von Eliane Perret
«Das Studium fremder Sprachen und Literaturen ist Ansporn und Triebfeder der Erziehung im Geiste der internationalen Verständigung und des Friedens», schrieb Federico Mayor Zaragoza, von 1987 bis 1999 Generaldirektor der Unesco und späterer Leiter der spanischen Stiftung Cultura de paz im Geleitwort des Buches «Dem Frieden entgegen. Ein Lesebuch».1 Es soll, wie er das Ziel der Herausgeber beschreibt, «dem Unterricht in fremder Sprache und Literatur neue Impulse, eine neue Bestimmung geben». Diese Friedensanthologie wurde 1989 vom Internationalen Deutschlehrerverband herausgegeben und richtet sich an jugendliche Leser – auch heute noch. Mayor Zaragoza zitiert weitsichtig die Präambel der Verfassung der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur mit dem darin enthaltenen Leitsatz: «Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geiste der Menschen errichtet werden.» Die Aufgabe der Schule beschreibt er deshalb mit den Worten: «Soll aber der Friedensgedanke im Bewusstsein der Heranwachsenden, der Frauen und Männer des 21. Jahrhunderts fest verankert werden, so hat am zweckmässigsten die Schule dafür zu sorgen, dass die Völker mehr voneinander erfahren, bildet doch das gegenseitige Sichkennenlernen ‹die Grundlage der geistigen und moralischen Verbundenheit der Menschheit›.»
Im so entstandenen Lesebuch wurden hundert Gedichte und Prosastücke aus fünf Jahrhunderten zusammengetragen – Wurzeln unserer Kultur. Sie sind eine vielfältige Anregung für den Unterricht, um so dringender angesichts der bedrückenden Weltlage. In ihrer Vielfalt beeindruckend, stimmen die Autoren in ihrem Friedenswillen und ihrer entschiedenen Ablehnung von Gewalt, Zerstörung und Krieg überein. Mayor Zaragoza schreibt dazu: «So wenig sich die Autoren in Stil und Empfinden gleichen, so eindeutig bestärken sie den Leser in der lebensnotwendigen Erkenntnis: Wir müssen überwinden, was uns trennt, und fördern, was uns verbindet.» Themen, die viele Jugendliche in ihrem tiefsten Inneren ansprechen und ein Hin und Her mit den Erwachsenen in Aussicht stellen, aus dem sie Mut, Klarheit und Zuversicht schöpfen können.
Beginnend mit dem Gedicht von Ingeborg Bachmann «Nach dieser Sintflut» (siehe Kasten) kommen in den drei Teilen «Die Signatur von Krieg und Frieden», «Der Friede als Ziel der Geschichte» und der «Friede als Notwendigkeit» bekannte und weniger bekannte Autoren zu Wort und geben Lehrerinnen und Lehrern vielfältige Möglichkeiten, mit ihren Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Die Zeitspanne, in der die Autoren lebten, reicht vom Mittelalter bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, doch sind ihre Gedichte und Prosatexte leider von grosser Aktualität.
Das Redaktionsteam seinerseits umreisst im Begleittext die mit ihrer Friedensanthologie verbundene pädagogische Aufgabe, indem sie festhält: «Satzungsgemäss lässt sich der Internationale Deutschlehrerverband bei der Erfüllung seiner Aufgabe vom Geiste der Völkerverständigung leiten. Seine Mitglieder verstehen sich somit nicht bloss als Fremdsprachenlehrer, sondern als Vermittler eines weltumspannenden Friedenswillens.»
Gerade das muss uns heute zu denken geben. Versteht die heute neoliberal umgedrehte Schule ihren Auftrag auch noch so? Oder ist (Fremd-)Sprachunterricht nicht eher von einer Nützlichkeitsdoktrin geleitet, die allenfalls auch mit KI erledigt werden kann? Dann schlägt er in seiner Aufgabenstellung und Zielsetzung fehl. Mit anderen Worten braucht es Bildung, Weitsicht und menschliche Reife, will ein Lehrer den Sprachunterricht nach wie vor als «Ansporn und Triebfeder der Erziehung im Geiste der internationalen Verständigung und des Friedens» gestalten. Nehmen unsere Ausbildungsstätten diesen friedensbildenden und völkerverbindenden Auftrag noch wahr, wie es vor einem halben Jahrhundert noch eine Selbstverständlichkeit war? Ein Grund für alle – in eine pädagogische Aufgabe eingebunden oder nicht –, sich als Mitmenschen auf das zu besinnen, was wir der heranwachsenden Generation mitgeben wollen und was demnach der Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule wieder sein muss. «Dem Frieden entgegen» ist dabei eine wichtige Unterstützung und Leitlinie. •
1 Internationaler Deutschlehrerverband (Hrsg.) (1989). Dem Frieden entgegen. Ein Lesebuch. München: Langenscheidt-Verlag und Leipzig: Verlag Enzyklopädie. In Bibliotheken oder antiquarisch erhältlich.
Ingeborg Bachmann
Nach dieser Sintflut möchte ich die Taube,
und nichts als die Taube
noch einmal gerettet sehn.
Ich ginge ja unter in diesem Meer!
flög’ sie nicht aus,
brächte sie nicht
in letzter Stunde das Blatt.
Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.