Ein und derselbe Krieg

von Rafael Poch-de-Feliu*

Was wir derzeit in bezug auf den Iran, die Ukraine und Venezuela erleben, ist im Grunde genommen ein und derselbe Krieg. Sein Ziel ist es, den Niedergang der amerikanisch-westlichen Hegemonie in der Welt, die vor allem durch die zunehmende Stärke Chinas bedroht ist, militärisch zu verhindern. In der Ukraine geht es darum, Russland, einen wichtigen Partner Chinas, zu schwächen. In Venezuela geht es darum, China den Zugang zu wichtigen lateinamerikanischen Energievorräten und Ressourcen zu verwehren. Der Iran ist mit seinen Ost-West- und Nord-Süd-Energie- und Transportkorridoren das wesentliche Bindeglied der eurasischen Integration. Mit dem Iran soll das Gleiche geschehen wie mit Syrien: ein souveräner und unabhängiger Staat soll beseitigt und durch die übliche Mischung aus unterworfenem Regime und schwarzem Loch ersetzt werden.
    Für den zweiten Angriff, der gegen den Iran vorbereitet wird, hat Trump ein Drittel seiner Flugzeugträgerkapazitäten eingesetzt. Es ist unvorstellbar, diesen extrem teuren Einsatz rückgängig zu machen, ohne ihn zu nutzen oder irgend etwas damit zu unternehmen. Vizepräsident J. D. Vance besuchte vor kurzem Armenien und Aserbaidschan, um ihre Unterstützung für den Angriff zu gewinnen. In der Türkei und vor allem in Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten herrschen Besorgnis und Ablehnung gegenüber dem Risiko eines grossen regionalen Krieges, von Washington und Israel geplant, da dieser ihre eigenen Energieanlagen beeinträchtigen könnte. Vieles wird von der militärischen Reaktionsfähigkeit des Iran abhängen, davon, welchen Schaden er dem Gegner zufügen kann. 
    Die Iraner erklären, dass sie entsprechend dem Umfang der gegen sie gerichteten Angriffe reagieren werden. Sie geben an, über weitaus grössere Raketenkapazitäten zu verfügen als im zwölf Tage dauernden Krieg im vergangenen Juni, als 45 ihrer Raketen das israelische Abwehrsystem überwanden, nachdem dessen Abfangkapazitäten erschöpft und überfordert waren. Neben den Vereinigten Staaten waren auch europäische Länder an diesem System beteiligt. Es ist nicht bekannt, ob das iranische Militär seitdem seine Luftabwehr wiederhergestellt und verbessert hat, ebenso wenig wie die Rolle, die dabei die Russen – die in der Ukraine zu beschäftigt sind – und vor allem die Chinesen, die stets Gegner allzu offensichtlicher Konfrontationen sind, gespielt haben könnten. Im schlimmsten Fall könnte der Iran die Strasse von Hormus sperren und eine ernsthafte internationale Öl- und Wirtschaftskrise auslösen. In der Region befinden sich einige Schiffe der russischen und chinesischen Marine, was die Risiken erhöht.
    Zu Beginn des fünften Kriegsjahres sind die Verhandlungen in der Ukraine so unklar wie nie zuvor. Dass sich die USA, der wichtigste Akteur in diesem Krieg, als «Vermittler» präsentiert, ist allein auf die Befürchtung zurückzuführen, dass eine militärische Niederlage der Nato das Ansehen Washingtons untergraben könnte. Trump hat einen Teil der Last, nämlich die militärische Hilfe für Kiew, auf die Europäer abgewälzt, aber abgesehen vom finanziellen Aufwand bleibt sein Engagement unverändert. Die CIA und der britische MI6 sind weiterhin sehr aktiv, indem sie Ziele ausweisen und ukrainische Angriffe ermöglichen. Amerikanische und britische Flugzeuge fliegen weiterhin über das Schwarze Meer und leiten ukrainische Raketen gegen Gebiete im russischen Hinterland, wobei die Zahl der zivilen Opfer kaum bekannt gegeben wird. Die militärischen Augen und Ohren Kiews bleiben weiterhin vom Westen bestimmt. Laut einem Bericht der «New York Times» unterstützte Washington auch im Januar Kiew weiterhin bei der Auswahl von Zielen in Russland und bei Angriffen auf russische Öltanker in der Ostsee, im Schwarzen Meer und im Mittelmeer, wobei Trump über diese Massnahmen informiert ist. Der Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Nikolai Patrushev, hat damit gedroht, die schwache russische Marine zum Schutz seiner Handelsschiffe einzusetzen. Russland verfügt über umfangreiche nukleare Ressourcen, aber insbesondere in der Ostsee nur über sehr geringe Seestreitkräfte.
