den Anspruch zu prüfen, dass EU-Recht nationales Recht überlagert?»
    Jeffrey Sachs: «Ich denke, wenn es eng gefasst und auf dieses Thema konzentriert wäre, wäre es möglich. […] Es sollte möglich sein, die Staaten für die Frage der Sanktionslisten zu interessieren, weil der grösste Teil der Welt am Ende von den US-amerikanischen und europäischen Sanktionen betroffen ist. Jedes Jahr stimmt die Generalversammlung mit überwältigender Mehrheit dagegen. Tatsächlich sind es die USA und Europa, die Sanktionen unterstützen, während der Rest der Welt sagt: ‹Nein, was ihr tut, ist falsch.› Daher ist es durchaus machbar, in der Generalversammlung etwas zu behandeln, das sich mit diesem speziellen Thema befasst – nämlich, dass diese individuellen Sanktionen illegal sind, dass sie eine Verletzung der Menschenrechte darstellen und dass sie beendet werden müssen. Das, denke ich, ist absolut möglich. In dieser Weise wäre es machbar, den Internationalen Gerichtshof zu den EU-Sanktionen zu befragen. Ich denke, dass es in dieser Hinsicht etwas gibt, das weiterentwickelt werden kann.

Ein Gutachten des IGH zur Illegalität einseitiger Sanktionen

Ich glaube, der einfachste Weg – falls es überhaupt einen einfachen Weg gibt – besteht darin, die Europäische Union selbst ins Visier zu nehmen. Meiner Einschätzung nach waren nur sehr wenige Regierungen aktiv an der Sanktionierung von Herrn Baud beteiligt; sein Name tauchte auf einer Liste auf, die meisten wussten nicht, wer er war oder was das bedeutete, und es handelte sich eher um ein bürokratisches Verfahren als um eine Gruppe von Ministern, die sagten: ‹Holen wir uns diesen Schweizer Analysten›. Ich finde es schwer zu glauben, dass das in diesem Sinne so gut durchdacht war. Ich halte es für möglich, dass es nur ein paar Leute in der Kommission waren, die sagten: ‹Wir können das durchbringen, also machen wir es.› Diese Geschichte zu kennen, wäre also sehr, sehr interessant – aber auch ein paar Regierungen zu finden, die sagen: ‹Dafür stehen wir nicht›, scheint mir ebenfalls vielversprechend.»
    Alexandra Hofer: «Jedes Jahr verabschiedet die UN-Generalversammlung Resolutionen, die einseitige Sanktionen [einseitige Zwangsmassnahmen] verurteilen. Soweit ich weiss, hat es noch nie wirklich eine Initiative für ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs zu diesen Massnahmen gegeben. Aber ich fände es besser, wenn sie sich nicht speziell auf die EU konzentrieren würden, sondern allgemein auf einseitige Sanktionen. Und dann sollten sie nach den Auswirkungen dieser Massnahmen auf die Menschenrechte fragen.»
    […]
    Roberto Zamora: «Was Alexandra gerade gesagt hat, ist ein sehr kluger Weg, um voranzukommen. Es liegt an der Generalversammlung, den IGH um ein Gutachten zur Rechtmässigkeit oder Rechtswidrigkeit einseitiger Sanktionen zu ersuchen. […] Wenn die Vereinten Nationen wirklich ein demokratisches Gremium sind, das auf dem Prinzip der Gleichheit souveräner Staaten beruht, dann sollte auch die Generalversammlung etwas unternehmen, um dieses allgemeine Prinzip des Völkerrechts zu bekräftigen und auf ein Gutachten zu drängen.»

    Jeffrey Sachs: «Ich denke, Alexandra sollte das Gutachten für den IGH verfassen, und wir sollten tatsächlich an einer Resolution in der Generalversammlung arbeiten, denn die Stimmung ist sehr stark gegen diese Massnahmen – sehr stark. Deshalb fällt die jährliche Abstimmung überwältigend gegen einseitige Zwangsmassnahmen aus. Wir wissen, dass sie Menschen töten, Kinder töten, die Säuglings- und Kindersterblichkeit erhöhen und echtem Leben schweren Schaden zufügen.
    Jetzt haben wir diese Menschenrechtsverletzungen zusätzlich, sowohl auf persönlicher Ebene als auch im Zusammenhang mit den Wirtschaftssanktionen, und die Abstimmung findet jährlich statt. Ich denke, der Versuch, das voranzubringen – um durch ein Urteil des IGH klarzustellen, dass es sich um illegale Handlungen handelt – ist sehr zeitgemäss. Aber in der Zwischenzeit möchte ich auch auf eine oder mehrere Regierungen in Europa zugehen und sagen: ‹Was tut ihr? Euer Name steht auf dieser Liste, die das unterstützt.› Das ist empörend. Und wir werden sehen, wie weit wir damit kommen.»
    […]
    Roberto Zamora: Es gibt Zeiten, in denen ich wirklich glaube, dass das Schlimmste, was man tun kann, ist, gar nichts zu versuchen – besonders, wenn man einem Regime und der vollen Macht des Autoritarismus gegenübersteht, so wie die Menschen, die auf der Sanktionsliste stehen. Ich würde jede einzelne Gelegenheit ergreifen, die mir einfällt und nicht sofort völlig verrückt klingt. Wenn es irgendwie Sinn macht, würde ich es versuchen. Und dann ist da noch etwas anderes: Ja, die Liste der Personen umfasst jetzt vielleicht zwischen 50 und 60 Namen, aber wir sind alle bedroht. Ich meine, es könnte Alexandra treffen, es könnte mich als Migranten in der Europäischen Union treffen, es könnte jeden treffen, der zur falschen Zeit am falschen Ort das Falsche sagt – nur weil eine Verwaltungsbehörde das so entschieden hat.»

