von Giuseppe Gagliano*
Vier Jahre nach Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine ist das Kernproblem nicht mehr, wer Verhandlungen will, sondern wer strukturell in der Lage ist zu verhandeln. Jede ernsthafte Einigung müsste Fragen klären, die keine technischen Details, sondern Säulen der europäischen Sicherheitsordnung sind: Territorium, Neutralität oder Angliederung der Ukraine sowie die künftige Form und Grenzen der ukrainischen Streitkräfte. In diesen Punkten bleiben die Positionen grundsätzlich unvereinbar, da jede Seite einen Kompromiss als politische Niederlage betrachtet.
Europa befindet sich in einem Paradoxon. In den wichtigsten diplomatischen Kanälen wird es oft als nebensächlich behandelt, doch es trägt einen grossen und wachsenden Teil der wirtschaftlichen, haushaltspolitischen und politischen Last, die mit der Aufrechterhaltung des Krieges verbunden ist. Gleichzeitig vertreten die europäischen Staats- und Regierungschefs öffentlich eine Strategie der Ausdauer: den Druck hochhalten, bis Russ-land einknickt. Das Problem ist, dass Ausdauer kein Slogan ist, sondern eine Bilanz. Die russische Wirtschaft ist angespannt, aber sie bricht nicht zusammen. Wenn Moskau den Krieg weiter finanzieren kann, besteht die Gefahr, dass die Strategie des «Ausharrens bis zur Erschöpfung» zu einem langen, kostspieligen Patt führt, bei dem die Kosten von Europa getragen werden, während der Einfluss begrenzt ist.
Auf dem Schlachtfeld dominiert die Logik der Zermürbung als Systemstrategie. Das Ziel sind nicht nur Einheiten in den Schützengräben, sondern auch die Infrastruktur einer modernen Armee: Energieversorgung, Logistik, Eisenbahn, Reparaturzentren, Kommandozentralen, Depots. Angriffe auf die Stromversorgung sind nicht nur symbolisch. Sie verlangsamen die Industrie, stören die Kommunikation, verringern die Mobilität und untergraben die Fähigkeit, Truppen zu rotieren. Der kumulative Effekt ist eine Einschränkung der operativen Freiheit der Ukraine: weniger Reserven, schwierigere Bewegungen, langsamere Ersetzung von Verlusten, fragilere Kontinuität der Befehlsgewalt.
Die entscheidende Variable ist die Manpower. Wenn der Personalmangel zunimmt, wird eine Rotation unmöglich, die Ausbildung verkürzt sich, der Zusammenhalt schwächt sich ab, und Gegenangriffe werden lokal und sporadisch. Eine Armee kann den Verlust eines Waffensystems überstehen. Sie kämpft jedoch ums Überleben, wenn gleichzeitig Personal, Energieversorgung und Logistik schwinden. Mit der Zeit verwandelt sich die Verteidigung in ein permanentes Notfallmanagement: Welcher Sektor soll zuerst verstärkt werden, wenn alle Sektoren unter Druck stehen?
Die südliche Achse verdeutlicht die Verschmelzung von militärischer und wirtschaftlicher Kriegsführung. Der Druck auf Häfen und Seeterminals ist nicht nur eine Frage der Geographie, sondern auch eine Frage der Einnahmen und des Überlebens. Der Zugang zum Meer ist eine wirtschaftliche Lebensader: Exporte, Devisen, Versicherungen, Lieferströme. Wenn die Hafenkapazität beeinträchtigt ist, reicht der Schaden über die Frontlinie hinaus bis in die finanzielle Stabilität, die Produktionsketten und die nationale Widerstandsfähigkeit hinein. Wenn der Krieg seinen operativen Horizont auf kritische Verkehrsknotenpunkte ausweitet, wird er zu einem Feldzug gegen die wirtschaftliche Lebensader des Landes ebenso wie gegen seine Streitkräfte.
Es ergeben sich drei wirtschaftliche Szenarien.
Erstens: Russland hält ein Kriegseffektivitätsgleichgewicht aufrecht. Es akzeptiert ein langsameres Wachstum und grössere innenpolitische Verwerfungen, während es dem Militärbudget Vorrang einräumt, Handelswege anpasst und die Industrieproduktion an die Kriegsbedürfnisse anpasst. Das ist nicht schmerzfrei, kann aber dauerhaft sein, wenn das politische Ziel klar ist und der Staatsapparat kohärent bleibt.
Zweitens: Europa gerät in eine strategische Erschöpfung. Die Vorräte schwinden, die Produktion bleibt zu langsam, die Haushalte sind angespannt, und die öffentliche Meinung fragmentiert sich unter dem Druck der Inflation und konkurrierender innenpolitischer Forderungen. Die Kosten werden institutionell: Je länger der Krieg dauert, desto mehr werden die internen Spaltungen und die strategische Abhängigkeit der EU offenbar.
Drittens läuft die Ukraine Gefahr, strukturell abhängig zu werden. Waffenlieferungen können die Verteidigung aufrechterhalten, aber ein Land braucht auch eine stabile Energieversorgung, Reparaturkapazitäten, Exportwege und langfristige wirtschaftliche Perspektiven. Ohne diese Faktoren wirkt die Unterstützung wie eine Infusion: Sie hält am Leben, aber sie baut nichts wieder auf.
Die geopolitische Schlussfolgerung ist unbequem. Zwischen Washington und Moskau wirkt Europa oft weniger wie ein Akteur, sondern eher wie ein Spielball: eine Rückzugsbasis, ein Zahler, eine politische Bühne, aber nicht der Tisch, an dem die entscheidenden Bedingungen festgelegt werden. Wenn Politik zu maximalistischer Rhetorik wird, hört sie auf, Politik zu sein, und wird zu einer Haltung.
Die Geoökonomie ist unerbittlich. Ein langer Krieg bedeutet Druck auf die Energiekosten, die Industrie, die öffentlichen Finanzen, die Wettbewerbsfähigkeit und den sozialen Zusammenhalt. Er vertieft auch die Blockdynamik, in der jede militärische Entscheidung industrielle, technologische und finanzielle Abhängigkeiten mit sich bringt. In diesem Rahmen ist ein «ewiger Krieg» keine Strategie, sondern eine Falle.
Ein Frieden, der einer Kapitulation gleicht, ist politisch unmöglich. Ein Krieg ohne Ende ist materiell zerstörerisch. Zwischen beiden liegt ein schmaler Korridor: eine harte, unvollkommene Einigung, die auf einer realistischen Einschätzung der Kräfte und nicht auf Hoffnung basiert. Solange Europa seine politischen Narrative nicht an die Realitäten der Ausdauer anpasst, läuft es Gefahr, in der denkbar schlechtesten Position zu bleiben: ausserhalb des Entscheidungskreises, aber im Zentrum der Rechnung. •
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Giuseppe Gagliano ist ein italienischer Journalist, Geopolitik-Experte und Philosoph, der sich auf Wirtschaftsspionage, Konfliktanalyse und strategische Studien spezialisiert hat und für verschiedene italienische und internationale Medien schreibt. Er ist Präsident und Gründer des Centro Studi Strategici Carlo De Cristoforis (Cestudec) in Como und lehrt zudem an der Universität von Kalabrien und am Istituto Alti Studi Strategici e Politici (IASSP) in Mailand. Er hat zahlreiche Beiträge über Wirtschaftskriegsführung und die Rolle von Geheimdiensten in der modernen Politik veröffentlicht.
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