    Nach dem freundschaftlichen Treffen zwischen Putin und Trump in Alaska im vergangenen August hat Washington keinerlei Zugeständnisse gemacht und auch nicht das geringste Zeichen einer Annäherung gezeigt. Es hat nicht einmal auf die russischen Vorschläge zur Verlängerung des START-Abkommens über die Begrenzung von Atomwaffen reagiert und seine wahnwitzige Entscheidung angekündigt, die Atomtests wieder aufzunehmen, was Russland zu ähnlichen Massnahmen veranlassen wird. Aus all diesen Gründen vertraut Moskau weder Trump noch auf Erfolg der Verhandlungen. Es spielt mit, weil es damit nichts verliert, ist sich aber bewusst, dass die Angelegenheit an der militärischen Front entschieden wird. Was die Europäer betrifft, so tun sie alles in ihrer Macht Stehende, um diese Farce zu torpedieren.
    «Den maximalistischen Forderungen Russ-lands könne nicht mit einer minimalistischen Antwort begegnet werden», erklärt die stets überraschende EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas. In ihrem Forderungskatalog, der in einem am 20. Februar von Radio Free Europe zitierten Dokument enthalten ist, verlangt sie, dass Russland seine Truppen aus Weissruss-land, Georgien, Armenien und Transnistrien abzieht. Nach dem Krieg müsse Moskau sich auf dem gleichen Niveau wie die Ukraine entwaffnen, Reparationen zahlen, für Kriegsverbrechen geradestehen und in Russland sogar Wahlen unter internationaler Aufsicht abhalten. Das heisst, die EU träumt weiterhin von der «strategischen Niederlage» Russlands, die sie zu Beginn des Konflikts ins Auge gefasst hatte, obwohl die militärische und wirtschaftliche Realität nicht so aussieht.
    Die russische Delegation kam letzte Woche nach einem mehr als sechsstündigen Flug über die Türkei, das Mittelmeer und Italien in Genf an, weil Deutschland und Polen ihrem Flugzeug die Fluggenehmigung verweigert hatten.
    Am 7. Februar wurde ein wichtiger Berater der russischen Verhandlungsdelegation, General Wladimir Aleksejew, stellvertretender Leiter des Militärgeheimdienstes, in seiner Moskauer Wohnung erschossen. Die Tat wird dem ukrainischen Geheimdienst zugeschrieben. Eine Staffel von F-16-Kampfflugzeugen, die von amerikanischen und niederländischen Soldaten gesteuert werden, unterstützt die angeschlagene Luftabwehr in Kiew, auch wenn US-Quellen behaupten, dass es sich dabei nicht um reguläre Soldaten, sondern um Söldner handelt. Vor diesem Hintergrund äussert der russische Aussenminister Sergej Lawrow, der vom Kreml von den aktuellen Verhandlungen abgezogen wurde, täglich seine Skepsis gegenüber diesen Verhandlungen. Die brutale russische Bombardierung der Energie-Infrastruktur, die die Zivilbevölkerung in vielen ukrainischen Städten der Kälte aussetzt, stösst auf allgemeine Ablehnung. Dieselbe Praxis wurde allerdings im Kosovo-Krieg 1999 vom berüchtigten Nato-Sprecher Jamie
Sheaam 29. Mai desselben Jahres auf einer Pressekonferenz in Brüssel gerechtfertigt – opportunerweise wurde dies inzwischen von der Webseite der Nato entfernt.

Quelle: ctxt.es/es/20260201/Firmas/52234/rafael-poch-guerra-venezuela-iran-eeuu-china-ucrania.htmvom 23.2.2026

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Rafael Poch-de-Feliu war von 1988 bis 2002 erster Auslandskorrespondent der katalanischen Tageszeitung «La Vanguardia» in Moskau und anschliessend in Peking, Berlin und Paris. Er ist Autor mehrerer politischer Bücher und betreibt den Blog rafael.poch.com.

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