«Wir sind Jacques Baud»

Pascal Lottaz: Es tut mir sehr leid, dass du dich jetzt in der Situation befindest, die Hannah Arendt einst als diesen schrecklichen Moment bezeichnete, in dem das Politische beginnt, mit dem Persönlichen zu kollidieren. Für uns, die nicht sanktioniert sind, sind das zwei Ebenen; für dich ist es jetzt eine. Aber danke, dass du darüber sprichst und dass du dich weiterhin intellektuell mit der Bedeutung dieses Moments auseinandersetzt. Möchtest du noch etwas hinzufügen?
    Jacques Baud: Einige Freunde von mir in der Schweiz richten ein Unterstützungskomitee ein, zu dem die Leute gehen können. Es wird gerade aufgebaut: «Wir sind Jacques Baud». Es laufen einige Aktionen. Dafür möchte ich allen danken, auch dir übrigens, denn mit deiner Webseite – deinem Programm – warst du massgeblich daran beteiligt, mich zu unterstützen. Und es gibt viele andere, die von Zeit zu Zeit in deiner Sendung auftreten und mich ebenfalls unterstützt haben. 
    Aber es gibt auch Tausende, Hunderttausende von Menschen, die ihre Unterstützung für mich zum Ausdruck gebracht haben – die mich versorgen. Ich kann dir sagen, dass ich kaum aus dem Haus treten kann, ohne auf dem Gehweg von jemandem begrüsst zu werden, der mich unterstützt. In letzter Zeit bin ich nie nach draussen gegangen, ohne jemandem zu begegnen, der mir seine Unterstützung ausdrücken möchte. Und das ist absolut faszinierend, denn vor den Sanktionen war das nicht so. Natürlich war ich bekannt, aber wahrscheinlich nicht auf dieselbe Weise. Heute erhalte ich Unterstützung von überall – buchstäblich. Viele Menschen schreiben Briefe an meinen Verlag, an mich – E-Mails, Nachrichten, was auch immer. Erst letzte Woche haben mich zwei Schweizer angerufen, die ich nicht kannte, und sagten: «Wir wollen unsere Unterstützung zeigen.» Sie kamen hierher, verliessen die Schweiz am Morgen und fuhren noch am selben Tag zurück. 1800 Kilometer, nur, um mir etwas Schweizer Essen – Spezialitäten, Grüsse, so etwas – zu bringen. Und ich bekomme buchstäblich Hunderte solcher Anfragen. Das zeigt zwei Dinge: Erstens, dass es noch Menschen gibt, die verstehen, was vor sich geht, aber auch ein Herz haben, was wichtig ist. 
    Aber es zeigt auch, dass es eine Diskrepanz gibt, denn die Idee einer Sanktion ist, jemanden unsichtbar zu machen, ihn auszuschliessen, ihn aus der Gesellschaft zu drängen. Und wie man sieht, passiert genau das Gegenteil. Ich bekomme unzählige Anfragen für Auftritte, Interviews und so weiter, in alternativen Medien und dergleichen. Das bedeutet also, dass diese Sanktionen nicht einmal das Ziel erreichen, das sie eigentlich erreichen sollen. 
    Die Menschen verstehen das, und sie erkennen immer mehr, dass unsere Führung – das Establishment, allgemein gesprochen – über das hinausgeht, was sie sollte. Sie überschreitet die Grenzen der Vernunft. Wir überschreiten die Grenzen der Menschlichkeit. Wir überschreiten die Werte, für die wir angeblich stehen. Europa – ich kann sogar sagen, die Europäische Union, und das ist eine Tatsache – tut genau das, wogegen wir uns vor 40 Jahren gestellt haben, als wir den Warschauer Pakt oder die Sowjetunion ablehnten. Sie tun genau dasselbe. Es ist genau dieselbe Situation, die sich jetzt abspielt: Entscheidungen werden getroffen, ohne das Gesetz zu beachten. Und das sollte für alle ein Grund zur Sorge sein. Ein Teil meiner Familie war im französischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Und manchmal, wenn Leute kommen und mir Essen bringen, sagen sie, sie hätten das Gefühl, Teil eines Widerstands zu sein, wie im Zweiten Weltkrieg. Es ist genau dasselbe Gefühl. Das ist sehr interessant, denn das ist etwas völlig Unerwartetes, aber genau so empfinden es manche Menschen. Sie leisten Widerstand. Erinnert euch daran, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs der Widerstand gesiegt hat. Sie waren diejenigen, die für ihren Mut, ihre Entschlossenheit und ihren rationalen Umgang mit dem Problem gelobt wurden. Und so befinden wir uns heute in derselben Situation.
    Pascal Lottaz: Ja, ja. Ich sehe das ganz genauso. Es ist ein Akt des Widerstands, der jetzt notwendig ist. Und je mehr Menschen Widerstand leisten, desto grösser sind die Erfolgschancen. Also, an alle, die zuschauen: Vielen Dank für eure Unterstützung. Vielen Dank für das gemeinsame Nachdenken darüber und für den gemeinsamen Widerstand gegen das, was wir alle als sehr negativ erkennen und empfinden.

Auszug aus einem Gespräch von Pascal Lottaz mit Jacques Baud am 17. Februar 2026; https://www.youtube.com/watch?v=XlRQmPpjL8s (Video);
https://www.video-translations.org/transcripts/2912_Pascal_2026_02_17_de-DE.pdf (deutschsprachiger Text)
(sprachlich überarbeitet und leicht gekürzt)

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